Annelies Ursin

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Annelies Ursin

Von Gastkommentar, 19.03.2012

Annelies Ursin, Malerin, 72, stammt aus Wien und lebt seit 50 Jahren in der Schweiz. Vorstand literarische Gesellschaft, Präsidentin Zuger Künstler, Buchillustrationen, 3 Bücher über Textiltechniken, zahlreiche Ausstellungen in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Theaterleitung 1989 -1996 (Zuger Kleintheater im Burgbachkeller) mit Herausgabe einer kleinen Theaterprogrammzeitung und Veranstaltung von kulturpolitischen "Burgbachgesprächen", Studium KulturManagement in Salzburg, 11 Jahre Präsidium Zuger Filmclub. Selten hat ein Buch, das noch gar nicht erschienen ist, solch vehemente Diskussionen ausgelöst.

Dank Interviews und Abdrucke von Auszügen sind wir aber schon gut informiert über den Inhalt, über den und die 4 Autoren die FAZ witzelte.."sie hantieren mit vagen Axiomen und eiernden Begriffen; - ein Club ergrauter Kulturfunktionäre, die die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren wollen…"

Vermutlich sind die 4 Autoren etwas „kulturmüde“: sie haben entweder seit vielen Jahren nicht mehr selbst mit einer direkten Kulturausübung zu tun (Knüsel, Klein) oder haben sich überhaupt nur theoretisch mit Kultur auseinandergesetzt (Haselbach, Opitz) in Soziologiestudien und modischem Kulturmanagement und entwickeln jetzt eine Art Sandkasten -Strategiespiele. Sie haben das „Kulturmanagement“ verinnerlicht, aber nicht als Kultur, sondern nur als Management mit all seinen Instrumentarien, schliesslich stehen sie grossen Beratungsfirmen, Kulturausschüssen, Fördergremien mit Geldverteilung vor.

Ausserdem sind ihre Thesen nicht neu: sie finden sich in Gerhard Schulzes „Die Erlebnisgesellschaft“ (Campusverlag 1992) im 10. und 11. Kapitel über die Theorie der Szene und die Paradoxien der Kulturpolitik; sie finden sich im 1988 erschienenen Buch vom Kindler-Verlag in Werner Schneyders „Ende der Sommerpause“ im Kapitel über unpolitische Kultur und kulturlose Politik ( auch die Satire hatte früher einmal eine tolle Trefferquote) oder „Die Logik des Misslingens – strategisches Denken in komplexen Situationen“ von Dietrich Dörner / Max Planck-institut. Ein rororo-Bändchen (1992), das uns von Verkehrsberuhigung über Entwicklungshilfe bis zu Atomunfällen die Mechanik des menschlichen Denkens humorvoll bis ernst transparent macht.

Der Wildwuchs der wunderbaren Veranstaltungsvermehrung war Ende der 80er Jahre bis in Schweizer Kleinstädte vorgedrungen, obwohl es damals meist Gemeinderäte o.ä. waren, die sich für die Kultur stark machten, nur die grösseren Städte hatten bereits Kulturverantwortliche. Später kamen dann die „Kulturbeauftragten“, die natürlich alle bereits das boomende Kulturmanagement-studium absolviert hatten, ohne eine Ahnung von der schwierigen und komplizierten Kulturpolitik zu haben; sie profilierten sich in der Wohlstandsgesellschaft zusätzlich als Macher und Möglichmacher für die quantitative Kulturverhüttelung, deren Ehrgeiz es ist, allerorten alles und das noch möglichst gleichzeitig haben zu wollen.

Die Kulturbetriebe standen schon vor mehr als 30 Jahren vor dem Problem der Strukturbereinigung, aber das lag damals weder im Interesse der Politik noch dem der Kultur. Da hätte man ja plötzlich Qualität neu definieren müssen! Die vier Provokateure vom Buch „Der Kulturinfarkt“ wollen:

1) eine neue Geldumverteilung der auf die Hälfte einzuschrumpfenden Kulturinstitutionen.

2) Eine bessere Förderung der Laienkultur

3) Geldfluss in eine noch nicht existente Kulturindustrie

4) Aufwertung der Kunsthochschulen, die zu Produktionszentren ausgebaut werden sollen

5) Die letzte Tranche wäre für eine gegenwartsbezogene kulturelle Bildung vorgesehen.

„JEDER IST EIN KÜNTSLER“ (kein Verschreiber), wenn er nur ein Kürslein besucht hat und „KULTUR FÜR ALLE“ waren eine Zeitlang philanthropische Maxime, besonders gern ausgesprochen von Studenten des Kulturmanagements, von welchen überproportional viele Teilnehmer aus dem Bereich der Betriebswirtschaft, Soziologie oder Psychologie kommen und nicht aus einem ‚tätlichen’ Kultursektor. Sie wollen höchstens organisieren lernen, ein Budget für einen Plan erstellen, Fundraising lernen und „Projekte“ verwirklichen. Natürlich gibt es Grunderfordernisse, aber kaum „Regeln, in denen sich die Menschen frei und ihrer selbst mächtig, sich entfalten“, wie es vollmundig zum Schluss des Spiegel-Artikels von den vier Autoren heisst.

Was ist in den letzten Jahrzehnten geschehen? „Je üppiger die Pläne blüh’n, desto verwickelter wird die Tat „ –hat Erich Kästner einmal gesagt; vermutlich noch bevor die Kulturbetriebe immer unüberschaubarer wurden und ein Kulturjournalismus in Agonie fiel. Die Kulturmanager waren bestrebt, kulturelle Äusserungen, wie einen Betrieb, der Steckdosen herstellt, in den Griff zu bekommen –d.h Kultur muss rentieren, in der Wirtschaft bestehen, Angebot und Nachfrage muss stimmen, das Marketing, das Rechnungswesen und vorab natürlich die Leistung und Innovation.

Man hat sich vor der Kultur gerettet - auch mit der geforderten Erweiterung des Kulturbegriffs und versucht gleichzeitig, Macht auszuüben. Die neuen Kulturgurus walten ihres Amtes, allein oder in kleinen Gremien und bestimmen letztlich, welche Art von Kunst und Kultur realisiert und uns vorgesetzt wird. Vier der professionellen Kulturerklärer schlagen nun vor, speziell für Deutschland -Theater, Museen, Bibliotheken, Archive, Konzertbühnen auf die Hälfte zu reduzieren. Es weht ihnen ein ziemlich kalter Wind entgegen aber es fehlt auch noch an Kommunikation.

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