André Malraux - Les Conquérants (1928)

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André Malraux - Les Conquérants (1928)

Von Urs Bitterli, 06.06.2012

An André Malraux schieden sich die Geister. Er gehörte zu den führenden Intellektuellen Frankreichs. In den Eroberern entfaltet er eine Art Typenlehre des politischen Verhaltens.

Das aktive Leben von André Malraux begann mit einem Tempelraub, und es endete mit einem Ministerposten. An vielen grossen Ereignissen der Geschichte seines Jahrhunderts war der Schriftsteller beteiligt. Er gehörte zu den Wegbereitern des Antikolonialismus in Asien. Er kämpfte auf Seiten der Republikaner gegen den spanischen Diktator Franco.

Er war ein führendes Mitglied der Résistance während der Besetzung Frankreichs durch Hitler-Deutschland. Er war Kulturminister zwischen 1959 und 1969 und unterstützte den Staatspräsidenten de Gaulle bei der Lösung des Algerienproblems und während der Turbulenzen der Studentenrevolte. Die drei grossen Romane, die Malraux schrieb, Les Conquérants, La Condition humaine und L’Espoir, sind wichtige Zeugnisse eines politisch engagierten Menschen.

Der gescheiterte Dieb

In seinen autobiographischen Schriften und persönlichen Verlautbarungen neigte Malraux freilich dazu, seine geschichtliche Bedeutung mystisch zu überhöhen – so sehr, dass einer seiner Kritiker boshaft meinte, mit jeder neuen Biografie, die über ihn publiziert würde, erscheine seine Persönlichkeit etwas kleiner.

Im Jahre 1924 entging André Malraux nur dank der Fürsprache seiner Pariser Freunde einer Gefängnisstrafe. Er war nach der französischen Kolonie Indochina, die sich aus den heutigen Ländern Vietnam, Laos und Kambodscha zusammensetzte, gereist. Sein Plan war, Tempelreliefs der Khmer-Kultur zu stehlen und an Kunstliebhaber zu verkaufen. Doch dieses Abenteuer misslang, und Malraux machte unliebsame Bekanntschaft mit den Kolonialbehörden.

Im folgenden Jahr kehrte er nach Saigon zurück und gründete mit Gleichgesinnten zwei Zeitungen, welche die Schwächen des französischen Kolonialsystems in Indochina kritisierten und für die Emanzipation der einheimischen Bevölkerung eintraten. Dabei kam er in Kontakt mit einheimischen Intellektuellen und gab sich Rechenschaft vom revolutionären Umbruch, der sich in Asien anbahnte.

Chinas Aufbruch

In China hatte der letzte Kaiser der Mandschu-Dynastie 1912 abgedankt. Der Arzt Sun Ya-tsen, der in Hawaii und in der englischen Kronkolonie Hongkong studiert hatte und mit dem liberalen Ideengut Westeuropas bekannt geworden war, hatte die Kuomintang, die Nationale Volkspartei, begründet. Mit dieser Partei suchte er die dringend notwendigen politischen und sozialen Reformen im Sinne einer Demokratisierung voranzutreiben.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte China eine Delegation an die Pariser Friedensverhandlungen entsandt. Es verband damit die Hoffnung, die Souveränität des Landes gegenüber den europäischen Handelsniederlassungen zurückzugewinnen. Diesem Anliegen waren die westlichen Siegermächte mit verletzender Indifferenz begegnet. China suchte und fand Unterstützung beim Nachbarn Russland.

Doppelmoral Frankreichs

Hier war nach der Oktoberrevolution von 1917 ein kommunistisches Regime an die Macht gekommen, das den kolonialen Imperialismus zu bekämpfen versprach. In den zwanziger Jahren entsandte Moskau Politkommissare nach China, die den Aufbau der chinesischen kommunistischen Partei unterstützen sollten. Kuomintang und KPCh bildeten eine Einheitsfront, die ein doppeltes Ziel hatte: die Befriedung Chinas und dessen gesellschaftliche Reform sowie den Kampf gegen die Niederlassungen der europäischen Kolonialmächte längs der Küste.

Im Jahre 1925 wurde in Kanton die Nationalregierung der Republik China gegründet. Man baute eine revolutionäre Armee auf, die unter dem Kommando von General Chiang Kai-shek stand. Im Jahre 1926 brach Chiang Kai-shek nach Nordchina auf, um die Warlords, die weite Regionen des riesigen Reiches besetzt hielten, zu besiegen.

Die Vorgänge in China fanden in der französischen Kolonie Indochina ein starkes Echo. Der Vietnamese Ho-Chi-Minh war, ähnlich wie Sun Ya-tsen, mit liberalem westlichem Ideengut in Berührung gekommen. In Frankreich machte er die Erfahrung, dass die Grundsätze der Französischen Revolution ihre Gültigkeit verloren, sobald es um die koloniale Frage ging. Er schloss sich den Kommunisten an und reiste 1923 nach Moskau, um sich ideologisch weiterzubilden. Zwei Jahre später wurde er nach China entsandt, mit der Aufgabe, die Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien voranzutreiben.

Beobachter, kein aktiver Kämpfer

André Malraux kehrte 1926, nachdem er sich noch kurze Zeit in Südchina aufgehalten hatte, nach Frankreich zurück. Dass der Schriftsteller an der Seite der revolutionären Kräfte in China mitgekämpft habe, ist eine Legende, der sich Malraux im persönlichen Gespräch freilich nie widersetzte. Sicher war er über die Vorgänge in China durch Augenzeugen bestens informiert. Daraus erklärt sich der hohe Grad von Authentizität, den man Malraux’ erstem Roman, den Eroberern, zuerkennen muss.

Das Buch erschien im Jahre 1928; es spielt in Kanton, in Chinas „Tor zum Süden“, kurz vor dem revolutionären Umschwung. Der Erzähler reist nach Kanton und trifft dort auf die führenden Vertreter der revolutionären Bewegung. Es sind dies im wesentlichen die folgenden Figuren: Garin, der Propagandachef des linken Flügels der Kuomintang; Borodin, der Abgesandte der Kommunistischen Internationale; der Polizeikomissar Nikolajeff; der einflussreiche Gelehrte Tscheng-Dai und der Terrorist Hong.

Der Zweck und die Mittel

Malraux’ Roman ist eine Art von Typenlehre des politischen Verhaltens, die zeigen soll, wie Individuen unterschiedlicher Art und Befähigung angesichts eines schicksalhaften geschichtlichen Geschehens reagieren. Der Terrorist Hong, aus einfachsten Verhältnissen stammend, tötet aus blindem, anarchistischem Hass auf die Gesellschaft und ohne ein weiterführendes Ziel; Borodin lässt ihn dann auch umbringen, sobald er nicht mehr von Nutzen ist. Tscheng-Dai repräsentiert den rechten Flügel der Kuomintang. Er ist ein alter Mann, der bei denen, die ihn kennen, wegen seiner Selbstlosigkeit hoch geachtet ist. Er verkennt nicht die Notwendigkeit von Reformen, beharrt aber darauf, dass sie sich an einem humanen Menschenbild orientieren und, ähnlich wie in Gandhis Indien, auf dem Weg der Gewaltlosigkeit verwirklicht werden.

Nicolajeff, Agent der zaristischen, dann der sowjetischen Geheimpolizei, ist der Typus des gewissenlosen Funktionärs, geistig beschränkt, aber zuverlässig. Borodin verkörpert den überzeugten Kommunisten, der in der Geschichte eine soziale Heilsgeschichte sieht und in sich selbst ein williges Instrument höherer Vernunft.

"Bewusstsein der Existenz"

Am ausführlichsten hat sich André Malraux mit der Figur von Garin befasst, die ihm selbst fraglos am nächsten steht. Garin ist mütterlicherseits russischer Herkunft und in gutbürgerlichen Verhältnissen in Genf aufgewachsen. Dort war er in einem Abtreibungsprozess schuldig gesprochen worden, verlor den Glauben an die bürgerliche Gesellschaft und wurde Kommunist.

Der Erzähler ist in Europa mit Garin befreundet gewesen und begegnet ihm nun in Kanton wieder, wo er zum Propagandachef der revolutionären Kräfte ernannt worden ist. Aus Garin ist, obwohl er schwer erkrankt und dem Tode nahe ist, ein initiativer und erfolgreicher Propagandachef geworden, der es verstanden hat, die fatalistische Passivität der chinesischen Arbeiterschaft zu überwinden und sie für die Revolution zu gewinnen. Er hat, wie Malraux es formuliert, dem Kuli erstmals das „Bewusstsein seiner Existenz“ verschafft.

In mehreren Gesprächen mit seinem alten Freund macht der Propagandachef die Motive seines Handelns deutlich. Garin ist ein Mann der Tat. Er geniesst das Gefühl der eigenen Macht, sie gibt ihm das Bewusstsein einer Selbstbefreiung, und sie gibt der als absurd empfundenen Welt einen momentanen Sinn. „Meine Aktion“, sagt Garin, „macht mich gleichgültig gegen alles, was nicht sie selber ist.“ Er gleicht dem Übermenschen Nietzsches, der sich von religiösen und ideologischen Motivationen und Zielen losgesagt hat. Daher ist er letztlich für den Kommunismus nicht zu gebrauchen.

Kein Platz für Individuen

Nicolajeff und Borodin erkennen dies genau. „Seine Zeit“, sagt Nicolajeff, „ist vorüber. Gewiss, Leute seines Schlages sind eine Weile lang nützlich. Jetzt aber steht die Rote Armee bereit, und in wenigen Tagen wird Hongkong besiegt sein. Wir brauchen Menschen, die sich besser vergessen können als er.“ Und weiter: „Er ist kein Kommunist, das ist’s. Mir persönlich ist das gleich, aber Borodin denkt nur logisch: Es gibt keinen Platz im Kommunismus für denjenigen, der zuerst sich selbst sein will, der losgelöst von den andern existieren will.“

Auch wenn Garin in den Augen seiner Mitstreiter kein Kommunist ist, bezieht er doch Partei; denn er stellt sich auf die Seite der Erniedrigten und Beleidigten dieser Erde, deren Würde er wiederherzustellen sucht. Es ist diese Art von solidarischem Humanismus, die Garin von den Klassenkämpfern trennt, deren Zweck die Mittel heiligt.

Die chinesische Revolution, man weiss es heute, verlief nicht so, wie Malraux’ Romangestalten es sich erhofften. Es gelang Chiang Kai-shek zwar, weite Teile des Landes zu befrieden und nach 1927 eine einigermassen stabile Zentralregierung mit Sitz in Nanking zu schaffen. Doch sein Regime verlor den revolutionären Schwung, wandte sich gegen die Kommunisten und wurde mehr und mehr zu einer Militärdiktatur, die das Vertrauen der Bevölkerung verspielte. Die für das Schicksal des Landes entscheidende Landreform unterblieb.

Die Welt sucht Europa heim

Dies war die Stunde des Mao Tse-tung. Ihm gelang es, zwischen 1934 und 1936 im berühmten Langen Marsch aus der Defensive heraus eine Wende herbeizuführen. Noch hatte China einen Konflikt mit Japan und einen blutigen Bürgerkrieg zu überstehen. Im Oktober 1949 rief Mao beim Tor des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China aus. Chiang Kai-shek floh wenig später mit seinen Gefolgsleuten auf die Insel Taiwan.

Vierzig Jahre nach den in Les Conquérants geschilderten Ereignissen traf André Malraux, nun französischer Kulturminister, in Peking mit Mao Tse-tung zusammen. Der Franzose hat das Gespräch, das er mit dem Chinesen führte, in seinen Memoiren, denen er den Titel Antimémoires gab, aufgezeichnet - ein Text, der dem Ereignis eine Bedeutung verleiht, die es für Mao kaum gehabt haben dürfte.

Die Figuren, die Malraux in seinen Eroberern auftreten lässt, sind uns heute, fast hundert Jahre später, merkwürdig fremd geworden. Der Roman aber behält seine Bedeutung als frühes Zeugnis eines Europäers, der seinen Blick über die Grenzen des eigenen Kontinents hinausgerichtet und China als kommende Weltmacht wahrgenommen hat. „Es sind nicht mehr Europa und die Vergangenheit“, schrieb Malraux im Jahre 1926, „die Frankreich zu Beginn dieses Jahrhunderts heimsuchen; es ist die Welt, die Europa heimsucht, die Welt mit ihrer ganzen Gegenwart und ihrer ganzen Vergangenheit.“

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