Als es noch keine Skilifte gab….

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Als es noch keine Skilifte gab….

Von Roland Jeanneret, 09.02.2016

Die Skibegeisterten der Dreissigerjahre wurden noch vom Funi hoch gezogen – ein Buch ist diesem sonderbaren Gefährt gewidmet.

Ein Gefährt, das Tourismusgeschichte schrieb und schon bald im Verkehrshaus der Schweiz bewundert werden kann. 

8. Juni 2015: Ein Schwertransport bringt das letzte erhaltene Funi vom Berner Oberland ins Verkehrshaus Luzern
8. Juni 2015: Ein Schwertransport bringt das letzte erhaltene Funi vom Berner Oberland ins Verkehrshaus Luzern

Wer weiss, vielleicht schafft es der grosse Schnee in den nächsten Tagen oder Wochen doch noch bis in die Niederungen. Und dann werden Wintererinnerungen an ein einzigartiges Transportmittel wach, das plötzlich aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist. Und das geht so:

Bereits bei der Planung unserer Skiferien bei der Bergbauernfamilie Bühler am Dorfrand von Saanenmöser fuhr das Funi in Gedanken irgendwie immer bereits mit: Der originelle Alu-Schlitten auf Kufen gehörte damals, vor Jahrzehnten, zu den Attraktionen unserer Sportwoche; wie er uns - je nach Schneeverhältnissen - elegant gleitend oder  bockig holpernd und meistens hoffnungslos überfüllt den Hang hinauf zog. Doch: Eines Tages gabs kein Funi mehr und der winterliche Hornberg war irgendwie nicht mehr der Hornberg. Auch wenn der grosse Alu-Schlitten demnächst im Verkehrshaus der Schweiz steht und erst noch ein Buch über seine Geschichte vorliegt, ist es für mich mehr als blosse Verkehrsgeschichte und historisches Museumsstück. Es ist und bleibt ein Teil meiner winterlichen Kinder- und Jugenderinnerungen, die etwas verklärt weiterleben.

Vom J- zum T-Lift

Noch verdienten die allerersten Schleppeinrichtungen den Namen „Skilift“ kaum. Man schrieb das Jahr 1908, als bei Eisenach im Hochschwarzwald der Gastwirt Robert Winterhalder eine erste derartige Einrichtung bauen liess. Betrieben wurde sie mit Wasserkraft über ein Mühlerad. Die Fahrgäste hielten sich dabei mittels speziell geformter Zangen am Zugseil fest…

Der erste modernere Schlepplift mit selbsteinziehendem Bügel wurde erst an Weihnachten  1934 in Davon in Betrieb genommen. Der Davoser Skilehrer Jack Ettinger verbesserte das System, indem er die J-förmigen Einzelbügel durch T-Doppelbügel ersetzte, was der neuen Einrichtung den Namen «Sie-und-Er-Lift» gab.

DER Funi oder DAS Funi?

Anders verlief die Entwicklung des Funi-Schlittens: Mit der eben erbauten Montreux-Oberland-Bahn kamen immer mehr Gäste ins Saanenland und Gstaad entwickelte sich schrittweise zu einer renommierten Feriendestination. Das Royal Palace öffnete 1913 und die ersten internationalen Schulen liessen sich in der Region nieder. Damit wurde auch der Skisport dort immer populärer. Die ersten Skitouristen wurden aber noch per Pferdeschlitten auf die Anhöhen gefahren.

Mitte der Dreissigerjahre hatte der Lauener Zimmermann Arnold Annen die Idee, im Winter für den Holztransport zum Häuserbau Zugschlitten einzusetzen. Aus dieser Anwendung leitete sich die Entwicklung eines „funiculaire“ für den Wintersport ab. Der fremdsprachlichen Namensableitung ist es zuzuschreiben, dass nie klar wurde, ob sich das neue Ding sprachtechnisch korrekt der Funi oder volkstümlich das Funi nennen soll.

„Röseli“ und „Liseli“

Am 10. Dezember 1935 erteilte das Bundesamt für Verkehr die Konzession zum Betrieb eines Pendelfunis an der Gstaader Wispile – während der vollbesetzte lenkbare Schlitten (getauft auf „Röseli“) hochgezogen wurde, glitt sein Gegenschlitten („Liseli“) talwärts. Die Strecke von  1180 Metern Länge überwand einen Höhenunterschied von 320 Metern und die Fahrt dauerte acht Minuten. Die Baukosten betrugen stolze 18'500 Franken. Diese Neuentwicklung eines Schlittens, der bergauf und nicht nur bergab fuhr, sorgte damals  in der ganzen Schweizer Presse für Schlagzeilen.

Funis in zahlreichen Regionen

Die Idee des Funi-Schlittens des Tüftlers Annen, fand rasch Verbreitung. Nach der Gründung einer „Gesellschaft zum Vertrieb und Verkauf von Schlitten-Seilbahnen“ (Gstaad, Telefonnummer 31) zusammen mit dem Hotelier Oswald Peter von Siebenthal interessierten sich weitere aufkommende Skigebiete für das neue Transportmittel. Zum Beispiel wurden  im Toggenburg (Wildhaus), in Graubünden (Lenzerheide), im Glarnerland (Braunwald), im Entlebuch (Heiligkreuz First) und an mehreren Orten im Wallis und Berner Oberland Funis gebaut.

Berühmt war vor allem das Hornberg-Funi im benachbarten Saanenmöser, das seinen Betrieb als letzte Schlitten-Seilbahn erst 1986 einstellte. Dann verschwanden die mittlerweile zu beachtlichen Alu-Konstruktionen gewachsenen Gefährte in Hinterhöfen, Lagerräumen oder wurden entsorgt. Moderne Skilifte und Bergbahnen waren mittlerweile wesentlich leistungsfähiger, schneller und bequemer. 

Das Kuriosum im Verkehrshaus

Dem unermüdlichen Einsatz der Enkelin des Funi-Erfinders, Ruth Annen-Burri (Bild), vielen Freunden und einigen Sponsoren sowie dem Verkehrshaus der Schweiz in Luzern ist es zu verdanken, dass dieses einzigartige Transportmittel nicht der völligen Vergessenheit anheim fällt. Nachdem noch ein Originalschlitten des Hornberg-Funis in einer Lagerstätte entdeckt wurde, fand im Juni letzten Jahres ein Schwertransport aus dem Berner Oberland nach Luzern statt. In präziser Kleinarbeit wurde das Funi Zentimeter um Zentimeter über den Haupteingang ins Verkehrshaus manövriert, wo es – nach einer Instandstellung – der Tourismusgeschichte erhalten bleibt. Ab Mitte Mai kann es in der neuen Seilbahnausstellung bewundert werden.

Zentimeter um Zentimeter wird das sperrige Gefährt unter dem aufmerksamen Blick von Kurator Daniel Geissmann ins Verkehrshaus verschoben
Zentimeter um Zentimeter wird das sperrige Gefährt unter dem aufmerksamen Blick von Kurator Daniel Geissmann ins Verkehrshaus verschoben

„Funi-Geschichten“

Ebenso bedeutend ist, dass vor kurzem ein Buch erschienen ist, das – unter dem Namen Funi-Geschichten – reich bebildert das Zeitalter der Schlitten-Seilbahnen erneut aufleben lässt und historisch dokumentiert.  Ruth Annen-Burri ist überglücklich, dass das Pionierwerk ihres Grossvaters nicht nur erhalten bleibt, sondern das Zeitalter der Funis nun auch in Buchform lebendig bleibt – eine Recherchierarbeit, die für sie nicht immer leicht war: „Ich besuchte viele Menschen, die heute zum Teil schon nicht mehr leben. Sie gaben mir altes Fotomaterial und andere Sachen. (…) Ich war mir oft reuig, meiner Mutter nicht besser zugehört zu haben, wenn sie von der alten Zeit erzählte. Als es mich dann zu interessieren begann, konnte ich sie leider nicht mehr fragen….“.

Ruth Annen-Burri
Funi Geschichten
Weber-Verlag Thun/Gwatt
ISBN 978-3-03818-099-9

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