Alle Jahre wieder

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Alle Jahre wieder

Von Gastkommentar, Historiker - 31.07.2011

, Basel** Alle Jahre wieder und das in der vollen Sommerzeit. Wir können schlecht den 1. August unbeachtet vorbeiziehen lassen. Wünschbar wäre allerdings, dass man auch den 9. Mai beachten würde, der so etwas wie der 1. August der EU ist.

Das schweizerische Nationaldatum ist günstig für die Tourismusbranche, die schon bei der erstmaligen Durchführung des Nationalfeierabends 1891, also vor genau 120 Jahren, ihre Freude daran hatte. So konnte man den Gästen an sich eine Abwechslung und einen Hauch von Volkskultur bieten. Zudem konnte die Schweiz überhaupt etwas Ähnliches wie andere Nationen bieten, die einen 4th of July, einen 14 Juillet oder des Kaisers Geburtstag hatten. Im übrigen waren auch die Auslandschweizer besonders daran interessiert, einen solchen Versammlungstermin zu haben.

Aber keine Frage: Viele Schweizerinnen und Schweizer verpassen heutzutage den Termin, weil sie gerade Auslandferien absolvieren. Für sie wären zwei andere Daten weit günstiger: der 14. September oder der 8. November. Das September-Datum würde an das Inkrafttreten der Bundesverfassung von 1848 erinnern. Das November-Datum in Kombination mit dem Jahr 1307 an die alte von Aegidius Tschudi im 16. Jh. errechnete Datierung des Rütlischwurs, ein Datum, das in der Innerschweiz bis 1891 und darüber hinaus begangen wurde. Der September-Termin käme allerdings sehr in die Nähe eines andern Tages, der inzwischen (ebenfalls) stark an Bedeutung verloren hat: des jeweils am dritten Sonntag im September begangenen Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettags.

Rütlischwur: Es ist bloss ein Detail der grossen vaterländischen Geschichte, aber mit dem Bundesbrief hat dieser Schwur, sollte er je geleistet worden sein, wenig zu tun. In der Wildnis der abgelegenen Waldlichtung am See wurde das Pergament von 1291 sicher nicht beschrieben - und sogar besiegelt. Und Tell, wenn es ihn gegeben hätte, konnte sicher auch nicht dabei sein, er musste in diesem Moment ja den bösen Gessler jagen. Und wenn wir schon am Klarstellen sind: Der "Brief" von 1291, mit dem sich die drei Urorte wechselseitig Beistand versprochen haben, ist nur eines von mehreren Schreiben, es wird in diesem ausdrücklich auf ein noch älteres verwiesen. Und immer noch im Dienste der Klärung: Die Region des Vielwaldstättersees wurde viel später erst zum zentralen Ausgangspunkt eines wachsenden Clubs von Eidgenossen gemacht. In der Zeit selbst waren andere Kerne, zum Beispiel Zürich und Bern, Zentren eigener Vertragssysteme. Überdies gab es andere "Eidgenossenschaften" ausserhalb der Eidgenossenschaft. Es war die moderne und wirtschaftlich starke Ausserschweiz, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den zuvor militärisch bekriegten und besiegten Innerschweizern in vermehrtem Mass und kompensatorisch die Rolle der angeblichen Staatsgründer zuwies.

Vielleicht ist das nun ein typisch schweizerischer Zug, den eigenen Gründungsmythos fast etwas freudlos zu hinterfragen, so wie man sich eigentlich jedes Jahr mit Umfragen und Neuvorschlägen überlegt, ob man eigentlich die richtige Landeshymne habe. Typisch schweizerisch müsste eher typisch deutschschweizerisch heissen. Die Romands und die Tessiner sind im Feiern ihres Nationalgeburtstags (Natale della Patria!) die besseren Könner mit richtigen Volksfestchen und oft ohne moralinhaltige Busspredigten. Wollte man das Fest in authentischer Weise begehen: Eigentlich war es nach gewöhnlich schwerer Tagesarbeit ein Feierabendfest. Und das Einzige, was die hohe Landesregierung in Bern den Kantonen nicht vorzuschreiben, sondern zu empfehlen wagte: ein gleichzeitiges abendliches Glockengeläut. Das war aber einigen katholischen Pfarreien bereits zuviel, die Glocken für einen staatlichen und von Freisinnigen eingeführten bzw. aufgezwungenen Moment in Bewegung zu setzen.

Die Schweiz war lange Zeit stolz auf diese Eigenheit, dass der Nationaleiertag ein gewöhnlicher Arbeitstag war und man nur am Abend des Vaterlands gedachte. Die Superpatrioten der rechtsnationalen Schweizer Demokraten (mit einem Wähleranteil von ca. 1 Prozent) haben 1993 diesen Sonderfall kaputt gemacht, indem sie mit einer leicht zu gewinnenden Initiative das Volks dazu verleiteten, sich mit 83,3 Prozent Zustimmung einen freien Tag zu schenken. Dies mit der ähnlichen Konsequenz wie beim 1. Mai: Der Sonntagscharakter verwandelt den Gedenktag in ein gewöhnliches Weekend. A propos Schweizer Demokraten: Im Jahr 2007 hat die Sektion Berner Oberland ihren 1. August offenbar zusammen mit Neonazis gefeiert (ago.immerda.ch/index.php/news/110-antifa/1586).

Am 1. August sollte man der Heimat und dem Vaterland und der damit verbundenen zentralen Werte ein paar besinnliche Gedenkminuten widmen, vielleicht sogar vor einem Feuer, sofern die in diesem Jahr zwar nicht grosse Waldbrandgefahr dies zulässt. In diesem Jahr ist oder wäre das Gedenken besonders wichtig, stehen uns doch im Herbst wieder einmal "Schicksalswahlen" bevor. Fast wie mit vorgezogenen 1. August-Mottos haben viele Parteien erklärt, dass sie einzig und nur für die Schweiz da sein wollen. Entscheidend wäre aber, was sie damit konkret meinen oder nicht meinen und ob dies dann der lieben Schweiz auch wirklich gut tut.

                Georg Kreis, Historiker, Basel

Vom Verfasser:

Der Mythos von 1291. Zur Entstehung des schweizerischen Nationalfeiertages. Basel Reinhardt Verlag 1991. - Mythos Rütli. Geschichte eines Erinnerungsortes. Zürich Orell Füssli 2004. - Schweizerische Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. Zürich NZZ-Libro März 2010.

Kommentare

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@gast, du lieber. Du willst also lieber deine Augen auf die Realität statt auf den (Schweizer) Psalm richten ? So wie Du, waren auch wir, als wir unmündig waren, den Naturmächten der Welt wie Sklaven unterworfen. Weil wir aber Söhne geworden sind, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt. Somit könntest auch Du nicht mehr Sklave, sondern Sohn werden, wenn Du willst. Wenn aber Sohn dann auch Erbe durch Gott. Darum lieben wir die Psalmen.

Man kann an allem, was zur sogenannten Gründung der Eidgenossenschaft gehört, verschiedenster Meinung sein. Es gehört aber offensichtlich zu den Bedürfnissen von Menschen, die in einem Staatswesen zusammenleben, sich eine Entstehungsgeschichte aufzubauen. Wir Schweizer haben es diesbezüglich eigentlich noch gut, wenn wir bedenken, wie unsere Nachbarstaaten und auch andere entstanden sind. Herrn Kreis für seine Stellungnahme tadeln, betrachte ich als unnötig. Man kann allenfalls gewisse Bedenken gegen seine «Entmythologisierung» haben.

Besten Dank für Ihren interessanten Überblick, Herr Kreis. Gerne gelesen. Wie Sie sehen, kommt Ihr Wissen nicht bei allen gut an. Es ist klar, dass sich (ultra-)Nationalisten an allem stören, was von Herrn Kreis kommt. Und Wilhelm Tell? Schlimm genug, dass er von einem Europäer, auf die wir so gerne herabblicken, erfunden wurde. Aber dann gehört dieser Europäer auch noch dem grössten Feind an. ;-)) Die Schweiz ist also ein liebliches, gutmütiges Land, dessen BewohnerInnen mit den AusländerInnen in Frieden leben? Ja, wenn man das sehr oberflächlich betrachtet, stimmt es. Die jeweiligen Abstimmungen betr. unserer MitbürgerInnen aus dem Ausland, sprechen eine ganz andere Sprache. Lieber die Augen auf die Realität richten, statt auf den Schweizer Psalm!

Meine Freude, ihre bekannten Positionen zur Schweizergeschichte ausge-rechnet heute im journal21 zu lesen, ist äusserst begrenzt. Wollten Sie sich mit diesem schnodrigen Schreiben zum Bundesfeiertag wieder ein-mal ins öffentliche Bewusstsein bringen, nachdem ihr Bericht zur Schweiz im 2. Weltkrieg, zu Recht, in tiefster Versenkung gelandet ist ?

Angesichts der wahren Probleme, die sich der Schweiz durch die fort-schreitende Globalisierung (z.B. bankengemachte Währungskrise) und dadurch stresserzeugenden Wandel der Weltwirtwirtschaft stellen, sind ihre historisierenden Präzisierungen absolut wertlos.

Die CH-Bürger fordern von den Politikussen neue Perspektiven in die un-gewisse Zukunft und nicht einseitige Belehrungen von Ihnen, Herr Kreis, und ihren Kreisen.

Herr Georg Kreis. Sie provozieren! Sie machen genau das, was sie anderen Parteien vorwerfen. 14. Juliet wird in Frankreich immer mit einer Militärparade (trotz Vergangenheitsschuld im Indochinakrieg und Algerien ) gefeiert.Der türkische Nationalfeiertag wird mit Militärparaden gefeiert, trotz Smyrna. Die USA feiern den Independence Day obwohl die Indianer immer noch in Ghetos leben und trotz ihrer kriegerischen und rassistischer Vergangenheit die bis zum heutigen Tag anhält. Dieser ständige Flagellantismus kann einem langsam auf die Nerven gehen. Wir haben heute ein hervorragendes liebenswertes Land und haben das ist nicht zuletzt unseren Vätern und auch Müttern zu verdanken. Wir leben friedlich mit über 25% Ausländern zusammen, die von diesem Land profitieren. Wir dürfen und sollen diesen Tag feiern und machen das seit langem ohne Militärparaden. Ob es Willhelm Tell gegeben hat und welche Rolle er wirklich gepielt hat ist eventuell für Historiker wichtig, für uns und viele immer noch unterdrückte und ausgeraubte Länder bleibt er Symbol für den Freiheitskampf. Wir werden nie mehr die Macht-Hüte fremder Fötzel grüssen!

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

in keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott

und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. Schön...oder? dieser Rütlischwur-....obwohl ich kein Parteimilglied der SVP bin.

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