Alle Bildung kommt aus dem Tun

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Alle Bildung kommt aus dem Tun

Von Carl Bossard, 23.02.2018

Denken sei ein Abkömmling des Tuns. Darin besteht Einigkeit. Umstritten ist die Rolle der Lehrperson. Soll sie aktiv anleiten oder lediglich „coachen“? Ein Plädoyer für schülerorientiertes Lenken.

„Warum war Wolfgang Amadeus Mozart ein Genie?“, fragt der amerikanische Physik-Nobelpreisträger Carl Wiemann rhetorisch. Der Hochschullehrer antwortet gleich selber: „Niemand werde als Genie geboren. […] Genial sei vor allem sein Vater Leopold gewesen, ein mittelmässiger Geiger, aber ausgezeichneter Musikpädagoge, der eines der ersten Bücher zur Musikerziehung für die Violine schrieb.“ (1) Und dieser väterliche Lehrmeister liess seinen Sohn Wolferl schon komponieren, als er ein kleiner Junge war – und schaute ihm dauernd über die Schulter, um jeden kleinsten Fehler zu korrigieren.

Absolute Fehlertoleranz heute

Kleinste Fehler verbessern und damit das Ganze optimieren! So Leopold Mozarts Methode. Welcher Unterschied zu Dogmatiken von heute, zum Beispiel zu Jürgen Reichens Alphabetisierungspraxis „Schreiben nach Gehör“, wissenschaftlich „Lesen durch Schreiben“ genannt. Die Kinder schreiben, wie sie die Wörtlein vom Klang her hören – lautgetreu. Auf die Orthografie müssen sie keine Rücksicht nehmen.

Die Freude am freien Fabulieren steht als oberstes didaktisches Prinzip. Dabei sollen die Kinder nicht gestört werden. Niemand darf eingreifen. Wortschatz und Grammatik werden nicht beachtet. Fehlerhafte Formen gehören dazu. Sie würden sich später selber korrigieren und das Korrekte käme automatisch, so Reichens Annahme. Auch das Lesen soll sich dann von alleine ergeben. Der Pädagoge Reichen forderte darum absolute Fehlertoleranz. Jedes Intervenieren und Korrigieren zerstöre die kindliche Kreativität.

Mythen im Bildungsdiskurs

Das Zauberwort ist eindeutig: Die Schüler arbeiten „aktiv“ und „selbstreguliert“. Sie können sich die Schriftsprache selber erarbeiten, ähnlich wie Kleinkinder das Laufen und Sprechen erlernen. Reichens Credo war unzähligen Pädagogen und Hochschul-Didaktikern heilig. Empirische Belege für eine Evidenz dieser Praxis lagen allerdings nicht vor; der Glaube genügte. Wissenschaftlich überprüft wurde diese angeblich „geniale“ Methode des Sprachenlernens erst nach Jahren. Sie müsste, so der emeritierte Zürcher Hochschullehrer Jürgen Oelkers, schon lange verboten werden. Nirgends halten sich Meinungen und Mythen so beharrlich wie im Bildungsdiskurs, auch wenn sie längst als überholt gelten.

Genial ist nicht immer genial

Genial war, so der Nobel-Preisträger Wiemann, Leopold Mozart; als genial galt auch Jürgen Reichen. Beide förderten das „aktive Lernen“. Doch worin liegt der Unterschied? Für Wiemann bedeutet „aktives Lernen“: Lernende machen lassen, korrigieren, weitermachen lassen, wieder korrigieren, eine Art autodidaktisches Erfahren, aber unter Anleitung eines Lehrers – quasi nach dem Vorbild von Papa Mozart.

Unter Anleitung eines Lehrers, sagt Wiemann, nicht durch Rückzug der Lehrerin aus dem Lernprozess (2) – darin zeigt sich die Nuance! „Ohne intensive Lehrersteuerung ist hohe Lernwirksamkeit nicht zu erzielen; einmal ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die schwächere Schüler mit der Selbstständigkeit haben“, schreibt die Lernforscherin der ETH Zürich, Professor Elsbeth Stern. (3) Für viele Kinder sind offene und freie Lernformen eher Risiko als Chance.

Lerncoach? Nein: Lehrer! – Der Praxistest

Wem das zu akademisch klingt, für den kommt hier der Praxistest: An der berüchtigten Johannesskola im südschwedischen Malmö gab es vor einigen Jahren eine verschriene Problemklasse. Im neunten Schuljahr erhielt diese Klasse acht neue Lehrer – dies im Rahmen eines Dokumentarfilm-Experiments. Das Format stiess zwar auf heftigen Widerstand; die Lehrergewerkschaften liefen Sturm. Aber es lockte jede Woche magnetisch die Zuschauer vor die Bildschirme.

Für das weitere Fortkommen ist in Schweden die neunte Klasse sehr wichtig. Hier entscheidet sich, ob die Jugendlichen an eine weiterführende Schule übertreten können. Die acht neuen Fachlehrer wurden aus dem ganzen Land rekrutiert; es waren Pädagogen, die Preise gewonnen oder sich sonst als versiert erwiesen hatten. Ganz Schweden konnte Woche für Woche live beobachten, wie aus demotivierten Versagern Höchstleistungsschüler wurden: Fast alle erreichten eine weiterführende Schule; bei den nationalen Vergleichstests belegte die Klasse in Mathematik den ersten Rang.

Der Erfolg des aktiv angeleiteten Lernens

Man kann das Geheimnis dieses Erfolgs mit einem gesteuerten Unterricht und aktiv angeleitetem Lernen erklären. Die Lehrer deuteten den fulminanten Fortschritt ganz einfach: Entscheidend für ihr Wirken seien Respekt und Anspruch, Autorität und Zuneigung gewesen, Liebe zu ihrem Fach und Zuneigung zu den Schülern. Es waren Lehrpersonen, die Ansprüche setzten und steuern wollten.

Vor Jahren schon schrieb der Gründungsrektor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München, Franz E. Weinert: „Nicht die äusseren Schulstrukturen sind letztlich entscheidend, sondern die Lehrperson und vor allem jene Lehrerinnen und Lehrer, die ein hohes Mass an themen- und sachbezogener Schüleraktivität mit einem hohen Mass an schülerorientierter Lehrersteuerung verbinden können.“ In Malmö war es so.

Direkte Instruktion, aber kein Revival des Frontalunterrichts

Auch der renommierte Bildungsforscher John Hattie kommt zu einem gleichen Ergebnis. Die „direkte Instruktion“ hat bei ihm einen hohen Wirkwert. (4) Leider wird der englische Ausdruck „Instructional Design“ mit dem verpönten Wort „Frontalunterricht“ übersetzt und so mit der alten Paukerschule wie in Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder in Friedrich Torbergs Roman „Der Schüler Gerber“ konnotiert. Und schon ist die autoritäre Schule kreiert.

Doch Hattie meint nicht das alte Feindbild. Bei ihm führt der Lehrer wie ein Regisseur auf didaktisch geschickte Weise durch den Unterricht. Die Lehrerin legt dabei hohen Wert auf die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler. Grundlage ist eine weitere wichtige Wirkgrösse: die Klarheit der Lehrperson. Sie vermittelt Orientierung und schafft so einen Lerneffekt.

Selbst Amadeus brauchte Instruktion

Wenn man Hatties Studien, dem amerikanischen Nobelpreisträger Wiemann und dem schwedischen Experiment für einen kurzen Moment Vertrauen schenkt, dann kommt man aus dem Wundern eigentlich nicht mehr heraus – dem Wundern, dass dem selbstregulierten und eigenverantwortlichen Lernen ohne Lehrer heute immer noch so viel Gewicht beigemessen wird. Alle drei kennen vor allem eine Botschaft: Gutes und aktives Lernen braucht Inspiration und Instruktion, Lenkung und Feedback. Das galt selbst für ein Ausnahmetalent wie Amadeus.

(1) Hilmar Schmundt: Wie (fast) jeder zum Genie werden kann. In: Spiegel Online, 12.2.2018.

(2) Vgl. Roland Reichenbach: Ethik der Bildung und Erziehung. Essays zur Pädagogischen Ethik. Verlag Ferdinand Schönigh, Paderborn 2018, S. 204f.

(3) Michael Felten, Elsbeth Stern: Lernwirksam unterrichten. Im Schulalltag von der Lernforschung profitieren. Cornelsen, Berlin 2014, S. 6.

(4) John Hattie, Klaus Zierer. Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2017, 2. Aufl., S. 91f.

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Was für ein anschaulicher Beitrag, um die direkte Instruktion wieder ins richtige Licht zu rücken! Carl Bossard versteht es einmal mehr, anhand praktischer Beispiele und mit wenig Theorie die Wirkung verschiedener Didaktiken - oder anders gesagt durch den Einfluss von Grundhaltungen der Lehrer - überzeugend darzulegen. Ich bin froh, dass das dumme Wort "Frontalunterricht", das mich immer an Grabenkämpfe erinnert, durch den Begriff der Instruktion ersetzt wird. Auch die Frage, wieweit eine Methode die Kreativität fördert oder einschränkt, sind klare Antworten im Beitrag zu finden. Vielen Dank.

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