Alarm und Alarmismus

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Alarm und Alarmismus

Von Stephan Wehowsky, 06.09.2019

Alarm wird zunehmend als Alarmismus abgetan. Damit lässt sich jede Dringlichkeit fabelhaft neutralisieren.

Das Wort Alarmismus wird derzeit überwiegend im Zusammenhang mit der Klimadebatte verwendet. Denjenigen, die vor den Umweltschäden warnen, die sich schon jetzt in aller Deutlichkeit abzeichnen, wird eine Art Hysterie bescheinigt, die sich als „Alarmismus“ äussere. Früher hätte man von Kassandrarufen gesprochen.

Allerdings erwiesen sich die Warnungen von Kassandra mehrmals als nur zu begründet. Aber da auf ihr ein Fluch lastete, verhallten ihre Warnungen ungehört, und sie gab sich der Lächerlichkeit preis. Die Mythologie machte für diese Ignoranz ihrer Zeitgenossen den Fluch des Gottes Apollon verantwortlich, der sich damit für eine Zurückweisung Kassandras rächte.

In der Verächtlichmachung der Warner mittels des Wortes „Alarmismus“ schwingt noch die alte Abwertung der Kassandrarufe mit. Zudem streicht derjenige, der die Warner des Alarmismus bezichtigt, eine zusätzliche Rendite ein: Er selbst erscheint nun als unendlich überlegen, abgeklärt und so leicht durch nichts zu erschüttern. „Lassen wir doch den Alarmismus“, heisst: „Ich weiss, dass alles nur halb so schlimm ist. Aber einige Leute lassen sich eben ins Bockshorn jagen.“

Allerdings kann es auch falschen Alarm geben. Nicht jedes prophezeite Weltende tritt auch ein. Wer warnt, hat nicht automatisch recht. Manche Befürchtungen sind schlichter Unsinn, andere aber nicht. Um hier Unterscheidungen zu treffen, ist es gut, auf allzu schrille Töne zu achten.

Das Schrille ist nicht das Wahre. Aber wer das Schrille vom Wahren unterscheiden will, braucht dazu einen Massstab. Der liegt im nachprüfbaren Wissen. Demnach ist nicht schon wahr, was der Einzelne fühlt und glaubt. Man braucht Argumente, die anhand von Fakten überprüfbar sind. Die aber werden nicht nur von denjenigen, die vom Alarmismus reden, schlicht und einfach übergangen.

Denn die Sprache wird mehr und mehr darauf reduziert, Gefühle zu transportieren. Die haben weitaus mehr Wucht als Argumente. Argumente brauchen Zeit. Emotionen sind immer gleich da und lassen sich auch durch blosse Laute und Emojis transportieren. Wer fühlt, hat immer gleich recht, wer argumentiert, ist aus der Zeit gefallen.

Der häufige Gebrauch des Wortes „Alarmismus“ weist auf eine tiefgreifende Kulturkrise hin. Die Massstäbe des Faktenwissens und der vernünftige Argumentation gelten nicht mehr. An ihre Stelle sind Stimmungen und Gefühle getreten. So lassen sich jede Warnung und jedes Argument mit einem blossen Haha abservieren.

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Argumente ungleich Gefühlen? Gibt es Argumente ohne Gefühl? Setzt, besser setzte, Faktenwissen nicht einseitig die Massstäbe in unserem wissenschaftlich-technischen durchdrungenen Denken?
Es ist geradezu paradox, wie Autor Wehowsky versucht die vorherr-schende Klimahysterie sprachtechnisch zu verteidigen. Denn nicht wahr: Alarm ist wissenschaftlich, Alarmismus gefühlsmässig!
Zeigen wir endlich wieder einmal persönliche Gefühle - die andere,
menschliche Art die Welt zu sehen.Ich halte es mit dem Alarmismus.

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