Achtung, fertig, Frauenstimmrecht!

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Achtung, fertig, Frauenstimmrecht!

Von Michael Lang, 19.01.2017

Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“ ist ein gescheiter, unverkrampfter Spielfilm, angesiedelt im Umfeld der emotionalen Abstimmung über das Frauenstimmrecht in der Schweiz von 1971.

Die neuere Schweizer Geschichte wird im Spielfilm selten thematisiert. Jetzt ist es wieder einmal so weit. Petra Volpe – eine interessante, begabte, ideenreiche Persönlichkeit – siedelt ihre Story 1971 an, kurz vor der Abstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene. Die Schweiz war eine der letzten Demokratien überhaupt, in der Frauen kein Stimm- und Wahlrecht hatten. Endlich schaffte das Männer-Stimmvolk sein undemokratisches Privileg ab: Mit einer Zweidrittelmehrheit wurde Makulatur, was als Absonderlichkeit des „Sonderfalls Schweiz“ belächelt wurde.

Die schmetterlingshafte Bodenständige

Im Fokus des Plots steht eine junge Ehefrau und Mutter in einem Dorf in der Ostschweiz. Nora (Marie Leuenberger) ist intelligent, warmherzig – und wild entschlossen, für ihre demokratischen Rechte einzustehen. Sie hat einen Mann, dem sie innig zugetan ist: Hans (Max Simonischek) ist ein anständiger Kerl, mittlerweile aber etwas verunsichert. Er spürt, dass seine Frau zwar bodenständig verlässlich ist, aber auch schmetterlingshaft freiheitsdurstig. Kurz vor dem Abstimmungs-Sonntag rückt Hans in den militärischen Wiederholungskurs ein; freundeidgenössischer geht nicht.

Nora ist nun eine Zeitlang allein mit den zwei Söhnen und dem Schwiegervater (Peter Freiburghaus vom „Duo Fischbach“), einem Pascha der ganz alten Schule. Sie hat nicht weniger zu tun als sonst auch. Erst wenn alle in den Federn sind, bleibt Nora etwas Zeit für sich. Im Schlafzimmer verschlingt sie einschlägige Frauen-Literatur, bis ihr die Augen zufallen; die US-Feministin Betty Friedan ist quasi ihr „Bettmümpfeli“. Zudem bewirbt sie sich für eine Stelle bei einem Reisebüro, obwohl ihr Hans verboten hat, auswärts zu arbeiten. Als Ehemann – kein Witz – war er dazu berechtigt.

„Frauenrechte sind Menschenrechte“

Das Praktische ist Nora aber näher als jede Theorie. Mit Gesinnungs-Genossinnen reist sie nach Zürich, um erstmals an einer Demonstration teilzunehmen. In der Limmatstadt werden Parolen wie „Frauenrechte sind Menschenrechte“ skandiert. Dann wird ein Workshop zum Thema „Yoni-Power“ besucht. Dort vermittelt die lebens- und liebeserfahrene Indra (Sofia Helin) den sanften Amazonen aus dem Hinterland im wörtlichen Sinne vertiefte Einblicke in ihre intime Anatomie; zuhause wird sich bald zeigen, was das wert ist. 

Nach einem Discobesuch kehrt das „Frauengrüppli“ erst anderntags heim. Nora trägt jetzt enge Blue Jeans mit Schlag, lässt sich eine modische Frisur schneiden, wird immer selbstbewusster und gibt Vollgas. Natürlich wird im Dorf getratscht.

Comédie humaine im „Bären“

Jetzt ist man mittendrin in einer Comédie humaine. Ein Hauptschauplatz ist der Gasthof „Bären“, wo die geschiedene Italienerin Graziella (Marta Zoffoli) wirtet. Bei ihr trifft sich das ganze Dorf. Im Saal buhlt die vornehme Frau Doktor Wipf (Therese Affolter) als Vorsitzende des „Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau“ bei den Dorffrauen um Spendengelder. Was paradox scheint, war so selten nicht.

Wipf ist auch Unternehmerin und mancher Familienvater oder Sohn steht in ihrem Sold – auch Noras Mann Hans. Die Wipf hat ihn befördert. Nicht nur, weil er ein guter Mitarbeiter ist. Denn wie hiess es bei den alten Römern: „Do ut des“, „ich gebe, damit du gibst.“ Die Chefin erwartet also, dass Hans seine Nora domestiziert, weil sie sich zur politischen Widersacherin der „Dorfkönigin“ mausert.

Spiegeleier ohne Beilage

Wer nun ein von „Stutenbissgkeit“ geprägtes Duell zwischen den Frauen erwartet, liegt falsch. Denn Regisseurin Petra Volpe lädt nicht in den Kino-Komödienstadel. Ihr geht es um die grössere Sache. Derweil Frau Doktor Wipf pragmatisch abwartet, steigen Nora und ihre Musketierinnen in den Ring. Im „Bären“ kommt es bei einer öffentlichen Aussprache mit Konsultativabstimmung zum Tumult. Die flotten Weiber sind zwar wie Boxer angezählt, aber nicht ausgeknockt. Sie rufen zum Streik auf. Jetzt brennt im Dorf der Baum.

Petra Volpe weiss, wie man Storys filmgerecht süffig erzählt – mit Esprit, ohne voyeuristische Schmuddeligkeit und nicht nostalgisch geschönt. Dass die Mannsbilder ihre ausserhäuslichen Partnerinnen subito heimlotsen wollen – auch mit Nachdruck –, ist klar; allerdings nicht primär ins Ehebett, sondern in die gute Stube und an den Herd. Denn wer holt jetzt Noras Schwiegervater auf Kommando das Bier aus dem Kühlschrank? Und wer sorgt für Abwechslung in der Küche? Noras Buben ist das Menu schon am zweiten Tag mehr als verleidet – schon wieder Spiegeleier ohne Beilage …

Praller Alltag und Blicke ins Abgründige

„Die göttliche Ordnung“ erzählt vom prallen Alltag und skizziert ungekünstelt das Milieu. Petra Volpe, die auch das Drehbuch verfasst hat, geht ohne oberlehrerhaft-didaktische Besserwisserei und intellektuelle Überheblichkeit an die Sache heran. Weil wir es mit einem gehobenen Unterhaltungsfilm zu tun haben, ist vieles situationskomisch, ironisierend, versöhnlich angelegt. Und dabei so scharf beobachtet wie respektvoll ernsthaft.

Dann und wann blickt man auch in Abgründiges. Noras Bruder Werner (Nicholas Ofczarek) verzweifelt an der rebellischen Teenager-Tochter, die lieber mit auswärtigen Töff-Freunden herumkurvt als zuhause zu hocken, bis sie erwachsen ist. Gegen den Rat von Frau und Schwester wendet sich der Landwirt an die Vormundschaftsbehörde. Fatal, denn das konnte bedeuten, dass Jugendliche ins Gefängnis verfrachtet wurden. Es gab schlicht noch keine sozialen Anlaufstellen für derartige Fälle.

Gesellschaftspolitische Zeitenwende

Petra Volpe baut Episoden wie diese wie ein Puzzle zusammen, wie sie das schon in „Traumland“ (2013) beeindruckend getan hat. Darin geht es um eine junge Prostituierte aus Osteuropa, um Zuhälter und Freier im Zürich von heute. Nun gelingt Volpe eine ganz und gar nicht oberflächliche Verbildlichung der Aufbruchsstimmung nach der 1968er-Revolte in der ländlichen Schweiz, die eine gesellschaftspolitische Zeitenwende einläutete.

Wer wollte und konnte, liess sich in den Strudel der Verlockungen esoterischer, exotischer, sinnverändernder Lebensentwürfe fallen. Auch in die Emanzipationsbewegung, die keineswegs nur Frauen umfing (wobei einem als Mann das oft erst retrospektiv bewusst wurde). Die Kollisionen mit der eher älteren, bürgerlich-konservativen Mehrheit erlebte man allerdings unmittelbar und prägend mit.

Sorgfältige Produktion

Entstanden ist „Die göttliche Ordnung“ bei der Luzerner Zodiac Pictures mit den initiativen und erfolgreichen Produzenten Reto Schaerli und Lukas Hobi („Achtung, fertig, Charlie!“, „Gotthard“, „Heidi“, „Traumland“). Das Budget wird mit 3,3 Millionen Franken ausgewiesen, was für einen Schweizer Film kein Klacks ist – doch das Geld ist gut angelegt.

Neben der künstlerischen und technischen Qualität fällt die Sorgfalt in Bezug auf Kostüme, Maske und Ausstattung auf. Gut gewählte Versatzstücke symbolisieren den Zeitgeist um 1970, es wurde aufwändig recherchiert und nicht nur nach Gängigem: Ein Jimi-Hendrix-Poster findet man schneller als ein Plakat der Zürcher Kultband „Krokodil“. Und: Der Soundtrack, ein unverzichtbares Element, besteht nicht etwa aus Gassenhauern der Rock-, Pop- und Soul-Jukebox, sondern bringt Songperlen, die subtile Handlungsakzente setzen. Fein gemacht.

Dialoge mit Saft und Würze

Gedreht wurde mehrheitlich in Appenzell Innerrhoden. Dass „Die göttliche Ordnung“ in der ländlichen Schweiz angesiedelt ist und nicht im Urbanen, macht Sinn. Weil Petra Volpe die hügelig-ländliche Provinz weder mit Hinterwäldlern und Huschelis noch mit Macho-Trotteln bevölkert, sondern mit Charakterköpfen, denen man auch anderswo hätte begegnen können. Dass im Film Ostschweizerisch gesprochen wird wie kaum je in einem Spielfilm bisher, hat seinen Reiz. Denn die Sprache hat kernigen Charme. Man nimmt ihn wahr, weil es den Dialogen an Saft und Würze nicht mangelt.

Die Bildgestalterin Judith Kaufmann hat zudem einen stimmigen visuellen Touch gefunden. Evoziert wird damit das Nebeneinander von anarchischer Natur und des Versuchs, alles zu ordnen und anzuordnen, so unverrückbar wie die göttliche Ordnung, die doch ins Wanken gerät.

Zum Beispiel Emilie Lieberherr

Petra Volpe hat sich im Detail kundig gemacht und mit der Walliser Historikerin Elisabeth Joris eine äusserst kompetente Beraterin engagiert. Wer sich an 1971 erinnern mag, wird im Film vielleicht nach real existierenden Persönlichkeiten Ausschau halten, die bei der Ausgestaltung der Rollen gewissermassen Patinnen waren.

Nun, je nach Kantonszugehörigkeit und Herkunft wird man die eine oder andere Dame partiell wiedererkennen (so viele waren es ja damals noch nicht). An der resoluten, polarisierenden, unvergessenen Zürcher Sozialdemokratin Emilie Lieberherr kommt dabei niemand vorbei.

Dichtung und Wahrheit

Dass Petra Volpe die Verschmelzung von historischen Fakten und empathischen Blicken in die Seelenwindungen des vielbeschworenen Schweizerischen unangestrengt gelingt, ist ihrer Begabung für das Erzählerische, Dramaturgische und für das richtige Timing geschuldet.

Exemplarisch in einer Szene, die den Filmtitel aufnimmt: Bei der Abdankung für die Ex-„Bären“-Wirtin Vroni (Sibylle Brunner) beschwört der Pfarrer die Mann-Frau-Beziehung als von einer göttlichen Ordnung bestimmt. Doch Nora ergreift das Wort und sagt der versammelten Gemeinde fadengerade, was zwischen der couragierten Vroni und ihrem Hallodri-Mann wirklich abgelaufen ist. Ein starker Auftritt, der für die exzellente Leistung des ganzen Ensembles steht.

Lustvolles Miteinander auch im Widerstreit

Denn auch auf dem Feld der Schauspielführung hat Petra Volpe eine gute Hand. Und präsentiert in den Hauptrollen ein exzellentes Duo: Marie Leuenberger („Die Standesbeamtin“, „Der Kreis“) ist hinreissend. Und Max Simonischek („Der Verdingbub“, „Die Akte Grüninger“) fähig, alle Facetten maskuliner Verletzlichkeit auszuspielen. Genau das macht Schauspieler zu Komplizen des Publikums.

„Die göttliche Ordnung“ beschäftigt sich mit einem historischen Geschehen und plädiert darüber hinaus für ein zeitloses gleichberechtigtes Miteinander – sogar im Widerstreit. Dass man das intuitiv begreift, ist die Stärke dieses Werks. Und das Schönste ist, wie Nora und Hans dieses Miteinander üben. Darum ist „Die göttliche Ordnung“ auch ein Liebesfilm. 

„Die göttliche Ordnung“ wird an den 52. Solothurner Filmtagen uraufgeführt. Ab dem 9. März ist der Film in den Kinos der deutschen Schweiz zu sehen.

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