200 Jahre "Feu sacré"

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200 Jahre "Feu sacré"

Von André Pfenninger, 01.12.2013

1813 wurde der Grundstein der Bernischen Kunstgesellschaft BKG gelegt. Ihr ist unter anderem der Bau des Berner Kunstmuseums zu verdanken. Und sie vergibt jährlich den höchstdotierten privaten Kunstpreis der Schweiz.

Wer, wie nicht selten, behauptet, Bern sei für Kunst und Künstler ein Holzboden, ist auf dem Holzweg. Das widerspiegelt sich nicht nur in vielen hochkarätigen Ausstellungen in den Museen und in zahlreichen künstlerischen Aktivitäten ausserhalb der grossen öffentlichen Institutionen. Wie sehr die Kunst in der Bundesstadt tief verwurzelt ist, wird mit dem 200-Jahr-Jubiläum der Bernischen Kunstgesellschaft BKG auf eine eindrückliche Weise gegenwärtig in Erinnerung gerufen. Große Kunstfreunde, Pioniere und Visionäre, die vor zwei Jahrhunderten Unmögliches möglich machten, waren von einem wahren „feu sacré“ beseelt.

Franz Gertsch. Paar, 1969. Dispersion auf Leinwand. 115,5 x 120 cm. Im Besitze des Künstlers. AC-Preis 1966. (Bilder André Pfenninger)
Franz Gertsch. Paar, 1969. Dispersion auf Leinwand. 115,5 x 120 cm. Im Besitze des Künstlers. AC-Preis 1966. (Bilder André Pfenninger)

Die BKG wurde im Jahre 1813 auf Initiative von Sigmund Wagner, Chronist und Johann Rudolf Wyss, Professor der Philosophie und Dichter, Verfasser der alten Nationalhymne „Rufst Du mein Vaterland“, gegründet. Unter den 18 Gründungsmitgliedern befanden sich einige Künstler. Die Gesellschaft nannte sich zu Beginn auch „Künstlergesellschaft“. Es wurden erste Bilder erworben. Ab 1818 bis 1854 veranstaltete die BKG Ausstellungen. Zu Beginn wurden Werke zum Beispiel über Wochenende an verschiedenen privaten Orten in der Stadt Bern gezeigt, da es noch kein Museum gab. Ab 1854 übernahm der kantonale Kunstverein die Aufgabe, die Kunst dem Publikum nahezubringen.

Gründung des Kunstmuseums

Die BKG widmete sich fortan dem Aufbau einer eigentlichen Sammlung. Bedeutende Werke, zu denen u.a. Gemälde von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet, Giovanni Giacometti gehörten, bildeten den Auftakt. Der Bestand darf als eine Art Grundstein für die geplante Gründung des Kunstmuseums Bern angesehen werden. Die Kunst unter einem eigenen Dach unterzubringen, war nämlich schon früh ein Anliegen der BKG. Und sie war dann massgebend an der Errichtung des Kunstmuseums beteiligt. Das Haus eröffnete 1879 seine Türe. Die  BKG brachte ihre auf eine beachtliche Zahl von Werken angewachsene Sammlung ein. Es waren 150 Gemälde, 40 Bildwerke und Objekte. Ein guter Start für die aufzubauende eigene Museums-Sammlung. Diese ist von Anfang an schwergewichtig auf Schweizer Kunst ausgerichtet, der sie ihr Prestige verdankt und inzwischen internationale Dimensionen erreicht hat. Insgesamt befindet sich heute ein Schatz von nahezu 1200 Kunstwerken aus dem Eigentum der BKG im Besitz des  Kunstmuseums Bern. Ohne den Einsatz der BKG, ohne ihr „Feu sacré“, das heisst ohne die große Leidenschaft und ein nahtloses Engagement für die Kunst, hätte Bern kein Kunstmuseum. Auch die Berner Kunsthalle, in der die Avant Garde sich voll und oft auf spektakuläre Weise entfalten kann, ist vor bald 100 Jahren dank dem Einsatz und der Zukunftsvisionen der BKG errichtet worden. Zum 100jährigen Jubiläum des Kunstmuseums Bern im Jahre 1979 hatte die BKG die Gründung der Bernischen Stiftung für Fotografie, Film und Video beschlossen und so ihre Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber erkennen lassen. Ein neues Medium fand im Kunstmuseum einen Platz. Zu dem breitgefächerten Engagement der BKG gehören auch verlegerische Aufgaben. Zahlreiche Publikationen zeugen davon.

Zwei Frauen machten es möglich

Im Laufe der Jahre hat sich das Tätigkeitsfeld der Gesellschaft wesentlich verändert.   Die eigentliche Kunstförderung erhielt Priorität. Seit 1942 pflegt die BKG ihre lange Tradition der Kunstförderung mit der Vergabe von Stipendien. Die Errichtung einer entsprechenden Stiftung hat die Neuausrichtung möglich gemacht. Zwei kunstbegeisterte und vom erwähnten „feu sacré“ beseelte Frauen haben mit Legaten und einem zukunftsweisenden Stipendium-Gedanken der BKG zu ihrem heutigen Ansehen verholfen. Eine in Genf geborene, aus dem Emmental stammende Lehrerin, Fräulein Louise Aeschlimann (1843 -1910) hat per Testament der BKG, deren Mitglied sie war, eine Summe von 2000 Fr. vermacht. „Zur Verwendung für die Unterstützung armer, aber braver und strebsamer Talente“, wie der Verwendungszweck von der Spenderin ausdrücklich festgehalten wurde.  Erst 1941 wurde die Aeschlimann-Stiftung gegründet.

Ein bedeutendes Legat hat ein paar Jahre später eine Bieler Gemeindeangestellte, Margareta Corti (1899 – 1989) hinterlassen. Für „die Errichtung eines Fonds zur Unterstützung armer Bildhauer und Maler“, so die Formulierung der Spenderin. Der mit der Testamentsvollstreckung beauftragte Notar gelangte an die BKG, um das Geld einer sinngemässen Verwaltung und konkreter Verwendung zuzuführen. In der Folge entstand eine einzige Institution, eben die Aeschlimann-Corti Stiftung, kurz AC-Stiftung genannt.

Walter (pips) Vögeli (1928 -2009) Eisenauge, 1960/62, 56,5x64x22 cm. Im Besitze der Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Bern. AC-Preis 1955 und 1956
Walter (pips) Vögeli (1928 -2009) Eisenauge, 1960/62, 56,5x64x22 cm. Im Besitze der Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Bern. AC-Preis 1955 und 1956

Berühmte Namen

In regelmässigen Abständen flossen im Laufe der Jahre stets neue Mittel ein. Private Gönner und die öffentliche Hand (Stadt Bern, Burgergemeinde Bern usw.) haben das Stiftungskapital laufend gestärkt. Diverse Initiativen der BKG haben ebenfalls neue Geldquellen erschlossen. An Kreativität und Einfallsreichtum hat es den Verantwortlichen nie gefehlt, was eine spektakuläre und eher ungewohnte Weinaktion bewies, die dank Etiketten von diversen Künstlern, von Erfolg gekrönt war. Das Vermögen erreichte bald eine sechsstellige Zahl und die Stipendiengelder konnten nach und nach angehoben werden. Die erste Vergabung betrug im Jahr 1942 tausend Franken. Und der Betrag wurde zudem nie abgeholt. Seit 2005 beträgt die jährliche  Vergabung 70 000 Franken. Die BKG unterstützt jährlich junge Künstlerinnen und Künstler, vorwiegend Berner

Das AC-Stipendium ist das bestdotierte private Stipendium in der Schweiz. In den letzten 70 Jahren wurden 226 Stipendien vergeben. Nahezu 200 Künstlerinnen und Künstler (67 Frauen) wurden ausgezeichnet. 33 Künstlerinnen und Künstler wurden zweimal beglückt. Unter den Preisträgern befinden sich viele Kunstschaffende, die später berühmt wurden wie zum Beispiel der Eisenplastiker Bernhard Luginbühl, Markus Raetz, Franz Gertsch, Chantal Michel, Franz Fedier, Alfred Hofkunst, Rolf Iseli, Rudolf Mumprecht, Martin Ziegelmüller u.a.m. Prominent waren und sind auch immer die Jurymitglieder. Es sei nur an Namen wie Meret Oppenheim, Harald Szeemann. Bice Guriger, Samuel Herzog, Hans Christoph von Tavel und Sandor Kuthy (Konservatoren des Kunstmuseums Bern)  erinnert. 

Feu sacré – die Ausstellung

Parallel zum Stipendium können die geehrten Kunstschaffenden jeweils auch ihre Werke einem breiten Publikum zeigen. Die Ausstellungen finden seit ein paar Jahren abwechselnd im Kunstmuseum Bern, in Thun, Langenthal und Biel statt. Aus Anlass des Jubiläums werden im Kunstmuseum Bern unter dem Titel „Ausgezeichnetes Berner Kunstschaffen seit 1942 -  Feu sacré“ Werke von 104 Preisträgern der letzten 70 Jahre gezeigt (bis 5. Januar 2014). Kuratorin Annick Haldemann, mit der BKG und der AC Stiftung sehr verbunden, hat eine sehr originelle und überzeugende, aussagestarke Präsentation geschaffen. Zu sehen sind Werke von AC-Stipendiaten wie Peter Aerschmann, Balthasar Burkhard, Franz Gertsch (der heute in Burgdorf ein eigenes Museum hat), Bernhard Luginbühl, Julia Steiner, Markus Raetz usw.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. In sieben Dekaden aufgeteilt, vermittelt die Schau die Vielseitigkeit, die faszinierende Kreativität und den Einfallsreichtum der Künstlerinnen und Künstler. Neue Ausdrucksformen werden sichtbar. Neue Techniken, Formen und Farben lassen den Wandel der Zeit erkennen. „Ein beeindruckendes Panorama des bernischen Kunstschaffens von 1942 bis 2012 ist entstanden, das den guten Ruf von Bern als Stadt der Künstler bestätigt“, betonen Matthias Frehner, Direktor des Kunstmuseums Bern und Daniel Spanke, Kurator der Ausstellungen im Kunstmuseum Bern, im Vorwort des Katalogs. Ausgewiesene Autoren stellen Künstler und ihre Werke eingehend vor und rücken sie in kunsthistorisch relevante Dimensionen. Die Publikation ist zugleich ein aufschlussreiches, reich dokumentiertes Jubiläumsbuch der BKG. Nachvollziehbar wird hier auch die nachhaltige Wirkung der BKG-Aktivitäten in der Berner Kunstwelt ganz allgemein aufgezeichnet. Leidenschaft und Engagement der BKG-Gründer werden spürbar. „Das feu sacré brennt weiter, denn die BKG weiss sich ihrer Tradition verpflichtet“, hält  KMBE–Direktor Frehner im Katalog weiter fest.

Ka Moser (76), UZZIUSSI, 1981, Vor dem Abbruch, Wandinstallation mit 29 Bildteilen, Acryl, Linoleum (vorgefundene Kunstmuseumboden-Stücke bei Umbauarbeiten) AS-Preis 1981
Ka Moser (76), UZZIUSSI, 1981, Vor dem Abbruch, Wandinstallation mit 29 Bildteilen, Acryl, Linoleum (vorgefundene Kunstmuseumboden-Stücke bei Umbauarbeiten) AS-Preis 1981

Zeit des Aufbruchs

In der Gründung der Berner Kunstgesellschaft sind auch die Spuren eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels erkennbar. Große Veränderungen sind mit dem ausgehenden 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert verbunden. Die Kunst hat weitgehend die grosszügigen Förderer aus dem Adel und Patriziertum verloren. Auch die Kirchen gehörten nicht mehr zu den grossen Auftraggebern in der Kunstwelt. Ein tiefgreifender Umbruch zeichnete sich ab. Der große Wandel führte auch in der Welt der Kunst zur Wegsuche. Die Epoche der Moderne ist angebrochen. Im gesamten deutschsprachigen Raum sind Kräfte am Werke, um der Kunst zu neuen Lebensformen zu verhelfen. In der Schweiz gab es mehrere Experimente. Die Kunstgesellschaften waren die konkreten Umsetzungen visionärer Gedankenspiele. Die Berner Kunstgesellschaft zählt zu den ältesten Institutionen ihrer Art in der Schweiz. Nur Basel und Zürich waren etwas voraus. Hingegen ist die Zürcher Kunsthalle, immer noch von der Zürcher Kunstgesellschaft getragen, deutlich nach dem Kunstmuseum Bern nämlich erst 1910 eröffnet worden.

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Es gibt jährlich 700 Kulturpreise zu vergeben.......
Viele dieser Preisvergeber können sich Steuergelder anlachen. Siehe " kulturinfarkt" von Pius Knüsel.

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