Zeitenwende?

Christoph Zollinger's picture

Zeitenwende?

Von Christoph Zollinger, 24.08.2019

Die „schöpferische Zerstörung“, die neuen Erfindungen vorausgeht, bereitet da und dort Kopfzerbrechen. Doch Entwarnung: Wir sind eben Zeugen einer eigentliche Zeitenwende, das gab’s früher auch schon.

„Was willst du in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ So oder ähnlich dichtete Goethe. Rund 200 Jahre später würden wir das wohl nicht mehr widerspruchslos bejahen. Ausser, man empfindet das Silicon Valley in Kalifornien in Zeiten der Globalisierung als naheliegend.

Erneuern statt erhalten

Europa zeigt Altersbeschwerden. Immer mehr Menschen versuchen (auch in der Schweiz) krankhaft, die alten Zustände zu bewahren – die Zeit aufzuhalten. Diese Devise führt geradewegs ins Altersheim. Von dort kommen weder spannende Erfindungen, neue Visionen oder clevere Apps. Doch schon im letzten Jahrhundert prägte der herausragende Ökonom Joseph Schumpeter (1883–1950) jenen inzwischen berühmten Begriff: „Jede neue Entwicklung baut auf dem Prozess der schöpferischen Zerstörung auf. Dadurch werden alte Strukturen verdrängt und zerstört. So entsteht die Neuordnung.“ Wenn wir also heute lieb gewordene Produkte oder alteingesessene Unternehmen vom Markt verschwinden sehen, mag man das zwar bedauern, aber in der Folge werden mutige Ideen zu spektakulär Neuem führen. Hier einige Beispiele. Bedenkenswert ist bei der Lektüre, dass jede dieser Neuentwicklungen eine rasch steigende Beschäftigungsquote generiert – es entstehen immer auch Jobs für Niedrigqualifizierte. Dass es sich bei vielen neuen Angeboten um Dienstleistungspakete handelt, entspricht dem längerfristigen Trend der Arbeitsplatzverlagerung weg von der Produktion in den Dienstleistungssektor.

„Swiggy“ nennt sich das App, über welches in Indien das Lieblingsessen aus dem Lieblingsrestaurant auf deinen Tisch gezaubert wird. Motivierte Menschen schätzen an diesem Kurier-Job Freiheit und Flexibilität. Der Kunde ist jederzeit in der Lage, den Standort seiner Bestellung nachzuverfolgen. Der Lieferservice per Velo oder Motorrad eröffnet grosse Möglichkeiten für selbständiges Arbeiten und Expandieren. (swiggy.com)

„Impossible Foods“ mit Sitz in Redwood City, Kalifornien, stellt „gesundes Fleisch“ und Milchprodukte her. Ein Entwicklungsteam ersinnt laufend neue Artikel, wobei kein Fleisch verwendet wird, um so die negativen Auswirkungen der Massentierhaltung zu vermeiden. Absoluter Renner: der Hamburger ohne tierische Zutaten. Bereits verkaufen über 1000 Restaurants diese wohlschmeckenden, saftigen Burgers. (impossiblefoods.com)

„Anamo“, das soziale Dating-App für Schüchterne. Ohne seine eigene Identität preisgeben zu müssen, lernt das App auf spielerische Weise laufend dazu – über den Anwendenden und seine ausgewählten „Partner“ in der Nachbarschaft. Wer sich verlieben oder gar heiraten möchte – die Erfahrungsberichte sind haufenweise im Internet nachzulesen. (anamo.com)

„One Today“ ermöglicht es, Nonprofit-Organisationen auf einfache Art zu unterstützen. Das App von Google wirbt so: „One easy way to better the world. Today“ („Der einfache Weg zu einer besseren Welt. Heute“). Google-Algorithmen helfen Interessierten, geeignete Hilfsprojekte, die zu einem passen, zu finden. Natürlich geht es dabei auch um Werbung im Hintergrund. (onetoday.google.com)

„gogreen“. Dieses App plädiert für Nachhaltigkeit weltweit. Es publiziert Umweltnachrichten, die Leserinnen und Leser dazu animieren möchten, ihren Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten. Ein spezielles Augenmerk richtet sich auf die neuen Berufsgattungen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Auch Ratschläge für gesunde Nahrung werden thematisiert. (gogreen.org)

„SkinVision“. Dieses niederländische Unternehmen präsentiert sich auf seiner Homepage ohne falsche Hemmungen: „Durch unsere Technologie werden wir im nächsten Jahrzehnt 250’000 Leben retten.“ Das App dient zur Früherkennung von Hautkrebs, dessen Algorithmen können entsprechende Anzeichen im Hautgewebe erkennen. (skinvision.com)

„Ecoalf“ entstand im Jahr 2009. Der Gründer erklärt: „Ich war frustriert über die übermässige Nutzung der weltweiten natürlichen Ressourcen und die Menge an Abfällen, die von den Industrieländern produziert wurden. Ziel war es, die erste Modeserie herzustellen, die mit recycelten Materialien die gleiche Qualität, modernes Design und technischen Fortschritt erreicht, wie die besten nicht recycelten Produkte. Ich wollte zeigen, dass es nicht notwendig ist, die natürlichen Ressourcen des Planeten weiter zu verschwenden.“ Das Unternehmen produziert Kleider z. B. aus Plastikflaschen und gebrauchten Fischernetzen. Nachhaltig eben. (ecoalf.com)

„Swisswoodsolutions“. Dieses Schweizer Start-up „entwickelt das Holz von morgen. Wir sind überzeugt, dass Holz mehr kann. Deshalb möchten wir unsere innovativen Holzprodukte aus dem Labor in das 21. Jahrhundert tragen“, lesen wir auf der Homepage. Die Holzwissenschaftlerin Tanja Zimmermann ist eine der treibenden Kräfte, die z. B. aus verflüssigter Cellulose via 3-D-Drucker Hydrogene für den medizinischen Gebrauch, aber auch verschiedenste Gebrauchsgegenstände herstellt. Besonders attraktiv: Das Start-up verleiht Schweizer Holz die Eigenschaften von extrem festem Tropenholz. (swisswoodsolutions.ch)

„dfab.ch“. Auf dem NEST-Gebäude der Empa und Eawag in Dübendorf wurde im Februar 2019 das DFAB HOUSE offiziell eröffnet. Es ist das weltweit erste bewohnte „Haus“, das nicht nur digital geplant, sondern – mit Robotern und 3D-Druckern – auch weitgehend digital gebaut wurde. Die eingesetzten Bautechnologien entwickelten Forschende der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit Industriepartnern. Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen ist frappant, so ist eine Betondecke nur noch ein Drittel so schwer wie herkömmliche Betonplatten, was sich wiederum auf die Kosten vorteilhaft auswirkt. Schon heute zeichnet sich ab, dass die Digitalisierung im Baugewerbe dessen Arbeitswelt verändern wird. (dfab.ch)

„Get your Guide“ ist einer der bisherigen rund 400 ETH-Spin-offs und zugleich eine der grössten Erfolgsgeschichten. Innerhalb von zehn Jahren ist aus einem ambitionierten Trupp von Studenten ein Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden an 16 Standorten geworden. Auch hier ist die Grundidee eine einfache: „Auf der Internet-Plattform kann man vor einer Reise aus bis zu 50’000 Touren und Aktivitäten in 7500 Destinationen einen persönlichen Führer (Guide) auswählen. 25 Millionen Buchungen sind über die Plattform seit der Gründung getätigt worden“ (NZZ). Auf ihrer Homepage (GetYourGuide.ch) preisen die Jungunternehmer sich so an: „Übertrieben guten Urlaub machen – finde und buche einzigartige Erlebnisse weltweit.“

Zum Abschluss dieser willkürlichen Aufstellung hier noch einige Highlights aus dem Umfeld der Universität Zürich, entnommen dem UZHmagazin unter dem Titel „Findige Köpfe – Zündende Ideen für den Markt“. Ein neues Implantat aus fortschrittlichen Biomaterialien verkürzt die Operations- und Rehabilitationszeit bei Kreuzbandrissen (zurimed.com). Der Spin-off Anaveon hat einen neuartigen Antikörper für Immuntherapie gegen Krebs entwickelt (anaveon.com). Die Online-Plattform lend.ch bringt Anleger direkt mit Kreditnehmern zusammen, unter Ausschaltung der Bank als Vermittlerin (lend.ch). „Schatzsuche“ heisst das erste Computerspiel, das für die Psychotherapie von Kindern mit Angststörungen, Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten geschaffen wurde (treasurehunt.uzh.ch).

Schön wäre es, wenn auch auf dem politischen Parkett entsprechende „findige Köpfe“ für einen Erneuerungsschub sorgen könnten. Der Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ als Vorbereitung auf das Wirken neuer Kräfte im Bundeshaus. Mit Fokus auf die Zukunft.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Wir sind also so weit: Es knistert im (neoliberalen) Gebälk
Die freie Marktwirtschaft ist am Ende. Anstatt Wohlstand für alle, wie nach der neoliberalen Revolution, nach dem Sieg über den Keynesianismus vollmundig versprochen wurde, eine ganz gewöhnliche ökonomische Krise. Marx lässt grüßen. Das neoliberale Modell hat versagt. Die ganze NEO Theorie ist keine Wissenschaft, sondern nur ein Irrtum. Eine Ideologie.
Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der WiWi. Wir müssen die Marktwirtschaft neu denken.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren