Wirbel um eine Hinrichtung

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Wirbel um eine Hinrichtung

Von Armin Wertz, 18.06.2017

Die Exekution Kaiser Maximilians vor 150 Jahren löste in Europa einen Sturm der Entrüstung aus.

Ein mexikanisches Exekutionskommando von sechs jungen Soldaten war auf dem Cerro de las Campanas (Glockenhügel) bei Querétaro angetreten, um das Urteil zu vollstrecken. „Am 19. Juni um sieben Uhr morgens starb der Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich“, berichtete das „Boletín Republicano“ am nächsten Tag.

Es war das Ende eines französischen Abenteuers auf dem amerikanischen Kontinent. Als Mexikos gewählter Präsident Benito Juárez die Rückzahlung der europäischen Kredite in Höhe von 82 Millionen US-Dollar für zwei Jahre eingestellt und zudem den spanischen Gesandten sowie den päpstlichen Legaten des Landes verwiesen hatte, nutzte Frankreichs Kaiser Napoleon III. die Gelegenheit, Truppen in die nordamerikanische Republik zu entsenden, den renitenten Präsidenten zu vertreiben und auch in Lateinamerika ein Kaiserreich zu errichten – sehr zum Verdruss der Vereinigten Staaten, die Lateinamerika als ihren Hinterhof betrachteten, in dem europäische Mächte nichts zu suchen hatten. Das hatte Washington schon dreissig Jahre zuvor mit der Monroe-Doktrin klargestellt.

Kaiser Maximilian I. Von Mexiko (1865), Foto: François Aubert (Lyon, 1829; Condrieu, 1906)
Kaiser Maximilian I. Von Mexiko (1865), Foto: François Aubert (Lyon, 1829; Condrieu, 1906)

Napoleon überredete den jüngeren Bruder des österreichischen Kaisers Franz Josef, und der liess sich am 10. April 1864 in seinem Schloss Miramare bei Triest zum Kaiser von Mexiko krönen. Doch ausser vom katholischen Klerus und von der reaktionären Landaristokratie, die immer noch an der Leibeigenschaft festhielt, fand der junge Kaiser keine Unterstützung in dem fremden Land.

Amerikanischer Druck, die Kosten für den Unterhalt der Truppen in Mexiko sowie die Spannungen mit Preussen veranlassten Napoleon schliesslich, das mexikanische Abenteuer aufzugeben. Am 5. Februar 1867 zogen die französischen Verbände aus Mexiko-Stadt ab und schifften sich in Veracruz in die Heimat ein. Nur drei Monate später, drei Jahre nachdem er zum ersten Mal mexikanischen Boden betreten hatte, war Kaiser Maximilian Benito Juárez‘ Gefangener und wurde von einem Kriegsgericht des Verrats an der Mexikanischen Republik, der Unterstützung einer Invasionsarmee, die Krieg gegen die Republik führte, der Annahme des Titels eines Kaisers von Mexiko und somit des Umsturzversuchs gegen die gesetzmässige Regierung der Republik und der Entfachung eines Bürgerkriegs für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

Benito Juárez, Quelle: Johnson, Wilson & Company, New York 1873
Benito Juárez, Quelle: Johnson, Wilson & Company, New York 1873

Das Klassenbewusstsein der Monarchen ...

Europa war entsetzt. Man versuchte, das Leben des Verurteilten zu retten, eine Begnadigung zu erreichen. „Gesetzlos wie diese Mexikaner sind, so hoffe ich doch, dass sogar sie erst einmal abwarten, ehe sie jedes europäische Gefühl mit der Ermordung des Kaisers in Wut versetzen“, empörte man sich im Londoner St. James’s Palace. Die europäischen Regierungen unterhielten keine diplomatischen Beziehungen zu Juárez und wandten sich an die Vereinigten Staaten um Hilfe. Die Botschafter Österreichs und Preussens in Washington wurden bei US-Aussenminister William Seward vorstellig. Seward versprach zwar zu helfen. Doch der Gesandte Washingtons hielt sich in New Orleans und nicht in Mexiko auf, weil er nicht wusste, wo Juárez war. Sogar der italienische Revolutionär Guiseppe Garibaldi und Frankreichs Victor Hugo, die den Kampf der Republik gegen die aufgezwungene Monarchie energisch unterstützt hatten, baten um Milde. Welch überlegene Moral Mexikos Liberale beweisen könnten, wenn sie das Leben Maximilians, dessen Bruder Franz Joseph so viele italienische Patrioten hinrichten liess, verschonten.

Preussen, das erst ein Jahr zuvor Österreich in Königgrätz in einer verlustreichen Schlacht vernichtend geschlagen hatte, schickte seinen Botschafter, Baron Magnus, aus Washington nach Mexiko, wo ihm Juárez‘ Aussen-, Innen- und Justizminister Lerdo de Tejada die Position seiner Regierung erläuterte. Wenn Maximilian begnadigt würde, wäre es unlogisch und ungerecht, seine Untergebenen, die zahlreiche Hinrichtungen durchgeführt hatten, zu bestrafen. Das Volk von Mexiko aber würde es nie akzeptieren, dass all die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die den Republikanern unter Maximilian angetan worden seien, nicht geahndet würden. Zudem sei es unvermeidlich, dass  Maximilian nach einer Rückkehr nach Europa – was immer er verspräche –  wieder zum Zentrum neuer Verschwörungen reaktionärer Mexikaner im Exil und europäischer Regierungen würde. Und sie alle würden eine Begnadigung Maximilians nur als Zeichen der Schwäche der liberalen Regierung verstehen.

... und die Hofberichterstattung in der Presse

Europa, das zuvor über das brutale Vorgehen der französischen Truppen gegen Juárez‘ Anhänger oder über Kaiser Maximilians „Schwarzes Dekret“, in dem er die Hinrichtung jedes gefangenen Gegners ohne Gerichtsverfahren angeordnet hatte, kein Wort verloren hatte, war empört über die Hinrichtung des Habsburgers. Der Pariser „Le Moniteur“ berichtete, Maximilian sei „von elenden Lumpen, in deren Hände er gefallen war“, erschossen worden. Der Präsident des französischen Senats unterrichtete seine Kollegen, dass „ein schreckliches Verbrechen, das gegen die Gesetze des Krieges, der Nationen und der Menschlichkeit verstiess, begangen wurde“.

Die Mexikaner seien „ein schreckliches Volk“, das „mit dem Körper des armen Max Handel getrieben, Teile seines Schädels, seiner Haut und seines Haares verkauft hat“, verbreitete Maximilians enger Berater, der Belgier Felix Eloin, klassische „fake news“. Daraufhin schrieb Queen Victoria, dass es „eine ewige Schande wäre, wenn wir irgendwelche diplomatischen Beziehungen mit einer derart blutrünstigen Regierung wie diesem Monster Juárez unterhielten“. Die deutschen Zeitungen folgten brav der Linie des preussischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (der sich offenbar anmasste, für alle Deutschen zu sprechen) und brachten die „Trauer und die Entrüstung des deutschen Volkes“ zum Ausdruck. Eine Berliner Zeitung beobachtete, der preussische Hof und das Volk seien zutiefst erschüttert, eine Hamburger Zeitung behauptete, „jeder Sohn Deutschlands“ beklage das Schicksal Maximilians. Und die „New York Times“ verurteilte in einem Leitartikel unter der Überschrift „Die mexikanischen Wilden und ihr Verbrechen“ die „blutige Tragödie“, die in Queretaro von „Horden, die sich Liberale nennen, die aber einen Platz ausserhalb der Zivilisation einnehmen, in Szene gesetzt wurde“.

Nur wenige fanden Worte des Verständnisses für Juárez und seine Anhänger. Im amerikanischen Repräsentantenhaus reichte der Abgeordnete aus Illinois eine Resolution ein, in der er Juárez zu seinem Sieg über Maximilian gratulierte und „all seine Handlungen“ als „völlig richtig und angebracht“ beschrieb. Der republikanische Kongressabgeordnete Thaddeus Stevens prangerte den „Wirbel, der um die heldenhafte Hinrichtung von Mördern und Piraten gemacht wurde“ an. Und in einem Brief vertraute ein junger französischer Journalist, der New Yorker Korrespondent der Pariser Zeitung „Le Temps“ Georges Clemenceau, einem Vertrauten an, was er in seiner Zeitung nicht schreiben durfte: Als Republikaner und Demokrat hasse er alle Kaiser, Könige, Erzherzöge und Prinzen. „Zwischen uns und diesen Leuten herrscht Krieg bis in den Tod. Sie haben Millionen von uns zu Tode gefoltert, und ich wette, wir haben nicht zwei Dutzend von ihnen getötet.“

Auf Bitten seines Bruders, Kaiser Franz Joseph, holte dieselbe berühmte Fregatte „Novara“, der zwischen 1857 und 1859 eine Weltumsegelung gelungen und in der er 1864 nach Mexiko gesegelt war, die sterblichen Überreste Maximilians aus Veracruz ab und brachte sie nach Europa. An einem verschneiten Januartag des Jahres 1868 wurde der Leichnam in der Familiengruft der Habsburger im Kapuziner-Kloster am Wiener Neuen Markt beigesetzt.

Übrig blieb die Erinnerung an eine Episode

Juárez‘ Regierung erwies sich als weit weniger blutrünstig, als an den europäischen Fürstenhöfen und in europäischen Gazetten beschrieben. Neben Maximilian wurden nach dem Sieg der Republik über die Monarchie nur fünf Generäle, die sich schwerer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, hingerichtet. Im September 1870 erliess die Regierung eine Generalamnestie, unter der alle, die mit der französischen Besatzungsmacht und Maximilian kollaboriert hatten, begnadigt wurden. Der letzte Gefangene war schon im August 1868 freigelassen worden. Zu den Vereinigten Staaten unterhielt Juárez ausgezeichnete Beziehungen. Nur die europäischen Regierungen gaben sich verstimmt und versuchten, Mexiko diplomatisch zu isolieren. Sie wollten niemals diplomatische Beziehungen zu dem „blutbesudelten Mörder Juárez“ aufnehmen. Den ersten Schritt unternahm schliesslich Preussen, das Juárez 1869 Handelsbeziehungen vorschlug. Juárez stimmte zu, und nun wollten sich auch die anderen europäischen Regierungen die Geschäfte nicht entgehen lassen.

Nachtrag:

Benito Juárez, ein Zapoteke aus Oaxaca, wird heute in Mexiko als der einzige Präsident in der Geschichte des Landes verehrt, der nicht korrupt war.

1917 wurde in Paris ein Mexikaner namens Sedano als Spion des Deutschen Reiches von einem Exekutionskommando hingerichtet. Sedano war der Sohn Maximilians und der Tochter seines Gärtners auf seinem Landsitz in Cuernavaca.                         

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