Winterdampf

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Winterdampf

Von Dieter Imboden, 07.01.2020

Eine Fahrt auf dem Thunersee im Winter, die daran erinnert, dass Veränderungen immer von Personen gemacht werden, nicht von Strategien und Konzepten.

Am 31. Januar 1998 kam Hillary Clinton nach Luzern und stattete unter  anderem dem kurz zuvor gegründeten Kinderparlament einen Besuch ab. Darüber hinaus hegte die First Lady einen ganz besonderen Wunsch: Eine Dampfschifffahrt auf dem Vierwaldstättersee. Nur, im Winter sind auf Schweizer Seen kaum Schiffe unterwegs – schon gar keine Dampfschiffe. Das war, seit die Schifffahrt in der Schweiz vor allem dem Tourismus dient, „schon immer so“ und wäre vielleicht auch in Zukunft immer so geblieben, hätte der damalige Stadtpräsident von Luzern, Urs W. Studer, nicht die Gunst der Stunde erkannt. Er sorgte dafür, dass das Undenkbare möglich wurde.

Eine Sonderfahrt für Hillary Clinton

Hillary fuhr an jenem Tag im Januar, begleitet von einer fröhlichen Gesellschaft, auf der Uri, einem der fünf Dampfschiffe der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV), von Luzern nach Brunnen. Und weil diese besondere Fahrt auf grosses Interesse gestossen war, entstand daraus eine bis heute andauernde Tradition: Wenn die Tage kurz sind und die Schweiz sich auf Weihnachtsbäume, Silvesterlärm und Wintertourismus einstellt, offeriert die SGV unter dem Titel „Winterdampf“ Fahrten auf einem ihrer wunderbaren Dampfschiffe.

Knappe fünfzehn Jahre später, im Winter 2012/13, wurde auch die BLS, die Betreiberin der Schifffahrt auf dem Thunersee, vom Winterdampfvirus angesteckt. Seither verkehrt über Weihnachten und Neujahr ihr Dampfschiff, die Blümlisalp, zwischen Thun und Interlaken.

Blüemlisalp: Aufgang zum Oberdeck. (Alle Bilder D. Imboden)
Blüemlisalp: Aufgang zum Oberdeck. (Alle Bilder D. Imboden)

Cherchez la femme, cherchez les hommes

Was war da geschehen? – Das „Cherchez la femme“ – also Hillary – liefert für einmal nur den kleineren Teil der Erklärung; für den andern Teil gilt: „Cherchez les hommes.“  Den einen haben wir schon erwähnt, Luzerns Stadtpräsidenten Studer. Er hätte damals wohl auf massiven Gotthard-Granit gebissen, hätte die SGV nicht  zu jener Zeit in der Person von Hans Meiner über einen äusserst innovativen und flexiblen Direktor verfügt, der sich, viele Jahre früher als die energische Dame im nördlichen Nachbarland, gesagt haben muss: „Wir schaffen das.“

Hans Meiner, doktorierter Physiker der Universität Basel, der in den 1970er Jahren seine kernphysikalische Forschung zugunsten einer Stabsstelle bei den SBB aufgegeben hatte, wurde als Eisenbahn-Naturtalent geboren. Er brauchte keine langjährige Fachausbildung, um in der Welt des öffentlichen Verkehrs immer wieder zu erreichen, was Spezialisten vorher für unmöglich gehalten hatten. In jungen Jahren hat er mitgeholfen, die Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee vor der Verschrottung zu retten, jene einmalige Flotte, um welche die SGV heute beneidet wird und für welche Meiner dann später, von 1987 bis 2002, als Direktor verantwortlich gewesen war.

Der „Spinnerclub“

Doch berühmt gemacht hat ihn seine Zeit bei der SBB, wo es ihm zusammen mit zwei Kollegen gelungen war, die Generaldirektion vom Sinn und der Machbarkeit eines Taktfahrplans für die Schweiz zu überzeugen. Der „Spinnerclub“, wie die Gruppe damals genannt worden war, hatte, nachdem die Idee von den Vorgesetzten mit dem altbekannten Motto „Geht nicht“ quittiert worden war, in nur sechs Monaten zuhause an Küchen- und Stubentischen einen ersten Vorschlag für einen solchen Fahrplan ausgearbeitet und damit jenen „Tatbeweis“ geschaffen, welche die SBB-Chefs dann nicht länger ignorieren konnten. Es dauerte zwar weitere zehn Jahre bis zur Realisierung, doch seit Mai 1982 fährt der Schweizer ÖV im Takt.

Hans hätte nicht Meiner geheissen, wenn aus Hillarys Dampferfahrt nicht Bleibendes geworden wäre, nämlich die Tradition des „Winterdampfs“ auf dem Vierwaldstättersee. Und weil Hans Meiner im Jahre 2011 – er war unterdessen bei der SGV pensioniert worden – von der BLS zur interimistischen Leitung der BLS Schifffahrt verpflichtet worden war, hielt im Winter 2012/2013 der Winterdampf auch auf dem Thunersee Einzug.

Es ist der 28. Dezember 2019: Meine Frau und ich treffen Hans Meiner, mit dem ich seit unserem gemeinsamen Physikstudium in Basel befreundet bin, auf Gleis 3 des Bahnhofs Bern. Er steht, zusammen mit einer Zugsbegleiterin der BLS, bei einer noch offenen Türe des Zuges auf dem Nachbargleis. Meine Nervosität, die mich auf der ganzen Fahrt von Zürich im Griff gehabt hat, schwindet. In Zürich ist unser Zug wegen eines Defektes an der Lokomotive mit einer Verspätung von zehn Minuten abgefahren und auf der Strecke, weil aus dem Rhythmus geraten, noch ein paar weitere Minuten zurückgefallen. Hans, von mir telefonisch über unser Malheur informiert, hat offenbar beim Zugspersonal des „Lötschbergers“ seine ganze Überzeugungskraft eingesetzt, so dass der Zug ein paar zusätzliche Minuten gewartet hat. So erreichen wir Thun doch noch rechtzeitig.

„Raucherstübli“ reserviert

Das ehemalige Raucherstübli auf der Blüemlisalp
Das ehemalige Raucherstübli auf der Blüemlisalp

Die Blümlisalp liegt am Quai des kurzen Kanals, der von der Aare zum Bahnhof Thun führt. Der Kapitän und seine Mannschaft stehen zum Empfang der Passagiere am Steg. Ihren ehemaligen Chef begrüssen sie mit Handschlag. Das einstige „Raucherstübli“ auf dem vorderen Oberdeck, das längst den Nichtrauchern gehört, sei reserviert. Kaum haben wir dort unsere Sachen abgelegt, ertönt die Dampfpfeife, das Zeichen zur Abfahrt. Ich komme kaum nach mit Schauen. Ein freundlicher Kellner bringt uns Kaffee und Gipfeli ins Stübli, doch vorher muss ich selbstverständlich zuschauen, wie der Kapitän sein Schiff durch den schmalen Kanal in die Aare und weiter in den Thunersee steuert und dabei seine Manöver im Kopf mitdenken.

Über dem See liegen die letzten Wolkenbänke; noch verhüllen sie die breite Pyramide des Niesen. Vor dem noch blassen Blau des Himmels werden gegen Osten die weissen Gipfel der Berner Alpen sichtbar. Nach tagelangem Regen und Sturm zeigt sich die Natur von ihrer zarten, ja fast frühlingshaften Seite, als wollte sie sich dafür entschuldigen, während der Weihnachtstage nur Regen und Sturm gebracht zu haben. Doch das Publikum hegt keinen Groll – im Gegenteil: auf beiden Decks sind die Tische voll besetzt. Der Chef de Service sagt uns später, die Winterfahrten seien derart beliebt, dass an den vorausgegangenen trüben Tagen der Andrang nicht kleiner gewesen sei.

Im Schnee auf dem Niederrhorn

Spiez mit Schloss und Palmen
Spiez mit Schloss und Palmen

In Spiez steigen weitere Passagiere zu. Ein paar Palmen beim Landungssteg lassen für einen Augenblick Ort und Jahreszeit vergessen. Dann dampft die Blümlisalp quer über den See zur Beatenbucht. Der unterdessen strahlend blaue Himmel und die nahen Berge wecken die Sehnsucht nach luftiger Höhe – auch bei eingefleischten Dampferfans. Während die Blümlisalp zurück nach Thun fährt, reisen wir – gänzlich unsportlich und bequem – in Drahtseil- und Luftseilbahn aufs Niederhorn (1963 m ü. M.). Auf 1300 m Höhe wechselt das Grün der Matten abrupt ins winterliche Weiss. Vor dem Bergrestaurant Niederhorn sitzt man an der Sonne und schaut hinüber zu Jungfrau, Mönch und Eiger. Oben funkelnder Schnee, unten dunkelgrüne Wiesen und Wälder und der fast schwarze See – eine mystische Stimmung.

Blick vom Niederhorn Richtung Niesen, im Tal der Thunersee
Blick vom Niederhorn Richtung Niesen, im Tal der Thunersee

Um halb zwei sind wir zurück an der Schiffsstation. Von weitem sehen wir die Blümlisalp auf ihrer zweiten Fahrt von Gunten quer über den See nach Spiez gleiten. Elegant und stolz dampft das Schiff über „seinen See“. Kaum zu denken, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Ich erinnere mich an einen Ausflug ins Kanderdelta vor über 40 Jahren, als ich auf der Suche nach der 1971 ausrangierten Blümlisalp Schutzzäune überstiegen und Verbotsschilder missachtet und das Schiff schliesslich in einem Baggersee gefunden hatte, durch schwimmende Balken notdürftig geschützt vor Vandalen, aber dennoch in einem traurigen Zustand, der Witterung ausgesetzt, die Salons ohne Fensterscheiben.

Erinnerungen an die ausrangierte «Blüemlisalp»

Die Blüemlisalp im Kanderdelta, April 1978
Die Blüemlisalp im Kanderdelta, April 1978

In meinem Fotoalbum finde ich zwei Bilder von jenem Ausflug im April 1978, der mir damals auf dem Rückweg den Zorn und die Androhung einer Verzeigung eines Naturschutzaufsehers eingebracht hatte. Ich musste all meine Überzeugungskraft mobilisieren, um den aufgebrachten Vogelschützer davon zu überzeugen, dass auch Dampfschiffe Schutz nötig hätten. Schliesslich liess er mich springen.

Damals war ich sicher gewesen, das Schicksal des Schiffes sei endgültig besiegelt. Tatsächlich rostete es fast 20 Jahre im Kanderdelta vor sich hin, bis der Verein Vaporama die Blümlisalp in letzter Minute rettete, während zwei Jahren vollkommen renovierte und schliesslich im Mai 1992 auf ihre zweite Jungfernfahrt schickte.

Zurück zum Thunersee

Die Dampfpfeife des nahenden Schiffes weckt mich aus den Erinnerungen. Elegant legt der Kapitän, mit dem Maschinisten im Schiffsbauch nur akustisch verbunden, die Blümlisalp an den Steg. Es ist höchste Zeit fürs Mittagessen. Man hat uns im Raucherstübli den Tisch festlich gedeckt. Trotz der vielen Leute ist der Service schnell und freundlich. Nur während der 20-minütigen Wendezeit in Interlaken gönnt sich das Personal eine kurze Pause. Rückwärts fährt die Blümlisalp danach durch den fast 3 km langen Schifffahrtskanal zurück in den Thunersee und dann, im Zickzack zwischen den Ufern, zurück nach Thun. Vor Hünibach, der letzten Station vor Thun, wendet der Kapitän und legt das Schiff rückwärts an. Das sei so Tradition, erklärt Hans, um ein aufwendiges Wendemanöver in der Nähe der Mündung der Aare zu vermeiden. Im Gegensatz zum Interlakener Kanal fahren die Schiffe hier rückwärts in die Aare, den Bug gegen die Strömung haltend. Der pensionierte Hobby-Kapitän findet diese Regelung vernünftig.

Es ist schon dunkel, als wir in Thun anlegen. Zwar haben wegen des schönen Ausflugswetters die Züge Richtung Bern und Zürich Verspätung, aber diesmal lässt mich das kühl.

Keine Rosen ohne Dornen

Auf der Heimfahrt frage ich mich: Was wäre wohl heute auf dem Zürichsee – abgesehen vom einst gegen jede Vernunft eingeführten Schiffs-Fünfliber und dessen plötzlicher Wiederabschaffung und abgesehen von Seeanwohnern, welche wegen des Schiffshorns die Gerichte bemüht haben – wenn Hans Meiner auch einmal Direktor der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft gewesen wäre? – Vielleicht gäbe es auch hier Winterdampf.

PS: Keine Rosen ohne Dornen! – Auf dem Vierwaldstättersee werden im Winter Dampfschiffe leider nur noch für Spezialfahrten eingesetzt, was ich als Mitglied der Dampferfreunde des Vierwaldstättersees sehr bedaure. Und auf dem Thunersee wird aus bei  Fachleuten umstrittenen Gründen jeweils nach Neujahr der Seespiegel abgesenkt, so dass danach die Blümlisalp in Thun nicht mehr anlegen kann und der Winterdampf jeweils anfangs Januar wieder eingestellt werden muss. Aber die nächsten Weihnachten und der nächste Winterdampf kommen bestimmt.

Kommentare

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Diese efreuliche aber auch abenteuerliche Geschichte ist
so erfrischend geschrieben, einfach toll.
Vielen Dank.

Wunderbar, Danke!

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