Wie düster sind die Zeiten?

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Wie düster sind die Zeiten?

Von Reinhard Meier, 19.10.2020

An unheimlichen Aktualitäten herrscht kein Mangel: Trump, Corona, Klimakrise. Aber die Besinnung auf grössere Zeiträume kann auch den Blick auf zuversichtliche Perspektiven öffnen.

Es ist Herbst, die Blätter fallen, die Tage werden kürzer. Die Corona-Pandemie nimmt uns wieder schwerer in Griff, die Klimakrise schreitet weiter, vielleicht wird in den USA Trump wiedergewählt. Kein Wunder, dass man als Zeitgenosse die allgemeine Stimmung als eher düster, angespannt und nervös wahrnimmt.

Attenboroughs Weltsicht

Doch die Vielfalt an Meinungen, Informationen und Wissenszugriffen, die uns modernen Menschen heute auf einfachsten Wegen zur Verfügung stehen, kann uns gleichzeitig auch zu weniger aufgeregten, gelasseneren Gemütszuständen verhelfen. Zum Beispiel indem man sich auf Netflix den jüngsten Film des 94-jährigen Naturfilmers David Attenborough, «A life on our Planet», anschaut. Der weltberühmte britische Forscher und Publizist zeigt uns damit eine Art Bilanz seiner lebenslangen Naturbeobachtungen auf allen Kontinenten. Es sind atemraubende Bilder von den Wundern der Natur – aber auch von deren Zerstörungen und Gefährdungen durch menschliche Eingriffe und Raubbau.

Vielleicht am eindrucksvollsten führt der Film die Zusammenschau von Untergang und Wiederaufleben am Bespiel von Tschernobyl vor Augen. Attenborough wandert am Anfang durch die leeren, zerfallenen Häuser der ukrainischen Stadt, die 1986 von den Einwohnern wegen der Explosion eines Atomreaktors fluchtartig verlassen werden mussten. Am Ende aber sehen wir auch, wie dreissig Jahre später Pflanzen und Tiere die Geisterstadt wieder mit Natur beleben.

Attenborough kommentiert ruhig und klar, ohne Beschönigungen, aber auch ohne aufgeregte Weltuntergangshysterie. «Es geht nicht darum, den Planeten zu retten. Die Natur wird sich wieder erholen, mit oder ohne uns», sagt er sachlich und weise. Er zeigt auch Beispiele, wo die gefährdete Fauna und Flora durch kluge Massnahmen zu nachhaltiger Nutzung erweckt wurde.

In längeren Zeitabschnitten denkern

Zu einiger Gelassenheit inspirierte unlängst auch ein langes Gespräch des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden, der seit sieben Jahren ausgerechnet in Moskau leben muss, da die USA ihn als Geheimnisverräter betrachten. Dabei hat er nur die Öffentlichkeit über flächendeckende geheime Abhörpraktiken informiert, über die die Bürger in einem demokratischen Staat Kenntnis haben müssten. Snowden sagte in dem Interview mit der «Zeit», er mache sich nicht allzu schwere Sorgen über seine Lage, er versuche vielmehr «in längeren Zeitabschnitten zu denken». Und wenn man «die Geschichte betrachtet, woher wir kommen und wie die Welt heute aussieht – dann werden die Dinge besser. Trotz aller Probleme».

Nicht jeder kritische Zeitgenosse wird dieser Weltsicht zustimmen. Schliesslich gibt es immer noch genug Elend und Ungerechtigkeit auf der Welt. Aber den Zweiflern oder Nostalgikern kann man auch die Frage des vor zwei Jahren verstorbenen französischen Soziologen Michel Serres entgegenstellen: «Was genau war früher besser?»

Trump und Hegels Maulwurf

Pandemien und Seuchen, wie sie uns gegenwärtig in Form des Corona-Virus heimsuchen und beängstigen, waren die Menschen in früheren Jahrhunderten jedenfalls weitaus hilfloser und ratloser ausgeliefert – und ohne Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff. Man braucht dazu nur an die sogenannte Spanische Grippe zu denken, an der nach 1918 weltweit mehr Menschen starben als während des ganzen Ersten Weltkrieges.

Und wenn Trump im kommenden Monat doch wieder zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird? Erfreulich und ermutigend wäre das für sehr viele Menschen innerhalb und ausserhalb der USA gewiss nicht. Aber muss man deswegen gleich den Weltuntergang oder mindestens die Auferstehung des Faschismus an die Wand malen? Haben solche Beschwörungen nicht eher mit der Lust am Nervenkitzel oder der eigenen Bestätigung von Vorurteilen zu tun?

Wem solche Erklärungen für die innere Seelenruhe nicht ausreichen, könnte sich mit den Deutungen des Philosophen Georg Willhelm Friedrich Hegel trösten, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Hegel verglich den von ihm beschriebenen Weltgeist mit einem Maulwurf. Dieser wühlt sich zwar unterirdisch und meist unsichtbar für die Menschheit durch die Erde. Aber trotz Rückschlägen und zeitweisem Stillstand kommt er über die Jahrhunderte immer in Richtung Fortschritt voran.

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Ich vermag diesem gut gemeinten Artikel wenig Tröstliches abzugewinnen.
Weder die langen Zeitabschnitte, noch die Hegelsche Theorie und am wenigsten Attenburougs Fotos über Tschernobyl.
Vor zwei Wochen war zu lesen, dass erlegte Wildsäue aus Graubünden verbrannt werden müssen, weil sie Tschernobyl-radioaktiv sind. Das nach dreissig Jahren und in der Schweiz.
Die Fotos zeigen auch nicht die verunstalteten Babies und die Krebs- und Leukämie Erkrankten.
Trotzdem ist der Film von ihm unbedingt sehenswert.
Noch wichtiger ist es, den Film 'Greta' anzuschauen und anschliessend zu handeln.
Das Handeln ist das wirklich tröstliche und angemessene in diesen dunklen Zeiten! Z.B: als Wählerin und Wähler und als KonsumentIn.

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