Wenn Wissenschaftssprache einschüchtert

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Wenn Wissenschaftssprache einschüchtert

Von Carl Bossard, 03.06.2018

Pädagogische Offizialsprache wirkt oft wie terminologisches Imponiergehabe statt als Vorbild. Ein Blick in den Lehrplan 21 zeigt es. Eine halblaute Frage.

Alles ist und alles geschieht in der Sprache; ohne sie hat nichts Bestand, meint der Erzähler und intellektuelle Querkopf Martin Walser. Sprache ist eines der subtilsten und zugleich unberechenbarsten Werkzeuge des Menschen – im glücklichen Fall kann man mit ihr alles erreichen, oder man kann an ihr und mit ihr scheitern.

Lehrerinnen und Lehrer wirken über die Sprache

Nicht daran scheitern dürfen Lehrpersonen. Im Gegenteil. Sprache ist ihr wichtigstes Instrumentarium. Lehrerinnen und Lehrer haben keine Südfrüchte, keine Staubsauger, keine Rasenmäher. Sie haben nichts als Sprache. Nichts als Worte. Ihr Beruf ist Sprache, schrieb der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler. Darum sei die Sprache für sie auch so elementar. Klar und präzis müsse sie sein.

Ein Blick in die offizielle Bildungssprache zeigt vielfach das Gegenteil. Der Einstieg von Junglehrern in den Schulalltag wird von einer Pädagogischen Hochschule etwa so charakterisiert: „Eine qualitative Studie zum Berufseinstieg setzt den Fokus auf die Untersuchung der Gelingensfaktoren des Übergangs von der Ausbildung in den Beruf. Es wird davon ausgegangen, dass neben individuellen Faktoren der Lehrperson Fragen der Passung zu den Kontextbedingungen des Arbeitsplatzes bei der Ausgestaltung des Berufseinstiegs in den ersten Arbeitsmonaten mit eine entscheidende Rolle spielen.“

Luhmann warnt von der Lingua blablativa

Bieder-banale Selbstverständlichkeiten werden in hochtrabenden Wissenschaftsschwulst verpackt, in eine Lingua blablativa, wie es der Systemtheoretiker Niklas Luhmann ausdrückte. So läuft leider pädagogische Offizialschreibe. Als pseudowissenschaftliches Sprachgewölk, das nur einen Zweck erreicht: Statt das Problem zur Sprache und auf den Begriff zu bringen, palavert es die Sache hinaus. Und hüllt den Leser in Nebelschwaden.

Die Aussage zum Berufsstart liesse sich ohne nennenswerten Sinnverlust um fast die Hälfte kürzen: „Beim Einstieg einer Lehrperson in den Unterrichtsalltag sollten individuelle Persönlichkeitsmerkmale und Ansprüche des Arbeitsplatzes möglichst übereinstimmen. Das erhöht die Startchancen, wie eine Studie über den Berufsbeginn junger Pädagogen zeigt.“ Oder ist das für Bildungsexperten zu simpel, zu verständlich, zu wenig beeindruckend? Konstruieren sie darum wortreiches Geschwätz und Getöse?

In der Wissenschaft gibt es keine Fast-Food-Statements

Fachwissenschaften müssen ihre Fachsprache sprechen. Daran zweifelt niemand. Niemand kann Ergebnisse der Humangenetik und der Nuklearmedizin, der Atomphysik und der Biochemie, der Pharmazeutik und der Computerwissenschaften in jener Alltagssprache wiedergeben, die allen vertraut ist. Auch philosophische Erkenntnisse, juristische Sachverhalte, ökonomische Einsichten fallen nicht einfach vom Himmel – man muss sie in zäher Arbeit erwerben und kann sie in der ihr eigenen Fachsprache präziser fassen.

Oder anders gesagt: Wissenschaften haben ihre eigenen Probleme, die aus der Sache kommen – und darum ist auch ihre Sprache und sind ihre Begriffe nicht in Windeseile pfannenfertig zu präsentieren. Mundgerechte Fast-Food-Statements verkennen die Sache. Das gilt auch für die Pädagogik.

Schule und Unterricht in Atemnot

Doch Ärger und Unverständnis bereiten nicht solche Schwierigkeiten. Sie ergeben sich aus der Natur von Wissenschaft und Forschung – aus wirklicher Wissenschaft und wirklicher Forschung, das sei betont. Ärgerlich ist die Sucht vieler Bildungsbürokraten, alles und jedes in einer Sprache auszudrücken, die wissenschaftlich ist oder wenigstens wissenschaftlich klingt. Vielfach ist diese Sprechweise ja gar keine Wissenschaft; oft sind es nur leere Worthülsen, ist es begriffliches Imponiergehabe. Man möchte als Bildungsexperte Eindruck machen – und einschüchtern.

In der Pädagogik ist in den letzten Jahren vieles oder fast alles „verwissenschaftlicht“ worden. Aus Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern wurden Bildungsforscher. Keine Frage, es klingt wesentlich besser. Das alles könnte einen gleichgültig lassen; man könnte es mit einem Schuss Ironie und gar mit Sarkasmus hinnehmen. Doch es hat Folgen. Ein fast unkontrolliert wuchernder Fachjargon schafft Gräben und Grenzen. Akademische Dachterrasse in schulerfahrungsverdünnter Luft und pädagogisches Parterre entfremden sich zusehends. Der Drang, alles zu verwissenschaftlichen, bringt Bildung und Unterricht in Atemnot. Das erkennt man in offiziellen Dokumenten, das überträgt sich auf die Ausbildung, das zeigt sich im Alltag.

Unverständliche Sätze erzielen keine Wirkung

Ein Beispiel aus dem Lehrplan 21 macht es deutlich. „Die Orientierung an Kompetenzen im Lehrplan 21 basiert u. a. auf den Ausführungen von Franz E. Weinert. Nach ihm umfassen Kompetenzen mehrere inhalts- und prozessbezogene Facetten: Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, aber auch Bereitschaften, Haltungen und Einstellungen. Mit letzteren sind neben kulturbezogenen Tugenden (wie respektvollem Verhalten, kritischem Reflektieren von Argumenten und Meinungen, Respekt gegenüber Mensch und Natur u. v. a.) vor allem Aspekte des selbstverantwortlichen Lernens, der Kooperation, der Motivation und der Leistungsbereitschaft angesprochen.“ [1]

Ein Monster-Satz mit 35 Wörtern. Dabei müsste der Lehrplan ein Bildungskompass sein –prägnant und elegant formuliert. Wer diesen Text in www.blablameter.de eingibt, erhält folgendes Urteil: „Sie müssen PR-Profi oder Politiker […] sein! Sollten Sie eine echte Botschaft transportieren wollen, so erscheint es fraglich, ob diese Ihre Leser auch erreicht.“ Der Wortlaut erzielt auf der Skala von 0–1 einen Indexwert von 0.69. Je höher das Ergebnis, desto mehr heisse Luft. Bei aller Skepsis gegenüber Algorithmen: Der ermittelte Wert entspricht auch einer Alltagserfahrung.

Konzise Kürze

Unser Sechstklasslehrer sagte in etwa das Gleiche. Sein Satz tönt ganz schlicht: „Man muss etwas wissen, man muss etwas können, und beides zusammen soll junge Menschen besser denken und handeln lassen. Diese Trias kann eigentlich gar nicht veralten, weil sie so etwas wie ein Nonplusultra darstellt. Eine Art Naturgesetz – wie die pädagogischen Gesetzestafeln vom Berg Sinai. Sie sind kurz, klar und konkret.“

Es ist die alte Erkenntnis, die pflichtbewusste Lehrerinnen und Lehrer immer geleitet hat.

Lax Geschriebenes ist schlecht Gedachtes

Mein Primarlehrer besuchte „nur“ ein Lehrerseminar. Von Wissenschaftssprache hat er vermutlich nie viel vernommen. Doch seine Sprache war klar und verständlich. Und als Theatermann und Poet förderte er bei uns Schülern die Sensibilität für die Muttersprache – und ihren angemessenen Gebrauch. Einfach müsse sie sein und exakt, die Sprache, so bläute er uns ein. Entsprechend schrieb er. Nur nebenbei: Sein kleiner Gedanke erzielt auf dem Blablameter einen Indexwert von 0.1 und folgendes Feedback: „Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch.“

Unterricht vollzieht sich in Sprache

Alles ist und alles geschieht in der Sprache, meinte Martin Walser. Irgendwie hatte unser Primarlehrer diesen Satz verinnerlicht. Er übte intensiv mit uns und schulte unser Denken – ganz nach der Devise: „Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.“ Das Statement stammt vom Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Die NZZ nahm es auf und gestaltete daraus einen Werbespruch. Was Dürrenmatt so präzis formulierte, war für unseren Lehrer Auftrag und Inhalt vieler Lektionen.

Eines wusste er ganz sicher: Unterricht vollzieht sich in Sprache. Sie ist trotz Icons und Emojis immer noch das klassische Mittel, Phänomene zu erklären und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Darum bedeutet Sprache für einen Pädagogen etwas anderes als für einen Schreiner oder eine Geigerin. Es kann ausgezeichnete Schreinerinnen oder virtuose Geiger geben, die mit ihrer Sprache Mühe bekunden. Das ist nicht zentral: Das Entscheidende beim Schreinern oder Geigenspiel findet nicht im Medium der Sprache statt. Anders dagegen im Schulzimmer.

Bedeutsam ist die Klarheit der Lehrperson

Für guten und lernförderlichen Unterricht ist die „Klarheit der Lehrperson“ ein wichtiger Garant. Das weist die Wirksamkeitsforschung nach. Beim neuseeländischen Erziehungswissenschafter John Hattie erreicht der Faktor „Klarheit“ die hohe Effektstärke von d=0.75. [2] Diesen Befund bestätigen die renommierten deutscher Schulforscher Andreas Helmke [3] und Hilbert Meyer. [4] Klar, verständlich und strukturiert müsse die Lehrperson sein.

Pädagogische Offizialsprache müsste dies vorleben. Als sprachliches Vorbild. Ob sie es vergessen hat? Oder einfach nur einschüchtern will? Die halblaute Frage sei erlaubt.

[1] Lehrplan 21. D-EDK 2015. Heft Grundlagen, S. 6.

[2] John Hattie (2009). Visible Learning. London, New York: Routledge, S. 126. Der „erwünschte Effekt“ eines Wirksamkeitsfaktors liegt bei 0.4.

[3] Andreas Helmke (2015). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer, S. 190f.

[4] Hilbert Meyer (2004). Was ist guter Unterricht. Mit didaktischer Landkarte. Berlin: Cornelsen, S. 55ff.

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