Wenn Innovation nicht reicht: Disruption

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Wenn Innovation nicht reicht: Disruption

Von Urs Meier, 24.06.2016

Das Wort reisst das Neue und das Gewesene auseinander. Historische Kontinuitäten brechen ab, die Entwicklung macht einen grossen Sprung.

Das Wort ist momentan ziemlich angesagt. Es überbietet die verschlissene Innovation. Disruption, so die Aussage des Neologismus, ist nicht einfach nur neu. Sie kommt quasi von einem anderen Stern. Wer so redet, will sich abgrenzen und herausheben, wie es schon immer Sache der Werbesprache war. Die Disruption ausrufen heisst den radikalen Neubeginn ankündigen.

Und so wird die Disruption angeblich aussehen: Roboter werden schlau und sogar human; sie machen Arbeit in Fertigung und Altenpflege, Anwaltskanzleien und Redaktionen überflüssig. Die DNA wird zum Baukasten, welcher Verbesserungen und gar die Neukonzipierung von Lebewesen erlaubt. Molekulare Strukturen dienen als Hardware, was die Leistung von Computern explodieren lässt. Wasserstoffkreisläufe überwinden bei der Energieversorgung endgültig jegliche Knappheit und Umweltschädigung.

Wir haben uns, so die Botschaft der Disruptions-Herolde, auf das Leben in einer total veränderten Welt einzustellen. Der gegenwärtige Wandel erreiche Dimensionen wie niemals früher in der Geschichte und laufe schneller ab als je zuvor.

Ein historisch informierter Blick täte jedoch gut angesichts dieses seit zweihundert Jahren immer wieder abgewandelten Narrativs des «noch nie in der Geschichte». Zwei Beispiele nur: Die Schienenstrecken verbanden sich im 19. Jahrhundert binnen weniger Jahrzehnte zum europaweiten Netz. Jürgen Osterhammel *) zur Entwicklung der Eisenbahnen: «Sie waren technisch etwas völlig Neues, auf das die Welt nicht vorbereitet war.» Noch schneller setzte sich die Telegraphie durch. Gerade mal das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts benötigte die revolutionäre Kabelkommunikation, um sich weltweit zu etablieren. – Die ähnlich umwälzende Computerisierung verlief im Vergleich geradezu gemächlich. Nach ihren Anfängen in den 1940er-Jahren durchdrang sie erst ein halbes Jahrhundert danach die ganze Arbeits- und Privatwelt.

Das Gefühl der rasenden Veränderung und die Vorstellung einer morgen schon total umgekrempelten Gesellschaft gehört seit der frühen Industrialisierung zum modernen Leben. Wissenschaftlich-technische Fortschrittsverheissung und Untergangsfurcht sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Promotoren des Kommenden und apokalyptische Warner betreiben denn auch im Grunde das gleiche Geschäft: Mit einprägsamen Erzählungen und stets wieder neuen Schlagwörtern propagieren sie ihre positive oder negative Sicht. Gestern trommelten die Optimisten für Innovation, heute für Disruption – und morgen? Wir werden sehen.

*) Zitiert aus Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, C. H. Beck, München 2009

Endlich ist das Schlagwort Innovation am Ende. Europa wurde nicht von Innovatoren, sondern von Erfindern vorangebracht. Watt, Benz, Lilienthal, Volta usw.

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