Weiterführende Gedanken zur Monolog-Gesellschaft

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Weiterführende Gedanken zur Monolog-Gesellschaft

Von Ruth Enzler, 07.10.2014

Hören wir uns noch gegenseitig zu? Heiner Hug hat in Journal21 vom 18.9.2014 ein interessantes Thema zum Thema Monolog-Gesellschaft aufgegriffen.

These, Antithese, Synthese und der Sokratische Dialog das war gestern, heute will jeder nur noch seine eigene Meinung, Geschichte, Input durchbringen und andere so monologartig überzeugen. Wir leben in einer traumwandlerischen Gesellschaft, jeder für sich in seiner Realität, in seinem eigenen Tunnel und in diesem sitzen wir hartnäckig fest. Was aber hindert uns daran herauszukommen und andere Welten zu erkunden?

Informationswut und –flut

Täglich neue Nachrichten, tägliche Anrufe von Verkäufern von Krankenkassen, Telefonanbietern, Zeitschriften und Matratzenreinigungsfirmen. Wir blenden aus, wir halten an den bisherigen Produkten fest, weil wir nicht täglich unsere Reinigungs- oder Versicherungsprodukte überprüfen wollen. Wir üben uns im Nein-Sagen und rhetorisch geschicktem Abwimmeln. Wir üben uns im Nichtzuhören. Wir schützen uns vor Katastrophenmeldungen, überflüssigen Informationen und überhöhten Selbstanpreisungen.

Zuhören als Zeitverschwendung

Wir hören die Nachrichten, hören Politiker und hören jene, die lauter schreien als andere. Wer laut schreit, beeindruckt uns, also schreien wieder andere noch lauter, um gehört zu werden. Meist nicht in Dezibel, sondern mit emotionalen und süffigen Phrasen. Sie arbeiten mit Wut, Angst und Schrecken, damit wir zuhören, aufwachen, hinschauen. Doch es kommt uns vor, als klingen die Laute immer gleich, Text und Inhalt ein einziges Verkaufsgespräch, um uns zu etwas zu bringen, was wir im Grunde nicht wollen. „Zeitverschwendung“, denken wir. Wir packen uns ein, schotten uns ab und verschliessen uns. Die Rufe tönen lauter, schneidender, forscher, drängender… eine Spirale beginnt.

Lernen im Gespräch als selbstwertmindernde Massnahme

Ein Gespräch zu entwickeln heisst lernen, heisst Neuem begegnen zu wollen, heisst Veränderung. Wer Lernen als selbstwertmindernde Massnahme auffasst, weil er meint, bereits schon alles wissen zu müssen, um immer stark und überlegen zu erscheinen, lernt nicht, entwickelt nicht und kann nicht zuhören. Er reflektiert nicht, denkt nicht nach und ist auch für sich selber kein Gesprächspartner. Die heutige Welt bietet genügend Ablenkung, um nicht still sein zu müssen, um nicht nachzudenken.

Voraussetzungen für das aufmerksame Zuhören: „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“

Aufmerksam zuhören bedeutet Wachheit. Wir müssen aufwachen, heraustreten aus unserem Tunnel, den Rollladen hochziehen und Licht und frische Luft in unsere Welt lassen! Es braucht Neugier. Was hat der andere wirklich zu sagen? Gibt es etwas, was ich nicht weiss, was nützlich oder interessant zu wissen wäre? Was für ein Mensch ist mein Gegenüber, welches Weltbild hat er, was treib ihn an mir etwas mitteilen zu wollen? Es braucht Interesse an einem Gegenüber. Ich lasse ihn als Individuum aus der Masse heraustreten und betrachte ihn neu, als ob ich nichts über ihn wüsste.

Damit nehme ich ihn und gleichzeitig auch mich ernst. Ich erkenne auch mich als Individuum, das sich seiner selbst bewusst ist, weil ich mir zutraue, eine eigene Haltung und Position vertreten zu können. Es braucht Mut, um meinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen zu können, ihn im Gespräch herauszufordern. Damit dies möglich ist, brauchen wir eine innere Dialogfähigkeit, um uns klar zu werden, welche Haltung wir selbst vertreten und wie wir uns im Leben positionieren wollen. Und vor allem brauchen wir Zeit, um zu denken. Denken können wir aber nur, wenn wir bei uns selber sind, in der Stille! Wer aber nimmt sich heute noch Zeit, um zu denken? Wir handeln unmittelbar und aus einer Denk-Ebbe heraus, schnell, rasch, beherzt und konsequent und danach brauchen wir Zeit, um unsere Handlungen kognitiv zu erfassen, zu erklären und allenfalls zu korrigieren, wieder ohne nachzudenken.

Stören wir also die unzähligen Monologe nicht mit einem Gegenmonolog, sondern mit Fragen: „Worum geht es bei dem von Dir eben Berichteten wirklich und woran merkst Du, dass Du das gerade mir mitteilen willst?“

Kommentare

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Guter Artikel.
Sehr richtig, um Gespräche zu führen, muss man zuhören können. Um zuhören zu können, muss man die verwendeten Begriffe kennen, um nicht aneinander vorbeizureden, um nicht mit gleichen Begriffen über verschiedene Inhalte zu sprechen. Um das Gesagte zu verstehen, sollte man daran denken, dass Vorurteile, Interessen, Wertvorstellungen, Vorkenntnisse und Lebenserfahrungen das Gesprochene filtern, ja bis zu 50% inhaltlich erheblich verändern können.
Das Wichtigste aber ist, es bedarf zu jedem Gespräch einer Orientierung, einer Orientierung zu sich selbst, zum anderen Menschen und zum Problem. Das wiederum bedeutet, Ich muss zuerst mich, meine Persönlichkeit entwickeln, um andere zu verstehen und um selbst verstanden zu werden.
Machen wir anderen Menschen Kommunikationsangebote, die sie akzeptieren können, weil sie ihrem Selbstverständnis nicht widersprechen. Machen wir nicht Fehler in unserer Kommunikation, die oftmals in unseren Prägungen. d. h. Persönlichkeitseinstellungen wurzeln und deshalb nur sehr schwer erkannt und überwunden werden können?
Um gut miteinander zu kommunizieren ist es notwendig:
- den richtigen Gedanken
- mit den richtigen Worten
- in der richtigen Sprache
- in der richtigen Rolle
- vor dem richtigen Publikum
- in der richtigen Intention
auszusprechen. Es ist also ganz einfach. Man muss nur wollen.

Einverstanden mit allem, was den Dialog betrifft. Das Problem in unserer <Meinungsverkaufsgesellschaft> liegt zeitlich aber vorne dran. Ich will den Zeitpunkt und das Thema des Dialoges mitbestimmen und nicht von einem Ansprecher/Anrufer überfallen werden, der dann über meine Zeit bestimmt mit einem Thema, das für mich irelevant ist.

Burnouts heisst ausgebrannt sein durch Fremdbestimmung. Gelebt werden gegen innerste ureigene Überzeugungen. Konfiguriert werden durch Aussenmächte die bei Einhaltung ihrer Ansichten und Forderungen Belohnungen versprechen, also Angebote bei denen man nicht mehr nein sagen kann. Unterschiedliche Herkunft, Erfahrungen auch durch individuelle Erlebnisse beeinflussen meist eigene Welt-Anschauungen. Das heisst: Ich erlebe die Welt nicht so wie sie ist, sondern so wie ich sie sehe, gelernt habe zu sehen. Eine Lebensweise die von meiner abweicht, kann ich beim besten Willen nicht mehr verstehen, weil sie eine andere Wirklichkeit darstellt. Die Dinge und Lebensauffassungen des Anderen bleiben getrennt von den meinen. Dieses Getrenntsein führt zu Entfremdung und Verlust von Lebensenergie. Durch Verdrängung eigener angeborener Bedürfnisse sich selbst nicht mehr bewusst, verheddern wir uns gerne in Ersatzbefriedigungen. Im Einklang mit dem eigenen Selbst wäre man ja angstfrei, könnte auf reale Bedürfnisse anderer eingehen, wäre auch in der Lage zuzuhören. Wer jedoch nur in seiner Welt lebt und in dieser Vergangenheit verharrt, verpasst die Gegenwart. Gegenwart bedeutet aber Zeitlosigkeit. Offen sein für neues. Andere nur vom Verstand her zu verstehen oder zu erleben, erzeugt unsichtbare Mauern, die gegenüber werden dann zum Ding einer mir unbekannten Welt. Vom Rollenträger in Richtung offener Austausch wäre die Lösung. In der Gegenwart offen zu sein für die Bedürfnisse anderer wäre eine gute Orientierung für meine Person, meinem Charakter zur Welt als Ganzes. Ja dann macht zuhören richtig Spass…..cathari

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