Was Hänschen nicht lernt …

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Was Hänschen nicht lernt …

Von Alex Bänninger, 17.04.2017

Thurgauer Politiker trötzeln. Sie lehnen das Frühfranzösisch ab. Deutsch und deutlich, aber auf schwankendem Grund.

Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die das Französische in der Primarschule unterrichten, aber die Sprache zu mangelhaft beherrschen, um den Weg nach einer Bus-Haltestelle erfragen zu können. Die fehlende Fähigkeit als Folge der fehlenden Freude, sich ennet der Saane barrierenfrei zu bewegen, ist der wesentliche und nie eingestandene Grund für die Ablehnung des Frühfranzösischen. Hätte die Lehrerschaft die Schönheit, den Reichtum und die Nützlichkeit des Französischen, die Faszination der französischen Welt und die enormen Leistungen der Romandie für die Schweiz entdeckt, wäre unsere zweite Amtssprache ein begeistert erteiltes Schulfach. Die Wirklichkeit besteht aus Ächzen und Stöhnen und aus der verzweifelten Suche nach Ausreden, um das Frühfranzösisch zu bodigen. Aktuell steht der Kanton Thurgau im Begriff, es abzuschaffen.

Entscheid aus dem Bauch heraus

Für die Liquidation und gegen den regierungsrätlichen Kompromissvorschlag, Französisch ab der 6. Klasse zu unterrichten, engagiert sich die vorberatende Kommission des Grossen Rates. Die Argumente sind so stabil wie ein Kartenhaus. Verwiesen wird auf die Wissenschaft, die sich uneinig sei, ob das Frühfranzösische den Kindern zum Segen oder zum Fluch gereiche. Das Patt trifft zu.

Alles andere als zwingend ist jedoch die Ableitung, es sei das Französische von der Primarschule fernzuhalten. Die divergierenden Studien würden auch den gegenteiligen Schluss gestatten. Die Kommission entschied sich aus dem Bauch heraus willkürlich.

Hilft die Wissenschaft bequemerweise nicht weiter, wäre es geboten, Pro und Contra aufgrund der eigenen Lebenserfahrung, mit einem Blick über den Gartenhag hinaus und in Berücksichtigung der Kantonsverfassung und die Regierungsrichtlinien sorgfältig gegeneinander abzuwägen und eine in sich stimmige Lösung zu erarbeiten.

Kooperation als Verfassungsauftrag

Die Verfassung legt den Kanton u. a. darauf fest, „den Bund in der Erfüllung seiner Aufgaben“ zu unterstützen und „die Zusammenarbeit mit anderen Kantonen“ anzustreben.

Die Richtlinien für die Legislatur 2016–2020 nennen als Thurgauer Eigenschaften „traditionell und innovativ, pragmatisch und visionär“ und geloben unter den Schwerpunkten, „Wissen und Können“ zu erschliessen und zu nutzen und „Chancen“ zu erkennen.

Im Lichte dieser Beteuerungen hätte es sich aufgedrängt, das Frühfranzösisch und mit ihm sowohl die Sprachenpolitik des Bundes als auch der Erziehungsdirektorenkonferenz freundeidgenössisch zu bejahen.

Nationale Gemeinschaft fördern

Auf kürzere Frist ist die Vermutung der vorberatenden Kommission richtig, der Thurgauer Sonderzug gefährde den nationalen Zusammenhalt nicht. Dafür braucht es in der Tat mehr als einen trötzelnden Kanton, der der Romandie die kalte Schulter zeigt.

Allerdings beruht die verharmlosende Prognose auf einem irrigen Verständnis der Willensnation Schweiz. Ihr Bestand und Gedeihen hängen nicht von Kantonen ab, die auf Störmanöver verzichten, sondern von Bundesgenossen, die jede Gelegenheit wahrnehmen, die nationale Gemeinschaft zu fördern.

Von dieser Aufgabe fühlen sich die gleichen Kreise dispensiert, die noch vor kurzem für die „Expo Ostschweiz“ kämpften. Mal Gastgeber für alle sein zu wollen und mal die Romandie brüskieren, passt wie die Faust aufs Auge.

Gerade der Thurgau müsste Zeichen setzen

Immer wieder beklagen sich die Thurgauer über Auswärtige, für die die Schweiz östlich von Winterthur endet. Das Gefühl, unbeachtet, wenn nicht gar verachtet in einer Randzone zu leben, nagt am Selbstbewusstsein, was zuweilen an rituell gepflegtes Selbstmitleid gemahnt. Jedenfalls so lange, als sich die Thurgauer der Frage verschliessen, was aus eigener Kraft gegen die – mehr eingebildete als tatsächliche – Isolation zu tun wäre.

Die Aufraffung aus berechtigtem Stolz könnte beginnen mit der interessierten Kenntnisnahme einer auch westlich von Winterthur vorhandenen Schweiz, die sich bis an den Lac Léman und den Lago Maggiore fortsetzt und den stummen Wechsel der Landschaft mit wechselnden Sprachen wunderbar vertont.

Das Ja zum Frühfranzösischen mit einem thurgauischen Akzent wäre ein Zeichen der Verbundenheit und die Einsicht in die Notwendigkeit eines Brückenbaus, für den beide Seiten die Ärmel hochkrempeln.

Politische Zielformulierung

Das Hickhack um das Frühfranzösische ist Kleingeisterei. Mag die Wissenschaft für die Suche nach Vorteilen und Nachteilen ihren orientierenden Dienst versagen: einig ist sie sich im Urteil über den hohen kulturellen und impulsgebenden Wert eines viersprachigen Landes und den daraus zu ziehenden Gewinn für den Einzelnen.

Es müsste eine Selbstverständlichkeit sein, die Schülerinnen und Schüler früh mit unserem spannenden Lebensraum vertraut zu machen und ihnen den sprachlichen Zugang zu erleichtern. Diese Zielformulierung mit staatslenkender Beherztheit wäre Sache der Politik. Die Pädagogik hätte sich um die praktische Umsetzung dieser Vorgabe zu kümmern und um die Überwindung bedenkenträgerischer Verzagtheit.

Zum Thema lesenswert ist das „Dossier Mehrsprachigkeit“ im „Bulletin SAGW“ 1/2017, das die Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften viermal jährlich herausgibt.

Kommentare

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Der nicht unerhebliche Betrag, den eine Expo jeweils kostet, sollte längst in ein nachhaltiges Projekt der Sprachgrenzen-überschreitenden Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften sowie von Schülerinnen und Schülern investiert werden. Und Lehrkräften mit ungenügender oder kaum vorhandener Kompetenz in den drei offiziellen Landessprachen sollte der Studienabschluss und dadurch der Eintritt in das Lehrfach konsequent verwehrt werden. Mit der Möglichkeit einer einmaligen Repetition. Ich warte seit langem darauf, dass sich die oft vorlauten Funktionäre der Lehrerinnen und Lehrer auch mal dazu äussern. Nicht immer nur zu Fragen der Besoldung und der Gestaltung ihres Alltags.

Warum unterrichten nicht Lehrer aus der Romandie Französisch anstatt völlig überforderte Deutschschweizer Primarlehrer? Ist denn in der vielsprachigen Schweiz noch niemand auf diese naheliegende Idee gekommen?
Peter Achten (bilingue)

Als "bilingue volontaire" (und emigrierter Bürger von Bussnang...) kann ich Alex Bänninger nur zustimmen. Im Prinzip jedenfalls. Das einzige was mich an dieser Debatte stört ist der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hat es einen Sinn Französisch (oder jedes andere Fach) als obligatorisch zu erklären wenn die dafür ausgebildeten Lehrer fehlen ? Gerade im sprachlichen Bereich ist das gute Beispiel massgebend. Grammatik kann man ja in einem Lehrbuch nachschlagen, die lebendige Sprache (die Sprache worum es geht !) meist nicht. Da ist die Lehrperson entscheidend. Und da hilft wohl nur ein Welschlandjahr (oder zumindest ein Semester) für alle, die später den Auftrag haben, den jungen Thurgauern das Frühfranzösisch beizubringen. Die Frage geht also an den Thurgauer Steuerzahler. Ist er bereit, für diese zusätzliche Ausbildung aufzukommen ?

Geht die Frage wirklich 'nur' an die Steuerzahler ? Könnten angehende Lehrkräfte nicht auch selber etwas zu mehr Kenntnissen beitragen ? Mir kommt hier John F. Kennedy in den Sinn: "Don't ask what America can do for you; ask what you can do for America". Bzw. für den Zusammenhalt der Willensnation Schweiz.

Mag ja alles stimmen, ich war selber Französischlehrer am Gymnasium und bin teilweise in der Westschweiz aufgewachsen. Was mich aber nach wie vor beschäftigt, und was nach wie vor in den (Deutsch)Schweizer Medien schlicht totgeschwiegen wird, ist, dass es kaum einen Westschweizer gibt, der auch nur ansatzweise versucht, Deutsch zu parlieren (dei drei aktuellen Bundesräte mal ausgenommen). Sei versuchen es schon gar nicht, sondern gehen seit Jahrzehnten grundsätzlich davon aus, dass wir Deutschschweizer dann schon Französisch können. Und bei nationalen Kongressen sind es immer sie, die schon im Vorfeld lauthals nach der (sehr teuren) Simultandolmetscherei verlangen. Warum soll dann der Thurgau usw. unbedingt besser sein?? Sind die Welschen etwa die mehrbesseren Schweizer, die keinen Effort zur Verständigung machen sollten? (Machen sie schon - aber auf Englisch, in der Berufswelt klappt das schon lange problemlos...)

Es gibt beispielsweise im eidgenössischen Parlament deutlich mehr Westschweizer, die sich hervorragend in deutscher Standardsprache auszudrücken vermögen als Deutschschweizer, die Französisch sprechen. Viele haben schon mit der deutschen Standardsprache grosse Mühe. Sogar beim Ablesen von Texten. Womit wir bei der 'Simultandolmetscherei' von Mundart-Beiträgen von Deutschschweizern angelangt wären. Es gibt eine ganz grosse Sünneli-Partei, die sich jahrelang einen zwar leutseligen, der französischen Sprache jedoch nicht mächtigen Parteipräsidenten meinte leisten zu dürfen. Das Umgekehrt ist schlicht undenkbar.

Ich gebe Alex Bändiger recht, dass es die mangelnde Freude und Kompetenz der Lehrpersonen ist, die das Frühfranzösisch in der Schule verteufeln.
Ich wohne in einer Multi-Kulti-Siedlung. Die Kinder spielen alle miteinander, reden miteinander, streiten miteinander. Und siehe da, nach 2-3 Wochen reden diese 4-6 jährigen Kinder deutsch, vielleicht noch mit gewissen Fehlern, aber immerhin.
Es ist die Freude und die Motivation, die Kinder beflügelt, so zu
reden, dass sie dazugehören. Mit dem Alter hat das nichts zu tun.

Seit bald vierzig Jahren unterrichte ich als Sprachlehrer auf der Sekundarschulstufe II Französisch. Nicht wenige meiner Kanti-Kolleg/innen wurden hingegen Primarlehrer, um nicht Französisch unterrichten zu müssen. Das Schicksal hat sie jedoch mit der Einführung des Frühfranzösisch eingeholt. Ich kann mich noch gut an ihre Bestürzung erinnern. Während meiner beruflichen Laufbahn konnte ich die Auswirkungen des Frühfranzösisch auf die Schülerinnen und Schüler, die nach der obligatorischen Schulzeit zu uns kommen, bestens beobachten. Unsere damalige Bedenken wurden als elitäres Romanistengehabe abgetan. Sie fassen sie sehr schön im ersten Abschnitt zusammen: wer sich in einem Fach nicht sicher fühlt und trotzdem gezwungen wird, dieses Fach zu unterrichten, kann das nicht mit Freude und Begeisterung tun (von der Kompetenz ganz zu schweigen). Beim Kommunizieren in einer Fremdsprache muss man sich zwangsläufig exponieren. Das tut man nicht, wenn man unsicher ist, und dieses Unbehagen der Lehrperson überträgt sich auf die Lernenden. So stellen wir heute fest, dass das Kompetenzniveau der Volksschulabgänger seit der Einführung des Frühfranzösisch erheblich gesunken ist. Was aber bedeutend schlimmer ist (und das führt uns direkt zu Ihren weiteren Ausführungen): die meisten Jugendlichen lehnen das Fach Französisch ab. Es verleidet ihnen heute eben schon in einem Alter, in dem sie das Fach noch viel enger mit der Lehrperson verbinden als in der Oberstufe. Eine Umfrage an der KV Business School Zürich zeigt, dass über 70% der Erstsemestrigen das Fach Französisch abwählen würden, wenn sie die Wahl hätten. Ist das der "hohe kulturelle und impulsgebende Wert"? Diese Situation führt dazu, dass die Jungen sich mit ihren Bekannten aus der Romandie auf Englisch unterhalten. Nicht gerade förderlich für den kulturellen Zusammenhalt des Landes, würde ich meinen.
Beim Italienisch haben und hatten wir eine ganz andere Situation. Es ist ein Wahlfach, höchstens ein Wahlpflichtfach; Italienisch muss man nicht, man darf es lernen, und dies tun in der Regel nur diejenigen, welche dazu eine Affinität haben. In drei Jahren erreichen diese Lernenden auf der Sekundarschulstufe II mindestens das gleiche Niveau wie ihre Gleichaltrigen nach sieben Jahre Französischunterricht.
Das kann es doch nicht sein.
Es ist weder ein Problem der Lehrmittel noch des zu wenig "spannenden Lebensraums". Eine fundierte Ausbildung der Lehrkräfte wäre die Grundlage, auf der sich aufbauen liesse. Doch diese kostet Geld. Und auch wenn es sich politisch auszahlt zu behaupten, man könne die Qualität auch mit weniger Ausgaben hoch halten, wahr ist es trotzdem nicht. Eine "Schnellbleiche" von wenigen Monaten - meistens widerwillig in Angriff genommen und mit wenig Engagement durchlaufen - kann nicht gleichwertig sein mit einem Hochschulstudium plus mindestens einjährigem Sprachaufenthalt plus anschliessender didaktisch-pädagogischer Ausbildung. Müsste eigentlich einleuchten.

Sehr geehrter Herr Bänniger, ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu. Ich frage mich nur, weshalb es den Didaktikern einfach nicht gelingen will, ein Französischlehrmittel zu verfassen, das die Zustimmung einer Mehrheit der Lehrpersonen findet und mit dem man arbeiten kann (allen kann man es nie recht machen)! Wenn Primarschüler schon im ersten Jahr Namen ausgestorbener Tiere (z. B. le Percnoptère = der Schmutzgeier) und solcher, deren Namen sie nicht einmal auf Deutsch kennen, lernen müssen, verstehe ich einen gewissen Unmut. An ausgefallenen Wörtern hatte ich immer meine Freude, aber das geht nicht allen so, und das ist verständlich.

Sehr Herr Bänziger

Nur ganz nebenbei: Der Schmutzgeier ist meines Wissens (noch) nicht ausgestorben. Auf etlichen Reisen in Indien und im Himalaya in den letzten dreissig Jahren
hab ich zig Schmutzgeier beobachtet!

Schön, das haben Sie mir voraus. Aber zumindest in der Schweiz ist er ausgestorben ...

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