Von Leopold zu Albert

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Von Leopold zu Albert

Von Joerg Thalmann, 08.07.2013

Vor 300 Jahren konnte der absolutistische „Sonnenkönig“ Ludwig der Vierzehnte mit einem Wimperzucken Frankreich regieren. Heute hat die Demokratie die Monarchien auf zeremonielle Funktionen eingeschränkt. Ausser in Belgien, wo König Albert II. am 21.Juli den Thron seinem Sohn Philipp räumen wird.

Der Rückblick auf sechs belgische Könige lehrt einiges über die Geschichte der Monarchie in Europa.

Dem Enkel des Sonnenkönigs, Ludwig dem Sechzehnten schlugen die französischen Revolutionäre 1793 den Kopf ab. Nach dem Sieg über Napoleon gab es in Europa ab 1815 eine Restauration der Monarchien, aber ihre Kompetenzen schrumpften das ganze 19. Jahrhundert, im 20. verwandelten sich die meisten nach Kriegsniederlagen oder Revolutionen in Republiken. 2013 sind in Europa noch 7 Monarchien geblieben, in Schweden, Norwegen, Dänemark, Grossbritannien, den Niederlanden, Spanien und Belgien. Nur in Belgien hat der König noch einen Einfluss auf die Politik (siehe am 6..Juli „Belgien im Bann eines Königrücktritts“). Wir sehen den letzten Rest der einstigen Macht der Könige in Europa. Ein Streifzug durch 182 Jahre belgischer Königsgeschichten ist amüsant und lehrreich.

Leopold I.

1830: Nach einem kurzen Aufstand gegen die Oberherrschaft des holländischen Königs Wilhelm I., dem der Wiener Kongress 1815 Belgien zugeschlagen hatte weil er die „Vereinigten Niederlande“ des Mittelalters wiederherstellen wollte, zieht sich die holländische Garnison aus Brüssel zurück. Die Versammlung der allesamt auch in Flandern französisch sprechenden oberen Schichten des Landes – in Flandern gibt es Dutzende von Dialekten ohne gemeinsame Hochsprache - erklärt Belgiens Unabhängigkeit und wählt den Duc de Nemours zum König. Hopla! Das ist der zweite Sohn des französischen Königs Louis Philippe! Die vier Grossmächte Grossbritaniien. Preussen, Habsburg und Russland lassen es 15 Jahre nach Napoleon nicht zu, dass Belgien französisch werden könnte, was möglich ist wenn dieser Duc zum König werden sollte. Sogar Louis-Philippe winkt ab. Man zwingt die belgischen Notabeln, einen anderen König zu suchen.

1831: Unter dem Diktat dieser europäischen Grossmächte suchen sie einen den Grossmächten genehmen Königskandidaten und finden Leopold von Sachsen-Coburg aus dem gleichnamigen deutschen Kleinstaat. Er ist, 30jährig, Botschaftsattaché in London. Die Belgier schreiben 18 Jahre vor den Schweizern die demokratischste Verfassung Europas. Leopold wird nicht zum „König Belgiens“ gewählt sondern zum „König der Belgier“, er soll nicht ein Land sein eigen nennen sondern Oberhaupt eines Volkes sein. Die vier Grossmächte haben keine Einwände mehr. Leopold I. (wie er nach zwei Nachfolgern mit demselben Vornamen genannt wird) ist erster König Belgiens bis zu seinem Tod 1865. Von allen Seiten respektiert vereinigt er Belgien nach einer tumultuösen Geburt mit Klugheit und Diplomatie zu einem gefestigten Staat im Mächtespiel Europas. Das bäuerliche Flandern, dessen Elite die Städte auf französisch regiert, hat noch kein Gefühl seiner eigenen Identität, es erwacht erst am Ende des Jahrhunderts. Aber Leopold spürt das kommen und gibt seinen Kindern den flämischen Dichter Hendrik Conscience zum Flämischlehrer

Leopold II.

1865: Der zweite Leopold ist ein ganz anderer Charakter, so verschieden vom ersten dass man sich fragt, ob so einer der Sohn des ersten sein könne. Grossspurig, manchmal an Grössenwahn mahnend. Eine mächtige Statur mit grossem Bart. Er durchpflügt seine Hauptstadt Brüssel mit sechsspurigen Boulevards, um die Pariser Champs Élisées zu imitieren. Für das 50Jahr-Jubiläum der Gründung Belgiens schafft er 1880 den versailles-artigen Park des „Cinquantenaire“ mit einem dem Pariser Arc de Triomphe nachempfundenen Triumphbogen. Auf dem Berliner Kongress sichert er sich 1885 den letzten noch nicht kolonisierten Rest Afrikas, das Riesenreich des Kongo. Nicht für den Staat Belgien, sondern für seine persönliche Herrschaft. Es stört ihn nicht, dass seine Kolonisatoren den Negern die Hände abschlagen, wenn sie nicht arbeiten wollen. Der internationale Skandal darüber zwingt ihn 1908, die Kolonie dem Staat Belgien zu übertragen. Aber die Belgier, unerfahren, fahrig und alle Probleme mit Improvisationen vor sich herschiebend, sind unfähig, eine Kolonie zu regieren. Wie sie den Kongo 1960 im Zug der weltweiten Entkolonialisierung als zweitletzten Staat in die Unabhängigkeit entlassen, gibt es neun (neun) Studenten mit Universitätsabschluss. Sie sind zu guter Staatsführung nicht besser fähig als die Belgier, und die regionalen Stammesführer und demagogischen Potentaten entfesseln gegeneinander einen grausamen Bürgerkrieg.

Albert I. „le Roi Chevalier“

1909: Albert der Erste, wie er genannt wird seit es den jetzt zurücktretenden Zweiten gibt, ist ein Neffe Leopolds II. Wieder ein völlig anderer Charakter: Nach der amerikanischen Historikern Barbara Tuchman („August 1914“, Scherz Verlag 1979, die fesselnde Geschichte, wie im August 1914 über Hüst und Hott der Erste Weltkrieg ausbrach) ist er unter neun Königen derjenige, der im Weltkrieg „als einziger wirkliches Format beweisen sollte“. Albert übernahm persönlich, wie es ihm die Verfassung gebot, als Oberkommandant die Verteidigung gegen die Invasion der Deutschen und vermochte an der Nordseeküste einen Zipfel belgischen Grundgebiets zu halten, rund um Ypern, vor dessen Toren 1917 zum erstenmal in der Kriegsgeschichte Giftgas eingesetzt wurde, das Senfgas, welches man seither „Yperit“ nennt. Im Krieg entstand das nie bewiesene aber auch nicht widerlegte Gerücht, flämische Soldaten seien in den Tod gerannt, weil sie die französischen Befehle der Offiziere nicht verstanden. Das gab dem flämischen Drang nach.Anerkennung einer eigenen Identität Auftrieb, darum machte Albert der Eigenständigkeit Flanderns erste Zugeständnisse. Der „Roi Chevalier“ genoss noch 16 Jahre lang mit seiner Gemahlin Elisabeth, nach welcher der berühmte Musik-„Concours Elisabeth“ in Brüssel benannt ist, die uneingeschränkte Zuneigung der Belgier. Der Bergsteiger, der in seinen Schweizer Ferien oft in die Alpen stieg, stürzte 1934 in seinem Land an einer Felswand über der Maes nahe Namur ab und starb. Bis heute hält sich die Mär, ein Unbekannter habe ihn hinuntergestossen, Links- und Rechtsextreme beschuldigen sich gegenseitig..

Leopold III.

Alberts ältester Sohn war wieder ein ganz anderer Charakter, an seinen Grossonkel Leopold II. erinnernd. Er verteidigte vehement die Vorrechte der Krone gegen Versuche zur Demokratisierung. Aber Missgeschicke und Fehlurteile machten ihn so unbeliebt, dass er 1951 zurücktreten musste. In den Schweizer Ferien lenkte er einmal seinen Sportwagen in Küssnacht am Vierwaldstättersee so unglücklich, wahrscheinlich zu schnell in die Kurve, dass sich der lange Rock der verehrten Königin Astrid im Hinterrad verfing, sie wurde aus dem Wagen gerissen und starb. Ohne dass es je ganz aufgeklärt wurde, hat ihm das Volk dieses Unglück nie verziehen. Er machte seine Sache vollends schlimm im zweiten Weltkrieg. Er floh vor der deutschen Invasion nicht nach London, wo seine Minister eine Exilregierung bildeten, sondern erklärte grossspurig, er bleibe in dieser schweren Stunde als Gefangener unter seinem Volk. Als er dann aber 1941 die Hochzeit mit einer zweiten Frau Liliane Baels mit Pomp und Lichterglanz mitten im Park seines Brüsseler Schlosses feierte, verlor er den letzten Rest seines Ansehens. Als die Westmächte Belgien eroberten, deportierten ihn die Deutschen nach Österreich ins „Weisse Rössl“ am Wolfgangsee. Seine Rückkehr drohte Aufruhr auszulösen und wurde von der Regirung fünf Jahre lang verhindert, und als 1950 eine Volksabstimmung über seine Rückkehr auf den Thron dank den damals noch katholisch-königstreuen Flamen ein Ja ergab, organisierten die wallonischen Sozialisten einen „Marsch auf Brüssel“ mit so wilden Strassenschlachten, dass sich der machthungrige Leopold 1951, um sein Land zu befrieden, schweren Herzens entschloss, zugunsten seines Sohnes Baudouin abzudanken. Dieser Leopold war in seinen Verdiensten so gross wie in seinen Fehlern. Er lebte bis zu seinem Tod in einer Villa am Genfersee, in dieser Schweiz wohin schon sein Vater oft in die Ferien gefahren war und wo er – in Genf – seinen Sohn und Thronfolger während des Krieges in die Schule schickte.

Baudouin

1951: Baudouin braucht keine Ziffer nach seinem ausgefallenen Namen, er ist, zweifellos mit einem belgisch-nationalen Hintergedanken seines Vaters, genannt nach einem mittelalterlichen „Grafen von Flandern und Hennegau“. Der „Hennegau“, auf französisch „Hainaut“ ist eine Region im Südwesten Walloniens, woher die berühmten Pappenheimer aus Schillers „Wallenstein“ stammen sollen. Auch Baudouin war wieder ganz anders, in allem ausser einer gewissen Halsstarrigkeit das Gegenteil seines Vaters. Kaum dem Genfer Lycée entwachsen, war er 15jährig plötzlich stellvertretender Regent des Landes und 1951 sein König. Anfangs verständlicherweise schüchtern und nicht sehr sicher. Entwickelte sich aber schnell zu einem strengen Fürsten, der seinem Volk und seinen Politikern in seinen Ansprachen die Leviten las und sie zu nationaler Einheit und katholischem Glauben anhalten wollte. Einmal weigerte er sich, was sonst immer eine Routineformalität ist, die vom Parlament beschlossene Straffreiheit für Abtreibung zu unterzeichnen, man vermutet weil er Mitglied des katholischen Geheimbunds Opus Dei war. Einen Verfassungsartikel anrufend, der für den Fall eines Hirnschlags vorgesehen ist, erklärten die Parlamentarier Balduin mit dessen stillem Einverständnis für „regierungsunfähig“, liessen das Abtreibungsgesetz von einem toleranteren stellvertretenden Regenten unterzeichnen und erklärten Baudouin nach drei Tagen wieder für regierungsfähig. Die Belgier finden immer eine Lösung. Eigenartigerweise brachten die lebenslustigen Belgier diesem Schulmeisterkönig 43 Jahre lang eine respektvolle Zuneigung entgegen. Erklärbar wahrscheinlich aus ihrem Bewusstsein, dass Baudouin der Garant der Einheit und Stabilität ihres Staates war. Als er 1993 unerwartet starb, strömten Zehntausende auf den Platz vor seinem Stadtpalast. Seither hat sich die antimonarchistische und antibelgische Tendenz in der flämisch-nationalen Bewegung verstärkt. Aber ein merkwürdiger Widerspruch könnte Baudouin beruhigen: Die Wähler geben den flämisch-nationalistischen Parteien nahezu eine Mehrheit, aber wenn in Umfragen nach ihrer Meinung zu einer Abspaltung Flanderns von Belgien gefragt wird, sind 70 bis 80 Prozent dagegen.

Albert II.

1993: Allen Belgiern war Albert als Lebemann bekannt, erst eben hat seine uneheliche Tochter, die in Paris lebende Malerin Delphine Boël wieder Schlagzeilen gemacht, weil sie seine Vaterschaft, die Albert nie anerkannt hat, mit seinen Gen-Proben beweisen lassen will. Nicht wenige Politiker zweifelten 1993 sogar an Alberts Eignung zum König und wollten ihm seinen Sohn Philippe vorziehen, den Baudouin zu einer Art Klon seiner selbst erziehen wollte. Doch nachdem ihn der flämische Premierminister Dehaene durchgesetzt hatte, entpuppte sich Baudouins Bruder nicht nur als ausserordentlich geschickter Herrscher eines komplizierten Landes, sondern wurde der populärste aller belgischen Könige. Das begann gleich am ersten Tag bei seiner Throneinsetzung. 10 Millionen Belgier sahen ihn am Fernsehen derart nervös, dass das Schwert in seiner linken Hand gewaltig hin und her zitterte, als er mit der rechten den Eid auf die Verfassung schwörte. Als Herrscher war er stilsicher, als Person bescheiden, menschlich, nicht nur nahe sondern unter dem Volk. Ich habe das einmal selber erlebt. Von Weihnachten bis Neujahr stellt Brüssel auf seine berühmte Grand’Place ein winkliges Labyrinth mit den Stationen der Weihnachtsgeschichte, Krippe, Hirten, den drei Königen, den Engelscharen... Mit einer Freundin aus Winterthur stand ich auf einem Stück Labyrinth, da kommen zwei Meter vor uns um die Ecke König Albert und Königin Paola! Ohne Pomp, ohne Gefolge, gefolgt nur vom obligatorischen Leibwächter, in Kleidern wie gewöhnliche Spaziergänger. Sie gehen vorbei, und ich warte auf Jubel und Hochrufe, wenn sie das Labyrinth verlassend ihren Landsleuten begegnen. Mir geht durch den Kopf was in England geschähe. Nichts geschieht, nichts zu hören, ganz wie wenn ein Bundesrat am Bundesplatz einen Kaffee trinkt. Albert und Paola wurden sicher erkannt und spazierten ohne Aufruhr mitten unter ihren Landsleuten. Die Belgier behandeln ihren König, und besonders diesen, als Menschen wie du und ich. Auch das ist belgisch, menschlich, normal, in anderen Monarchien undenkbar. Die Belgier sind ein sonderbares Völklein. Politisch noch nach 180 Jahren Amateure aber von einer Einfachheit die auch einen Republikaner immer wieder rührt.

Und Philipp?

2013: Philipp, der 53jährige König ab dem Nationalfeiertag dem 21.Juli, wirkt, nein er ist gehemmt und wird nie so entspannt sein wie sein Vater. Er hat aber dazugelernt, erscheint immer noch ein bisschen angestrengt doch beherrschter als früher. Er zog strenge Verweise auf sich, als er vor Jahren, sich wohl an Baudouin inspirierend aber jugendlich übertreibend, ohne die einem König anstehende Zurückhaltung der belgischen Innenpolitik Lehren erteilte. Das hat er nicht mehr getan

Die Belgier hoffen auf das bekannte Wort „la fonction fait l’homme“, er wird es schon lernen König zu sein wenn er es ist. Haben wir das nicht schon bei Albert gesehen? Der Mann, der bei der Inthronisierung am ganzen Leib zitterte, ist einer unserer besten Könige geworden, der ausgeglichenste von allen. Das kann ja auch Philipp geschehen.

Er wird es aber noch schwerer haben als sein Vater, das Land zusammenzuhalten. Der flämische Nationalismus rumort immer weiter ohne klares Ziel, aber mit irgendwann der Unabhängigkeit vor Augen, also der Spaltung Belgiens. Im Mai 2014 wird das nationale Parlament neu gewählt. Wenn dann die flämischen Nationalisten nochmals stark zulegen und „incontournable“ werden, wenn ohne die Nieuwe Vlaamse Alliantie keine regierungsfähige Koalition gebildet werden kann, wird sie eine weitere Abtretung nationaler Kompetenzen an Flandern zur Bedingung ihrer Beteiligung machen und den Staat Belgien noch weiter aushöhlen, bis er zusammenbricht.

Werden die Belgier, werden die Flamen stattdessen den Mitteparteien, welche Premierminister di Rupos Grosse Koalition formen, ihre gute Arbeit seit den anderthalb Rekordjahren Regierungskrise danken? In Belgien gibt es ein Unikum in einem föderalistischen Staat: keine nationalen Parteien mehr, alle, die Liberalen, Sozialisten und Christdemokraten, haben sich vor vierzig Jahren der Sprachgrenze entlang in selbständige flämische und frankophone Parteien gespalten, es gibt voneinander getrennt flämische und frankophone Sozialisten, Liberale und Christdemokraten mit eigenen Programmen. Die drei flämischen stehen ihren wallonischen Brüdern noch ideologisch nahe, zollen jedch dem Drang der Flamen nach immer mehr Selbstregierung ihren Tribut. Wenigstens wollen sie aber nicht wie die Nationalisten ein unabhängiges Flandern und bekennen sich zur Einheit Belgiens.

Wenn die Liberlane, Sozialisten und Christdemokraten nächstes Frühjahr in Flandern ihre Parlamentssitze gegen den Angriff der Nationalisten halten können, ist Belgiens Einheit für die nächsten fünf Jahre gesichert. Wenn nicht, wird das Land weiter der Spaltung entgegentaumeln. Dann wartet auf den unerfahrenen Philipp die schwerste Aufgabe, die je ein belgischer König zu meistern hatte.

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