Videokunst als Seelenblick

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Videokunst als Seelenblick

Von Michael Lang, 07.02.2018

Videokunst, sinnlich-intellektuell ineinander verschmelzend mit Werken der Schweizerinnen Judith Albert und Anne Sauser-Hall.

Das Solothurner Kunstmuseum, eine umsichtig betreute Kultur-Oase, zeigt bis zum 8. April in einer Doppelausstellung Arbeiten der Innerschweizerin Judith Albert (*1969) und der Genferin Anne Sauser-Hall (*1953).

Anregender Dialog

Wir zitieren aus dem Begleittext von Kurator Christoph Vögele: „Über die bei beiden Künstlerinnen auftretenden Bildzitate, oft aus der Geschichte der Malerei, ergibt sich ein anregender Dialog. Sowohl Judith Albert wie Anne Sauser-Hall stellen in ihren Werken existenzielle Fragen, mit denen die Vergänglichkeit thematisiert und am Zitat manifestiert wird. Zugleich aber ist dieses als Instrument eines bewussten Wieder-Holens etwas sehr Lebendiges. Mit der Wahl des Videofilms als Medium bauen Anne Sauser-Hall und Judith Albert auch inhaltlich auf ein Kontinuum, worauf der gemeinsame Ausstellungstitel continuo verweist.“

Judith Albert: Dunkle Wolke, 2013, Video, 2’30”
Judith Albert: Dunkle Wolke, 2013, Video, 2’30”

Das unweit des Altstadtkerns gelegene Kunstmuseum stellt den Künstlerinnen jeweils einen Seitenflügel im Erdgeschoss zur Verfügung. Am Eingang des Bereichs von Judith Albert steht man vor einem kleinen Monitor und damit vor dem – zunächst an Caspar David Friedrich erinnernden – Werk Dunkle Wolke (2013). Es zieht einem sofort in den Bann: Eine Frauengestalt steht hoch über dem Meer auf einem Gemäuer, der Hintergrund ist in oranges Licht getaucht. Judith Alberts hat die Szene auf Haushaltspapier projiziert, auf welchem eine Wolke – beziehungsweise ein Tintenklecks – stets grösser wird, mehr Raum einnimmt, bis sie die Frau geradezu zu verschlingen scheint.

Verletzlich-erotische Spannung

Dem Meer, dem Element Wasser begegnet man nochmals, in Mare mosso (2015). Und im ebenfalls grossflächigen Video Maria, breit den Mantel aus (East End, 2011) fliesst ein blaues Tuch wie Wasser aus einer Türspalte. Auch hier wird bei genauem Hinschauen deutlich, wie Judith Albert Bild- und Realitätsebenen auf faszinierende Art und Weise ineinanderfliessen lässt.

Berührt hat uns besonders die Arbeit Judith & Holofernes (2013: Es geht – vielleicht? – um eine andere, die alttestamentarische Judith, die mutige, entschlossene, aufopfernde Streiterin gegen das Böse, die den assyrischen Feldherrn Holofernes enthauptete. Im Video zieht Judith Albert mit eigenen Händen eine Vielzahl von nebeneinander aufgereihten Messern aus ihren Hüllen oder klappt sie auf: Das Klacken der Klingenscharniere mutet an wie kleine Schreie. Sie lösen (der eigenen Erinnerung beim fahrlässigen Umgang mit scharfem Schneidgerät geschuldet) prompt ein Gefühl von Verletzungsängsten aus. Und wenn dann alle Geräte bereit liegen, scheint der Raum von fetischartiger, dunkel-erotischer Spannung erfüllt.

Intellektuelle Sensualität

In La main droite de Picasso (2015) scheint die Künstlerin ihre eigene Hand aufzuritzen. Und wir erkennen, dass Hände als Motiv im Schaffen von Judith Albert evident sind – wie auch in dem von Anne Sauser-Hall. Der Zugang zu ihrem Werk erschien uns spontan etwas unterkühlter, kopflastiger, gefühlsferner. Doch bald entfaltet sich neben der intellektuellen Herangehensweise auch die gefühlstiefe Sensibilität der Genfer Künstlerin. Ganz beispielhaft in Deadpan Dance (after Obama, 2013): Der vormalige US-Präsident Barack Obama wird einem als charismatischer Redner mit Esprit in Erinnerung bleiben. Anne Sauser-Hall fokussiert diesen Eindruck, indem sie – von einem Double nachgestellt – die coole Körpersprache des Staatsmanns am Beispiel seiner faszinierenden Handbewegungen verbildlicht: Barack Obama als Hand-Gesten-Ballerino, ein trefflicher Einfall!

Anne Sauser-Hall; Anfiteatro (after Borges), 2011, Video, 1‘40‘‘
Anne Sauser-Hall; Anfiteatro (after Borges), 2011, Video, 1‘40‘‘

Wie wichtig das präzise Hinsehen, das Eintauchen in die langsamen Bildfolgen für die Rezeption von Anne Sauser-Halls Werk ist, wird einem auch bei der breitflächigen Doppel-Projektion Anfiteatro (after Borges, 2011) bewusst, die auf eine Erzählung von Jorge Luis Borges (1899-1986) verweist: Die mit Graffiti verzierten Stufen eines kleinen Stadions sind mit wenigen Leute besetzt. Auf und über dem davorliegenden Platz führen Tauben Tänze und Luftakrobatik auf. Wer dieses anfangs überschaubar wirkende Treiben etwas länger beobachtet, wird gewahr, wie aus dem vermeintlich Gleichen Veränderung keimt.

Mehrere der in continuo ausgestellten Arbeiten beider Künstlerinnen sind mit prononcierten Tonspuren versehen, was dem Publikum zusätzliche Konzentration abfordert, Neugierde weckt – aber nie von der Magie des bewegten Bildes ablenkt.

Rätselhafte Trompe-l'oeil-Effekte

Filmisches schweizerischer Provenienz ist in Solothurn fixer Bestandteil des kulturellen, sozialen, politischen Lebens; eben sind die 53. Filmtage zu Ende gegangen. Und so ist es wunderbar, dass der Zauber des „bewegten Bildes“ weiterwirkt, im Rahmen dieser umsichtig gestalteten, nie überladenen Ausstellung im Kunstmuseum. Also lohnt sich ein Ausflug in die Ambassadorenstadt an der Aare.

Judith Albert: Austern, 2017, Video, 4’30”
Judith Albert: Austern, 2017, Video, 4’30”

Wir empfehlen mit Nachdruck auch einen Abstecher in die St. Ursen-Kathedrale, die ein paar Steinwürfe entfernt das Solothurner Stadtzentrum überragt. Teile des Chorraums dieses weltbekannten Gotteshauses wurden 2011 durch einen Brandanschlag verwüstet, dann prächtig restauriert. Wesentlichen Anteil daran hat die Künstlerin Judith Albert, vorab mit dem von ihr gestalteten Altar aus weissem Carrara-Marmor, mit dem sie Leonardo da Vinci zitiert. Im Kunstmuseum greift sie im Video Austern (2017) eben diese Altar-Schöpfung auf, kreiert ein Stillleben mit rätselhaften Trompe-l'oeil-Effekten (man findet sie in der continuo- Ausstellung bei beiden Künstlerinnen mehrfach). Und so wird eine Brücke geschlagen zwischen moderner Videokunst und der jahrhundertealten Kathedrale, einem Ort der Besinnung.

Ein Kompass und zwei Kataloge

Die beiden Bereiche der Ausstellung continuo sind zwar im Rückraum durchgängig begehbar, doch wir raten dazu, zwischen den Rundgängen ins Museums-Foyer zurückzukehren und dann von dort aus den jeweils anderen Flügel zu durchstreifen; so erkennt man die Ablaufdramaturgie des Ganzen besser.

Hinzuweisen ist noch auf das kostenlos aufliegende Begleitblatt – verfasst von Kurator Christoph Vögele –, das zum informativen continuo-Kompass wird. Und wärmstens empfohlen seien die fein edierten, betexteten, atmosphärisch dicht bebilderten Kataloge – jeder Künstlerin ist einer gewidmet. Sie weiten den Blick auf das jeweilige Schaffen, die Philosophie, das Werk und das, was Judith Albert und Anne Sauser-Hall zwar unterscheidet, in der Gesamtwahrnehmung jedoch verbindet.

Continuo: Judith Albert und Anne Sauser-Hall, noch bis zum 8. April.

Gespräche mit den Künstlerinnen: Di 20.02., 19.00 Uhr, Anne Sauser-Hall; Mi 07.03., 19.00 Uhr, Judith Albert.

Weitere Infos: www.kunstmuseum-so.ch

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