Verschleierte Zwänge

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Verschleierte Zwänge

Von Franz Derendinger, 16.01.2019

Seit dem Existenzialismus steht das Allgemeine und Verordnete in der Kritik. Nun wird diese scheinbar in der Arbeitswelt übernommen. Doch die neuen Freiheiten sind trügerisch.

Der Taylorismus ist längt überwunden, jene Managementphilosophie aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche die Arbeitswelt mit einer flächendeckenden Standardisierung überzog. Aber neue Zwänge haben sich über die Betriebe gelegt, die schwerer fassbar sind und deshalb weit weniger Einspruch auf sich ziehen.

Charlie Chaplin steht am Band und hat an Werkstücken, die zügig vorbeigleiten, je zwei Schrauben anzuziehen. Irgendwann erhöht sich das Lauftempo, der Tramp hält nicht mehr mit und wird schliesslich in einen Produktionsschacht gesaugt. Doch selbst dort, im Innern des Räderwerks, funktional längst aus dem Verkehr gezogen, kann er nicht damit aufhören, mit seinen zwei Schlüsseln Schrauben festzudrehen. Mit diesem surrealen Bild nimmt «Modern Times» 1936 den Taylorismus auf die Schippe, jene Managementphilosophie des Industriezeitalters, die jegliche Tätigkeit standardisiert und damit die Menschen zu Rädchen degradiert hat, eben zu Anhängseln einer umfassenden Maschinerie. Am Fabriktor wartet die mechanische Stechuhr, denn die Arbeitszeit ist strikt geregelt; Wiederholung und geisttötende Routine bestimmen die Abläufe, autoritäre – quasi-militärische – Kommandostrukturen sorgen für eine enge Überwachung.

Schöne neue Arbeitswelt

Das haben wir zum Glück hinter uns, die allermeisten jedenfalls und ganz sicher die besser Qualifizierten. Gleitende Arbeitszeiten sind praktisch normal geworden, individuelle Regelungen zumindest möglich, und für manche, besonders für kreative Tätigkeiten braucht man noch nicht einmal im Betrieb zu erscheinen, weil sie sich von mobilen Geräten aus erledigen lassen.

Aber auch das Gesicht der Arbeit selbst hat sich gewandelt, die Abläufe sind ohne Zweifel vielgestaltiger und abwechslungsreicher geworden; zudem finden sich die Einzelnen nicht mehr allein auf sich gestellt, sondern eingebunden in Teams, mit denen sie sich austauschen und die Verantwortung teilen können. Als out gilt selbstverständlich auch die starre Kommandostruktur; an ihre Stelle sind flache Hierarchien getreten, die ein höheres Mass an Beteiligung ermöglichen. Nur logisch, dass sich da auch der Umgangston vom Kasernenhof verabschiedet hat; kommunikativ kompetente Vorgesetzte coachen uns heute dort, wo einen früher der autoritäre Chef zusammengestaucht hätte.

Und dennoch, als Reich der Freiheit kommt vielen die Arbeitswelt weiterhin nicht vor. Die Macht des Allgemeinen mag vordergründig zwar durchbrochen sein, doch haben sich wie ein feiner Reif neue Zwänge über Büros und Fertigungshallen gelegt. Das beginnt mit unscheinbaren Anwendungsprogrammen, ohne die sich die Arbeit noch nicht einmal machen liesse. Sie legen uns in vielem auf Standardlösungen fest und nerven zugleich durch die dauernden Updates, welche Gewohntes immer wieder in Frage stellen.

Eine Anwendung wie Outlook bzw. der Spam, den sie anschwemmt, frisst nicht nur enorm viel Zeit, sie macht auch die individuellen Terminpläne durchsichtig und zeigt so den Vorgesetzten mangelnde Auslastung an. Dann haben wir die Vorgaben der Qualitätssicherung mit ihren endlosen Prozessdefinitionen und dem Ritual der Audits, bei denen der Inhalt der Handbücher aufzusagen ist. Über allem schliesslich eine generelle Kultur des Change, die ständig neue Umbrüche verordnet und dabei Sachzwänge vorschiebt – den Technologiesprung, den Markt –, so dass kein Platz für Einspruch bleibt. Schon gar bei einer Sockelarbeitslosigkeit von gegen oder über fünf Prozent.

Die weichen Zwänge des Funktionalismus

Die neuen Managementlehren schwören auf Individualisierung und auf Wandel, da passen Systemzwänge natürlich schlecht ins Bild, und es gilt sie der Wahrnehmung zu entziehen. Das geschieht im Wesentlichen auf zwei Ebenen: Zum einen werden sie in den technologischen bzw. organisatorischen Rahmenbedingungen versteckt, zum andern als unternehmerisches Credo in die Köpfe implementiert, so dass der allumfassende Funktionalismus als Selbstverständlichkeit erscheint, zu der sich Fragen verbieten.

Dabei, da bestehen wohl kaum Zweifel, gibt es aktuell auch bei uns mehr Tempo am Band. Aber der Druck, den das erzeugt, ist nur schwer zu objektivieren. An offiziell steigenden Arbeitszeiten lässt er sich nicht festmachen, eben so wenig an subjektiv empfundenen Belastungen, weil die von der individuellen Disposition abhängig und so nur schwer zu verallgemeinern sind. Natürlich zeigt sich ein diffuses Unbehagen, es artikuliert sich ja auch in einem verbreiteten Grummeln und Nölen, mitunter sogar publizistisch aufgearbeitet wie etwa in der Diskussion um die «Bullshit-Jobs». Doch das alles bleibt merkwürdig zahnlos, scheint mehr als sozialer Kitt unter Frustrierten zu dienen, als dass es sich zur beissenden Kritik an den Verhältnissen zuspitzen würde.

Die neue Unfreiheit hat weiche Kanten und ist darum nicht gleich als solche erkennbar. Nicht zuletzt, weil das Allgemeine nicht mehr als offenbarer Zwang daherkommt, sondern im Gewand des Funktionalen. So gibt es auch immer weniger den grundsätzlich anfechtbaren Entscheid von Personen. Die Herrschaft ist vielmehr an anonyme Prozesse delegiert, die alle einem unbestreitbaren Zweck dienen: der Effizienzsteigerung. Das gilt letztlich bis hinauf zu den höchsten Verantwortungsstufen; selbst dort hat sich Führung an ein enges Korsett von Sachzwängen zu halten und ist darum nur sehr bedingt mit persönlicher Macht verbunden.

Überhaupt das Persönliche: Es erscheint zunehmend als reiner Reibungs- und Störfaktor; Stromlinienform ist angesagt. Das gilt für das Styling der individuellen Umgangsformen wie für die Aussendarstellung von Unternehmungen. Natürlich werden regelmässig Unternehmerpersönlichkeiten gefeiert, die durch ihr kantig-geniales Wesen ganze Branchen umgekrempelt haben; die gibt es sicher auch, doch sie bilden eher tröstliche Kontrapunkte, als dass sie das Wesen des modernen Managements repräsentierten.

Spurlos verschwinden?

Genau hier setzt denn auch ein Unbehagen ein, das nicht einfach mit höherer Arbeitsbelastung oder gesteigertem Innovationsdruck zu tun hat. Es beruht darauf, dass der reine Funktionalismus ein menschliches Bedürfnis übergeht, das nicht bei allen gleich ausgeprägt, aber dennoch grundlegend ist: das Bedürfnis, einen persönlichen Abdruck, eine Spur zu hinterlassen, nicht zuletzt in der Arbeit, mit der wir doch einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit verbringen. Im ehrwürdigen Begriff des Berufs steckt drin, worum es dabei geht: um eine Tätigkeit nämlich, zu der sich jemand berufen fühlt, die ihn im Innersten anspricht und deshalb emotionale Teilhabe zulässt. Entsprechende Tätigkeiten mögen selbstverständlich auch mit Last verbunden sein, doch sie gewähren genug Gestaltungsspielraum, um der Arbeit einen eigenen Stempel aufzudrücken.

Und exakt dieser Spielraum tendiert gegen null, wo immer sich der angesagte Funktionalismus breit macht. In Köpfen, die kreativ, aber nicht gleich in der Lage sind, die Welt zu verändern, erzeugt das den Eindruck demotivierender Öde. Ein wenig mögen sie sich vorkommen wie der Protagonist aus den «Matrix»-Filmen, den das Gefühl beschleicht, in einer alles umfassenden Scheinwelt zu leben, einer Welt, die keine wirkliche Wahl, sondern nur noch die Simulation von Entscheidungssituationen bietet. Im Grunde erstaunt nicht, dass die SF-Trilogie der Wachowskis im Horizont des Milleniums Kultstatus erlangte.

Der existenzialistische Einspruch

Der Standardisierungswut des Taylorismus sind eine Vielzahl von kulturellen Gegenströmungen erwachsen, die Einspruch erheben gegen die Vereinnahmung des Menschen durch die Maschinerie, und zwar dadurch, dass sie das Individuum gegen den Zugriff des Allgemeinen verteidigten. Darunter besonders hervorzuheben ist der Existenzialismus, weil dieser letztlich über die akademische Sphäre hinauswirkte und mit seinen Themen in die Populärkultur eindrang, ja geradezu eine erste breitere Jugendbewegung anstiess.

Der Existenzialist widersetzt sich den Systemzwängen; entsprechend opponiert er gegen die autoritären Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft, ebenso natürlich gegen die traditionellen bürgerlichen Werte, mit denen die aktuelle Ordnung legitimiert wird. Zum zentralen Bezugspunkt im revolutionär neuen Werterahmen werden die Potentiale, die je eigenen Möglichkeiten des Individuums. Sie gilt es zur Geltung zu bringen – gegen jede Form opportunistischer Anpassung. Existenzialisten heben sich ab von den Setzkästchen der geltenden Normen, sie stehen entschieden zu sich, das heisst zu ihrem Anderssein. Unter den Bedingungen eines offenen, deutlich fühlbaren Systemzwangs treten sie also genau für jenes Bedürfnis ein, das in der heutigen Arbeitswelt – zweifellos unter besser wattierten Zwängen – erneut missachtet wird.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich eine breit aufgestellte kritische Kultur herausgebildet, die gegen die vorherrschende «Logik des Allgemeinen» (Andreas Reckwitz) Stellung bezogen hat. In den folgenden Jahrzehnten hat diese Kultur sich in den Gesellschaften des Westens sogar durchgesetzt und in deren Werteordnung pointiert individualistische Standards installiert. Von daher erstaunt es schon, wenn der neuen Management-Matrix nicht mehr Widerstand erwächst, zumal diese selbst in den offiziellen Leitzielen Standardisierung als anachronistisch ablehnt. Die Verwunderung darüber, dass die fällige Entfremdungsdebatte gelinde gesagt randständig bleibt, bildet denn auch den Ausgangspunkt für die vorliegende Artikelreihe. Ihr geht es letztlich darum, jenen kritischen Impuls zu revitalisieren, dem im Triumph die Spitze gebrochen wurde.

Ausblick

Zu diesem Zweck wird der zweite Artikel genauer ausleuchten, worum es im Existenzialismus eigentlich ging und was die entsprechende Haltung ihre Träger kostete. Der dritte Teil der Serie wird erläutern, warum das existenzialistische Ethos der Überschreitung heute stumpf geworden ist. Der vierte und letzte Teil wird einen Weg skizzieren, wie dem aktuellen Spiegellabyrinth vervielfältigter, sich gegenseitig befehdender Überschreitungen zu entkommen ist. Es gibt zurzeit ja einen Minimalkonsens, der besagt, es gehe gar nicht, von gestern zu sein; alle wollen zur Avantgarde gehören. Sogar die Konservativen gebärden sich als Revolutionäre, die gegen einen vorherrschenden Mainstream ankämpfen. Da könnte es doch sein, dass sich das Aufbruchsschema aus dem 20. Jahrhundert überlebt hat und unter aktuellen Bedingungen in eine Sackgasse führt.

Dies ist der erste Beitrag in einer vierteiligen Reihe.
Teil 2: «Existenzialismus reloaded»
Teil 3: «Illusorisch gewordene Befreiungen»
Teil 4: «Existenzialistisches Ethos heute»

Kommentare

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Sehr geehrter Herr Derendinger
Eben habe ich Ihre ersten drei Artikel gelesen und freue mich auf den vierten!
Obwohl ich viel lese, habe ich den Eindruck, hier in einem ausserordentlichen Mass Klarheit über eher chaotische Zustände Ereignisse und Zusammenhänge der letzten 100 Jahre zu erhalten.
Ihre Berichte sind ein wahrer Gewinn!
Mit freundlichen Grüssen
Beat Schwab

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