Zuletzt war Ali Larijani am 13. März bei der Quds-Tag-Demonstration in Teheran öffentlich gesehen worden: Er winkte, sprach mit Teilnehmern und zeigte sich demonstrativ nahbar. Einen Tag zuvor hatte er sich auf der Plattform X direkt an Donald Trump gewandt und geschrieben: «Trump hat erneut gesagt: ‹Wir müssen diesen Krieg schnell gewinnen.› Es ist leicht, einen Krieg zu beginnen, aber er lässt sich nicht mit ein paar Tweets beenden.» Seine Botschaft schloss er mit einer Drohung: «Wir werden euch nicht in Ruhe lassen, bis ihr euren Fehler einseht und den Preis dafür bezahlt. Pass auf, dass du nicht vernichtet wirst.» Nun heisst es aus Israel, Ali Larijani sei getötet worden.
Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, man habe ihn «in die Hölle geschickt». In Teheran hingegen herrscht zunächst das bekannte Schweigen, wie schon nach der Nachricht vom Tod Khameneis. Erst sieben Stunden später meldete die den Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur Tasnim, Larijani werde bald eine wichtige Erklärung abgeben.
Seit der Gründung der Islamischen Republik vor 47 Jahren war Larijani eine zentrale Figur des politischen Systems. Als Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats galt er zuletzt als einer der wichtigsten Entscheidungsträger. Er gehörte zu den Gründern der Revolutionsgarden und blieb deren Führung eng verbunden. Beobachter sahen in ihm den eigentlichen Drahtzieher hinter dem blutigen Vorgehen gegen die Demonstrationen im vergangenen Dezember. Zugleich inszenierte er sich im In- wie im Ausland als führende Persönlichkeit einer möglichen Post-Khamenei-Ära.
Larijanis familiärer Hintergrund unterstreicht seine Machtstellung: Sein Vater war Grossajatollah, seine drei Brüder zählen zu den einflussreichsten Akteuren des Regimes. Sein älterer Bruder Sadegh galt zeitweise sogar als möglicher Nachfolger Khameneis. Sollte sich der Tod Larijanis bestätigen, dürfte bald eine offizielle Stellungnahme folgen – auch weil er nicht nur Ratschef, sondern zugleich Vertreter des Obersten Führers im Nationalen Sicherheitsrat war. In diesem Fall müsste Mojtaba Khamenei zeitnah einen Nachfolger bestimmen.
Tod von Gholamreza Soleimani
Parallel dazu meldete die israelische Armee die Tötung von Gholamreza Soleimani, dem Kommandanten der Basij-Milizen. Aus psychologischer Sicht ist dies eine bedeutsame Nachricht. Zwar verbietet sich jede Freude über den Tod eines Menschen, doch in sozialen Netzwerken löste die Nachricht über Soleimanis Tod eine Welle offener Genugtuung aus. Berichten zufolge wurde er in einem provisorischen Zeltlager am Strassenrand getötet – dorthin hatten sich Basij-Einheiten zurückgezogen, nachdem ein Grossteil ihrer Garnisonen durch israelische Angriffe zerstört worden war.
Die Entwicklung der Basij ist zugleich ein Spiegel für die Transformation einer religiösen Bewegung in ein Machtinstrument. In den ersten Tagen nach der Revolution rief Ajatollah Khomeini die Jugend dazu auf, Bauern bei der Ernte zu unterstützen, und prägte dafür den Begriff «Basij» – Mobilisierung. Die Revolutionsgarden erkannten jedoch schnell das Potenzial dieser Bewegung und formten sie zu einer paramilitärischen Struktur um. Bald existierten Basij-Einheiten in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen: in Dörfern, Universitäten, Moscheen und Fabriken.
Mit der Zeit wurden die Basij zu einem privilegierten Instrument staatlicher Kontrolle. Sie überwachten die Bevölkerung, sorgten für die Teilnahme an staatlich organisierten Demonstrationen und fungierten als verlängerter Arm der Macht. Ihre Mitgliederzahl ging in die Hunderttausende. Bei Protesten traten sie früh als gewaltsame Schlägertrupps auf; ausgebildet, bewaffnet und organisiert durch die Revolutionsgarden entwickelten sie sich zur zentralen Kraft bei der Niederschlagung von Unruhen.
Gholamreza Soleimani selbst blieb in den Medien weitgehend im Hintergrund, galt jedoch als äusserst einflussreich. Zum Zeitpunkt der Revolution war er ein vierzehnjähriger Schüler in seiner Heimatstadt Farsan im Zentraliran und bereits politisch aktiv. Nur ein Jahr später kämpfte er im Iran-Irak-Krieg an der Front. Er gehörte damit jener Generation von Kommandanten an, die ihre Legitimation aus dem achtjährigen, verlustreichen und letztlich ergebnislosen Krieg bezogen.
Während seiner siebenjährigen Amtszeit an der Spitze der Basij wurden mindestens vier grosse Protestbewegungen gewaltsam niedergeschlagen – darunter die Bewegung «Frau, Leben, Freiheit» sowie die landesweiten Demonstrationen im vergangenen Dezember, bei denen rund 30’000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Vor diesem Hintergrund erscheint die emotionale Reaktion vieler Nutzer in sozialen Netzwerken auf seinen Tod zumindest erklärbar.