Vernunft gegen Emotion

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Vernunft gegen Emotion

Von Christoph Kuhn, 23.11.2015

Kein europäischer Politiker hat nach seinem Tod so viele respektvolle und rühmende Nachrufe erhalten wie Helmut Schmidt. Zu Recht.

Und doch lassen sie einen staunen, weil sein Verständnis von Politik so gar nicht dem heute zelebrierten entsprach. Wenn es einen hochrangigen Politiker gab, der kühl und sachlich blieb in der schlimmsten Staatskrise, dann war er das. Seine Devise lautete: „In der Politik hat keine Emotion und Leidenschaft Platz ausser der Leidenschaft zur Vernunft.“ Welcher Politiker, welches Medium mag sich heute noch dem strengen und ausschliesslichen Diktat der Vernunft unterwerfen? Wo doch die Emotion und die Schürung derselbigen viel wirkungsvoller und deshalb wichtiger geworden sind?

Liest man nach, wie Schmidt seinerzeit den RAF-Terror kommentiert, analysiert und  bekämpft hat und hört man sich, drei Tage nach Schmidts Tod,  an, wie französische und andere Politiker dem zugegebenermassen nicht zu vergleichenden IS-Terror in Paris den Krieg erklären, dann hat das mit der Vernunftsdevise wenig mehr zu tun. Auch steht zu befürchten, dass das begeisterte Absingen der überaus martialisch-nationalistischen Marseillaise so wenig wie das epidemische Bekenntnis „Ich bin Paris“ taugliche Mittel zur Bekämpfung des Terrors sein können.

Emotionen sind schön und recht. Gekoppelt an das unstillbare Mitteilungsbedürfnis, das die Generation der Facebook-Benutzer und Twitterer erfasst hat und dem heute auch viele Politiker huldigen, richten solche verbalen Schnellschüsse bloss Schaden an. Auch wenn der jüngste Terror in Vernunftskategorien schwer zu erklären ist, werden es doch Vernunftsgebote sein, die zu seiner Bekämpfung erforderlich sind. 

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Wird wohl stimmen, das heisst, dass Winston Churchill weniger rühmende Nachrufe erhielt.

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