Unterwegs im Mesokosmos

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Unterwegs im Mesokosmos

Von Journal21, 23.03.2012

Soeben ist die 10. Auflage von Bernt Spiegels „Die obere Hälfte des Motorrads“ erschienen. Dieses Buch passt in kein Schema. Es handelt davon, dass der Mensch ein Motorrad kaum beherrschen kann. Dafür gibt es eigentlich keine „Zielgruppe“.

Denn Motorradfahrer wollen das eher nicht hören, und wer das Motorradfahren sowieso für Unfug hält, interessiert sich erst recht nicht für Details. Also müsste ein Buch, wie Bernt Spiegel es 1998 im Heinrich Vogel Verlag vorgelegt hat, erwartungsgemäss floppen. Das geschah aber nicht, im Gegenteil. Innerhalb weniger Monate erschienen drei Auflagen. Und der Motorbuch Verlag, der das Buch seit 1999 herausbringt, bezeichnet es inzwischen als "Bestseller".

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis? Es liegt darin, dass Bernt Spiegel so gründlich und grundsätzlich wie nur wenige vor ihm über das Motorradfahren nachgedacht hat. Die Mittel dazu haben ihm sein Studium der Psychologie und Naturwissenschaften an die Hand gegeben – und seine Leidenschaft für das Motorradfahren. Und so sind seine Ausführungen mit physikalischen Details ebenso gespickt wie mit psychologischen Erkenntnissen und seinen Erfahrungen als Instruktor für Sportfahrer auf der Nordschleife des Nürburgrings.

Lehrmeister Evolution

In seinem „bürgerlichen“ Beruf war Spiegel allerdings zunächst einmal Professor: 1963 Ordinarius für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Göttingen, 1965 Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, 1967 Mitglied der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Danach gründete er sein eigenes Institut für Marktpsycholgie. Das „Spiegel-Institut Mannheim“ besteht bis heute.

Dabei ist Spiegel etwas gelungen, wovon die meisten nur träumen können. Er hat einen Begriff geprägt, der in kürzester Zeit in den allgemeinen Sprachgebrauch überging: "Marktnische". Dieser Begriff ist dem der „ökologischen Nische“ nachgebildet und aus seinen grundlegenden Überlegungen zur Evolution hervorgegangen. Alle Lebewesen sind auf der Suche nach optimalen Lebensbedingungen und wählen entsprechend Orte und – Angebote. Erzwungene oder gewollte Ortswechsel erfordern die Entwicklung neuer Fähigkeiten und den Gebrauch bislang ungewohnter Werkzeuge. Dieser Ansatz, den Menschen in seiner evolutionären Entwicklung zu betrachten, prägt Spiegels Analyse- und Lehrmethode beim Thema Motorrad.

Das überforderte Gehirn

Der Grundgedanke: Wer ein Motorrad bewegt, setzt sich zahlreichen neuen Herausforderungen aus. So muss er simultan oder dicht aufeinander folgend komplexe Bewegungsabläufe koordinieren. Er muss das Gleichgewicht halten, die Schräglage kontrollieren, er muss beschleunigen und bremsen, Kurven richtig einschätzen und anfahren, er muss auf unvorhergesehene Einflüsse reagieren, die richtigen Geschwindigkeiten wählen - und und und. Der Kopf kann das zwar alles analysieren und verstehen, aber das erfordert Zeit und verbraucht enorme Ressourcen. Während der Fahrt kann sich das Gehirn unmöglich mit den Details des gerade ablaufenden Geschehens beschäftigen; es wäre hoffnungslos überlastet.

Was geschieht statt dessen? Der Mensch folgt seinem „Gefühl“, seinem „Instinkt“ oder auch seiner „Intuition“. Anders könnte er sein Motorrad gar nicht bewegen. Der Haken besteht aber darin, dass die Gefühle und Intuitionen nicht unbedingt das Richtige empfehlen. So neigen die meisten Fahrer gefühlsmässig zu viel zu dichtem Auffahren. Erst das Wissen über Fahrphysik und die Reaktionszeiten des Menschen kann die Einsicht vermitteln, wie hoffnungslos die Lage ist, in die man sich durch dichtes Auffahren hineinmanövrieren kann.

Die Grenzen des Menschen

Diese begrenzte Vorstellungskraft des Menschen ist ein Erbe der Evolution. Spiegel gebraucht in diesem Zusammenhang den Begriff „Mesokosmos“. Der Mesokosmos ist die Welt, in der sich der Mensch zu Hause fühlt. Er liegt zwischen dem uns nicht unmittelbar sichtbaren Mikrokosmos und dem Makrokosmos, also dem All. In unserem Mesokosmos hören und sehen wir jeweils nur im Bereich kleiner Frequenzspektren, unsere natürliche Geschwindigkeit ist relativ niedrig und unser Blick reicht nur bis zum Horizont - der zu Fuss jeweils eine Tagesreise entfernt ist. Die Kräfte bei höheren Geschwindigkeiten übersteigen ebenso unser Vorstellungsvermögen wie es uns von Natur aus nicht möglich ist, mehr als 20 Grad Schräglage einzunehmen.

Wer sich aber beim Motorradfahren in nicht mehr als 20 Grad Schräglage begeben kann oder will, „lebt gefährlich“, wie Spiegel sagt. Denn damit begibt er sich in Kurven oder bei Ausweichmanövern jeglicher Sicherheitsreserven. Das ist ja überhaupt das Problem: die gewaltigen Kräfte, die allein schon durch das hohe Gewicht der Motorräder gegeben sind und zusätzlich durch die Bewegungsenergie ins Spiel kommen, mit den begrenzten Mitteln des Menschen vollständig unter Kontrolle zu halten.

Tückische Kräfte

Zur Komplexität der Bewegungsabläufe gesellt sich also noch die Schwierigkeit, dass schon jeder kleine Fehler fatale Folgen haben kann. Ein banales Beispiel: Man ist gezwungen, dass Motorrad auf einer ansteigenden Strasse zu wenden. Stützt man es mit dem Fuss auf der Talseite ab, genügen schon wenige Zentimeter Differenz, „und das Motorrad ist nicht mehr zu halten“, wie Spiegel schreibt. Anders als beim Fahrradfahren oder beim Ski kommen immer gleich Riesenkräfte ins Spiel, die sich blitzartig gegen den Menschen wenden können.

Deswegen muss ein grosser Aufwand getrieben werden, um das Motorrad jederzeit in einem stabilen Zustand zu halten. Seitenlang beschäftigt sich Spiegel mit dem „Stützgas“. Darunter versteht er die Methode, bei Kurven ganz leicht Gas zu geben, es aber bloss „anzulegen“, um jederzeit mit feiner Dosierung die Schräglage der Maschine regulieren zu können. Fortgeschittene Fahrer werden in sehr engen Kurven wie in Serpentinen dazu ganz leicht die Fussbremse betätigen, um im Zusammenspiel von Gas und Bremse jeweils die optimale Schräglage herzustellen.

Die "paradoxe Lenkbewegung"

Ein weiterer bisweilen witziger Punkt in Spiegels Ausführungen: Wie lenken wir überhaupt? In vielen Lehrbüchern zum Motorradfahren und unzähligen Kursen ist immer noch von „Gewichtsverlagerung“ oder dem Druck mit dem Schenkel an den Tank die Rede. Mit diesen Vorstellungen räumt Spiegel auf, indem er an Hand der Fahrphysik nachweist, dass beim Motorrad die Schräglage allein über den Lenker hergestellt wird. Eingeleitet wird dieses Manöver durch die „paradoxe Lenkbewegung“, also einen kurzen Druck entgegen der Kurvenrichtung, wodurch das Motorrad schlagartig in die Kurve hineinkippt.

Mit Gewichtsverlagerung hat das gar nichts zu tun. Dennoch ist der Eindruck, den selbst erfahrene Motorradfahrer haben, sie steuerten die Maschine über die Verlagerung ihres Gewichts, nicht ganz falsch. Denn durch diese Bewegung üben sie unbewusst einen Druck auf den Lenker aus, der der paradoxen Lenkbewegung entspricht. Man kann es auch anders sagen: Gerade dann, wenn es um feinste und präziseste Bewegungen geht, ist oft der ganze Körper beteiligt, obwohl das eigentlich gar nicht nötig wäre. Man beobachte nur einmal Pianisten und andere Virtuosen.

Das Marionettentheater

Im akademischen Tagungsbetrieb gibt es den Scherz: „I am still confused, but on a much higher level.“ Das gilt auch für das Motorradfahren: Je mehr man weiss, desto verwirrender wird das Ganze. Schnell verliert man die Unbefangenheit und wird zu genau dem Marionettenspieler, den Heinrich von Kleist beschrieben hat. Denn der verlor seine Fähigkeit in dem Masse, in dem er rational erklären sollte, wie er die Fäden bewegt.

Die Fahrphysik ist so komplex, dass die Psyche ständig Abkürzungen nehmen muss – eine Paradoxie höchsten Grades! Das ist auch ein grosses Thema für Bernt Spiegel. So akribisch er sich mit technischen und physikalischen Deatils beschäftigt und die dazu gehörenden Bewegungsabläufe der Fahrer analysiert, so entschieden sagt er auch, dass der Kopf während der Fahrt von allen diesen Überlegungen freizuhalten ist: „Da sind gänzlich andere und ungleich verlässlichere Instanzen seiner Person am Werk.“ Wie aber kann man sich die vorstellen?

Angeborene "Bewegungsentwürfe"

Im Grunde weiss das jedes Kind, das einen Ball wirft. Es schaut auf das Ziel und wirft. Es denkt nicht darüber nach, wie es zu stehen hat, wie es seinen Körper beim Wurf im Gleichgewicht hält, wie die Armbewegung zu erfolgen hat und wann es die Hand öffnen muss. Und es schaut nicht den Ball, sondern das Ziel an. Schon das Kind hat dafür einen „Bewegungsentwurf“, wie Spiegel sagt. Manche Bewegungsentwürfe sind uns zum Teil angeboren und können durch Lernen verfeinert und verbessert werden. Fatal ist es, wenn wir in eine Situation kommen, für die wir keinen Bewegungsentwurf haben. Dann erstarren wir, und beim Motorradfahren ist es nicht mehr weit bis zum Unfall.

Wie aber ist es möglich, das nötige Vertrauen in die „anderen und verlässlicheren Instanzen“ zu gewinnen? Blockiert das Wissen über das „richtige Fahren“ die Impulse, die von den unbewussten Antrieben herrühren? Ganz lösen lässt sich dieses Problem nie. Ständig beobachten wir Fehler, die uns beim Fahren unterlaufen und die mit einem sogenannten „Fehlerzähler“, einem einfachen Instrument, das auf der linken Lenkerseite befestigt wird, erfasst werden können. Aber im Laufe des Trainings sollte es gelingen, das Gelernte in den Bereich zu schleusen, der unsere Handlungsabläufe automatisch steuert. Man kann auch von Internalisierung sprechen. Wir brauchen das Bewusstsein dann nicht mehr, um richtig zu handeln.

Zur Grenzüberschreitung verurteilt

Das ist ein evolutionärer Schritt. Spiegel spricht in diesem Fall vom Matrix-Patrix-Verhältnis. Damit meint er, dass wir uns an unsere Umwelt, die Matrix, wie Partner anpassen, also zur Patrix werden. Im Bild gesprochen: Wir sind der Schlüssel, an dem so lange gefeilt werden muss, bis er ins Schloss passt und es sich öffnen lässt. Und das ist eben etwas, was Bernt Spiegel neben dem intellektuellen Vergnügen auch am Motorradfahren fasziniert: der evolutionäre Prozess. Nicht umsonst trägt „Die obere Hälfte des Motorrads“ den Untertitel: „Vom Gebrauch der Werkzeuge als künstliche Organe“.

Am Ende eines Vortrags, den er 1989 auf einer Motorradtagung des Vereins Deutscher Ingenieure VDI über den Mesokosmos gehalten hat, sagte Spiegel über die Neigung des Menschen, die Grenzen des Mesokosmos ständig zu überschreiten: „Nur der Mensch ist aus eigenem Antrieb zu solchen Überschreitungen fähig. Diese Antriebe müssen gewaltig sein, denn das Verlassen des Mesokosmos ist immer nur mit Unannehmlichkeiten – mit Irritationen, Orientierungsverlust, Bedrohtheitserlebnissen und Schmerz verbunden. Aber mehr noch: Er ist nicht nur fähig zu solcher Überschreitung, sondern er trachtet unablässig danach. Das scheint ihm, seit er zu denken begann, zutiefst eingegeben.“

Das Übungsbuch für alle Tage

Für ein umfassendes Verständnis des Motorradfahrens ist Bernt Spiegels „Die obere Hälfte des Motorrads“ unentbehrlich. Von der Fahrphysik bis zu Erkenntnissen der modernen Neurobiologie und Anleitungen zum mentalen Training reicht das Themenspektrum. Man wird das Buch immer wieder zur Hand nehmen. Aber da gibt es noch etwas: „Das Übungsbuch“ mit dem Titel: „Motorradtraining alle Tage.“ Gerade jetzt zum Saisonbeginn möchte man dieses Buch zur Pflichtlektüre erklären. Bernt Spiegel hat hier unterhaltsam und witzig die entscheidenden praktischen Erkenntnisse zu kurzen Erklärungen und nützlichen Übungen verdichtet. Selten gehen Spass und Prävention so nahtlos ineinander über wie hier.

Am Freitag, den 30. März 2012, erscheint an dieser Stelle ein Interview mit Bernt Spiegel

Kommentare

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Wir können uns nur freuen, dass Herr Prof.Spiegel, sich so viel Mühe gemacht hat für uns Motorradfahrer so ein wunderbares Fachbuch zu schreiben.
Man braucht immer Vorbilder im Leben und als Hobbyfahrer/in lernt man nie aus,
Dankeschön

Eine Erklärung für den Erfolg des Buches könnte sein, dass Hr. Spiegel nicht wie andere den Motorradfahrern das Hobby auszureden oder zu vermiesen zu versucht, sondern einfach seine Gedanken in ein Buch fasst. Gewisse der hier gebrachten Überlegungen sprechen mich als Motorradfahrer schlicht an. Ich mache auch die Erfahrung, dass man sich auf sein Gefühl verlassen muss, und keine Zeit hat, alles "durchzurechnen". Und man lernt ständig dazu, verschmilzt immer mehr mit der eigenen Maschine zu einer Einheit. Und dass ich erst nach 30 mir meinen Traum verwirklich habe, schadet auch nicht. Ich halte den Sicherheitabstand ein und gehe nicht mit Vollgas in die Kurve. Dass ich dafür manchmal überholt werde von anderen Fahrern, schadet meinem Selbstbewusstsein nicht, weil ich sehen kann, welche zusätzlichen Gefahren sie eingehen. Ich habe - lustigerweise beim Motorradgrundkurs, als die Gefahrlichkeit einer Kurve erklärt wurde - einen Motorradfahrer umfallen sehen und weiss daher auch, dass diese Warnungen ernst genommen werden müssen.

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