Überraschung in der Oude Kerk

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Überraschung in der Oude Kerk

Von Niklaus Oberholzer-Studer, 16.04.2018

Die Oude Kerk Amsterdam lud den französischen Künstler Christian Boltanski ein. Seine Installation „Na“ gibt Tausenden von Toten Raum.

Die Oude Kerk gilt als das ältesten Gebäude Amsterdams, eine breite und hohe, lichtdurchflutete gotische Hallenkirche, ein Backsteinbau mit Gewölben aus Holz, entstanden mitten in der Altstadt im 14. Jahrhundert. Kirchen als Orte des Gottesdienstes sind in den Niederlanden gegenwärtig nicht sehr gefragt. Zudem steht diese Kirche mitten im berühmten Rotlichtviertel Amsterdams: In unmittelbarer Nähe sitzen in rot beleuchteten Schaufenstern kaum mehr bekleidete Damen und lächeln Passanten an. In der Oude Kerk finden an den Sonntagen Gottesdienste statt, doch ausserhalb dieser Zeiten bezahlt man für die Besichtigung der Sehenswürdigkeit zehn Euro Eintritt.

Manche Besucher und Besucherinnen, darunter sehr viele Touristen, waren im Winter (und noch bis zum 29. April) wohl überrascht, wenn sie den weiten Raum betraten: In den Seitenschiffen versperren riesig hohe, mit schwarzen Plastikbahnen verkleidete Kuben den Blick in die mächtige Halle.  Die Messingleuchter hängen tief – knapp über dem Boden, auf dem im Hauptschiff schwarze Mäntel ausgebreitet liegen. Im Chorraum stehen Klappstühle, über deren Lehne wiederum schwarze Mäntel gehängt sind. An die Wand hinter dem Hochaltar ist ein Video projiziert: Zarte Stangen wiegen im Wind. Sie tragen japanische Glöckchen, deren feine Klänge den Kirchenraum erfüllen. Dazu ist überall leises und kaum verständliches Flüstern zu hören. Plötzlich wird der Besucher mit Fragen konfrontiert wie „Sag mir: Spürst Du Panik?“ oder „Hast Du Angst?“

Foto: Niklaus Oberholzer
Foto: Niklaus Oberholzer

Grabstätte für Tausende

Die Oude Kerk ist, wenn nicht gerade Gottesdienst ist, ein Kunstraum, den die Französin Jacqueline Grandjean kuratiert. Sie stellte die Kirche dem 1944 geborenen, weltweit erfolgreich tätigen Christian Boltanski zur Verfügung, der in seinen Installationen in Museen und Kunsthallen in aller Welt – und oft auch in der Schweiz – immer wieder auf eindringliche Weise die zentralen Fragen von Leben und Tod ins Bewusstsein ruft. Dazu eignet sich die Oude Kerk besonders gut, denn hier wurden über die Jahrhunderte Tausende von Menschen begraben, 20’000, nimmt man an. Mehrere tausend sind mit Namen überliefert, und 2’200 werden auf den Grabplatten genannt, darunter am bekanntesten wohl Saskia van Uylenburgh, Rembrandts Ehefrau, die mal als Flora (National Gallery London), mal als Marketenderin in der „Nachtwache“ (Rijksmuseum Amsterdam), mal als Animierdame und Begleiterin des verlorenen Sohnes (Staatliche Kunstsammlung Dresden) und als sonst wer alles Modell stand. Begraben wurde hier auch Frans Banning Cocq, die zentrale Figur der „Nachtwache“.

Gegenwart für die Toten

Christian Boltanski gibt mit seiner den ganzen Kirchenraum einnehmenden Installation den Toten, „les Disparus“, wie er sie nennt, Gegenwart und erinnert die Gegenwärtigen an das, was ihre Zukunft ist. Darauf deutet schon der Titel der Installation „Na“: Das niederländische Wort bedeutet „nach“ – konkret: nach dem Tod. Und Boltanski gibt ihnen diese Gegenwart auf ganz verschiedenen und das Publikum ganz unmittelbar ansprechenden Wegen.

Foto: Niklaus Oberholzer
Foto: Niklaus Oberholzer

Die schwarzen Kuben, deren Plastikfolien nicht nur das Licht der tief hängenden Leuchter reflektieren, sondern sich auch beim leisesten Luftzug bewegen, geben den Toten unübersehbar lebendiges Volumen. Die Besucherinnen und Besucher werden eingeladen, sich einzeln in einen schwarzen Raum zu begeben und dort die Namen von Verstorbenen in ein Mikrophon zu flüstern. Solches Flüstern ist im ganzen Kirchenraum zu vernehmen. Die in Richtung zum Hochaltar auf dem Boden des Hauptschiffes ausgebreiteten oder über die Klappstühle im Chor gelegten schwarzen Mäntel – die abgelegten Kleider erinnern eindrücklich an abwesende oder eben verschwundene Menschen – erbat sich der Künstler von Bewohnern der umliegenden Quartiere: Sie treten damit in eine ganz direkte Beziehung zu jenen Menschen, die vor Jahrhunderten die Pfarreigemeinschaft der Oude Kerk bildeten.

Mitten im städtischen Umfeld

Der Kontakt zu den Besucherinnen und Besuchern der Oude Kerk, zu den Menschen der Umgebung überhaupt, ist den Verantwortlichen für das Bauwerk im Herzen Amsterdams und auch dem Künstler wichtig. Das Aufsichtspersonal steht für Auskünfte zur Verfügung. Den Besuchern wird eine Ausstellungszeitung mit einem Interview mit Boltanski ausgehändigt. Eine Broschüre listet alle bekannten Namen der hier Bestatteten auf. Es gab während der Ausstellungsdauer begleitende Veranstaltungen – mehrfach zum Beispiel frühmorgendliche Konzerte des zypriotischen Komponisten Yannis Kyriakides.

Seit einigen Jahren wird die Kirche von einer Stiftung verwaltet, die auch für die kulturellen Programme verantwortlich zeichnet. Dieser Stiftung ist es ein Anliegen, dass die Kunstaktionen oder die musikalischen oder literarische Programme in enger Beziehung zum Sakralraum, aber auch zum städtischen Umfeld der Kirche stehen und dass die Kirche eine Oase der Ruhe im vielgestaltigen, quirligen, eben auch Rotlicht-Quartier bleibt. Wie sie diese Aufgabe, Zeichen zu setzen, versteht, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2015: Der  Japaner Taturo Atzu richtete über der Kirche, zugänglich über ein gerüstartiges Treppensystem, einen grünen Dachgarten ein. Der Titel: „The Garden Which is the Nearest to God“.

Die Aktivitäten der Oude Kerk überzeugen nicht zuletzt darum weil hier für den wunderbaren historischen Kirchenbau eine neue, aber dem Charakter des Bauwerkes nicht fremde Funktion gesucht und auch gefunden wurde. Ein Besuch der Kirche kann auch künftig – denn das Programm wird fortgesetzt – ein wichtiger Fixpunkt einer Reise nach Amsterdam sein.

Amsterdam. Oude Kerk. Oudekerksplein 23

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