Transparenz als System

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Transparenz als System

Von Christoph Zollinger, 14.06.2013

Die Geburtsstunde der Demokratie liegt 2500 Jahre zurück. Transparenz und Information als Grundlagen dieses Systems und die damals formulierten Anforderungen an Politiker sind geradezu beunruhigend modern.

«Programme entwerfen, Perspektiven aufzeigen, Visionen eröffnen. Dies ist die Domäne der Politiker. Transparenz bildet die selbstverständliche Grundlage dieses Systems. Hohe Anforderungen gelten für jene, die das Wort ergreifen. Zu diesen Tugenden zählen: Intelligenz, Schlagfertigkeit, Sachkunde, Selbstbewusstsein. Die guten Rhetoriker sind gewaltig im Vorteil. Allerdings: Die Redefertigkeit von Demagogen, Volksführern ohne Rechenschaftspflicht, kann dazu führen, dass in Lebensfragen Rhetorik statt Sachverstand und Karrieredenken statt Verantwortungsbewusstsein den Ausschlag geben.»

Kurz und bündig, hochaktuell und treffend liest sich diese Charakterisierung eines demokratischen Systems. Doch Achtung! Formuliert wurde sie zur Glanzzeit Athens, als die einzigartige Kultur der griechischen Antike erblühte. Vor 2500 Jahren…

Attische Blütezeit unter Perikles

Den politischen Stempel aufgedrückt hat jener kurzen Epoche Perikles. Somit ist in dieser Kolumne diesmal nicht die Rede von den Überlieferungen der grossen Philosophen. Vielmehr geht es um den umstrittenen Politiker und Strategen – jenen Menschen, der sich während vierzig Jahren an der Spitze des Staates bewegte, davon 15 als Stratege – im Besitz der höchsten Macht und Gewalt. Obwohl die Amtsdauer nur ein Jahr betrug. Für eine Wiederwahl mussten die Wahlberechtigten einverstanden sein.

Seit 451 v. Chr. stand Perikles im Vordergrund der attischen Politik. Er verfügte über eine quasi monarchische Position innerhalb der jungen Demokratie. Doch nochmals: In aller Offenheit und Öffentlichkeit hatte das Volk einverstanden zu sein mit seiner Amtsführung. Neidlos mussten die Korinther eingestehen: Wenn man es mit einer Stadt wie Athen zu tun habe, die ständig Neues hervorbringe, könne man nicht am Alten festhalten. Man müsse sich vielmehr seinerseits verändern. Zweifellos eine kluge Einschätzung.

Als Visionär und Macher ging Perikles in die Geschichte ein. Er liess die Akropolis erbauen, jenes Monument Athens als steinerne Staatsidee. Er machte Ernst mit der Demokratie (allerdings nicht vergleichbar mit unserem heutigen demokratischen Empfinden), und sein Name stand für ein liberales, kunstliebendes und wohlhabendes Gemeinwesen. Gleichzeitig haftete Perikles ein Negativbild an. Als glänzender Ideologe zeichnete er 431 v. Chr. hauptverantwortlich für den Bruderkrieg gegen Sparta, später bekannt als der Peloponnesische Krieg. Dieser endete nach dreissig Jahren mit dem Sieg Spartas, was gleichbedeutend war mit dem Ende des klassischen Zeitalters Athens und der attischen Demokratie.

Abhängigkeiten und Demagogie

Perikles war ein begnadeter Rhetoriker. «Reden zu können wurde in der Demokratie zur wichtigsten Erfordernis einer politischen Karriere.» Perikles fühlte die Stimmung im Volk und setzte diese geschickt zum eigenen Vorteil ein. Er bezahlte Taggelder und machte so Geschworene und Richter zu Parteigängern. Der Bau der Akropolis und der Betrieb der Flotte bot Tausenden von ärmeren Bürgern eine Beschäftigung, aber förderte deren Abhängigkeit. Auch die Verschärfung des «Asylrechts» trug seine Handschrift. Er gewann damit viele Stimmen unter der einfachen Bevölkerung. Fortan durfte nur noch Bürger von Athen werden, wessen beide Eltern bereits Athener waren.

Geradezu bildhaft sehen wir ein Urmuster aus der alten Zeit vor unserem geistigen Auge, wenn wir über Erfolgsrezepte der Politiker lesen: «Sie appellierten an die im Volk tief verwurzelten (von Aberglauben gespeisten) Ängste und spielten das Unwissen und die daraus hervorbrechenden Emotionen der breiten Masse gegen den Rationalismus voll aus.»

Wer heute Schlüsse ziehen möchte aus den Demokratieanfängen vor 2500 Jahren, stellt nüchtern fest, dass allein die Tatsache, dass ein Gemeinwesen demokratisch organisiert ist, noch keine Garantie für vernünftige Politik darstellt. Wenn Perioden wirtschaftlicher Blüte und erfolgreicher Politik zustande kommen, ist dies allzu oft durch die wirtschaftliche Grosswetterlage bedingt und weniger das viel beschworene Resultat der politischen Ideologen, Institutionen oder gar der parteipolitischen Fahnenschwinger. Allerdings trifft auch das Gegenteil zu.

Mangelnde Erneuerungsfähigkeit

Damals, wie heute laufen erfolgreiche Politiker Gefahr, jene Fähigkeit zu verlieren, auf sich ändernde Herausforderungen mit kreativen Lernprozessen zu reagieren. Ihr Vermögen, dazuzulernen, scheint mehr und mehr gelähmt. Sie, auch heute gibt es sie, die begnadeten Rhetoriker, beschwören das «Mehr-desselben», das einstmals Erfolgreiche, die Vergangenheit. Anders formuliert: Ein «Perikles» des 21. Jahrhunderts, der eine jahrzehntelange Geschichte des Erfolgs hinter sich hat, übersieht gerne alle Zeichen, die eine Richtungsänderung nahe legen. Somit halten sie schlussendlich das Falsche für das Richtige. Doch wer weiss schon, wenn eine Erfolgsgeschichte zu Ende ist?

Transparenz und Information waren also die Säulen der attischen Demokratie. Während unser Informationszeitalter zumindest quantitativ alles Bisherige in den Schatten stellt, lässt sich das von der Transparenz nicht behaupten. Vor einer Massenversammlung mit Tausenden von Bürgern mit südländischem Temperament seinen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen ist offensichtlich noch anders verstandene Transparenz. Gar nicht so altmodisch? Unser Ständerat ist angesprochen. Kopfschüttelnd lasen wir noch anfangs 2013 Professor Yvan Lengwilers (Uni Basel) Kolumne in der NZZ: «Individuelles Abstimmungsverhalten im Parlament sollte nicht offengelegt werden».

Und wie steht es mit «Programme entwerfen, Perspektiven aufzeigen, Visionen eröffnen»? Das war doch die Domäne der Politiker, damals, vor langer Zeit?

Kommentare

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Ohne die vier Folgen vorher zu kennen, hoffe ich doch sehr, dass das Thema Demokratie nicht ohne Karl Popper bestritten wurde. Obwohl der Beitrag nachdrücklich die Position des Denkers zu stärken versucht, bleiben die Ausführungen doch eher historischer Art. Alles ein bisschen zu feuilletonistisch. Transparenz anzumahnen ist zu flach argumentiert, sofern man hier von argumentieren sprechen kann. Der Hinweis auf Heidegger ist respektabel. mfg

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