Tolerier mich, du Vollidiot!

Sara Beeli's picture

Tolerier mich, du Vollidiot!

Von Sara Beeli, 01.11.2018

Sexisten, Rassisten und Homophobe werfen ihren Kritikern Intoleranz vor und fordern mehr Toleranz für ihre Ausfälligkeiten. Wie viel Toleranz verdient Intoleranz?

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Sara Beeli ist siebzehnjährig und besucht die sechste Klasse des Realgymnasiums Rämibühl. Sie ist Gewinnerin des regionalen „Jugend-debattiert“-Wettbewerbes 2017 und vertrat den Kanton Zürich am nationalen Finale in Bern.

                                                   ***

Mein Bruder hat sein Geschirr wieder einmal nicht in die Spülmaschine geräumt. Dann übernehme ich das halt. Man kann ja nicht wegen jeder Kleinigkeit einen Aufstand machen: Ein bisschen Toleranz gegenüber seinen Versäumnissen und Schwamm drüber.

Dieses toxische Prinzip existiert in vielen Bereichen unseres Lebens: «Boys will be boys» ist nur eines von vielen Beispielen. Jungs sind nun einmal Jungs. Sind deshalb andere, «tolerantere» Regeln anzuwenden? Und gilt dieses Prinzip auch für Anhänger einer Religion, die «halt nun einmal etwas gegen Schwule haben»?

Ich zweifle keineswegs die Meinungs- oder die Glaubensfreiheit an: Diese Rechte dürfen niemandem verweigert werden. Wenn jedoch jemand das Beschimpfen oder Angreifen anderer Menschen mithilfe seiner «Rechte» legitimiert und diejenigen, die das nicht akzeptieren, als intolerant abtut, dann liegt eine Manipulation vor, die wir als solche entlarven und verhindern müssen. Dabei geht es nicht nur um Rassismus, Sexismus oder Homophobie: Beleidigend gemeinte Ausdrücke oder gewalttätige Handlungen sind niemals unter dem Deckmantel der Toleranz zu rechtfertigen. Toleranz steht für das Gegenteil: für Respekt, Offenheit und für Frieden.

Im benachbarten Deutschland haben in der jüngsten Vergangenheit zahlreiche rechtsradikale Demonstrationen samt Hetzjagden und Hitlergrüssen stattgefunden. Verboten wurden sie nicht,  weil die Demonstranten und Organisatoren ihr Handeln mit ihrer Meinungsfreiheit begründeten. Aber was hat eine solche Hass schürende, diskriminierende Bewegung mit Meinungsfreiheit zu tun? Nichts. Wieso sollten wir sie dann akzeptieren? Aus falsch verstandener Toleranz? Nein. Und doch gelingt es den Extremen immer wieder, sich als Opfer unserer angeblichen Intoleranz darzustellen. Damit korrumpieren diese extremen Gruppierungen den Toleranz-Begriff. Sie selbst scheren sich zwar einen feuchten Dreck um Toleranz und jammern dennoch bereits lauthals, nicht toleriert zu werden, wenn ihnen ein laues Lüftchen als Kritik entgegenweht. Es ist nicht okay, Toleranz zu fordern, während man die Bedeutung des Wortes mit Stiefeln tritt.

Diese Vorgehensweise ist fraglos falsch und letztlich stimmen wir überein,  dass wir die Täter nicht damit durchkommen lassen sollten. Sehr viel problematischer scheint die zu Beginn dargelegte, weniger extreme Missbrauchsform von Toleranz, die auch im Familien- oder Freundeskreis zur Anwendung kommt. Sätze wie «Du musst mich tolerieren, du Vollidiot!» sind leichter zu diskreditieren als «Du musst das tolerieren, du willst doch kein Vollidiot sein». Wenn nicht nur die Politiker die Extremisten «toleranterweise« auf der grossen Bühne machen lassen, sondern auch ich die kleinen Versäumnisse meines Bruders stets toleriere, dann unterstützen wir, was wir doch ablehnen, anstatt Flagge zu bekennen. Natürlich bringt es mich nicht um, den Teller meines Bruders in die Spülmaschine zu stellen. Aber wenn wir uns instrumentalisieren lassen, werden wir Teil von dem, was wir ablehnen. Wir alle haben die Aufgabe, den Missbrauch unserer Werte aktiv zu verhindern und dürfen uns nicht hinter Ausflüchten verstecken. Intoleranz zu tolerieren, ist nicht tolerant, sondern schlicht falsch.

                                             ***

Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Weitere Informationen zum Zürcher Realgymnasium Rämibühl unter www.rgzh.ch

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Nein, Herr Steiner, da stimme ich Ihnen gar nicht zu. Und zwar unabhängig davon, ob Sie sich selbst oder Ihre Meinung für den Nabel der Welt und einer Maturandin überlegen halten.
Was mir an Saras Text gefällt, ist das "Toxische". Es hängt von der Dosis ab, ob ein Stoff giftig wirkt. Mein ganzes Leben wurde mir eingebläut, dem Frieden zu Liebe nicht auf Konfrontration zu gehen und alles zu tolerieren, was dazu führte, dass ich viel zu oft ausgenutzt und instrumentalisiert wurde. Er ist halt ein Junge, die sind halt ein bisschen grob (oder unordentlich). Er ist halt ein Mann einer älteren Generation, die behandeln Frauen halt anders. Sie kommen halt aus einem Kriegsgebiet, da greifen sie halt schneller zur Waffe. Das Prinzip, der toxische Stoff, ist doch dasselbe. Selbstverständlich soll die Reaktion nicht dieselbe sein. Aber REAKTION braucht es! Dem Bruder kann man seine Versäumnisse ab und an nachsehen und ihn liebevoll darauf hinweisen. Der Schläger und Neonazi braucht eine andere Reaktion. Der Artikel zeigt eben gerade auf, wie alles zusammenhängt, und uns eine Grenzsetzung abverlangt. Und deshalb reagiere ich jetzt auch Ihren Leserkommentar, der mir nicht gepasst hat: Adäquat, hoffe ich. Und Ihnen Frau Beeli: Danke für den Artikel und fürs Anstupsen.

Ich denke, dass die kleinen menschlichen Schwächen Ihres Bruders nicht ganz der richtige Aufhänger für dieses Themas sind (er hätte eohl ähnliches zu erzählen über Sie). Wo hört Rücksichtnahme auf, wo soll Toleranz beginnen? Vielleicht mit der bescheidenen Erkenntnis, das wir selber nicht der Nabel der Welt sind.

Vielen Dank für Ihren Beitrag und Ihre Sichtweise, die ich als aktiver Pensionierter voll unterstütze.
Es gab eine Zeit, da meinte man, 'anything goes' ist toll, verspricht grenzenlose Freiheit. Besonders Egoisten und andere unreife Menschen - und extreme politische Gruppierungen - beanspruchen diese infantile Sichtweise vorab für sich selbst.

Ihre Aussage - Toleranz steht für das Gegenteil: für Respekt, Offenheit und für Frieden - trifft den Nagel auf den Kopf.
Wir müssen wieder lernen, widerständiger zu sein und Grenzen zu setzen! Anything goes not!

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren