Taliban ante portas

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Taliban ante portas

Von Bernard Imhasly, 13.04.2021

Der Abzug der USA aus Afghanistan steht bevor. Es ist ein Sieg der Taliban. Welche Fahne werden sie hissen – die des afghanischen Emirats? Oder die Nationalfahne, die alle Stämme und Bewohner einschliesst?

In einigen Monaten sind es 25 Jahre her, seit die Taliban zum ersten Mal ihre Macht in Kabul errichteten. Ich erinnere mich an die Tage im September 1996, als sie die Stadt beinahe kampflos einnahmen. Ahmed Shah Massud, der legendäre „Löwe von Panshir“ zog seine Truppen ab, zermürbt von der Belagerung durch seinen  ehemaligen Verbündeten Gulbuddin Hekmatyar.

Déjà-vu in Kabul?

Ob Präsident Abdul Ghani wohl ein ähnliches Schicksal bevorsteht, wenn die restlichen 2500 amerikanischen Soldaten abgezogen sind? Seine Lage erinnert auf ominöse Weise an das Endspiel vor einem Vierteljahrhundert. Während der Kern seiner Regierung innerhalb des mit sieben Schutzringen gesicherten Präsidentenpalastes schmilzt, werden zwischen Regierungspolitikern und den Taliban eifrig Fäden gesponnen.

Man mag einwenden, dass heute eine respektable Armee die Stadt beschützt. Aber auch damals konnten sich die ehemaligen Mudschaheddin-Kommandanten auf schwerbewaffnete Verbände stützen. Sie zogen sich in die Berge zurück, als sich die ersten Konvois von Geländefahrzeugen mit gewehrschwenkenden Taliban in einer Staubwolke der Hauptstadt näherten.

Dasselbe könnte bald einmal dem heutigen Präsidenten blühen. Die Amerikaner haben ihn praktisch  fallengelassen, während in den Vorstädten Gemeindeangestellte ihre Instruktionen bereits von lokalen Taliban-Vertretern absegnen lassen. Laut einem Bericht der New York Times haben die Kabulis Abdul Ghani grimmig den Beinamen „Dead Man Walking“ angehängt.

Rückzugsgebiet in Pakistan

Zudem ist die militärische Dominanz der Taliban heute viel grösser als 1996. Damals hatten sie den Süden und Osten des Landes im Sturm genommen; doch der Westen und Norden waren immer noch in den Händen der regionalen Kriegsfürsten. Heute kontrollieren sie grosse Teile des Landes, und zahlreiche ihrer Krieger sind in die Hauptstadt eingesickert; oft halten sie es nicht einmal für nötig, sich zu verbergen.

Damals gelang es den Taliban bis zu ihrer Vertreibung fünf Jahre später – nach dem 11.September 2001 – nicht, alle Landesteile unter ihre Kontrolle zu bringen. Es war einer der Gründe, warum sie von den amerikanischen Invasoren und ihren lokalen Verbündeten ebenso rasch aus Kabul vertrieben wurden, wie sie 1996 gekommen waren.

Die Schmach sollten sie nie vergessen. Und da ihnen der Nachbar Pakistan einmal mehr ein Rückzugsgebiet anbot, konnten sie bereits 2003 zur islamischen „Reconquista“ ansetzen. Die Politik der USA half ihnen dabei. Washington mochte die latenten inneren Spannungen zwischen den Taliban und der Kaida nicht nutzen, um einen Keil dazwischen zu treiben.

Lehren aus der Vertreibung nach 9/11?

Zahlreiche Afghanen landeten in Guantánamo, obwohl kein einziger Taliban von Bedeutung am 9/11-Komplott beteiligt war. Auch der „Globalen islamischen Jihad-Front gegen Christen und Juden“ von Osama bin-Ladin – der Geburtszelle des IS – sind sie nie beigetreten.   Doch selbst moderate Taliban wurden mit dem „Terror’-Pinselstrich eingefärbt. Es wurde eine motivierende Treibkraft für die Einigung im Kampf gegen die Ungläubigen und die Wiederherstellung eines afghanischen „Emirats“.

Die Demütigung der militärischen Niederlage und Vertreibung und die Analyse ihrer Gründe trug zusätzlich zu einer Anpassung der Strategie bei. Trotz der immer noch gleichen Rhetorik und Gewalttaktik waren es nicht mehr dieselben Taliban, die in diesem vierzigjährigen Bürgerkrieg zum dritten Jihad ansetzten.

Sie schienen anzuerkennen, dass es nicht genügte, radikale Paschtunen-Stammeskrieger aus der Nachbarregion Pakistans ins Feld zu werfen. Sie mussten Afghanen anderer Stämme, namentlich im Westen und Norden, auf ihre Seite bringen, wollten sie mehr sein als ein Paschtunen-Staat wie in den neunziger Jahren.

Dies gilt nicht nur für militärische Verbündete. Sie mussten anerkennen, dass zur Sicherung von Territorialbesitz ein Minimum von Legitimität nötig ist – und dass religiöse Edikte allein diese nicht liefern. Mit der steinzeitwürdigen Ideologie in Sachen Bildung, Frauen, Kleidung und Justiz und Medienkonsum ist buchstäblich kein Staat zu machen.

Eine Erinnerung an das Panshir-Tal

Zwar haben sich der „Emir“ – zuerst Mullah Omar, heute Hebatullah Akhundzade – und sein dreiköpfiger Führungsrat nie offiziell von diesen Praktiken distanziert. Die Rhetorik ist immer noch beängstigend und bedrohlich. Viele Frontkommandanten, ohnehin mit grossen Freiheiten ausgestattet, haben zudem weiterhin Mädchenschulen geschlossen, Lehrerinnen in ihre eigenen Wände gesperrt, mit NGOs kurzen Prozess gemacht und Fernsehschirme zertrümmert.

Aber Kenner der Szene haben im Lauf der Jahre subtile Haarrisse zwischen offizieller Rhetorik und pragmatischen Arrangements festgestellt. Dies war bereits in ihrer ersten Regierungszeit so gewesen. Ich erinnere mich, als ich mit dem Fotografen Daniel Schwartz einmal die Frontlinie im Panshir-Gebirge besuchte. Ein Frontkommandant drohte, die Kamera zu zertrümmern, falls er Daniel beim Knipsen erwische. Kurz darauf befahl er uns, ihm zu folgen. Wir liefen, etwas bange, hinter ihm in eine etwas abgelegene Senke, wo ein zertrümmerter Kettenpanzer stand. Was tat der finstere Talib? Er stieg auf den Tank, warf sich in Siegespose und befahl Daniel harsch, ihn abzulichten.

Der Afghanistan-Forscher Thomas Ruttig schrieb in einem kürzlichen Essay, in verschiedenen Regionen hätten Kommandanten aufgrund des Drucks der Lokalbevölkerung mit NGOs Arrangements getroffen, weiterhin Mädchenschulen zu betreiben – sei es bis zur 5. Klasse oder sogar bis zur zwölften. Allmählich seien die Taliban davon abgekommen, in jedem Lehrer einen „Kollaborateur’ zu sehen; selbst Lehrerinnen (früher 70 Prozent des Lehrkörpers) seien stellenweise wieder zugelassen.

„Open Letter to the People of America“

Gewiss, die Islamschüler verüben  weiterhin Attentate, und sie nehmen in Kauf, dass Tausende Zivilpersonen dabei ihr Leben lassen. Dennoch sahen sich – in den offiziellen Doha-Verhandlungen sowie diversen Track Two-Treffen – Taliban-Vertreter immer wieder gezwungen, ihre sozialpolitischen Ansichten neu zu formulieren. Ein Beispiel ist der „Open Letter to the People of America“, den Mullah Baradar, der Taliban-Delegationschef in Doha und Mitglied des dreiköpfigen Führungsrats, im Januar 2021 veröffentlichte. Er versichert, dass die Taliban kein Machtmonopol anstrebten, sondern „eine partizipative islamische Regierung mit allen Afghanen“.

Viele Afghanen und ausländische Beobachter, und insbesondere die Regierung in Kabul, trauen diesen schönen Worten nicht. Es gehe den Taliban nur darum, die Amerikaner möglichst rasch aus dem Land zu haben. Was danach komme, sei sattsam bekannt: Die Mullahs übernehmen die Macht und etablieren ihr „Emirat“, das Menschen- und Bürgerrechte mit Füssen tritt.

Das mag durchaus auch die Absicht radikaler Strömungen unter den Kommandanten sein (etwa der berüchtigten Haqqani-Faktion im Osten des Landes). Es sei aber durchaus möglich, argumentiert Ruttig, dass der Führungsrat solche Strömungen nicht (oder zumindest nicht offen) desavouiere, weil die Kommandanten eben einen grossen Spielraum haben und die Einheit nicht in Frage gestellt werden darf.

Vierzigjähriger Bürgerkrieg

Die Taliban seien nach wie vor „eine Bewegung, keine Organisation“. Die ideologische Flexibilität habe es ihnen bisher erlaubt, ihre Einheit zu bewahren. Dies ist kein geringer Erfolg in einem multiethnischen Land, wo Verrat und Frontwechsel an der Tagesordnung sind und ein Stück weit das Elend eines nicht enden wollenden Bürgerkriegs erklären.

Dasselbe gilt auch für die Übergangszeit. Auch hier halten sich die Taliban bedeckt. Sie sagen nur, dass sie mit der Regierung Ghani darüber nicht verhandeln werden und dass die Verfassung in ihrer jetzigen Gestalt nicht akzeptabel sei. Aber die Regierung war ohnehin nie mehr als eine lockere Koalition von Technokraten und ehemaligen Warlords. Falls ein gewisser Machterhalt mit den Taliban möglich ist, werden sie sich einbinden lassen. 

Sebst Mainstream-Politiker wie Dr. Abdullah Abdullah, tauschen sich mit den Taliban aus.  Der frühere Aussenminister (und Rivale Ghanis) hat kürzlich sogar angetönt, dass auch zentrale Bestandteile der bisherigen Verfassung – etwa das allgemeine Wahlrecht – in den verschiedenen Loya Jirgas (Dorf-, Bezirk-, Provinz-, Nationalräten) aufgeweicht werden könnten. Neben gewählten Vertretern würden dann eben auch Ausgewählte (wie z. B. Islamgelehrte) berücksichtigt, wie in Iran.

Das wichtigste Argument für ein Zusammenraufen der verschiedenen Kräfte ist die düstere Perspektive einer Alternative: Eine paschtunische Taliban-Regierung in Kabul, deren radikale Islamisierungspolitik die uralten tribalen Gräben erneut aufreisst. Auch den Mullahs muss klar sein, dass der vierzigjährige Bürgerkrieg endlich ein Ende haben muss. Und dass dies nur gelingen kann, wenn dem Volk ein ökonomisches Überleben garantiert werden kann.

Ein solches kann nicht durch die Peitschenhiebe der Polizeischergen „zur Unterdrückung des Lasters und Förderung der Tugend“ erreicht werden. Und ebenso wenig kann auf die Dauer das soziale und ökonomische Potential der weiblichen Hälfte der Bevölkerung vergeudet werden, indem man sie in ihre Häuser sperrt.

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