Surabaya Sue

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Surabaya Sue

Von Armin Wertz, 17.03.2019

Die Weltreise einer Schottin in die indonesischen Revolutionswirren der vierziger Jahre.

Vannen, Vannine, Vanessa, Manx, Manxy, Nyonya Meng, Molly McTavish, Deventry, Tenchery, Oestermann, Sally van der As, Mevroux Rosenberg, Pearson, Walker, K’tut Tantri – mit mindestens 15 Namen bog sie sich ihre ohnehin abenteuerliche Biographie nach eigenem Gusto zurecht. Sie erfand sich mit gefälschten Dokumenten zahlreiche phantasievolle Lebensläufe, was an Fakten interessierten Historikern oft erhebliche  Kopfzerbrechen bereitet und sensationslüsterne Journalisten erfreute. Dabei war sie keine Kriminelle, keine Mafiosa oder Drogenhändlerin. Sie hatte nichts zu verbergen.

Der Zweite Weltkrieg, in dem die Kriegskorrespondenten den Rundfunkpropagandistinnen der Achsenmächte Namen wie „Tokio Rose“ oder „Axis Sally“ gegeben hatten, war kaum beendet, als der Kampf der Indonesier um Unabhängigkeit von holländischer Kolonialherrschaft entbrannte. Als die 49. Infanteriebrigade der 23. Indischen Division unter General Mallaby am 25. Oktober in Surabaya in der holländischen ostindischen Kolonie  einmarschierte, um die Evakuierung japanischer Kriegsgefangener zu organisieren, fand sie sich indonesischen Kampforganisationen gegenüber, die mit japanischer schwerer Artillerie, mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen ausgerüstet waren. Als die britischen und indischen Verbände Schlüsselpositionen in der Stadt einnahmen und in Flugblättern die Abgabe aller Waffen verlangten, setzten sich die Aufständischen unter ihrem Anführer, dem romantisch-heroischen und charismatischen Sutomo, zur Wehr. Der nächste Monat sollte die Briten in die heftigsten Kämpfe nach dem Ende des Krieges verwickeln.

„Aber sie sprach englisch ...

Nun lauschten die Journalisten, die in jenen Nachkriegsjahren aus Indonesien berichteten, jede Nacht einer unbekannten Sprecherin, die mit ihren Aufrufen, Durchhalte- und Propagandareden im Radio die aufständischen Indonesier anfeuerte und die Gegner zur Aufgabe aufforderte.  Über „Radio Pemberontakan“ (Radio Rebellion) „machten wir antikolonialistische Propaganda. Wir spielten Musik, Glenn Miller, Count Basie und so und mischten unsere Aufrufe darunter“, erinnerte sich der Diplomat und „König der Bandas“, Des Alwi, der damals den Jugendmilizen „Pemuda Republik Indonesia“ angehörte. Dafür hatten sie eine Schottin eingestellt, die sich den balinesischen Namen K’tut Tantri gegeben hatte: „Sie hatte keine Rundfunkstimme, eine sehr hohe, dünne Stimme. Aber sie sprach Englisch, also liessen wir sie reden. Und da war sie gut: ‚You better go back to where you came from. Don’t bring us the Dutch back.'“

Fabulierfreudige Journalisten fügten der langen Liste von Pseudonymen der Schottin nun noch eine ganze Reihe weiterer hinzu. Nun wurde sie Merdeka Moll (Merdeka: indonsisch für Freiheit), Johanna von Java, Modjokerto Molly, Solo Sally, Djokja (Yogyakarta) Josy und schliesslich Surabaya Sue – ein Name, den sich ein Journalist vermutlich in Anlehnung an Bertholt Brechts Song „Surabaya Johnny“ ausgedacht hatte und der  hängen blieb. Als Surabaya Sue wurde sie weit über die Grenzen Indonesiens hinaus zur Legende und Ikone des indonesischen Unabängigkeitskampfes. Der Name wurde zu Schlagzeilen in australischen Zeitungen und prangte in zwölf Zentimeter grossen Lettern auf Postern.

Aus der Ex-Journalistin in Hollywood, der exzentrischen Verfasserin ungezählter unveröffentlichter Geschichten und Filmmanuskripte, der unkonventionellen Bohemienne und Hotelbesitzerin am Strand von Bali, der zuerst Gefangenen und Zwangsprostituierten japanischer Besatzungsoffiziere und späteren Lebenskünstlerin im Kreis japanischer Besatzungsoffiziere in den Bars von Surabaya, war beinahe über Nacht eine romantische und mysteriöse Guerilla-Heroine geworden.

In den Wochen zwischen dem 17. August 1945, als Sukarno die Unabhängigkeit Indonesiens proklamierte, und dem Ausbruch der Kämpfe gegen die Briten und Holländer am 25. Oktober, hatte sie sich in ärztliche Behandlung begeben. Wenig später schloss sie sich den Guerillaverbänden Sutomos in Ostjava an. Als Britin und somit Angehörige der Alliierten, als „Mitglied der weissen Rasse“, setzte sie sich in ihren Sendungen gegen die Briten und Holländer für eine Regierung ein, die praktisch unter der Schirmherrschaft der Japaner installiert worden war. So wie ihr einst der Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind gemacht worden war, so warfen ihr viele nun „Verrat“ vor.

Doch auch die Kolonialmächte hatten Probleme. Soeben hatten sie die Welt unter dem Banner nationaler Selbstbestimmung aller Völker und der Unantastbarkeit der politischen Freiheit vom Faschismus und Nationalsozialismus befreit. Wie konnten sie da noch weiterhin an ihren Kolonien festhalten? Der Kampf um Unabhängigkeit wurde nicht nur auf den Schlachtfeldern und an runden Tischen diplomatischer Konferenzen ausgefochten, sondern auch im Äther.

... mit Glasgower Akzent"

Indonesiens Revolutionsrundfunk entstand aus den alten holländischen Sendern, die die Japaner zunächst in effektive Propagandainstrumente für ihre Sache und später, im Verlauf des militärischen Niedergangs, für die indonesische Unabhängigkeit umgewandelt hatten. Dazu jedoch hatten sie indonesische Sprecher und Journalisten gebraucht, die dann aber schon vor der Kapitulation die Anlagen für die nationalistische Sache einsetzten. So schmuggelten Angestellte der japanischen Sendestation in Jakarta „Hoso Kanri Kyoku“ eine Kopie der indonesischen Unabhängigkeitserklärung in die Rundfunkanstalt, und verlasen sie am 17. August. Diese Angestellten waren auch die ersten Indonesier, die fünf Tage später von der japanischen Kapitulation erfuhren.

Kaum hatten die Japaner kapituliert, schossen kleine Radiostationen wie Pilze aus dem Boden. Jede Guerillafraktion verfügte mindestens über einen Sender. Typisch dafür war etwa Sutomos „Radio Pemberontakan“. Über die früher von den Japanern verteilten Transistorradios empfingen die Javaner Sutomos revolutionäre Aufrufe zu landesweitem militärischem Widerstand gegen die Besatzer. Während Sukarno über seine Sender die Feindseligkeiten einzudämmen versuchte, heizte Sutomo – in den ersten Monaten des Unabhängigkeitskampfes ein durchaus ernstzunehmender Konkurrent Sukarnos – die Atmosphäre mit seiner strikten Ablehnung aller Verhandlungen und seinen aufwieglerischen Reden an.

„Was immer Sukarno im Westen (Javas) macht, wir in Ostjava werden nicht mit den Weissen parlieren, droht er über Radio Djogjakarta“, zitierte ihn der australische Journalist Alan Downer: „Indonesien wird erst frei sein, wenn alle Weissen ins Meer getrieben sind.“

Während im letzten Quartal des Jahres 1945 die Schlacht um Surabaya tobte, war Surabaya Sue eng mit Sutomos Guerillabewegung verbunden und verbreitete in ganz Indonesien in emotionalen und sensationalistischen Reden, was in den Zentralen der Kolonialmächte als extremistische, radikale Propaganda betrachtet wurde. Sie operierte in den Dörfern Ostjavas und sendete Nachrichten, die in den Kapitalen Südostasiens „mit Besorgnis“ gehört wurden. Am 14. Dezember 1945 erliessen die Holländer Haftbefehl gegen sie, der jedoch nie ausgeführt wurde.

Downer, der allerdings wenig Sympathien für die Revolutionäre hatte, beschrieb sie im australischen Herald (28.1.46) als „fanatische Revolutionspropagandstin“ und „selbsterklärte Holländerhasserin“: „Der 25-jährige Dandy-Guerilla Sutomo war sehr höflich, sehr aufmerksam, während Surabaya Sue übersetzte ... Doch bald entschuldigte er sich“ und ging. „'Da geht der süsseste Mann von Java', sagte Surabaya Sue. 'Dort geht die grösste Gefahr für Ihre Unabhängigkeit', maulte ein amerikanischer Korrespondent. Sue schaute dem Wagen ihres Idols nach und lamentierte bitter: 'Ihr werdet ihn nie verstehen. Sutomo ist ein Mann der Tat ... mutiger als Sukarno. Ich bin seine Anhängerin, weil ich ihm zustimme, dass Indonesien weder den Briten noch den Holländern gehört.' Sue – unter Extremisten besser bekannt unter ihrem angenommenen balinesischen Namen K’tut Tantri – ist eine jener merkwürdigen Personen, die man immer im Gefolge einer Revolution findet ... Sie ist ein Wirbelwind mit erstaunlicher Energie in dieser schrecklichen Hitze. Sie leugnet vehement ab, in Grossbritannien geboren zu sein, einmal als 'Miss Daventry – die Stimme Indonesiens' gesendet zu haben, oder als 'Miss Manx' bekannt gewesen zu sein, weil sie auf der Insel Man geboren wurde. Sie behauptet, einen amerikanischen Pass zu besitzen. Aber nichts – so sagen britische Korrespondenten – kann ihren Liverpooler oder Glasgower Akzent verbergen.“

Verwirrende Biographie

Auch die Indonesier rühmten ihre revolutionäre Entschlossenheit. „Diese blauäugige Amerikanerin mit ihrem strohblonden Haar und ihrer perlweissen Haut war sogar patriotischer als der Durchschnittsindonesier. Allen Widrigkeiten trotzend, mit der holländischen Armee auf ihren Fersen sendet sie ihre Reden und Aufrufe über eine mobile Sendeeinheit und berichtet der Welt von Indonesiens Freiheitskampf“, schrieb der Sukarno-Vertraute und spätere Minister Adam Malik in seinen Erinnerungen „Im Dienst der Republik“.

Geboren wurde sie laut Geburtsurkunde am 18. Februar 1899 als Muriel Stuart Walker in Glasgow. Doch schon die Angaben in diesem Dokument sind unzuverlässig. Demnach hatte ihr Vater James Hay Stuart Walker, der seinen Beruf als Handelsreisender angab, seine Frau Laura Helen Quayle, eine Schusterstochter aus Liverpool, am 20. Mai 1898 geheiratet – beinahe genau neun Monate vor Muriels Geburt. Doch das Hochzeitszertifikat gibt als Datum der Vermählung vor Liverpools West Derby Registrierungsbüro den 20. August. Die Eheschliessung vor dem Standesamt und nicht in der Kirche galt zu damaligen Zeiten als anrüchig. Ganz sicher war Laura Quayle zum Zeitpunkt der Eheschliessung schon im dritten Monat schwanger. Darum hat Muriel offenbar ihr Leben lang an James Walkers Vaterschaft gezweifelt. Und prompt erfand sie in ihrer Autobiographie „Revolt in Paradise“ einfach einen neuen Vater, der zudem eine weit interessantere Geschichte hatte: Ein Archäologe, der schon vor ihrer Geburt irgendwo in Afrika gestorben war.

Noch verwirrender sind die Angaben über ihren Aufenthalt in den USA. Irgendwann in den Zwanziger Jahren reiste sie nach Amerika, wo sie vermutlich zwischen 1928 und 1930 Karl Henning Pearson heiratete. 1947 gab ein australischer Agent ihre Aussage wieder: „Sie sagte, Pearson sei der Name des Mannes, mit dem sie in den USA verheiratet war. 'Ich will aber nicht darüber sprechen. Es war sehr tragisch', sagte sie. 'Ich verlor meinen Mann und die ganze Familie in einem Unfall kurz nach unserer Hochzeit. Ich hatte niemanden auf der Welt. Darum ging ich nach Bali, um zu malen.'“

Ihren Mann, von dem sie nie geschieden worden war, eliminierte sie völlig aus ihrem Leben. Nicht nur, dass sie ihn in zahlreichen Interviews mit Einwanderungsbehörden oder Nachrichtendiensten immer wieder für tot erklärte, schrieb ihr Biograph Timothy Lindsey, „abgesehen von einer kurzen Notiz zu seinem Tod gibt es kein einziges Dokument über ihn in ihren Papieren, keinen Brief, nicht einmal eine Heiratsurkunde.“ Allerdings gab sie in späteren Verhören an, dass die Japaner ihr bei der Festnahme alles abgenommen hätten, „Pässe, Geburts- und Heiratsurkunden, Tausende von Briefen – sie nahmen alles.“ Tatsächlich lebte der gebürtige Schwede Pearson von 1927 bis zu seinem Tod 1957 in San Francisco. Ein andermal erzählte sie, ihr Mann sei in dem Unfall nicht gestorben, ihre Kinder seien an Diphterie gestorben. Mal behauptete sie, sie habe ihren Mann verlassen, weil er sie angeödet habe, mal, weil sie ihn mit einer schwedischen Masseuse im Bett gefunden habe. Ein Dialog zwischen einem Balinesen und Manx in einem von Albie Thomas verfassten Filmmanuskript für eine geplante Verfilmung von „Revolt in Paradise“ gibt eine weitere Version ihrer Ehegeschichte.

ARA: ... nimmt das Photo auf, das K’tut mit zwei Kindern im Arm zeigt. „Wer sind diese Kinder, K’tut?“

K’TUT: „Meine.“ Man sieht Ara im Spiegel mit einem verblüfften Gesichtsausdruck.

K’TUT: „Du erinnerst dich, dass ich dir erzählt habe, dass ich verheiratet war. Nun, mein Mann war ein Säufer. Das Leben mit ihm war unerträglich. Nur die Kinder gaben mir Hoffnung. Eines Tages hatte mein Mann einen Autounfall. Die Kinder starben. Danach konnte ich nicht mehr mit ihm leben ...“

Sowohl das Vernebeln ihrer schottischen Kindheit als auch ihrer Ehe und ihres US-Aufenthalts „mögen – ähnlich wie ihre Abneigung, über ihre Erfahrungen mit den Japanern zu sprechen – andeuten, dass diese Erinnerungen sehr schmerzhaft sind“, schrieb Lindsey.

Auf Bali

Jedenfalls befand sie sich 1932 auf einem Dampfer nach Ostasien, weil sie „Hollywoods Unmoral, Künstlichkeit, Gier und Korruption anwiderten“. Noch einmal Abie Thomas’ Skript: Die dicke Filmjournalistin Muriel Manxy Pearson kommt erschöpft von einer Party in ihr Büro zurück, wo sie hintereinander einen Cocktail, einen Joint und eine Einladung ins Bett abgelehnt hat: „Sodom und Gomorra! Ich bin diesen Job leid. Die ganze Falschheit dieser Stadt. Schauspieler, Agenten, Studios, sie machen mich krank. Ich will einfach irgendwohin gehen und malen.“

Hollywood wurde in ihren Aussagen wie in ihrem Leben zu einer Metapher für all die Mängel der westlichen Kultur, die sie – beeinflusst von Zeitschriftenartikeln und Filmen – mit dem mystischen, ehrlichen und natürlichen Bali zu kurieren suchte. Noel Coward, Charles Chaplin, Margret Mead, Barbara Hutton, Cole Porter, Vicky Baum und ihr Ghost-writer, der aus Berlin emigrierte Expressionist und Maler Walter Spies, hatten kritiklos die Version der holländischen Kolonialisten übernommen und das „Paradies Bali“ weltberühmt gemacht. Bali war en vogue unter den Reichen.

Ihre ersten drei, vier Jahre verbrachte Muriel Pearson fern der Küste, hoch in den Bergen in einem zentralbalinesischen Königreich. Hier wurde sie K’tut (das balinesische Wort für vier, Balinesen haben als Namensanhang eine Nummer, die angibt, als wievieltes Kind sie geboren wurden) Tantri. Sie behauptet, dort die traditionelle Kultur und die balinesische Sprache studiert, ja sogar das erste Wörterbuch der balinesischen Sprache verfasst zu haben. Sie malte dort und wurde Mitglied des königlichen Hofs, wobei sie angeblich eine erotische Affäre mit einem Prinzen gehabt haben soll. Doch ihre Beschreibungen von Bali sind ebenso verlogen wie all die andern, die Bali als ein Paradies beschrieben, in dem alle unter der freundlichen Regentschaft diverser Könige in Harmonie lebten. Seit Generationen schon war Bali Schauplatz teilweise blutiger Kämpfe zwischen Brüdern, Onkeln und Neffen um Kontrolle und Herrschaft.

Schliesslich, um 1936, gründete sie – wie sie in ihrer Autobiographie behauptet - zusammen mit Bob Koke, einem ehemaligen Tennis-Profi und Film-Cutter aus Hollywood, der mit seiner Geliebten Louise Garret (Ex-Frau des Filmemachers Oliver Garret) nach Bali gekommen war, das erste Hotel am Strand von Kota, heute zugebaut von Restaurants und Hotels und überlaufen von Touristen. In Louise Garrets Darstellung „Our Hotel in Bali“ allerdings fungierte K’tut Tantri nur als Übersetzerin und Touristenführerin. Dafür bauten ihr die Kokes ebenfalls einen Bungalow. Nach Streitereien trennten sich die beiden Parteien, und K’tut Tantri eröffnete in ihrem Bungalow in Konkurrenz zu den Kokes ein Hotel „Manx’ Rooms-Bungalow on Koeta Beach, Bali“. Zumindest unter den Weissen wurde sie zunehmend unpopulärer. Der holländische Filmemacher Hans van Praag, der 1935 zusammen mit Walter Spies’ Film-Kollaborateur Baron Viktor von Plessen nach Bali kam und viele Jahre dort blieb (Plessen drehte 1931 einen Film „Die Insel der Dämonen“, Andre Roosevelt und Armand Denis drehten 1928/29 „Goona-Goona, An Authentic Melodrama“, das auch unter dem Titel „Der Kris“ und „The Kris“ in die Kinos kam), beschrieb sie als eine „kleine, hässliche, manipulative, gerissene Hexe“. Andererseits bekämpfte sie die Hexenjagd der Holländer auf Homosexuelle und setzte sich vehement für Spies ein, der seiner Homosexualität wegen sogar verhaftet wurde. 1939 galt ihr Hotel als Zufluchtsstätte für aristokratische Homosexuelle.

Mit dem Vordringen der japanischen Streitkräfte verschwanden die Europäer und Amerikaner aus Bali. Die Kokes fuhren Anfang 1942 ebenso ab wie Walter Spies, der allerdings auf der Flucht starb. Als sein Fluchtschiff im Indischen Ozean nach einem Torpedotreffer sank, ertrank er. Nur K’tut Tantri blieb. Im März 1942 erreichten die Japaner schliesslich Bali. Damit endete K’tut Tantris utopischer Traum von ihrem paradiesischen Kuta-Strandhotel. Die Invasion leitete aber auch „die Geburt des zweiten Teils ihrer Romanze (mit Indonesien)“ ein, „der sich um das gleichermassen utopische Gebilde von Revolution und ihrer Wiedererfindung als revolutionäre Heroin dreht“, beschrieb Lindsey diesen Einschnitt in K’tut Tantris Biographie.

Zwangsprostituierte und Kollaborateurin

Australische, holländische und britische Zeitungen überschlugen sich später in Anschuldigungen, ihr Hotel habe japanischen Offizieren als Bordell gedient, sie habe mit den Japanern kollaboriert. Zumindest dem ersten Vorwurf kann jedoch nur wenig Glauben geschenkt werden. Die japanischen Besatzer zerstörten beide Hotels, sowohl ihres als auch jenes der Kokes, schon kurz nach ihrer Ankunft. Zudem wurden diese Artikel verfasst von Journalisten, die in K’tut Tantri, alias Surabaya Sue, eine „Verräterin“ sahen, die „kommunistische Revolutionäre“ gegen holländische und britische Truppen unterstützt hatte. Der Vorwurf der Kollaboration trifft auf K’tut Tantri nur bedingt zu, hat sie sich doch immer als Indonesierin und nicht als Britin, Amerikanerin oder gegen Ende ihres Lebens Australierin gefühlt, unabhängig davon welchen Pass sie trug. Und vor allem zu Beginn der Okkupation sahen die Indonesier die Japaner eher als ihre Befreier von 350 Jahre währender holländischer Kolonialherrschaft.

Andererseits reichten ihre Freiheiten, die sie in den ersten Monaten unter japanischer Okkupation hatte, zu dem Schluss, dass sie zumindest zeitweilig für die Japaner nützlich war, entweder als Hotelmanagerin oder als Übersetzerin. Ihr Biograph Lindsey jedenfalls glaubt ihr die Story, wonach sie schliesslich versteckt unter einem Sitz des Busses einer chinesischen Hochzeitsgesellschaft an die Westküste Balis gelangte, von wo sie zwei Fischer in ihrer Prau nach Java brachten. In Surabaya, ihrer Heimat während der Okkupation, war sie offenbar wieder für die Japaner tätig, diesmal – wie sie behauptet – als Tarnung für ihre Tätigkeiten für den Widerstand. Sie selbst schrieb in ihrer Autobiographie von einem japanischen Freund. Etliche weisse Frauen in Indonesien verfielen auf diesen Trick, um so dem Schicksal der sogenannten „comfort women“ zu entgehen und in japanischen Soldatenbordellen dienen zu müssen. Und zahlreiche der späteren Revolutionäre kollaborierten mit den Japanern, schliesslich hatten sie keinen Grund, sich zu Loyalität zu den Kolonialherren verpflichtet zu fühlen. Doch nicht einmal ihre Existenz als „freie Freundin eines Japaners“ und vermutlich auch als zeitweilige Radiopropagandistin für die Japaner bewahrte sie vor Inhaftierung, Folter und Massenvergewaltigung.

Nach der japanischen Niederlage wurde sie als Surabaya Sue zur Vertrauten zahlreicher Führer der indonesischen Revolution. Sie reiste nach Australien, wo sie mit der Gewerkschaftsbewegung und australischen Sympathisanten für die Sache der Unabhängigkeitskämpfer arbeitete.

Gleichzeitig versuchte sie vier Jahrzehnte lang, eine Verfilmung ihrer Autobiographie in die Wege zu leiten. Ihre letzten Jahre brachte sie in einem Altenheim in Sydney zu, wo sie am 27. Juli 1997 starb. Ihr Sarg war bedeckt mit der indonesischen Flagge und den balinesischen Farben gelb und weiss. Unter den Trauergästen am Grab waren Ex-Botschafter, Filmemacher, Drehbuchautoren, Anthropologen und Historiker. Timothey Lindsey, den im Laufe seiner Recherchen eine enge Freundschaft mit ihr verband, verstreute ihre Asche – wie es ihrem Wunsch entsprach – über Bali.

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