Strick um den Hals

Peter Achten's picture

Strick um den Hals

Von Peter Achten, Peking - 15.08.2017

Trump zwitschert laut, sehr laut. Doch Kim Jong-un ist ohne Twitter noch lauter. Krieg? Gemach.

Nicht zum ersten Mal stehen die Zeichen zwischen Nordkorea und den USA auf Sturm. Schon die drei Präsidenten vor Trump – Clinton, Bush Jr. und Obama – kennen das. Ungleich Trump agierten sie anders und erreichten gar nichts. Clinton und Bush verhandelten noch und wurden von Kim Jong-il, dem Vater des jetzigen Führers Kim Jong-un, jeweils mit feiner bis kruder Diplomatie, dennoch aber ganz rational, übers Ohr gehauen. Obama schwieg, setzte auf Sanktionen und war sich mit China, Russland sowie den Verbündeten, Südkorea und Japan, einig, dass ein atomar bewaffnetes Nordkorea inakzeptabel sei. Obamas Nordkorea-Politik wurde offiziell mit dem Gütesiegel „Strategische Geduld“ bedacht. Auch dieser Zugang zur Frage einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel blieb freilich ohne den kleinsten Fortschritt.

„Strategische Ungeduld“

Seit Anfang Jahr bringt nun US-Präsident Trump eine neue Dimension ins Spiel, welche als „Strategische Ungeduld“ bezeichnet werden könnte. Während des Wahlkampfes gab sich Trump noch durchaus offen und gegenüber Kim Jong-un schon fast kumpelhaft. Doch mit den Mittel- und Langstrecken-Raketentests Nordkoreas änderte sich der Ton. Trump steigerte sich über die letzten Monate in ein immer krasseres Gezwitscher und versprach nach neuen Raketentests den Nordkoreanern und vor allem dem Jungen General Kim Jong-un „Feuer und Zorn“. Ein allfälliger Angriff auf die amerikanische Pazifikinsel Guam, so Trump, hätte unabsehbare Folgen. Man sei bereit und die Streitkräfte hätten „geladen und  entsichert“.

Marschall Kim Jong-un und dessen Propaganda liessen sich auch diesmal wie seit Monaten und Jahren nicht bitten. Die amtliche Nachrichtenagentur KCNA textete rüd-poetisch: Die USA spürten bereits „den Strick um den Hals“, verursacht durch ihren „eigenen rücksichtslosen militärischen Lärm“. Die USA, so der Ratschlag aus Pjöngjang, sollten gefälligst „mögliche Gewinne oder Verluste mit klarem Kopf abwägen“. Kim Jong-un verbat sich zudem die „arroganten Provokationen“ und „einseitigen Forderungen“ der USA und forderte Washington auf, „durch Handlungen zu zeigen, ob sie wirklich die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel verringern und einen gefährlichen militärischen Zusammenstoss verhindern wollen“. Was Raketentests mit dem Ziel der Gewässer von Guam betreffe, sei „das Militär jederzeit einsatzbereit“, doch wolle er abwarten.

Harte Hand

Kim Jong-un lernte den Umgang mit dem imperialistischen Erbfeind Amerika von seinem Vater Kim Jong-il und seinem Grossvater Kim Il-sung. Seit seinem Machtantritt vor fünfeinhalb Jahren hat sich der junge „Grosse Führer“ offenbar mit harter Hand innenpolitisch durchgesetzt und hat mit einem zwar illegalen, aber geduldeten, Laisser-Faire der Wirtschaft ein klein wenig auf die Sprünge geholfen. Die Hauptstadt Pjöngjang, wo die Privilegierten des 25-Millionen-Volkes wohnen, ist freilich noch nicht „fast wie New York“, wie neulich ein naiver westlicher Journalist zu berichten wusste. In weiten Teilen des Landes ist nach allem, was man weiss, die Nahrungsmittelsituation noch immer prekär.

Trotz der enormen Kosten werden Kim Jong-un und die schmale militärische und zivile Elite auf ihrem Atom- und Raketenprogramm beharren. Es ist die Überlebensversicherung. Nicht ganz ohne Grund fühlt sich Kim Jong-un wie schon sein Vater und Grossvater von den USA bedroht. So hat Kim Jong-un die Regimewechsel in Irak und Libyen aufmerksam analysiert und daraus Schlüsse gezogen. Mit andern Worten: Kim Jong-un ist nicht ein irrational handelnder Halbverrückter mit einer komischen Frisur, wie ihn viele westliche Medien immer wieder darstellen, sondern ein rational, hart und präzis kalkulierender Diktator.

Verhandlungen?

Nach den Langstrecken-Raketentests im Juli ist nun die Situation erneut eskaliert. Amerikanische Qualitätsmedien berichteten plötzlich, dass Nordkorea in der Lage sei, die USA mit A-Bomben tragenden Raketen ins Visier zu nehmen. Experten wurden zitiert, vor allem jene, die eine unmittelbare Gefahr für möglich halten. Andere Experten wiederum mahnten zur Vorsicht. Doch niemand weiss genau, was wirklich in Nordkorea vor sich geht. Auch die Experten nicht. Alle waren sich jedoch einig, dass Nordkorea angesichts der relativ dichten Raketentestfolge in nicht allzu ferner Zukunft eine ernst zu nehmende Atommacht sein werde.

Was China seit Jahr und Tag vorschlägt, nämlich Verhandlungen und Gespräche, ist wohl die einzige Lösung. Peking hat als Vorbedingung für solche Diplomatie vorgeschlagen, dass die USA und Südkorea die jährlichen Manöver vorläufig einstellen und Nordkorea sein Atom- und Raketenprogramm einfrieren sollten. Bislang ohne Erfolg. Washington hat bereits negativ reagiert.

Unmittelbare Gefahr?

In vielen westlichen Medien wurde in den letzten Tagen schon die unmittelbare Gefahr eines neuen Atomkrieges heraufbeschworen. Die Hälfte dieses Hypes ist wohl auf das Sommerloch – saure Gurken – zurückzuführen. Wie sonst könnte das Deutschschweizer Boulevardblatt derart hyperventilieren und die Schlagzeile „Welt in Angst!“ in fettesten Lettern auf die Frontseite knallen, notabene mit dem Untertitel: „Atomkrieg – das Unvorstellbare ist plötzlich eine echte Bedrohung“. In vielen andern Blättern und Websites wurde ähnlich, wenn auch nicht derart marktschreierisch getextet und kommentiert. Allerdings gibt es auch löbliche Ausnahmen. Das Deutschschweizer Leitmedium von der Zürcher Falkenstrasse titelte den samstäglichen Frontseitenkommentar analytisch distanziert: „Hysterie ist kein Rezept gegen Nordkorea“. Auch chinesische und indische Medien etwa berichteten und kommentierten sachlicher.

Präsident Trump jedenfalls hat die amerikanische Nordkoreapolitik, je nach Ansicht, vom Kopf auf die Füsse oder von den Füssen auf den Kopf gestellt. Die „strategische Ungeduld“ hat in den letzten Monaten durchaus etwas in Bewegung gebracht. Die schrill-schrägen Töne aus Pjöngjang überraschen schon lange niemanden mehr, hat doch schon Kim Jong-uns Vater Kim Jong-il versprochen, im Notfall die südkoreanische Hauptstadt Soeul mit einem „Feuersturm in Schutt und Asche“ zu legen. Die krass-martialischen Töne aus Trumps „geladenem und entsichertem“ Mundwerk hingegen sind neu und deshalb gefährlich, weil irgendwann der Punkt kommt, wo sie bei diplomatischem Misserfolg eingelöst werden müssten.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Man muss sich anscheinend damit abfinden, dass Kim Jong-un ein Interessenausgleich mit wem auch immer völlig egal ist. Und daher gibt es auch keine Grundlage für eine Gesprächsdiplomatie mit Nordkorea. Die Rückfallposition heisst atomare Abschreckung, und die hat schliesslich auch auf der Nordhalbkugel ca. 35 Jahre lang ausgezeichnet funktioniert. Dazu braucht man nicht reden, sondern nur glaubhaft machen, dass man im Falle eines Angriffs in der Lage und Willens ist, den Gegner vernichtend zu schlagen. Ausserdem baut man eine Mauer um Nordkorea und schaut nach 35 Jahren einmal rein, ob noch jemand da ist, der einen Krieg anzetteln will.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren