Streit um ein Genie

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Streit um ein Genie

Von Heiner Hug, 07.01.2019

Leonardo da Vinci wurde in Italien geboren. Er starb vor 500 Jahren in Frankreich und ist dort begraben. Wem gehört er?

Die Beziehungen zwischen Italien und Frankreich waren schon lange belastet. Italien hat gegenüber dem grossen Nachbarn im Nordwesten einen eigentlichen Komplex entwickelt. Nicht von ungefähr: In der grossen internationalen Diplomatie und Politik spielt Italien nur eine Statistenrolle – im Gegensatz zur „Grande Nation“, die sich gerne aufplustert. Während Jahrzehnten war Französisch die Sprache der Diplomatie und der Gebildeten. Wer spricht schon Italienisch?

Seit seinem Machtantritt im Frühjahr hetzt Italiens starker Mann, Matteo Salvini, gegen das offizielle Frankreich. Dass er die Häfen für Migranten aus Nordafrika schloss, hat in Paris heftige Reaktionen ausgelöst – die wiederum mit sehr bösen Worten aus Rom quittiert wurden. Am Montag unterstützte Salvini die französische Gelbestenbewegung, Macron regiere „gegen das Volk“, sagte  der Lega-Chef.

Runder Jahrestag

Die Abneigung gegenüber Frankreich macht sich nun die populistische italienische Regierung weiter medienwirksam zu Nutze. Exerziert wird der Schlagabtausch an einem der ganz Grossen des Abendlandes. Es geht um Leonardo da Vinci, der am 2. Mai 1519 – also vor 500 Jahren – starb. Ein runder Jahrestag, der natürlich gefeiert werden soll.

Beginnen wir von vorn: Auch wenn viele Italiener die Franzosen nicht mögen, so gab es doch – vor allem auf kulturellem Gebiet – immer wieder enge Beziehungen.

Leonardo für Raffael, Raffael für Leonardo

Vor allem der frühere italienische Kulturminister, der Sozialdemokrat Dario Franceschini, pflegte ausgezeichnete Kontakte mit Frankreich.

2007 schloss er mit Paris ein Abkommen. Dieses sieht vor, dass Italien im Hinblick auf die Leonardo-Festivitäten dem Louvre einige Bilder des grossen Universalgelehrten ausleiht, und zwar für eine Ausstellung, die im Herbst eröffnet werden soll.

Im Gegenzug verpflichtet sich Frankreich, den Italienern ein Jahr später unter die Arme zu greifen. Dann wird der 500. Todestag eines anderen Renaissance-Giganten gefeiert. Am 6. April 1520 starb Raffael (Raffaello Sanzio d’Urbino) in Rom. Aus Anlass dieses Jahrestages plant Italien in den Scuderie del Quirinale in Rom (gegenüber dem Quirinal-Palast) eine grosse Ausstellung. Der Louvre verpflichtet sich, den Italienern seine Raffael-Bilder zur Verfügung zu stellen.

„Ein Verrat an Italien“

Doch dann kamen in Italien die Populisten an die Macht. Und jetzt könnte alles ganz anders werden.

Als erste meldete sich Lucia Borgonzoni zu Wort. Sie gehört Salvinis Lega an und ist Unterstaatssekretärin im Kulturministerium. Sie bezeichnet das von Dario Franceschini ausgehandelte Abkommen als „unglaublich“ und will es neu verhandeln. „Leonardo ist Italiener“, sagte sie dem „Corriere della sera“. „Er ist nur in Frankreich gestorben.“

Dass Italien dem Louvre die Leonardo-Bilder zur Verfügung stellen müsse, sei „unannehmbar“, „ein Verrat an Italien“ und verstosse „gegen das nationale Interesse“. Italien werde gezwungen, im grossen Leonardo-Jahr eine Nebenrolle zu spielen. „Die Franzosen können nicht alles haben“, betont sie.

Applaus der Lega

Dass Frankreich im Gegenzug den Italienern einige Raffael-Bilder zur Verfügung stellen muss, wiege den Verlust nicht auf, den Italien im Leonardo-Jahr erleide. Vor allem auch deshalb nicht, sagt die Unterstaatssekretärin, „weil sich die meisten wichtigen Raffael-Bilder bereits in Italien befinden“.

Lucia Borgonzonis Attacke auf Frankreich wird von vielen Lega-Anhängern mit Applaus bedacht. Auch in den sozialen Medien erhält sie viel Unterstützung. Immer wieder heisst es: „Leonardo gehört uns.“

Die populistische Regierung betont, die Vorgänger-Regierungen hätten die Interessen Italiens mit Füssen getreten. Jetzt wolle man dieses Unrecht wiedergutmachen. Der „Fall Leonardo“ eignet sich gut, diese Italia-first-Politik zu untermauern. Und Frankreich empfiehlt sich bestens als Sündenbock.

Italien hätte Zeit gehabt

Leonardo, 1452 in Vinci bei Florenz geboren, arbeitete in Florenz, Rom und Mailand. 1516, drei Jahre vor seinem Tod, wanderte er – umworben vom französischen Hof – nach Frankreich aus. In seinem Gepäck befanden sich viele seiner berühmtesten Bilder, unter anderem „Mona Lisa“, „Johannes“ und „Anna selbdritt“. Diese Werke gelangten dann in den Louvre. Dort hofft man nun, dass die guten Beziehungen zwischen den Museumsdirektoren die politischen Attacken der Populisten überleben.

Frankreich betont, dass der Louvre seine Leonardo-Ausstellung bewusst auf den Herbst angesetzt hat. Italien hätte also Zeit gehabt, im Frühjahr (Leonardo starb im Mai) eine Ausstellung zu organisieren.

Profilierungssucht?

Darauf geht Salvini nicht ein. Er lässt keine Gelegenheit aus, um Frankreich und vor allem seinen Präsidenten („Macron ist scheinheilig“) anzuschwärzen. Die Attacken seiner Unterstaatssekretärin im Kulturministerium kommen ihm gelegen – oder wurden gar von ihm initiiert.

Etwas ist seltsam: Der italienische Kulturminister Alberto Bonisoli schwieg bisher. Er, der Nachfolger von Dario Franceschini, gehört nicht der Lega an, sondern den Cinque Stelle. Lucia Borgonzoni, die an der „Accademia delle Belle Arti“ in Bologna doktorierte, war bisher kaum aufgefallen. Jetzt, so vermuten sowohl italienische als auch französische Kreise, will sie sich mit ihrer Attacke auf Frankreich profilieren und bei Salvini einschmeicheln.

Es geschieht viel auf dem Rücken des toskanischen Uomo universale.

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