Stoffe, Stiche und gesteppte Kunst

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Stoffe, Stiche und gesteppte Kunst

Von Alex Bänninger, 18.04.2016

Die uralte Technik des Quiltens sucht die moderne Bedeutung. Ob es gelingt, lässt sich im Textilmuseum St. Gallen prüfen.

Die in Quilts verzauberten Steppdecken bestechen mit ihren einfachen Motiven und satten, manchmal leuchtenden, manchmal gedämpften Farben. Das gilt für die Prachtstücke der US-amerikanischen Volkskunst. Halten heutige europäische Arbeiten den Vergleich aus? Der Besuch der Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen ist die aufschlussreiche Begegnung mit einer kleinen, von Frauen beherrschten und um ihre Anerkennung ringenden Welt. Der Anspruch auf bejahende Wahrnehmung muss sich gegen traditionelle Vorbilder und textilkünstlerisch gemeintes Gehänge erfüllen. Zudem braucht es die Eigenständigkeit gegenüber dem Weben und Sticken, der Spitzen- und Filzkunst. Und erst noch verlaufen die Grenzen zwischen Atelier und Nähstube fliessend. Die Ausstellung in St. Gallen bietet einen anregenden Einblick in eine modern interpretierte Kunst auf der Suche nach dem Weg zu sich selber.

Berühmte Vorbilder

Wir sehen 45 Werke von Künstlerinnen als Wettbewerbs-Ergebnis der 6. Europäischen Quilt-Triennale, ausgeschrieben von der Textilsammlung Max Berk im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg.

Es handelt sich um Arbeiten, die sich weniger technisch als vielmehr mit ihrer formalen Individualität abheben von den geometrischen und symbolsprachlichen Regeln folgenden Quilts der amerikanischen Volkskunst. Berühmt sind die Bettdecken und Wandbehänge amischer und mennonitischer Frauen.

Tradition und Innovation

Den Hauptpreis des Wettbewerbs gewann Susanne Klinke, Deutschland, mit dem grossformatigen "Luftschloss". Da wurden die technischen Register virtuos gezogen, was Fachleute nachvollziehbar begeistert. Der betrachtende Laie reagiert zurückhaltender und denkt, hier sei textilkünstlerisch dem Malen eher suboptimal nachgeeifert worden.

Susanne Klinke, \"Luftschloss\", 145 x 95 cm, © Textilmuseum St. Gallen
Susanne Klinke, "Luftschloss", 145 x 95 cm, © Textilmuseum St. Gallen

Der Preis für Innovation ging an Urte Hanke, ebenfalls Deutschland, für "Struktur und Raum 4". Die Jury lobt die "gelungene Gesamtkonzeption" und die hervorstechende "einfache und zugleich komplexe Beschaffenheit". Mit der Lupe werden die Stiche und die aufgetragene weisse Acrylfarbe unterscheidbar. Auf Distanz wirkt die grossflächige Arbeit betrübend und monoton.

Urte Hanke, \"Struktur und Raum 4\", 178 x 181 cm, © Textilmuseum St. Gallen
Urte Hanke, "Struktur und Raum 4", 178 x 181 cm, © Textilmuseum St. Gallen

Für "Schatten von Blumen" erhielt Theresa Russow, die dritte Deutsche unter den Ausgezeichneten, den Nachwuchspreis. Das Patchwork aus alten Herrenhemden springt in die Augen. Der Gesamteindruck weckt das Interesse für die macherischen Einzelheiten. Das Ganze und die Details vermitteln eine Vorstellung dessen, wie Quilts aus unserer Zeit sowohl traditionsverpflichtet als auch innovativ sein können.

Theresa Russow, \"Schatten von Blumen\", 115 x 95 cm, © Foto Dirk Osterndorff
Theresa Russow, "Schatten von Blumen", 115 x 95 cm, © Foto Dirk Osterndorff

Neuorientierung

Der Tradition zuneigend, aber kleinflächiger quilten drei Schweizerinnen: Maryline Collioud-Robert bunt-intensiv mit "Zig-Zag 4", Beatrice Lanter frühlingshaft-licht mit "Hinten von Vorne" und Ruth Bosshart-Rohrbach streifenmarkant mit "Farbenlabyrinth".

Die "Mondspiegelung auf dem Meer" der Französin Gabrielle Paquin bekennt sich mit der gestalterischen Individualität und der schwarz-weissen Farbgebung klar zur heutigen Artquilt.

Noch konsequenter befreit sich Anco Brouwers-Branderhorst, Niederlande, von frühen Vorbildern, indem sie für "Grenzüberschreitend: Afrika" die Dreidimensionalität wählt, Isolierrohre als Trägermaterial verwendet und diese als Mobile aufhängt.

Nachempfindung und Originalität

Aus einem besonderen Grund interessant sind die Quilts "Zeichen in Gelb" von Ramona Conconi, Melide, "Verzweigungen" von Barbara T. Kämpfer, Mettmenstetten, und "Farbiger Regen" von Edith Raymond, Frankreich. Sie verweisen mit ihren Motiven zurück etwa auf Paul Klee oder Anton Stankowski. Dagegen griffen die amischen und mennonitischen Quilts des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts formal der konkreten Kunst voraus.

Damit sei in keiner Weise kühn behauptet, die spirituell beeinflussten alten Quilts seien Vorläufer oder gar Auslöser der intellektuell entwickelten konkreten Malerei. Es geht lediglich um die nicht unwesentliche Feststellung, dass es sich bei den vor einem Jahrhundert entstandenen Quilts um eine originäre Reduktionsleistung handelt, während heute eine Tendenz zur blossen Nachempfindung offensichtlich ist.

Wird dieser Versuchung mit kreativen Ideen widerstanden und der spezifischen Technik die Treue bewahrt, werden sich die modernen Quilts ihre künstlerische Eigenständigkeit sichern.

Überzeugende Antwort

Es wäre lohnend, den Rundgang durchs St. Galler Textilmuseum mit einem Besuch der "Galerie zum Qult" in Frauenfeld zu verbinden. Hans Zogg, der aus Freude an der Einfachheit der textilen Schönheit zu einem Experten wurde, trug eine exquisite Sammlung antiker amerikanischer Quilts zusammen.

\"Sawtooth Diamond\", Upstate New York, 1870, 198 x 192 cm, © Galerie zum Quilt
"Sawtooth Diamond", Upstate New York, 1870, 198 x 192 cm, © Galerie zum Quilt

Er ordnet die wunderbaren Werke zu wechselnden Ausstellungen, jetzt zum Thema Frühling, erläutert sie auf Wunsch, erklärt die historischen Hintergründe und verhilft zur Entdeckung subtiler Details. Die Frage, ob Quilts die Höhe einer autonomen Kunst erreichen, beantwortet der Augenschein überzeugend.

www.textilmuseum.ch
www.galerie-zum-quilt.com

Kommentare

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Danke für die Beachtung, Betrachtung und Auseinandersetzung mit diesem wunderbaren Kunsthandwerk. Vor Jahren in diese Welt eingetaucht, lässt sie mich nicht mehr los und immer weiter arrangieren, kreieren, die Nähmaschine surren lassen. Ein Quilt an der Wand erfreut viele Betrachter und unter einem selbst genähten Quilt seine Seele baumeln zu lassen, erfreut das Herz der Quilterin.

Im allgemeinen schreiben nur solche Leute Memoiren, die entweder kein Gedächtnis haben oder die nie etwas Gedenkswertes taten. Doch zweifellos erklärt das ausreichend ihre Beliebtheit. Denn das Publikum fühlt sich am wohlsten, wenn eine Mittelmäßigkeit zu ihm redet.

Oscar Wilde, 1854–1900
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