Sommerbücher

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Sommerbücher

Von Journal21, 05.07.2019

Die Sommerferien nahen. Was werden Sie lesen? Journal21-Autorinnen und -Autoren empfehlen Bücher für den Strandkorb und die Insel.

Urs Meier empfiehlt

Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen

Nobelpreisträger Modiano wird mit dem neuen Buch seinem Ruf gerecht, ein Meister der rätselhaften Leichtigkeit zu sein. Sein Alter Ego gibt sich Erinnerungen hin, die aus dem Schlaf aufsteigen und in diesen wieder versinken – ein somnambuler Text im Modiano-Sound. Frauen erscheinen und verschwinden, es gab einen Mord, aber wohl aus Versehen. «Hätte man mich gefragt: ‘Und wozu das alles?’, ich glaube, ich hätte einfach geantwortet: ‘Weil ich versuchen will, die Geheimnisse von Paris zu lüften.’»

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, München 2018, 111 Seiten

Burghart Klaussner: Vor dem Anfang, Roman

Der als Schauspieler bekannte Klaussner erzählt in seinem Romanerstling eine düstere Abenteuergeschichte von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in und bei Berlin. Zwei junge Deutsche sollen eine Geldkassette mit der restlichen Barschaft eines aufgelassenen Ausbildungs-Flugplatzes der Luftwaffe ins Reichs-Luftfahrtministerium bringen, was sinnloserweise im Chaos der allgemeinen Auflösung auch gelingt. Das Ende sei nicht verraten – nur so viel: Der Leser lernt zu akzeptieren, dass in einer solchen Zeit keine Geschichte zu verrückt sein könnte, um nicht doch vielleicht glaubhaft zu sein.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 176 Seiten

Henry Beston: Das Haus am Rand der Welt. Ein Jahr am grossen Strand von Cape Cod

Das 1928 erschienene Buch ist ein Klassiker des Nature Writing und wurde eben erst auf Deutsch übersetzt. Es ist zugleich das Dokument eines Selbstversuchs abgeschiedenen Lebens unter einfachsten Bedingungen und das Exerzitium eindringlichen Schilderns aller Dimensionen von Natur: Jahreszeiten, Wetter, Terrain, Ozean, Vegetation, Tierreich – und am Rand auch: Menschen. Bestons Blick ist genau, aufklärend, fern aller Romantik, dabei aber aufgeschlossen für den enormen Raum des Nichtwissens. Einzig darin hat sein Naturbezug eine mystische Note.

Aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast, mit einem Nachwort von Cord Riechelmann, Mare-Verlag, Hamburg 2018, 224 Seiten

Karl-Markus Gauss: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Gauss beherrscht die Kunst der Ich-Essayistik. Sie handelt stets vom Persönlichsten, ohne jedoch die Leserinnen und Leser in eine voyeuristische Position zu versetzen. Die jeweils wenige Seiten langen Betrachtungen setzen in der privaten Wohnung an und weiten sich ins geistige Universum des Autors. Es herrscht ein gleichmässig ruhiger Ton, eine uneitle Bestimmtheit. Es ist zu erkennen, dass da einer vieles für sich geklärt hat. Gauss behält schreibend sein Gleichgewicht in all den Schieflagen, die er beobachtet.

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2019, 220 Seiten


Klara Obermüller empfielt

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Dass sich der Anwalt und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach aufs Geschichtenerzählen versteht, weiss man, seit er mit „Verbrechen“ 2009 seinen ersten Erzählband veröffentlichte. In seinem jüngsten Werk hat seine Erzählkunst noch einmal eine neue Stufe erreicht. In diesem seinem neuesten Buch schreibt nicht mehr nur der Anwalt über spektakuläre Rechtsfälle, es schreibt der Mensch Ferdinand von Schirach über sich selbst, seine Kindheit, seinen beruflichen Werdegang, seine schwierige Familiengeschichte und darüber, wie er zu dem geworden ist, der er heute ist. In 28 kurzen Textabschnitten verwebt der Autor persönliche Erinnerungen mit Reflexionen zum Zeitgeschehen und gibt mit leiser Melancholie und feinem Humor Einblick in seine von Empfindsamkeit und Intellektualität gleichermassen geprägte Gedankenwelt.

Luchterhand, München 2019, 192 Seiten

Annie Ernaux: Die Jahre

Annie Ernaux hat zeit ihres Lebens autobiografische Bücher geschrieben. Keins aber erzählt ihr Leben eindrücklicher als „Les Années“: das Werk, in dem sie, wie es heisst, „ihren Aufenthalt auf der Erde dokumentieren“ und „etwas von der Zeit retten“ wollte, „in der man nie wieder sein wird“. Im Gegensatz zu anderen Autobiografien legt die heute 79-jährige Autorin jedoch keine zusammenhängende Geschichte vor, sondern schreibt ganz assoziativ, in mal kurzen, mal längeren Abschnitten, über Stimmungen, Begebenheiten und Eindrücke, die ihr Leben prägten. Erfahrbar wird dadurch nicht nur die Verfasserin selbst, sondern auch die Zeit, in der sie lebte. Annie Ernaux nennt das Buch eine „unpersönliche Autobiografie“ und bringt mit diesem Paradoxon zum Ausdruck, dass ihre Erinnerungen Teil unseres kollektiven Gedächtnisses sind und deshalb nicht nur sie, sondern uns alle etwas angehen.

Edition Suhrkamp, Frankfurt 2017, 255 Seiten (auch Taschenbuch)

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

Für diesen Roman, der im Original „Olive Kitteridge“ heisst, wurde Elizabeth Strout 2009 mit dem Pulitzerpreis geehrt. Sie hat das Buch ihrer Mutter gewidmet: „der besten Geschichtenerzählerin, die ich kenne“. Wenn dies stimmt, dann ist Elizabeth Strout mit Sicherheit die zweitbeste. Denn nicht nur, was sie erzählt, ist besonders, sondern auch die Art und Weise, wie sie es tut: leise, fast beiläufig, aber mit so viel Sinn für unerwartete Wendungen und so scharfem Blick für die Abgründe der menschlichen Seele, dass man beim Lesen in eine Art Sog gerät und von Seite zu Seite verblüffter feststellt, wie viel Tragik sich hinter der scheinbaren Ereignislosigkeit einer amerikanischen Kleinstadt an der Küste von Maine verbergen kann. Strouts Methode, nicht linear, sondern aus wechselnder Perspektive zu erzählen, macht das Geschehen in seiner ganzen Komplexität erfahrbar.

Random House (btb), München 2014, 352 Seiten

Roland Jeanneret empfiehlt

Giovanni Brutto: Zimmerstunde

Es war Dario Zucker, der Reporter der Lokalzeitung, der früh am Morgen die Leiche im Rechen des Stadtbachs entdeckte. Und bald war auch klar, dass es sich beim Toten um den unbeliebten Bordellbesitzer Lukas Hammer handelte. Zahlreiche Gerüchte zirkulierten nun im kleinen Städtchen Surwil – wohl ein Pseudonym für Sursee, wo der Autor lebt. Und von ihm zum Café de Ville, wo sich die Protagonisten des Krimis immer wieder treffen und über den Mord mutmassen, ist der Weg auch nicht weit. Mehr sei hier aber nicht verraten …

edition stadtcafé, Sursee 2019, 160 Seiten

Roland Ballier / Susanne Wedel: Denkst du noch oder war’s das schon? 100 ultimative Tipps für ein fittes Gehirn

Eine lockere Ferienlektüre in kleinen Portionen zum Nachdenken, Trainieren und Schmunzeln. Was muss man tun, damit das Gehirn möglichst lange, möglichst immer funktionsfähig bleibt? Die Autoren – Roland Ballier ist Arzt – geben unterhaltsame Antworten auf Fragen, wie das Gehirn funktioniert und wie es aktiv gefördert werden kann. Und auch einige Provokationen wie «Jeder hat das Hirn, das er verdient», «Alkohol und Demenz – geniessen statt giessen» oder «Scharf macht glücklich» … Mit vielen leicht umsetzbaren Tipps gegen Vergesslichkeit, depressive Verstimmungen, für geistige Fitness durch Ernährung, Bewegung, intellektuelle Arbeit und vielem mehr.

Verlag südwest, München 2009, 224 Seiten

Bruno A. Nauser: wegwerf welten, Fast-Read-Romane

Hinter dem Pseudonym verbirgt sich kein anderer als der Vielschreiber und Phantast François Loeb, ehemaliger Patron des renommierten Warenhauses in der Berner City und ehemaliger Nationalrat der FDP. Schon vor Jahren hat er sich in die Nähe von Freiburg nach Süddeutschland zurückgezogen und schreibt ohne Unterlass vor allem seine wöchentlichen Kurz- und Kürzest-Geschichten, die man sich übers Internet kostenlos abonnieren kann. Zwar stammt das vorgeschlagene Buch «wegwerf welten» bereits aus dem Jahr 1994 – als Ferienlektüre finde ich den Band noch immer eine echte Trouvaille. Auf seiner Homepage finden sich rund 30 weitere Werke, aber ich blättere – gerade in Urlaubs- und Mussenstunden immer wieder gern in den derart anregenden «wegwerf welten». Das Buch ist nach wie vor im Buchhandel erhältlich, aber auch beim Autor selbst oder «antik» bei Amazon.

Benteli Verlag, Bern 1994, beim Autor (www.francoisloeb.com)

Reinhard Meier empfiehlt

Gottfried Keller: Martin Salander

Im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag des grossen Schriftstellers ist es eine gute Idee, sich wieder einmal in ein Werk von Gottfried Keller zu vertiefen. «Martin Salander» ist Kellers Alterswerk. Es spielt in Münsterburg – eine andere Metapher für Seldwyla, die Schweiz oder allgemein eine bürgerliche Gemeinschaft. Keller zeigt eine Art Sittenbild einer Gesellschaft, die sich im wirtschaftlichen Aufbruch befindet. Salander ist ein rechtschaffener, unternehmungslustiger Bürger, der sich von einem lokalen Gauner ziemlich naiv betrügen lässt. Es gelingt ihm, im Ausland wieder zu Vermögen zu kommen und seine Familie aus der Armut zu befreien. Doch seine beiden Töchter lassen sich von zwei seelenlosen Blendern betören und scheitern in ihrer Ehe. Die Eltern der beiden Aufschneider sind zerstört. Salanders Sohn Arnold kehrt aus dem Ausland zurück und erweist sich als kluger neuer Patron. Der Roman ist nicht vollendet und Keller selbst meinte etwas resigniert, es fehle ihm an «Poesie». Dennoch lohnt sich die Lektüre – nicht zuletzt als Denkanstoss für jene Zeitgenossen, die meinen, früher sei alles besser gewesen.

Hofenberg, 2018, 268 Seiten

Yshai Sarid: Monster

Um seine junge Familie ernähren zu können, lässt sich ein israelischer Historiker als Tourguide für israelische Besuchergruppen durch die ehemaligen Nazi-Vernichtungslager in Polen anstellen. In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef in Yad Vashem schildert er die verstörenden Erfahrungen und Widersprüche, die ihn bedrängen. Er sieht, wie in israelische Fahnen gehüllte Jugendliche an diesen Orten des unfassbaren Grauens eher banale Rituale absolvieren. Er reflektiert über die jüdischen Sklaven, die für die KZ-Schergen die Leichen aus den Gaskammern schleppen mussten. Und er fragt, wie er als Soldat wohl damals reagiert hätte, wenn er erfahren hätte, dass «weit weg im Osten schmutzige Arbeit getan wird». Ein scharfsinniges Buch über menschliche Abgründe, die keinen Leser unberührt lassen.

Kein und Aber-Verlag, Zürich 2019, 176 Seiten

Marilynne Robinson: Lila

Lila ist ein Findelkind, das von einer Landstreicherin und Gelegenheitsarbeiterin aufgegriffen wird. Sie schlagen sich in der harten Zeit der 1930er Jahre während der Grossen Depression im amerikanischen Mittelwesten schlecht und recht durchs Leben. Zeitweise verdingt sich Lila in einem Bordell. Dann wird sie von einem zartfühlenden verwitweten Pastor aufgenommen. Sie heiraten und Lila erwartet ein Kind. Der Inhalt wird hauptsächlich aus der Perspektive und den einsamen inneren Gefühlswelten der Protagonistin bestimmt. „Lila“ ist das letzte Buch einer Trilogie der Autorin, zu der die Bände „Gilead“ und „Home“ gehören. Barack Obama war begeistert von dem eigenwilligen Duktus dieser Autorin und führte ein langes Gespräch mit ihr. In deutscher Übersetzung als Taschenbuch.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 288 Seiten


Christoph Kuhn empfiehlt

Volker Braun: Handstreiche

Kürzlich konnte der deutsche Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Essayist Volker Braun seinen 80. Geburtstag feiern, und da hat er seinen Leserinnen und Lesern ein schmales Büchlein mit dem Titel „Handstreiche“ geschenkt, an dem man sich nicht sattlesen kann. Das ist auch so gewollt. Denn die Selbstbefragungen in Kürzestform, die aphoristischen Verdichtungen, die Eingebungen eines alter ego namens Flick, sie fixieren nichts Unumstössliches sondern leiten die Leserschaft zu möglichst offenem, möglichst vernunftorientiertem Denken an. Da kommt uns kein Rechthaber entgegen, sondern ein unbeirrbarer Aufklärer, der uns zwischen den Zeilen zum Mitdenken auffordert und uns das passende, scharfsinnig analysierte Material dazu bietet. „Handstreiche“, ein sinnlicher Begriff. Und mit der Sinnlichkeit der Sprache wie mit ihrer Abstraktheit spielt der Autor virtuos.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 112 Seiten

Philippe Lançon: Der Fetzen

Am 7. Januar 2015 überfielen zwei Attentäter die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris und töteten 11 Menschen. Der Journalist Philippe Lançon überlebte den Anschlag schwer verletzt. Nach 17 Operationen und mehrmonatigen Spitalaufenthalten hat er ein erstaunliches Buch geschrieben, das in Frankreich ein Bestseller wurde. „Der Fetzen“ (le lambeau) heisst es in deutscher Übersetzung und bezieht sich auf das, was von Lançons unterer Gesichtshälfte nach dem Attentat übrig geblieben war. Im Buch beschreibt er minutiös, was er von der zwei Minuten dauernden Attacke mitbekommen hat, dann den langen Wiedereinstieg ins Leben, das einen anderen aus ihm machen würde, als der er einst war. Die Sachlichkeit, Präzision, die unerbittliche Gründlichkeit, mit der erzählt wird, mutet fast unheimlich an. Trost übrigens, Hilfe, Ermutigung fand der Autor vor allem in der Literatur, bei Kafka, Proust, Thomas Mann, die ihn auf seinem mühsamen Weg zurück ins Leben begleiteten.

Aus dem Französischen von Nicola Denis, Tropen Verlag, Stuttgart 2019, 551 Seiten

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers

Das Buch, vor rund 170 Jahren erstmals publiziert, begründete den Ruhm seines Autors und offenbarte seinen Leserinnen und Lesern ein gleichzeitig landschaftlich verführerisches wie gesellschaftlich unbarmherziges Russland, wie es noch keiner vor ihm beschrieben hatte. Jetzt sind die „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjew (1818–1883) in einer neuen Übersetzung erschienen. Vera Bischitzky heisst die Übersetzerin und Herausgeberin – und es lohnt sich, das Buch zweigleisig zu lesen: zum einen sich dem Fluss der Erzählungen hinzugeben, zum andern immer wieder zu unterbrechen und hinten im Buch die erhellenden Anmerkungen zu konsultieren, die das Gelesene in einen grösseren historischen Zusammenhang stellen. Jagdgeschichten enthält das Buch am allerwenigsten. Der Titel sollte die damals allmächtige Zensurbehörde irreführen. Beschrieben werden tagelange Kutschenfahrten und Wanderungen durch Wälder und Felder, Besuche auf den Gütern, Begegnungen mit Gutsbesitzern (Turgenjew gehörte zu ihnen) und mit ihren Opfern, den unter himmeltraurigen Bedingungen dahinvegetierenden Leibeigenen. In den Landschaften wird geschwelgt. Die Menschen werden mit Empathie, Respekt geschildert und, wenn nötig, messerscharf charakterisiert. Eine fremde, eine vergangene Welt. Turgenjew und Bischitzky bringen sie einem nahe.

Herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky, Hanser Verlag, München 2018, 640 Seiten

Stephan Wehowsky empfiehlt

Julian Barnes: Die einzige Geschichte

Ein junger Mann liebt eine deutlich ältere Frau. Sie verlässt ihren Ehemann, und sie beginnen ein gemeinsames Leben. Das geht natürlich schief. Mehr und mehr verfällt die Frau dem Alkohol. – Das klingt nicht nach Urlaubslektüre, aber da Julian Barnes einer der besten Gegenwartsautoren ist, schlägt er aus diesem Stoff derartige Funken, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legt. Barnes ist ein Meister der genauen Beobachtungen und er brilliert mit seinem melancholischen Witz.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, 304 Seiten

Barbara Honigmann: Georg

Barbara Honigmann folgt den Spuren ihres Vaters, der wieder und wieder scheiterte, vier Ehen hinter sich brachte, als Jude ins Exil gehen musste und als glühender Kommunist zurückkehrte. Er war ein leidenschaftlicher Journalist und in diesem Beruf durchaus erfolgreich. Und wenn das Geld wieder einmal so gar nicht mehr reichen wollte, spekulierte er an der Börse, denn darin war er ein Meister. Aber er häufte kein Vermögen an und wurde nirgends sesshaft. Die faszinierende Spurensuche einer klugen und liebenden Tochter.

Carl Hanser Verlag, München 2019, 157 Seiten

Georges Simenon: Maigret zögert

Die Rechte an den Werken von Georges Simenon lagen bei Diogenes, sind aber an Daniel Kampa übergegangen, der nun das Gesamtwerk im Kampa Verlag neu verlegt. Für Simenon-Fans ist das ein Glücksfall, zumal fast alle Titel mit Walter Kreye als Hörbücher erscheinen. Der 68. Fall von Maigret spielt im vornehmen 8. Arrondissement in Paris und verwickelt den Kommissar in eine ebenso vertrackte wie amüsante Familien-Intrigen-Geschichte. Und Kreye lässt mit seiner Stimme alle Beteiligten unverwechselbar auftreten. Besser geht es nicht.

Der Audio Verlag, Zürich, Edition Kampa 2018

Gisela Blau empfielt

Sabina Bossert: David Frankfurter (1909–1982) – Das Selbstbild des Gustloff-Attentäters

Am 4. Februar 1936 erschoss der jüdische Student David Frankfurter in Davos Wilhelm Gustloff, den Leiter der NSDAP-Landesgruppe Schweiz, in dessen Wohnung. Frankfurter stellte sich unverzüglich der Polizei und wurde im Dezember 1936 in Chur zu 18 Jahren Gefängnis und lebenslangem Landesverweis verurteilt. Nach dem Krieg wurde er freigelassen und wanderte nach Palästina aus. Die Autorin, Historikerin am Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, fand unerschlossene Quellen und führte viele Gespräche, auch mit Frankfurters Kindern. So gelang ihr ein spannendes Buch über ein Stück Schweizergeschichte.

Böhlau Verlag, Köln 2019, Teil der Reihe Jüdische Moderne, 550 Seiten

Viktor Dammann: Das Böse im Blick – Mein Leben als Polizei- und Gerichtsreporter

Erst traf er als Fotoreporter viele prominente Leute. Dann wurde er für den „Blick“ der meistgelesene Polizei- und Gerichtsberichterstatter der Schweiz. Viktor Dammann erwarb sich einen Ruf als seriöser, unbestechlicher und sehr aufmerksamer Beobachter von Verbrechern und Verbrechen aller Art. 14 seiner packenden Geschichten aus 40 Jahren hat der Journalist für eine berufliche Autobiografie ausgewählt. Entstanden ist ein reich bebildertes Lesebuch über Kriminalfälle, die nicht nur erzählt, sondern auch analysiert werden.

Orell Füssli Verlag, Zürich 2019, 256 Seiten

Charles Lewinsky: Der Stottterer

Jeder neue Roman von Charles Lewinsky wird als Ereignis gefeiert. Auch diesmal hat sich der vielseitige Autor eine sehr spezielle Hauptperson ausgesucht: einen Mann, der stottert und deshalb nicht sprechen mag. Stattdessen hat er sich aufs Schreiben verlegt und verfügt damit über die Macht der Sprache. Hat er nun einen Betrug begangen oder nicht? Jedenfalls lässt er aus dem Gefängnis heraus eine Flut von Geschriebenem los, um sein Schicksal gnädiger zu stimmen. Wieder einmal ein typischer Lewinsky-Stoff, nur anders.

Diogenes Verlag, Zürich 2019, 416 Seiten


Iganz Staub empfiehlt

David E. McCraw: Truth in Our Times

Jüngst hat die „New York Times“ auf öffentlichen Druck hin entschieden, in ihrer internationalen Ausgabe keine Karikaturen mehr abzudrucken. Dass die „Times“ auch anders kann, zeigt der Erlebnisbericht von David E. McCraw, der das Weltblatt seit 2002 juristisch berät: „Im Innern des Kampfes für Pressefreiheit im Zeitalter alternativer Fakten“. McCraw hat sich unter anderem 2016 von Anwälten Donald Trumps nicht einschüchtern lassen und auf deren Klage hin nach einem Artikel über einen Fall sexueller Belästigung seitens des Präsidentschaftskandidaten mit einem offenen Brief reagiert, der weit über die Medienwelt hinaus Verbreitung und Bewunderung fand.  

Sachbuch, All Points Books, New York 2019, 288 Seiten

Don Winslow: The Border

Thriller-Autor Don Winslow gehört zu den unbestechlichsten Kritikern des Drogenkrieges, den die USA, oft auf umstrittene Art, seit Jahrzehnten an verschiedenen Fronten führen. Sein jüngstes Werk zeichnet ein packendes Panorama, das von den Slums in Guatemala bis ins Weisse Haus in Washington DC reicht. Und das aufzeigt, dass der Krieg gegen die Drogen nicht zu gewinnen ist, solange zu viele Leute, inklusive Politiker und Regierungsvertreter, davon profitieren. Winslows Held Art Keller kämpft zwar nicht allein, doch sein Einsatz und das seiner engsten Mitarbeiter reichen nicht aus, um den Knoten aus Gier, Korruption und Skrupellosigkeit zu zerschlagen.

Roman, Harper Collins, London2019, 719 Seiten

Joshua Dudley Greer: Somewhere Along the Line

“Exit: Metropolis Utopia“ lauteten fiktive Strassenschilder, als in den 1950er Jahren Amerikas Interstates geplant wurden. Heute sind die Autobahnen, die der Nation auf Kosten der Eisenbahn als Expressstrassen in eine bessere Zukunft verkauft wurden, Teil einer mitunter maroden Infrastruktur. Die unbeschränkte Freiheit, welche all die Highways, Freeways und Turnpikes der Bevölkerung vollmundig verhiessen, ist nie Wirklichkeit geworden. Fotograf Joshua Dudley Greer hat sechs Jahre lang Amerikas Strassen befahren und an diversen Orten, “irgendwo entlang der Route“, mit wachem Auge in eher melancholischen, leisen Bilder festgehalten, was ihm “on the road“ begegnete.

Fotoband, Kehrer Verlag, Heidelberg 2019, 144 Seiten

Heiner Hug empfiehlt

Joachim Gauck: Toleranz, einfach schwer

Gegenüber Intoleranten dürfe es keine Toleranz und kein „Laissez-faire“ geben. Toleranz helfe den Tätern und nicht den Opfern, schreibt der frühere Bundespräsident. An die Adresse Rechtsnationaler erklärt er, bei Menschen, die Menschen diskriminieren und verachten, dürfe es keine Nachsicht geben. Anderseits plädiert er für eine erweiterte Toleranz Richtung rechts. Man müsse zwischen konservativ und rechtsradikal unterscheiden. Nicht jeder, der „schwer konservativ“ ist, sei eine Gefahr für die Demokratie. Gauck kritisiert auch die „Intoleranz der Guten“. Auch sie müssten sich kontroversen Diskussionen stellen, zum Beispiel beim Migrationsthema. Dort stelle sich die Frage: Wo ist die Grenze der Toleranz erreicht? Ein kluges Buch. Schade, ist Gauck bald 80 Jahre alt. Er wäre ein hervorragender Bundeskanzler.

Herder Verlag, Freiburg Juni 2019, 224 Seiten

Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802

Das Buch ist über 200 Jahre alt. Wer in Italien Urlaub macht und sich für frühere Lebensarten der Italiener interessiert, findet hier Köstliches und Abstruses. Der Autor reiste 1801/1802 von Leipzig aus nach Syrakus auf Sizilien. Den grössten Teil der Strecke legte er zu Fuss zurück. Seume gilt als einer der ersten kulturhistorischen Reiseschriftsteller. Literarischer Höhepunkt ist seine Besteigung des Ätna. Das Buch erinnert an Goethes „Italienische Reise“, unterscheidet sich aber in vielem. Goethe reiste genussvoller durchs Land als der Asket Seume, der sich mehr für Altertümer interessierte und die sozialen und politischen Verhältnisse sezierte. Man muss mit dem Autor nicht immer einverstanden sein, zum Beispiel dann nicht, wenn er schreibt, die Italiener hätten kein Musikverständnis.

Mehrere Verlage, u. a. dtv, e-Book Kindle (gratis via Amazon)

Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

Fast ein Vierteljahrtausend vor Greta Thunberg schrieb er in sein Tagebuch: „Der Mensch vergewaltigt die Natur.“ Er war einer der ersten Umweltschützer. Und er war Naturforscher, Abenteurer, Kosmopolit, Kritiker der spanischen Kolonialpolitik – und vom Zauber der Natur ergriffen. Am 14. September wäre Alexander von Humboldt 250 Jahre alt geworden – Anlass, sich ein fesselndes, neues Porträt des stürmischen, nimmermüden Geistes zu Gemüte zu führen. Die deutsch-britische Kunsthistorikerin hat es verfasst. Ihr Text beruht zum Teil auf Humboldts Tagebuchaufzeichnungen, die erst kürzlich zugänglich wurden. Die Autorin führt uns unter anderem an den Orinko, in die Anden, auf den 6200 Meter hohen Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Humboldt verehrte die südamerikanischen Naturvölker und bezeichnete sie nicht als Barbaren, wie so viele nach ihm. Die Autorin sagt: „Er wäre ziemlich geschockt, wenn er sehen müsste, was mit diesem Planeten geschieht.“ Die New Yorkerin Lilian Melcher hat das Buch farbenprächtig illustriert.

Bertelsmann Verlag, München 2019, 272 Seiten

Kommentare

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Der Film zum Buch
Das ist eine spannende Liste, und ich ergänze gerne, dass zum Vorschlag von Gila Blau - Sabina Bossert: David Frankfurter (1909-1982) – Das Selbstbild des Gustloff-Attentäters - bereits ein grossartiger Spielfilm existiert. Die Rede ist von "Die Konfrontation – Das Attentat von Davos" ; unser Buch-Autor Rolf Lyssy ("Swiss Paradise") hat diesen bewegenden Film 1974 in die Kinos gebracht, erhältlich ist er nach wie vor in einer Sammlung seiner groassen Film-Erfolge. Und äusserst sehenswert.

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