„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ lautete mein Beitrag vom Donnerstag – zwei Tage später ist die Hoffnung gestorben: Israel und die USA haben Iran koordiniert und grossflächig angegriffen, die iranischen Revolutionsgarden schlagen mit Raketen und Drohnen zurück. Es zeichnet sich bereits ab: dieser Konflikt weitet sich aus, auf Israel und all jene Länder, in denen sich US-amerikanische Militärstützpunkte befinden, also auf Kuwait, Bahrein, Qatar und die Arabischen Emirate. Auf Ziele in all diesen Ländern feuerten die Iraner bereits Raketen ab.
War diese Eskalation unvermeidbar? Nach dem Ende der Verhandlungen zwischen US-Gesandten und dem iranischen Aussenminister in Genf hatten sich beide Seiten nicht nur relativ positiv geäussert, sondern sogar eine nächste Gesprächsrunde für die kommende Woche angekündigt. Also waren die Verhandlungen von der amerikanischen Seite nur ein diplomatisches Scheingefecht. Ähnlich war es im Juni 2025, da befanden sich US-Amerikaner und Iraner ebenfalls mitten in einer Verhandlungsrunde, als Israel Iran attackierte.
Trumps Ziele: «Regimechange», keine iranische Atomwaffe
US-Präsident Trump erklärte in seiner Rede direkt nach dem Beginn der Angriffe, es gehe vor allem darum, Iran an der Entwicklung einer Atombombe zu hindern (die iranische Führung beharrt darauf, dass sie gar nicht nach der „Bombe“ strebe), aber auch um einen „Regime-change“. Erste Ziele in Teheran waren dann auch Baukomplexe, in denen sich Ayatollah Khamenei und Staatspräsident Pezeshkian üblicherweise aufhalten – iranischen Medien zufolge wurde Khamenei jedoch an einen „sicheren Ort“ ausserhalb der Hauptstadt gebracht. Und Pezeshkian liess nach der ersten Angriffswelle verlauten, er sei unversehrt und habe den Befehl erteilt, mit voller militärischer Kraft auf die Attacken zu reagieren.
An die iranischen Revolutionsgarden (also die wichtigste militärische Stütze des Regimes) appellierte Trump, ihre Waffen niederzulegen, das iranische Volk forderte er auf, „die Macht zu ergreifen“. Hinter Trumps Worten während dieser Rede wurde ein Szenario erkennbar, in dem es vor allem um Eines gehen soll: dass von keinem Land der Region jemals eine Bedrohung für Israel ausgehen soll. Dass Israel seinerseits mindestens in bestimmten Fällen die primäre Bedrohung für die Region ist, klammerte Trump vollumfänglich aus.
Die Stärke der Revolutionsgarden
Wie realitätsnah ist ein „Regimechange“ durch Krieg in Iran? Da stellt sich zunächst die Frage, ob es zwischen dem durch Ayatollah Khamenei repräsentierten, religiös begründeten Regime und den Revolutionsgarden Risse gibt. Bisher sind sie nicht zu erkennen. Die Revolutionsgarden, ca. 200 000 Mann umfassend, mit Flugzeugen, Kriegsschiffen und der Kompetenz über Irans Raketenarsenal ausgestattet (Schätzungen zufolge verfügen sie zwischen 2000 und 3000 Geschossen unterschiedlicher Reichweite) und in der Wirtschaft des Landes weitflächig vernetzt, haben sich bisher gegenüber Khamenei als loyal erwiesen.
Ihre Machtstruktur blieb selbst nach dem 12-Tage-Krieg gegen den Angreifer Israel und nach den Attacken der US-Luftwaffe auf die wichtigsten Atomanlagen im Land weiterhin intakt. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Garden ihrerseits, sollte Khamenei gefangen genommen oder umgebracht werden, selbst die totale Macht im Staat übernehmen würden. Dann hätte Iran anstelle einer sich religiös begründenden Herrschaft eine Militärdiktatur.
Heterogene Oppositionskräfte
Und wie steht es mit der Idee, das Volk, also die Opposition innerhalb Irans, würde, wie Trump sich das vorstellt, die Staatsführung übernehmen? Dagegen sprechen zwei Argumente: die Opposition verfügt über keinerlei Machtmittel – und sie hat keine erkennbare Führung, u.a. weil alle profilierten Oppositionspolitiker vor Jahren schon ins Gefängnis gesteckt wurden und weil sie daher kein wirkungsvolles Profil entwickeln konnten. Der Sohn des 1979 gestürzten Schah, Reza Pahlevi, gilt eher einem Teil der iranischen Exilgemeinschaft als Hoffnungsträger als, soweit sich das von aussen beurteilen lässt, den Menschen innerhalb des Landes.
Auch die erkennbare Unbeliebtheit des jetzigen Regimes dürfte nicht ausreichen, um ein Volk von 90 Millionen Menschen mit unterschiedlichen ethnischem Background (Perser, Kurden, Azeri, Belutschen etc) so zu einigen, dass es, sozusagen aus dem Stand aus, eine allseits respektierte Staatsführung aufbauen könnte.
Und was sind die erwartbaren Folgen für die gesamte Region? Die arabischen Länder in der näheren und ferneren Nachbarschaft Irans werden grosse Mühe haben, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Irans Herrschaft ist nirgendwo beliebt, aber die Regierungen in allen Ländern der Region wissen, dass sie sich mit ihr irgendwie arrangieren müssen und dass ein fragiler Iran für sie selbst eine Gefahr darstellen würde.
Arabische Ambivalenz zu Amerika
Gegenüber der anderen Seite herrscht ebenfalls Ambivalenz: mit Israel haben zwar die Emirate und Bahrain durch die so genannten Abraham-Accords äusserlich Frieden geschlossen (und erfreuen sich jetzt guter bilateraler Geschäftsbeziehungen), aber die anderen arabischen Staaten der Region bleiben auf Distanz und kritisieren immer wieder das kriegerische Vorgehen Israels gegenüber den Palästinensern im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Und was die USA unter Donald Trump anbelangt: da haben sich besonders drei Länder, nämlich Saudiarabien, die Emirate und Qatar, zwar zu Billionen-Investitionen verpflichtet, aber für die Nahost-Politik der USA haben sie, das ist nachvollziehbar, dennoch wenig Verständnis. Von dem jetzt vom Zaun gebrochenen Krieg warnten sie die US-Führung eindringlich, aber ergebnislos.
Vorläufiges Fazit, am Tag 1 des Kriegs: Grosse Ungewissheit in der ganzen Region, mit der düsteren Aussicht, dass dieser Konflikt sich lange hinziehen und weittragende Folgen haben wird.