SMS um 04.30 Uhr

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SMS um 04.30 Uhr

Von Hans Woller, Dieulefit - 23.03.2020

Beim Blick zum Himmel an diesem Morgen wird einem plötzlich bewusst, dass sich auch dort seit einer Woche etwas gründlich verändert hat.

In Dieulefit sieht man in der Ferne, wie zwei Flugschneisen sich kreuzen. Man sieht auch jene, die Richtung Nizza, Italien und weiter nach Südosten führt. Im Blau dort oben fehlen jetzt die geometrischen Figuren aus den weissen Streifen, die die Flieger normalerweise hinterlassen. Und auch das regelmässige, wenn auch sehr ferne Brummen über der Landschaft ist fast ganz verschwunden.

Unser Frankreich-Korrespondent Hans Woller, der normalerweise in Paris lebt, berichtet zurzeit von seinem Zweitwohnsitz aus, der sich im süd-ostfranzösischen Dieulefit (Gott schuf es) befindet. Das Städchen mit gut 3’000 Einwohnern, liegt im Süden des Départements Drôme, östlich von Montélimar und südöstlich von Valence.

Es dauert

Eine Nachbarin, eine die sich vergangenen Dienstag im letzten Moment aus Lyon hierher ins Haus der Familie geflüchtet hat, hielt gestern im Auto vor dem Haus und verkündete: «Es ist unglaublich. Unten im Dorf ist kein Mensch unterwegs. Und dabei ist doch Sonntag.»

Wieder ein Beispiel, wie schwer es doch ist, damit die Ausgangssperre wirklich in den Köpfen der Menschen ankommt.

«Ja, so soll es auch sein», antwortete man ihr und sie schaute ein wenig verdutzt.

Eine Woche nachdem Präsident Macron für den 17. März 12 Uhr den Beginn der Ausgangssperre angekündigt hatte – ohne allerdings das Wort Ausgangssperre in den Mund zu nehmen, wofür er aus medizinischen Kreisen seitdem scharf kritisiert wurde – fragt im ausgezeichneten Live auf der Webseite des Radiosenders FRANCE INFO immer noch einer nach, ob er denn sein Auto in die Werkstatt bringen dürfe, das sei dort heute zur Generalinspektion angemeldet.

Kein Wunder, dass seit Beginn der Ausgangssperre bei 1,8 Millionen Kontrollen inzwischen landesweit fast 100’000 Strafbescheide ausgestellt wurden. Diese Zahlen reihen sich in den Medien nun täglich zu den anderen über neu Infizierte und weitere Tote im Land. 

Krisenmanagement

In Dieulefit tut man im Rathaus das Möglichste, um den Alltag zu organisieren und die Bevölkerung vom Ausgehen abzuhalten. Die Bürgermeisterin hat auf ihrer Facebook-Seite ihr Foto geändert. Ihr Konterfrei ist nun in ein rotes Plakat integriert auf dem es heisst: «Rettet Leben! Bleibt zu Hause!» Am Wochenende hat sie auf allen Kanälen nochmals betont, dass im Eldorado für Radsportamateure rund um Dieulefit der Radsport schlicht verboten ist – auch alleine, nicht nur in Gruppen.

Angesichts der Bevölkerungsstruktur im Ort mit einem hohen Anteil an älteren Menschen ist die Versorgung der behinderten Senioren mit Lebensmitteln eine wichtige Priorität. In Zusammenarbeit mit dem Rathaus bieten mittlerweile eine Vereinigung von Biobauern, aber auch der Gemüseladen am Ort Lieferungen für die älteren Bewohner an.

Der Gemüseladen hat nur noch vormittags geöffnet, nachmittags wird geliefert.

Das Postamt dagegen ist schon seit vergangenem Dienstag geschlossen, heute wurde nun auch, zumindest auf der Route, die am Haus vorbeiführt, keine Post mehr verteilt. 

Schutzmasken

Der von der Bürgermeisterin unterstützte Appell, Gesichtsmasken aus Stoff zu nähen, hat offene Ohren gefunden. Eine ganze Armada, so heisst es, sitze jetzt an den Nähmaschinen.

Die Gemeinde hat die Gummibänder bezahlt. Der Stoff wurde von einer der markanten und charakterstarken Figuren dieser Gemeinde gestiftet: Claude Delclaux. Er ist Besitzer eines Geschäfts mit dem etwas prätentiösen, aber herrlichen Namen «Grands Magasins Universelles», wo gar schon der Filmemacher Patrick Leconte mit seiner Kamera zu Gast war. Das Geschäft ist eine Touristenattraktion, gleicht mit seinen abertausenden Artikeln einem orientalischen Basar und hat sich von oben bis unten den Hauch der 50er Jahre bewahrt.

Ganz langsam beginnt in den lokalen sozialen Medien von Dieulefit aber auch die Gerüchteküche zu brodeln. Immer mehr Bewohner wollen wissen, ob es denn im Ort selbst schon Corona-Fälle gäbe und wie viele. Mehr oder weniger deutlich hört man dabei die unausgesprochene Frage durch: Wenn ja, wer ist es?

Überwachung und eingeschränkte Freiheiten

Die Nationalversammlung, bzw. was davon übrigbleibt – jede Fraktion entsendet maximal nur noch 5 Abgeordnete in den Plenarsaal – hat gestern einem Gesetz über den gesundheitlichen Notstand in Frankreich zugestimmt, mit dessen Hilfe in den nächsten zwei Monaten per Dekret regiert werden kann.

Seit vorgestern haben inzwischen dutzende Städte eine vollständige nächtliche Ausgangssperre ab 20, 22 oder 23 Uhr verhängt. Dazu gehört seit heute auch die 30 Kilometer von Dieulefit entfernte Stadt Montélimar im Rhone-Tal. Sie tun es damit der Mittelmeerstadt Nizza gleich, die jetzt seit Tagen sogar auch eine Drohne über Strassen und den Strand fliegen lässt, welche filmt und mit einem Lautsprecher ausgestattet ist, dessen Ansagen die Bewohner nach Hause treiben sollen.

Und noch etwas: Bis heute bleibt einem unklar, wie es möglich war, dass sowohl der Autor als auch seine Gefährtin in der Nacht vom 16. auf den 17. März gegen 4.30 Uhr eine SMS auf ihrem Handy erhielten, in dem sie daran erinnert wurden, dass die Ausgangssperre am 17. März um 12 Uhr mittags in Kraft tritt. Wer hatte da woher unsere Handynummern?

Tod von Krankenhausärzten

«Wir sehen den Tsunami kommen und wissen, dass wir ihn voll in die Fresse bekommen werden», schreibt heute ein Arzt aus dem Universitätskrankenhaus im nordfranzösischen Amiens auf Twitter. Der Ton der Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte wird in der Tat von Tag zu Tag rauer, ja verzweifelter und die Klage über das fehlende Material bis hin zu den Schutzmasken immer lauter. Besonders nachdem am Wochenende bekannt wurde, dass ein Krankenhausarzt aus Compiègne, knapp 80 Kilometer nördlich von Paris, verstorben ist. Ein Schock für das Pflegepersonal im gesamten Land. Der 68-Jährige, der früher als Notarzt tätig war, hatte vor vier Wochen sein Rentnerdasein aufgegeben und sich in seiner Stadt freiwillig gemeldet. Compiègne und das Departement Oise waren mit Mulhouse und dem Niederrhein die allerersten Corona-Hotspots in Frankreich. Und heute sind prompt zwei weitere Ärzte im Osten Frankreichs verstorben.

Zweifel und Misstrauen kommen auf  

Der Tenor an diesem Montag ist klar: die Ausgangssperren werden noch strenger werden und sie werden, auch wenn es noch nicht offiziell ist, länger als die bislang angekündigten zwei Wochen dauern.

Klar ist inzwischen auch: Frankreich hat es versäumt, frühzeitig über die Alpen nach Italien zu blicken und von dort zu lernen. Die Exekutive hat sich überraschen lassen, hat Widersprüchliches von sich gegeben und ist hinterher gehinkt.

Nur ein Beispiel: nur drei Tage bevor die Schliessung aller Schulen im Land für den 14. März angekündigt wurde, hatte der Bildungsminister noch davon gesprochen, dass er keinerlei Anlass für einen derartigen Schritt sehe.

Nach und nach schleichen sich jetzt auch Zweifel ins öffentliche Bewusstsein ein. Warum hat die Regierung z. B. erst am Wochenende bekannt geben können, dass sie 250 Millionen Gesichtsmasken geordert hat? Seit Beginn der Ausgangssperre ist fast eine Woche vergangen! Die ersten französischen Corona-Fälle sind über vier Wochen alt. Warum hat es in Frankreich so wenige Tests gegeben? Und was ist mit der Zahl von Beatmungsgeräten, wo man jetzt schon dutzende Schwerkranke aus dem vom Corona-Virus besonders betroffenen Ostfrankreich in andere Regionen ausfliegen musste? Der Eindruck verstärkt sich, dass die Regierung angesichts der Mängel und der insgesamt schon vorher mehr als angespannten Lage im französischen Gesundheitswesen und vor allem in den Krankenhäusern den Ernst der Lage zumindest über mehrere Tage hinweg deutlich heruntergespielt hat.

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