Sirte fast gänzlich vom IS befreit

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Sirte fast gänzlich vom IS befreit

Von Arnold Hottinger, 11.08.2016

Vor anderthalb Jahren nahm der IS die Hafenstadt ein. Die bevorstehende Rückeroberung dürfte die Bestrebung zur Etablierung einer libyschen Einheitsregierung stärken.

Die seit Anfang Juni andauernde Offensive gegen den IS in Libyen, der sich in der Stadt Sirte verschanzt hatte, steht vor ihrem erfolgreichen Abschluss. Die Milizkräfte der Stadt Misrata, welche die Hauptmacht der Angreifer ausmachen, melden die Eroberung des Stadtzentrums mit dem Komplex des Ouagadougou-Konferenzzentrums.

Dieser etwa fünf Quadratkilometer umfassende Komplex inmitten der Stadt war von Ghaddafi errichtet worden, um dort afrikanische Staatschefs und Potentaten zu empfangen und zu beherbergen. Der IS hatte sich mit Waffen- und Munitionslagern in den Gebäuden verschanzt. Seine Kämpfer hatten unterirdische Gänge angelegt, um sich vor Luftangriffen zu schützen.

Nach der Einnahme dieses Zentrums konnte als nächstes die Eroberung des nahe gelegenen Spitalkomplexes und der Universität gemeldet werden. Noch gibt es aber drei Randquartiere, die vom IS gehalten werden. Ferner konnte eine Reihe von Hochhäusern am Hafen, von denen aus Scharfschützen feuern, noch nicht eingenommen werden.

Amerikanische Luftschläge

Die Belagerung kam voran, nachdem die Amerikaner am 1. August beschlossen hatten, den Milizen von Misrata, die für die Einheitsregierung (GNA, Gouvernment of National Accord) kämpfen, mit Luftschlägen zu Hilfe zu kommen. Dies geschah auf Ersuchen des Chefs der Einheitsregierung, Fayez al-Sarraj. Präsident Obama sagte zu, dass während 30 Tagen Luftschläge durchgeführt würden. Bisher habe es total 29 solcher Einsätze gegeben.

An der Sirte-Front sind auch amerikanische und englische Sondertruppen im Einsatz. Sie werden offiziell nicht erwähnt, weil es sich um geheime Einheiten handelt. In erster Linie sollen sie die Ziele für die Luftschläge zu bestimmen und sie an die Luftwaffe übermitteln.

Hohe Opferzahlen

Die Kämpfe haben sich als hart und blutig erwiesen. Nach Aussagen der Ärzte in den Spitälern von Misrata, wohin die Kriegsopfer gebracht werden, sind unter den Angreifern über 300 Tote und gegen 1’800 Verwundete zu beklagen. Die Zahl der Gefallenen aufseiten der IS-Kämpfer ist nicht bekannt. Nach gängigen Schätzungen sollen sich von ihnen noch etwa tausend Mann in der belagerten Stadt befinden. Vor der Belagerung wurden Zahlen von 2’000 bis 2’500 IS-Kämpfern angegeben. Der grösste Teil der Einwohner der Stadt ist geflohen, meist nach Misrata.

Der Verlust seines zentralen Stützpunktes in Libyen wird für den IS ein entscheidender Schlag sein. Er macht die Hoffnungen des „Kalifates“, sich auf andere Gebiete ausserhalb Syriens und des Iraks auszudehnen, unrealistisch, und er beendet alle Aussichten des IS, sich der libyschen Erdölvorkommen zu bemächtigen.

Bewährungsprobe für die Einheitsregierung

Wenn die Eroberung von Sirte vollends zur Tatsache wird, erlangt die Einheitsregierung einen wichtigen und dringend benötigten Erfolg. Sie steht ja immer noch zwei Rivalenregierungen gegenüber. Die eine hat ihren Sitz in Tripolis, die andere in Tobruk.

In Tripolis halten sich nur noch Überreste des bisherigen nicht international anerkannten Regimes. Sie stützen sich auf kleinere Kampfgruppen in der Hauptstadt, die zumeist den Muslimbrüdern nahestehen.

Wichtiger ist der zweite Konkurrent: In der Cyrenaika kommandiert General Khalifa Haftar die sogenannte Libysche Armee, die nach wie vor das Parlament von Tobruk dominiert, so dass dieses sich weigert, die Einheitsregierung anzuerkennen. Die Truppen Haftars haben in Sirte nicht mitgekämpft. Sie sind noch immer in Bengasi beschäftigt.

Der Prestigezuwachs durch die Eroberung von Sirte dürfte das Gewicht der Einheitsregierung weiter stärken. Was den IS angeht, ist nicht zu erwarten, dass er völlig von der Bildfläche verschwinden wird. Er wird vielmehr versuchen, seine überlebenden Kämpfer in den Wüsten zu verstecken und zu einer Untergrund-Kriegsführung mit Überfällen und Selbstmordanschlägen überzugehen.

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