Schreiben lernen von Dichtern

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Schreiben lernen von Dichtern

Von Urs Meier, 01.12.2017

Textarbeit besteht in der Beseitigung von Ballast und Unklarem sowie in der Schaffung von Form und Melodie.

Das Wort „Poet“, so feierlich es klingt, ist völlig nüchtern. Das griechische „poiein“, von dem es stammt, heisst schlicht „machen“. Das deutsche „Dichter“ sagt da schon mehr darüber, was ein so Bezeichneter tut: Er schafft einen dichten sprachlichen Ausdruck, indem er sein Material komprimiert.

Das Verfahren des „Ver-Dichtens“ empfiehlt sich keineswegs nur bei Lyrik, sondern in der Sprache allgemein. So gut wie jeder Text gewinnt durch Weglassen: Wer Kompliziertes vereinfacht, Breites verschlankt oder Umwege abkürzt, gewinnt fast immer. Dabei geschieht mehr als bloss Reduktion. Erzeugung von Dichte beruht auch auf der inhaltlichen Klärung, der Herausbildung einer Form und der Komposition einer Sprachmelodie.

Sind solche Finessen bei Sachtexten etwa überflüssig? Keineswegs! Übertragen wir die vier Dimensionen lyrischen Verdichtens auf alltägliches Schreiben. Deren erste, die Reduktion, ist ein Mittel, die Hauptsache ins Licht zu rücken. Bei der zweiten Dimension, der Klärung, geht es darum, sich beim Schreiben Gegenstand und Intention ganz und gar deutlich zu machen. Inhaltliche Klarheit ist die wichtigste Voraussetzung, um verstanden zu werden. Den Text sodann in eine schlüssige Form zu bringen – dies die dritte Dimension –, ermöglicht den Adressaten, ihn richtig einzuordnen und zu werten.

Aber die Sprachmelodie, ist sie nicht l’art pour l’art? Nein, denn Melodie – die vierte Dimension des Lyrischen – meint auch Textfluss und Gedankengang. Es ist der zügig entwickelte Inhalt, der natürlich fliessende Text, der am ehesten genossen und verstanden wird. Ein Elaborat aus unverbundenen Brocken hingegen wirkt abweisend und bleibt womöglich unverständlich.

Was ist zu tun, wenn der Text „falsch klingt“? Liegt es an fehlenden Informationen oder Argumenten, so ist der Mangel leicht zu beheben. Schwieriger ist es, die Sätze insgesamt „melodisch“ zum Fliessen zu bringen. Hierzu einige Mühe aufzuwenden ist jedoch nicht weniger wichtig als die inhaltliche Sorgfalt. Lautes Lesen hilft die Stolpersteine zu entdecken. Sind sie eruiert, so stellt man Satzglieder um, sucht andere Verbindungswörter, ändert den Textaufbau, ersetzt unpassende oder unklare Ausdrücke. Man hört den Unterschied, wenn dann ein Satz dem folgenden gewissermassen die Hand reicht.

Gute Texte sind kaum je spontane Würfe. Was wie aus einem Guss erscheint, ist erdauert und erarbeitet. Es beruht auf Schreibhandwerk, auf dem Verdichten, dem disziplinierten Machen.

Zu dieser Sprach-Akrobatik kam die Anregung von der historisch-kritischen Ausgabe der Lyrik des Luzerner Dichters Kuno Raeber. Sie ist als Online-Edition von Walter Morgenthaler aufgebaut worden und in einer weit entwickelten Testversion zugänglich. Kuno Raeber hat an einzelnen Gedichten oft viele Jahre lang gearbeitet. Alle Stationen dieser Prozesse sind in der historisch-kritischen Ausgabe minutiös dokumentiert und übersichtlich präsentiert.

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Sprache in eine Form zu bringen, in der Inhalt, Sprache und Rhythmus stimmen, ist in der Tat eine meist immer langwierige Angelegenheit. Man feilt an einem Text, liest ihn mehrmals und verändert ihn meist wieder. Ein Text kann natürlich intuitiv entstehen, bis er dann aber steht, braucht es viel Arbeit. Sprachkunst ist in erster Linie auch viel Arbeit, die jedoch ohne Spass zu haben, vermutlich nicht so gelingt wie es einem beliebt. Das heisst nicht, dass ein Text nicht aus einer Dringlichkeit heraus geschrieben werden muss. Gute Texte entstehen nicht über Nacht, sondern in unzähligen Nächten. Und am Schluss bleibt meist der Eindruck, dass man es besser hätte schreiben können.

Richtig, allein, wer im heutigen deutschspeachigen Journalismus will sich von Mörikes harmonisch-austarierter Sprache, von Alfred Kerrs Narzissmus, von Kleists Stringenz, von Krauss' Sarkasmus leiten lassen?
Tempi passati, denn heute stellen wir fest, dass die meisten deutschsprachigen Journalisten weder der deutschen noch der affektiert eingewobenen englischen Sprache mächtig sind. Sie können eins: beide Sprache verwursten, nach politisch korrekter Wortwahl lechzen und den Genitiv verachten. Warum nimmt die Leserzahl in den Printmedien ab?

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