Saudi Aramco geht an die Börse

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Saudi Aramco geht an die Börse

Von Franz Glinz, 03.12.2019

Bald kann die Anlegergilde rund um den Globus ihr Geld ins profitabelste Unternehmen der Welt investieren – in eine Firma, die 2018 rund 111 Milliarden US-Dollar Reingewinn erwirtschaftete.

Aber wird ein Investment in diesen Billionen-Staatskonzern auch ein hochrentabler Deal? Hier liegt die Crux der Anleger.

Der grösste Börsengang aller Zeiten soll es sein. Nach rund vier Jahren Gerüchte, vagen Ankündigungen und Verschiebungen ist es nun soweit: Saudi-Arabien, beziehungsweise der mächtige und mitunter diktatorisch regierende Kronprinz Mohammed bin Salam, bringen ihren Mega-Erdölkonzern Aramco an die Börse. Nicht alles freilich, bloss etwa 1,5 Prozent davon werden privaten und institutionellen Anlegern an Beteiligungspapieren angeboten. Das tönt nach wenig, ist aber angesichts des Billionenwerts von Aramco doch ein Bombendeal, der Saudi-Arabien für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte im Wüstenstaat zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar einbringen soll, möglicherweise etwas mehr, falls das Interesse der Anleger weltweit an Aramco-Aktien sehr gross sein wird.

Kurstreibende Ölpreis nicht in Sicht

Und genau hier liegt die Crux. Der Börsengang Aramcos kommt zu einem eher etwas ungünstigen Zeitpunkt. Denn stark steigende Erdölpreise, um den Kurs der Aramco-Papiere bald nach dem Börsengang dauerhaft in die Höhe zu treiben und sie für die Anleger und Spekulanten rasch zu einem anhaltend guten Geschäft zu machen, sind unwahrscheinlich. Denn gegen steigende Erdölpreise sprechen gegenwärtig mehrere Faktoren:

In Sinne der Klimadiskussion streben diverse Länder und Städte «Netto null CO₂» zwischen 2030 und 2050 an. Das heisst: kontinuierliche Verbrauchsreduktion fossiler Energieträger wie eben Öl und Gas. Erdöl wird mitunter bereits als Auslaufmodell bezeichnet – was zum heutigen Zeitpunkt reine Polemik ist – den Aramco-Kurs aber dennoch nachhaltig drücken könnte;

Weiter spricht eine geringere Ölnachfragen infolge der prognostizierten weltweiten Konjunkturabschwächung gegen steigende Ölpreise.

Die Kurven zeigen, es hätte bessere Jahre mit steigenden Ölpreisen und somit steigenden Kursen für Aramco-Aktionäre gegeben.
Die Kurven zeigen, es hätte bessere Jahre mit steigenden Ölpreisen und somit steigenden Kursen für Aramco-Aktionäre gegeben.

Sodann haben sich Banken, Fonds, Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen und weitere Investorengruppen gegen neue Erdöl-Investitionen ausgesprochen. Die schwedische Notenbank beispielsweise hat angekündigt Staatsanleihen von Kanada und Australien aus dem Depot zu werfen, weil der CO₂-Ausstoss der beiden Länder wegen ihrer Öl- und Gasförderung hoch sei.

Selbst die Erben der Rockefeller-Stiftung wendeten sich laut einem Bericht der «New York Times» von Investitionen ab, die als klimaschädlich gelten. Die Rockefeller-Familie ziehe sämtliche Gelder aus Konzernen ab, deren Geschäftsmodell das Klima zerstöre. So dürfte Rockefeller auf Aramco-Aktien verzichten. Und dies ausgerechnet jene Familie, deren Vorfahre John D. Rockefeller (1839–1937) mit dem Ölboom im 19. und 20. Jahrhundert ein gewaltiges Vermögen aufbaute.

Batterieautos als Störfaktor

Gegen steigenden Erdölverbrauch, anziehende Rohölpreise und folglich steigende Aramco-Aktiennotierungen spricht auch, wie es gegenwärtig scheint, der rasante Fortschritt bei der Batterie-Mobilität im Strassenverkehr – psychologisch zumindest, obwohl der ganz grosse Anteil der PW und LKW weltweit noch immer mit Benzin der Diesel läuft.

Auch auf eine Erdölkrise können Mohammed bin Salam und «seine» Aramco-Investoren nicht hoffen, weil die grossen Ölländer neben Saudi-Arabien das «schwarze Gold» im Überfluss fördern: Die USA sind mit der Fracking-Fördermethode der letzten Jahre praktisch zu einem Selbstversorger von Öl und Gas geworden, Importe aus dem Nahen Osten, insbesondere aus Saudi-Arabien, sind kaum mehr oder nur noch in viel kleineren Mengen als früher gefragt;

Russlands Wladimir Putin will seine Stellung als grösster Erdölproduzent neben Saudi-Arabien halten und kümmert sich intensiv um die neu zu erschliessenden Ölfelder im arktischen Schelf Russlands;

Norwegen wiederum will weiterhin ein starker Player im Ölbusiness bleiben. Prospektions-Lizenzen hoch im Nordmeer werden dutzendweise an interessierte Gesellschaften vergeben. Und demnächst soll das Johan-Sverdrup-Ölfeld sprudeln, angeblich eines der ergiebigsten Felder Norwegens;

Brasilien und Mexiko wollen ihre angeschlagenen und verschuldeten, teilweise korruptionsgeschädigten staatlichen Erdölfirmen wieder auf Kurs bringen. Und sollte das auch Venezuela gelingen, dem brutal heruntergewirtschafteten Land mit den grössten im Boden nachgewiesenen Erdölreserven der Welt, dann wäre die Angebots-Nachfrage-Situation für die Konsumenten gut, für die Lieferanten entsprechend weniger – vermutlich auch für den Aramco-Aktienkurs.

Peak-Oil-Propheten verstummt

«Der Erdölpreis will einfach nicht steigen», schrieb die NZZ am 23. Oktober. Selbst der Drohnenangriff mit massiver Zerstörung auf der angeblich grössten Ölraffinerie Saudiarabiens führte zu keinem nachhaltigen Ölpreisanstieg. Der Preis für ein Fass (1 Barrel = 159 Liter) der Erdöl-Referenzsorte Brent schnellte zwar an den Märkten nach dem Attentat blitzartig um fast 20% auf 71 US-Dollar hoch. Wenige Wochen später jedoch war wieder «Business as usual», der Barrel-Preis dümpelte bis heute um die 60 bis 63 Dollar herum. Bessere Jahre für den Aramco-IPO wären 2007 oder das Bankenkrisenjahr 2008 gewesen, als der Barrel-Preis von 75 auf 90 Dollar stieg. In den Jahren 2011 und 2012 schnellte der Fasspreis gar auf mehr als 100 US-Dollar hoch.

Selbst die zahlreichen Peak-Oil-Propheten, die einst mit Horrorszenarien hohe Preise stützten, wenn nicht herbeiredeten, sie können Aramco nicht mehr zu einem Ölpreisrally verhelfen – sie sind verstummt, weil sie alle mehr oder wenigen falsch lagen.

Schon 2003 titelte das angesehene Wirtschaftsmagazin «The Economist»: «The end of the Oil Age».

Und andere angesehene Wissenschaftler zogen mit.

So der britische Geologe Colin Campbell, der 2004 sagte: «Bereits seit Mitte der 60er Jahre geht die Zahl neu entdeckter Erdölfelder zurück, bereits 90 Prozent der Vorkommen dürften gefunden sein. Nach 150 Jahren Wachstum wird die Erdölproduktion schon bald abnehmen, ab 2010 jährlich um 2,5 Prozent. Und der amerikanische Investmentbanker Matthew Simmons fügte 2005 dazu: «Wir haben praktisch alle unsere Reserven angezapft. Die Nachfrage übersteigt ab nun das Angebot. Wir müssen in den kommenden Jahren mit einem Ölpreis von 200 bis 250 Dollar pro Fass rechnen. Seit 1996 verbrauch die Welt mehr Öl als Reserven gefunden werden.»

Gérard Stampfli, Geologe und Professor an der Uni Lausanne meinte 2008 zur Frage, ob das Ende des Erdöls ein Märchen sei: «Nein, man ist sich auf breiter Front einig, wir steuern auf eine schwerwiegende Krise zu.»

Und der bekannteste Schweizer Peak-Oil-Prophet, der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, titelte 2008 in der deutschen MZ: «Wir sollten das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt.»

Recht hat am Ende doch der langjährige saudische Ölminister Scheich Zaki Yamani mit seinem legendären Spruch: «Das Steinzeitalter ging nicht aus Mangel an Steinen zu Ende. Und das Ölzeitalter wird enden lange bevor es auf der Welt kein Öl mehr gibt.»

Dennoch, die Verlockung auf flotte Kursgewinne scheint bei vielen Investoren trotz aller erwähnten Öl-Risiken gross zu sein. Der Aramco-Börsengang startete erfolgreich. Die im November zuerst bedienten Privatanleger überzeichneten das Angebot klar. 4,9 Millionen private Investoren orderten wesentlich mehr Aktien als Aramco für sie reserviert hatte. Ähnlich positiv dürfte es im Dezember mit den institutionellen Anlegern laufen, sind doch mit der Zuteilung der Saudi-Aramco-Aktien eine Reihe der weltweit wichtigsten Banken beauftragt, darunter auch die Credit Suisse.

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