Saudi-Arabiens langer Arm

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Saudi-Arabiens langer Arm

Von Daniel Woker, 25.03.2017

Das muslimische Asien versucht, sich aus dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten herauszuhalten. Doch das gelingt in Südostasien immer weniger.

In der islamischen Welt stehen sich eine sunnitische Allianz, geführt von Saudi-Arabien, und eine von Iran dominierte schiitische Front unversöhnlich gegenüber. Beijing will eine eindeutige Stellungnahme für die eine oder andere Seite vermeiden.

Auf der einen Seite fürchtet China den erzkonservativen saudischen Wahabismus, der seine ideologischen Greifarme längst in den muslimischen äussersten Westen des Reichs der Mitte ausgestreckt hat. Beijing steht weiter eindeutig aufseiten der syrischen Regierung unter Asad und begreift den von Saudis angezettelten sunnitisch-schiitischen Stellvertreter-Krieg in Jemen primär als Handels- und Investitionshindernis auf seinem Weg in den Westen.   

Anderseits lockt Saudi-Arabien mit Investitionen, welche Beijing für seine Pläne für die neuen Seidenstrassen, die von China nach Europa und Afrika führen, gut gebrauchen kann.

Chinesische Waffen für die Saudis

Aber auch die saudischen Herrscher verfolgen neben ihren Anstrengungen zur Ausbreitung ihres erzkonservativen Islams handfeste Ziele in Asien und speziell in China. Beijing ist bereits jetzt und mit stark zunehmender Tendenz ein wichtiger Waffenlieferant für die gesamte sunnitische Seite. Made in China ist auch hier um ein Vielfaches günstiger als die besseren, aber superteuren Waffensysteme aus dem Westen.

Zudem geht es Riad auch um ein „strategic hedging“. Saudi-Arabien will sich bei China, der zweitmächtigsten Supermacht, „rückversichern“, falls sich der traditionelle Verbündete USA unter Trump weiter zurückzieht und seinen Anspruch als globale Ordnungsmacht aufgeben sollte. Dies wiederum spielt Beijing in die Hände, welches sich ja seit langem auflehnt gegen „globale Monopolansprüche“ der Amerikaner, gegen eine globale Pax Americana also.

Propaganda für den Wahabismus

Der saudische König Salman hat im vergangenen Februar China, Malaysia und Indonesien besucht. Er wurde von rund 1500 Prinzen, Geistlichen und Hofschranzen begleitet. Diese Besuche dienten vor allem als Propaganda für den korrekten, also wahabisch-konservativen Islam, als dessen Hüter sich die Saudis mit ihren heiligen Orten Mekka und Medina verstehen.

Dafür haben die mehrheitlich sunnitischen Muslime und ihre Regierungen in Südostasien heute ein offenes Ohr. In Malaysia allerdings mehr als in Indonesien, was auf den ersten Blick erstaunt, da jede Regierung in Kuala Lumpur mit der grossen, meist chinesischstämmigen Minderheit zu Schlage kommen muss.

Wahabisierung von Malaysia

Noch vor wenigen Jahren spielte der malaysische Ministerpräsident Najib Razak Golf mit Präsident Obama und galt als gemässigter muslimischer und wirtschaftlich erfolgreicher Hoffnungsträger in den Schwellenländern. Seither hat ihn allerdings seine grenzenlose Korruptionsanfälligkeit eingeholt, nachdem immer offensichtlicher wird, dass sein Familienclan Milliarden an Staatsgeldern in eigene Taschen abzweigt.

Um davon abzulenken, hat er sich nun flugs ein gläubiges Mäntelchen umgelegt und beschwört seine muslimische Wählerschaft, ihm in einen immer konservativeren sunnitischen Islam zu folgen. Konkret schlug sich das anlässlich des Besuches von Salman nieder.

„Wollt ihr gleich nach Saudi-Arabien gehen?“

Immerhin wurde auch Opposition laut. Einmal vom greisen, ehemaligen Ministerpräsidenten Mahatir bin Mohamad, der sich vom Ziehvater zum erbittertsten politischen Feind von Najib gewandelt hat. Allerdings hatte sich auch Mahatir in seiner Karriere niemals gescheut, tief in die religiöse Trickkiste zu greifen, wenn ihm das politisch nützte.

Erfrischend dagegen der Sultan (Prinz) des malaysischen Gliedstaates Johor. Die Provinzen werden traditionell von Prinzen angeführt. Aus ihren Reihen wird der malaysische König als nominelles Staatsoberhaupt gewählt. Der Prinz von Johor zog gegen den Gebrauch von Arabisch statt Malaysisch in allen religiösen Angelegenheiten (Schulen, Familien-, Sach- und Erbrecht, etc.) vom Leder: „Wollt ihr etwa gleich nach Saudi-Arabien gehen und dort leben?“

Auch Indonesien?

Indonesien ist ein mehrheitlich muslimisches, sunnitisches Land mit einer kleinen, aber reichen chinesischen Minderheit. Eine grössere, aber eher verträumte hinduistischen Minderheit lebt auf Bali. Traditionelle Spiritisten sind in abgelegenen Gebieten wie West-Papua zu Hause. Seit seiner Unabhängigkeit ist das indonesische Staatsgebilde laizistisch. Mit der Ausnahme Aceh wird ein gemässigter Islam gelebt und gepredigt. Dies, um die kulturelle und ethnische Vielfalt ebenso wie den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes nicht zu gefährden.

Allerdings macht sich der Wahabismus auch in Indonesien immer breiter. Seit Jahrzehnten investiert Saudi-Arabien Ölgelder in indonesische Schulen, Moscheen, Stiftungen und finanziert Stipendien. Die zunehmende Intoleranz gegenüber Nicht-Sunniten wird von den indonesischen Behörden kaum bekämpft. So bezeichnete anlässlich des Besuches von König Salman ein ehemaliger indonesischer Geheimdienstchef Iran und die rund ein Prozent indonesischer Schiiten als „ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit“.

Der „Koranbeleidiger“

Ein Gradmesser der Intoleranz wird die bevorstehende Stichwahl um das Amt des Stadtpräsidenten von Jakarta sein, welches ein Sprungbrett zu noch höheren politischen Weihen sein kann.

Da stehen sich ein chinesischstämmiger, erfolgreicher Amtsinhaber und ein totaler Anfänger ohne Leistungsausweis, aber eben sunnitisch-rechtgläubig, gegenüber. Sogar wenn der Chinesischstämmige gewinnt bleibt ein Damoklesschwert über ihm hängen. Die bereits wahabistisch unterwanderte lokale Rechtsprechung hat ihn wegen „Koranbeleidigung“ angeklagt. Mit solch schwammigen Phrasen verfolgen die Erzkonservativen seit langem Andersgläubige nach Belieben.

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