Im Mittelalter wurden befestigte Städte monatelang belagert, von der Aussenwelt abgeschnitten und so zur Kapitulation gezwungen. Diese Aushungerungstaktik wendet Trump jetzt in Kuba an. Gelingt den USA damit, was ihnen 67 Jahre lang nicht gelungen ist: der Sturz des kommunistischen Regimes? Doch wollen die USA in Havanna überhaupt einen «Regime Change»?
Die Ereignisse in Kuba überstürzen sich. Letzte Nacht sassen wegen der amerikanischen Öl-Blockade zehn Millionen Kubaner und Kubanerinnen im Dunkeln. Zuvor hatte Trump die Absetzung des kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel verlangt. Es werde ihm «eine Ehre» sein, sagte der amerikanische Präsident im Oval Office, Kuba «in irgendeiner Form zu übernehmen». Die Insel sei «ein gescheiterter Staat. Sie haben kein Geld, sie haben kein Öl, sie haben gar nichts», sagte der US-Präsident.
Rückblende: Am 1. Januar 1959 war der kubanische Diktator Fulgencio Batista, der von den USA unterstützt wurde, von Fidel Castro und seinen Guerilleros gestürzt worden. Seither versuchten die USA, das kubanische Regime zu eliminieren – vergebens. Castro hatte zehn amerikanische Präsidenten überlebt. Im November 2016 starb der «Líder Máximo» keinen gewaltsamen, sondern einen friedlichen Tod – eigentlich eine Blamage für die CIA, die 63 Mal versucht hatte, Castro zu töten. Auch seine wenig charismatischen Nachfolger sind noch immer an der Macht.
Doch jetzt will Trump, der «Macher», die Insel vor der amerikanischen Haustür endlich vom Kommunismus befreien. Kuba sei «ein wunderschönes Land», sagte Trump am Montag. Es befinde sich jetzt «in den letzten Augenblicken seines bisherigen Bestehens. Es wird ein neues Leben beginnen.» Und weiter: «Ob ich Kuba befreie oder einnehme – ich denke, ich kann machen, was ich will».
Ein Liter Benzin für 9 Dollar
Der 3. Januar 2026 ist ein Schlüsseldatum. An diesem Tag nahmen die USA den venezolanischen Autokraten Nicolás Maduro fest. Sein Sturz hatte zur Folge, dass Trump den Export von venezolanischem Öl nach Kuba gestoppt hat. Bisher hat das venezolanische Regime die Insel mit billigem Öl versorgt – im Gegenzug schickte Kuba Ärzte und Pflegepersonal nach Caracas. Trump schnürte die Insel von der Aussenwelt ab. Öltanker, die Kuba Treibstoff liefern wollten, wurden von amerikanischen Schiffen zur Umkehr gezwungen.
Der Blackout zu Beginn dieser Woche war der erste landesweite Zusammenbruch der Stromversorgung. Das fehlende Öl hat die strangulierte Insel in die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gestürzt. Vor den Tankstellen stauen sich Hunderte Autos. Ein Liter Benzin kostet jetzt laut CNN 9 Dollar. Da der Verkehr fast lahmgelegt ist, können die Städte nicht mehr mit landwirtschaftlichen und lebenswichtigen Gütern versorgt werden. Spitäler müssen auf Operationen verzichten.
Wie eine reife Pflaume
Der Tourismus, die einzige Branche, die dem Land noch Devisen brachte, brach ein. Kuba steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und steuert auf eine humanitäre Katastrophe zu. Seit Wochen heisst es in Washington: «Wir müssen Kuba nicht mit Gewalt erobern, das Land fällt uns wie eine reife Pflaume in den Schoss.»
Der Sturz des Venezolaners Maduro hat auch Exilkubanern, die in Miami leben, neuen Auftrieb im Kampf um die Insel gegeben. Amijail Sanchez Gonzalez, ein feuriger Regimegegner, hatte in Florida eine Widerstandsorganisation gegründet und Exilkubaner für eine Invasion rekrutiert. Dem Fernsehsender NBC6 («South Florida») liegen Videos vor, die militärische Übungen von Exilkubanern in Südflorida zeigen.
Ungeduldige Exil-Kubaner
Vor knapp drei Wochen, am 25. Februar, näherte sich Amijail Sanchez Gonzalez mit neun bewaffneten Gesinnungsgenossen in einem amerikanischen Schnellboot der kubanischen Nordküste bei Cayo Falcones in der Provinz Villa Clara. Der kubanische Grenzschutz fing das Boot ab. Nachdem die Invasoren das Feuer eröffnet hatten, erschossen die Grenzschutzbeamten vier der Insassen und nahmen die sechs Überlebenden gefangen. (Einer von ihnen starb später.) An Bord des Bootes fand der Grenzschutz Sturmgewehre, Handfeuerwaffen, Molotowcocktails, kugelsichere Westen, Zielfernrohre und Tarnuniformen. So die Darstellung der Regierung.
Die Invasoren wollten nach ihrer Landung auf Kuba eine Guerilla-Armee aufbauen und hofften, dass sich ihnen Tausende Regimekritiker anschliessen. Das ist nun wahrscheinlich nicht mehr nötig. Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio erklärte, der Landeversuch der zehn Exilkubaner vom 25. Februar sei nicht auf Initiative der amerikanischen Regierung erfolgt. Da dieser Angriff derart stümperhaft durchgeführt wurde, ist man geneigt, Rubio zu glauben.
Parteizentrale geplündert
Nicht nur die Exilkubaner in Miami, auch Kubanerinnen und Kubaner fassen jetzt neuen Mut und sehen die Möglichkeit, das Regime in Havanna zu stürzen. Zum ersten Mal seit fast fünf Jahren finden wieder offene Proteste gegen die Regierung statt. Östlich von Havanna haben am Wochenende wütende Demonstranten ein Büro der kommunistischen Partei gestürmt. Akten und Möbel wurden angezündet. Der Aufstand wurde schnell niedergeschlagen.
Doch angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage zeigte sogar Präsident Miguel Díaz-Canel gewisses Verständnis für die Randalierer. Er machte das US-Ölembargo für die Energiekrise verantwortlich und sagte: «Gegen Proteste habe ich nichts, gegen Vandalismus schon.» Bereits in den Tagen zuvor hatten Menschen in mehreren Stadtvierteln Havannas auf Pfannen und Töpfe geschlagen, um ihren Unmut über die stundenlangen Stromausfälle kundzutun. Auf den Stufen der Universität von Havanna demonstrierten Studenten und Studentinnen.
Kuba ist heute allein. Die Russen und die Chinesen, die das Land einst stützten, haben zurzeit andere Prioritäten. Und ausser Brasilien und Mexiko kriechen alle lateinamerikanischen Staaten vor Trump. Einzig die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum versucht noch, der darbenden kubanischen Bevölkerung zu helfen.
Nach sowjetischem Muster
Wirtschaftlich geschwächt ist das Land nicht nur wegen der jahrzehntelangen Blockade- und Sanktionspolitik der USA. 2016 hatte Präsident Barack Obama die Insel besucht, und nun war Hoffnung aufgekommen. Doch die «Erneuerung des sozialistischen Modells», die Kuba jetzt versprach, sah immer noch keine Reform der Produktionsstruktur vor, mit der das Land seine Grundbedürfnisse an Energie, Nahrungsmitteln und Industrieanlagen hätte decken können. Die extrem nach sowjetischem Muster verstaatlichte kubanische Planwirtschaft wurde kaum angetastet. Damit verpasste Havanna eine letzte Chance. Und dann kam 2016 Donald Trump an die Macht, schnürte Kuba ein und machte alle Hoffnungen auf einen Neuanfang zunichte.
Eine militärische Invasion der USA auf Kuba wäre ein Kinderspiel, erklären Beamte der amerikanischen Regierung. Und doch: Ein Angriff würde wohl einigen amerikanischen Soldaten das Leben kosten, denn die gut gerüstete kubanische Armee ist noch immer da. Auch alte Waffen können töten. Und das Letzte, was sich Trump jetzt leisten kann, sind Särge mit GIs.
Kein «Regime Change» in Venezuela
Mit «Regime Change» haben die USA schlechte Erfahrungen gemacht. In Vietnam, im Irak und in Afghanistan endeten die amerikanischen Invasionen wenig ruhmreich. Schlimmer noch, sie verwickelten die Amerikaner in langwierige, teils verlustreiche Kriege – und hinterliessen Afghanistan, den Irak und die ganze Region im Chaos, was den Aufstieg radikaler Kräfte förderte.
Haben die USA daraus gelernt? In Venezuela machte es den Anschein, denn Trump begnügt sich damit, dass er Zugang zum Öl hat und dass der Quasi-Diktator Maduro im Gefängnis in New York sitzt. Ein «Regime Change» ist das nicht, denn das Militär und der Hofstaat der Maduros sind noch immer an der Macht. Und Delcy Rodríguez, die amtierende Regierungschefin, sagt immer wieder vollmundig, Venezuela gehe nicht vor Trump in die Knie.
Flüchtlingswelle? Bürgerkrieg?
Und in Kuba? Will Trump einen «Regime Change» oder will er nur, dass das Regime künftig nach seiner Pfeife tanzt – dass der Präsident abgesetzt wird, dass sich Kuba öffnet, dass amerikanische Investitionen willkommen sind? Dass die politischen Gefangenen freigelassen werden? Dass am Malecón, der Strandpromenade in Havanna, Hiltons, Marriotts, Hyatts und Sheratons hochgezogen werden?
Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio, dessen Eltern Exilkubaner sind, befürwortet einen sachten Übergang – wohl wissend, dass ein abrupter Umsturz die Insel ins Chaos stürzen könnte. Zudem würde ein Putsch vielleicht zu einer Flüchtlingswelle oder sogar zu einem Bürgerkrieg führen, denn ideologisierte Kubaner, die das Erbe Fidel Castros retten wollen, sind noch immer kampfbereit.
Kein radikaler Machtwechsel?
Trump ist bekannt dafür, dass er einen Plan A hat, dass er dreinschlägt – und dann recht hilflos wirkt, wenn der Plan A nicht sofort funktioniert. Die Ereignisse in Iran machen das deutlich. Aussenminister Rubio hat auf Trump offenbar eingewirkt, dass er in Kuba auch an einen Plan B denkt.
Also kein sofortiger, radikaler Machtwechsel in Kuba? Manches deutet darauf hin. Aussenminister Rubio sagte am 25. Februar bei einem Treffen der Karibischen Gemeinschaft in St. Kitts und Nevis: «Kuba muss sich ändern.» Und er wiederholte: «Kuba muss sich ändern. Aber es muss sich nicht auf einmal ändern. Es muss sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Alle hier sind reif und realistisch.» Und weiter: Die Kubaner «müssen tiefgreifende Reformen durchführen. Und wenn sie diese tiefgreifenden Reformen durchführen wollen, die dem kubanischen Volk sowohl wirtschaftliche als auch letztendlich politische Freiheit eröffnen, würden die Vereinigten Staaten das natürlich sehr begrüssen.»
Der Krebs
Seit Längerem kursieren Meldungen, wonach die USA und Kuba Gespräche aufgenommen haben. Präsident Díaz-Canel hat nun solche Meinungsaustausche öffentlich bestätigt. Und plötzlich tauchen da auf kubanischer Seite zwei Figuren auf, die unbelastet scheinen und den USA entgegenkommen könnten. Da ist einerseits der kubanische Oberst Raúl Guillermo Rodríguez Castro, ein Enkel von Raúl Castro. Der jetzt 95-jährige Raúl Castro ist der jüngere Bruder von Fidel Castro und war von 2008 bis 2018 Präsident Kubas.
Rodríguez Castro, genannt «El Cangrejo» (der Krebs), ist kein ideologisierter Apparatschik der kommunistischen Partei Kubas. Er trägt den Spitznamen «Raúlito» (kleiner Raúl) und tat sich vor allem als Sicherheitsbeamter hervor. Jetzt trat er plötzlich mehrmals öffentlich auf. Am 16. Januar nahm er auf dem Friedhof Colón in Havanna an der Beisetzung der 32 kubanischen Soldaten teil, die während des US-Eingriffs in Venezuela ums Leben gekommen sind. Und vergangene Woche sah man den 41-jährigen Rodríguez Castro bei einem Treffen, das der kubanische Staatspräsident Díaz-Canel mit Führungskräften der Kommunistischen Partei Kubas und des Ministerrats abhielt.
Starke Anzeichen sprechen dafür, dass Raúl Guillermo Rodríguez zur Delegation gehört, die jetzt Gespräche mit den USA führt. Neben ihm könnte auch Alejandro Castro Espín eine wichtige Rolle spielen. Der 60-Jährige, ein Sohn des früheren Präsidenten Raúl Castro, ist Politologe und Brigadegeneral. Während eines Militäreinsatzes in Angola wurde er von einem Splitter getroffen; seither ist er auf dem rechten Auge fast blind.
Werden Raúl Guillermo Rodríguez und Alejandro Castro bald einen Generationenwechsel in der kubanischen Politik einleiten und wichtige Führungsrollen übernehmen? Dass sie immer häufiger an hohen Regierungstreffen teilnehmen, ist wohl kein Zufall. Gelingt es ihnen, das Land zu öffnen, es vom kommunistischen Mief zu befreien und es vom 66-jährigen Fidel-Castro-Erbe zu erlösen?
Und vor allem: Schaffen sie es, die alte gestählte kommunistische Garde in Havanna, zu der auch Präsident Miguel Díaz-Canel gehört, zur Kapitulation zu zwingen? Sind sich Raúl Guillermo Rodríguez und Alejandro Castro bewusst, dass sie auf die USA zugehen müssen, um nicht ganz unterzugehen?