Saudi-Arabien spielt ein riskantes Spiel

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Saudi-Arabien spielt ein riskantes Spiel

Von Arnold Hottinger, 27.03.2016

Vor einem Jahr begannen die saudischen Bombenangriffe. Doch geschlagen sind die Huthis keineswegs.

Aus Anlass des ersten Jahrestages des Beginns der saudischen Luftangriffe demonstrierten am Samstag Hunderttausende in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa gegen die Bombardements. Während die anti-saudische Demonstration im Gang war, flogen saudische Kampfflugzeuge im Tiefflug über die Demonstranten hinweg. Sie durchbrachen die Schallmauer, warfen jedoch keine Bomben ab.

Der gestürzte jemenitische Präsident Ali Saleh Abdullah trat erstmals seit Beginn der Bombardierungen in der Öffentlichkeit auf. In einer kurzen Rede rief er dazu auf, Friedensverhandlungen mit Saudi-Arabien zu führen. Der Chef der Huthi-Rebellen, Abdel Malik al-Huthi, sprach am Stadtrand von Sanaa vor einer riesigen Menschenmenge. Er wetterte gegen die "verbrecherischen" Feinde und den "Genozid", den die Saudis in Jemen anrichteten.

Zuerst gegen, dann für die Huthis

Ex-Präsident Ali Saleh Abdullah trägt viel Mitschuld am Schicksal seines heute weitgehend zerstörten Landes. Er war im November 2011 nach lange andauernden Demonstrationen gestürzt worden. Darauf gelangte sein ehemaliger Vizepräsident, Abdrabbo Mansur al-Hadi, an die Macht Er wird von der Uno und den Erdölstaaten am Golf unterstützt. Ali Saleh Abdullah ermutigte nach seinem Sturz im Sommer 2014 die Huthi-Kämpfer der zaiditischen Minderheit, gegen die Regierung zu kämpfen.

Zuvor, seit 2004, hatte die jemenitische Armee im Norden des Landes einen langen und bitteren Krieg gegen die Huthis geführt. Doch nun entschloss sich der gestürzte Präsident Ali Saleh Abdullah, seine bisherigen Feinde einzuspannen, um an seinem ehemaligen Stellvertreter und späteren Nachfolger, al-Hadi, Rache zu üben und ihn zu stürzen.

Seit 2014 besetzen die Huthis die Hauptstadt

Ein grosser Teil der jemenitischen Armee blieb dem gestürzten Präsidenten und seinem Sohn Ahmed treu. Diese Armee-Einheiten erhielten nun plötzlich Befehl, die Huthis nicht mehr wie bisher zu bekämpfen – sondern zu fördern. Unterstützt von der Pro-Saleh-Fraktion gelang es darauf den Huthis aus ihren Heimatgebieten in der der nördlichen Grenzprovinz Saada auszubrechen und bis in die Hauptstadt vorzudringen. Im September 2014 besetzen die Huthis Sanaa kampflos.

Anschliessend dehnten die Huthi-Rebellen ihren Machtbereich bis in die südliche Hafenstadt Aden aus. Den neuen Präsidenten al-Hadi setzten die Huthis im Februar 2015 unter Hausarrest. Doch es gelang ihm zu fliehen und in Aden seinen Regierungssitz aufzuschlagen. Schon im März 2015 musste er jedoch fliehen und in Saudi-Arabien Zuflucht und Hilfe suchen.

Riad fürchtet Iran

Saudi-Arabien ist überzeugt, dass die Huthis von Iran, dem saudischen Erzfeind, unterstützt werden. Deshalb hat Riad den Huthis den Kampf angesagt. Würden die Huthi-Kämpfer in Jemen siegen, so könnten sie in der Lage sein, auch im saudischen Königreich Unruhen auszulösen. Dies zumindest fürchtet Riad.

Die Huthis gehören einer Branche des Schiismus an, die sich stark unterscheidet von jener, die in Iran herrscht. Sie sind Zaiditen, sogenannte 5er-Schiiten, weil sie den Nachfahren des Propheten in der 5. Generation, Zaid, und dessen Nachkommen als die rechtmässigen Führer der islamischen Gemeinschaft, mit dem Titel "Imam", anerkennen. Zaiditische Imame haben die Berge Nordjemens fast 1000 Jahre lang bis 1962 regiert. Die Iraner ihrerseits gehören zu den 12er-Schiiten, die zwölf Imame in Nachfolge des Propheten anerkennen. Zwar sympathisieren die Huthis mit Teheran, doch ist umstritten, ob und wie weit Iran die Rebellen in Jemen mit Waffen unterstützt.

Ein eigener südjemenitischer Staat?

Der saudischen Koalition gehören die meisten arabischen Staaten an, nicht jedoch Syrien, der Irak und Libanon. Der Koalition gelang es, Aden und die fünf südlichen jemenitischen Provinzen zurückzuerobern und den Huthis zu entreissen. Präsident al-Hadi kehrte im September 2015 nach Aden zurück und proklamierte die südliche Hafenstadt zur vorläufigen Hauptstadt Jemens.

Die Südjemeniten ihrerseits bildeten Milizen und unterstützten die Pro-al-Hadi-Truppenverbände. Seit jeher gibt es im südlichen Jemen Bestrebungen, sich vom jemenitischen Norden zu lösen. Ziel ist die Bildung eines autonomen südlichen Landesteils – oder gar die Schaffung eines eigenen südjemenitischen Staates.

Al-Qaeda und der IS profitieren

Doch auch die beiden islamistischen Kampfgruppen, der IS und AQAP (al-Qaeda auf der Arabischen Halbinsel), konnten von den Kämpfen und Unruhen zu profitieren. Al-Qaeda konnte sich in der Hafenstadt Mukallah, weit im jemenitischen Osten und in den Wüstengebieten des Hadramauth festsetzen und dort territoriale Herrschaftsbereiche einrichten.

Der IS führte zahlreiche Bombenanschläge durch. In Sanaa waren und sind sie weiterhin gegen Huthis und ihre Parteigänger gerichtet, in Aden gegen die Soldaten, die Gouverneure und Sicherheitsleute der al-Hadi-Regierung. Es gab auch Kämpfe zwischen den Huthis und den Anhängern von AQAP. Der IS und AQAP sind Rivalen und bekämpfen sich.

Vor allem zivile Opfer

Die Bombenangriffe der Saudis und ihrer Mitstreiter richteten sich vor allem gegen Lager und militärische Einrichtungen der Huthis. Doch auch jene jemenitischen Truppenverbände, die sich von al-Hadi losgesagt haben, sind Ziel der saudischen Angriffe.

Viele Bomben allerdings fielen und fallen auf Schulhäuser, Spitäler und Wohnhäuser. Von den rund 6’300 Todesopfern und mindestens 5'700 Verwundeten, welche der Krieg mit den Saudis bisher gekostet hat, sollen nach Uno-Schätzungen mehr als die Hälfte Zivilisten sein, hauptsächlich Kinder und Frauen.

Hungersnot

Die Saudis haben eine Seeblockade rund um Jemen errichtet. Offiziell dient sie dazu, den Import von Waffen für die Huthis zu verunmöglichen. Doch in der Praxis behindert die Blockade auch die Einfuhr von Lebensmitteln so sehr, dass die Preise für Grundnahrungsmittel um ein Vielfaches gestiegen sind. Ein grosser Teil der jemenitischen Bevölkerung kann sich die verteuerten Esswaren nicht mehr leisten.

Die internationalen Hilfswerke schätzen, dass gegen 80 Prozent der 25 Millionen Jemeniten internationale Hilfe brauchen. Jemenitische Korrespondenten berichten, dass immer mehr Kinder die Schulen verlassen, um sich von Milizen als Kämpfer anheuern zu lassen. So kriegen sie wenigstens zu essen. Mit Gewalt besorgen sich die Bewaffneten dann die nötigen Nahrungsmittel.

Wenige Bodentruppen

Die saudische Koalition hat im Verlauf des letzten halben Jahres einige Bodentruppen nach Jemen gebracht. Dabei handelt es sich entweder um Jemeniten, die in Saudi-Arabien ausgebildet wurden oder um Söldner aus der arabischen Welt oder aus anderen Staaten. Sie werden von saudischen Offizieren bezahlt und eingesetzt. Teile der jemenitischen Armee, die zu al-Hadi halten, kämpfen auf ihrer Seite.

Die offizielle saudische Armee beschränkt sich im Wesentlichen darauf, die Grenze zwischen Jemen und Saudi-Arabien zu überwachen. Die saudische Luftwaffe jedoch greift Huthi-Stellungen in ganz Jemen an. Kürzlich griffen saudische Kampfflugzeuge einen Markt in der Provinz Hajja an; dabei starben 119 Menschen, vor allem Frauen und Kinder.

Zwei Bodenoffensiven

Um die Statdt Taez, südlich von Sanaa, toben seit längerer Zeit heftige Kämpfe. Im Stadtinneren kämpfen lokale Milizen gegen die Huthis. Die Truppen und Flugzeuge der saudischen Koalition suchen den Belagerungsring der Huthis aufzubrechen. Die Huthis ihrerseits beschiessen das Stadtzentrum mit Artillerie. Laut unbestätigten Meldungen wurde der Belagerungsring an einer Stelle durchbrochen, doch die Kämpfe dauern noch immer an.

In der Wüste bei Mareb hat die saudische Koalition eine zweite Bodenoffensive gestartet. Mit Flugzeugen wurden Truppen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Mareb geflogen. Stammestruppen und Soldaten der jemenitischen Armee schlossen sich ihnen an. Seit Monaten befinden sich diese Einheiten auf dem Weg Richtung Hauptstadt, wo sie wohl auf erbitterten Widerstand der Huthis treffen werden.

Besorgt über westliche Waffenlieferungen

Die Bomben, die Saudi-Arabien über Jemen abwirft, stammen aus Grossbritannien und den USA. Zum Waffenarsenal der Saudis gehören Präzisionsbomben neuester Bauart, wie die "Paveway 4". Zudem sind amerikanische Fachleute den Saudis bei der "Bestimmung ihrer Ziele" behilflich. US-Flugzeuge sorgen auch für das Betanken saudischer Kampfflugzeuge in der Luft. Nicht nur NGOs und Menschenrechtsorganisation sind zunehmend irritiert über die westlichen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien. Das europäische Parlament stimmte mit grosser Mehrheit für ein Waffenembargo. Auch die Amerikaner erklärten sich "besorgt", doch verkaufen sie weiterhin Waffen.

Die Saudis reagieren auf diese Proteste elastisch. Sie haben mehrmals Waffenstillständen zugestimmt, die dann nicht eingehalten wurden. Mit den Huthis handelten sie einen Waffenstillstand aus. Danach verpflichten sich beide Seiten, sich nicht entlang der saudisch-jemenitischen Grenze anzugreifen. Doch die Bombardierungen dauern an. Ismail Ould Cheikh Ahmed, der mauretanische Uno-Vermittler, hofft, dass ein vollständiger Waffenstillstand bis zum 8. April zustande kommt. Falls dies gelingt, könnten dann Friedensverhandlungen beginnen. Diesmal nicht mehr, wie zuvor, in Magglingen, sondern in Kuweit.

Die Hauptstadt als Verhandlungspfand

Die Saudis fordern, dass die Huthis die Hauptstadt Sanaa räumen und ihre schweren Waffen, die sie aus den Beständen der jemenitischen Armee erobert haben, an die Regierung al-Hadi zurückgeben. Erst dann könnten Friedensverhandlungen beginnen. In einer Resolution unterstützt der Uno-Sicherheitsrat diese saudischen Forderungen.

Doch die Huthis wollen die Hauptstadt nicht kampflos räumen. Sie drohen damit, ein Blutbad anzurichten, sollten die Saudis versuchen, Sanaa zu besetzen. Ziel der Huthis ist es, Sanaa als Pfand bei Friedensverhandlungen zu behalten. So wollen sie einen Frieden aushandeln können, der es ihnen und dem gestürzten Präsidenten Ali Saleh Abdullah erlaubt, eine führende Rolle in Jemen zu spielen.

Zurzeit präsentiert sich die Lage so:

  • Die Pro-Hadi Kräfte kontrollieren die fünf südlichen Provinzen.
  • Die Huthis dominieren die acht am dichtesten bevölkerten Provinzen im Westen des Landes.
  • In fünf weiteren Provinzen finden heftige und verworrene Kämpfe statt, wobei wechselnde Bündnisse mit den bewaffneten Stämmen eingegangen werden.
  • In den Wüsten des Inneren wie auch in der Hafenstadt Mukallah herrscht al-Qaeda.
  • Der IS führt Bombenanschläge in allen Teilen des Landes durch.

Gefährdetes Prestige des saudischen Königs

Die Saudis setzen ihr ganzes Prestige ein und wollen al-Hadi zum Sieg verhelfen. Misslingt ihnen dies, könnte die Machtposition von König Salman Schaden nehmen. Auch sein Lieblingssohn Muhammed, der als Zweiter Thronfolger und Verteidigungsminister amtiert, wäre dann angeschlagen.

König Salman und Muhammed glaubten zunächst an einen schnellen und leichten Sieg über die technisch wenig gerüsteten Huthis. Heute wird immer mehr klar, dass Saudi-Arabien mit seinen Luftangriffen und dem Einsatz einiger wenigen Bodentruppen kaum einen Sieg erringen kann. Sollten die Huthis Sanaa verlieren, könnten die Rebellen einen Guerillakrieg anzetteln, was Saudi-Arabien einen langen, verlustreichen und ermüdenden Konflikt bescheren könnte.

Kann Jemen als Staat überleben?

Jemen würde in einem solchen Konflikt endgültig zugrunde gerichtet. Schon jetzt sind die Schäden der Bombardierungen derart gewaltig, dass manche Beobachter glauben, das Land werde nicht mehr in der Lage sein, sich nach dem Krieg zu erholen und ein funktionierender Staat zu werden. Sein gesamtes soziales Gewebe sei durch den Krieg zerrissen worden, sagen sie. Jemen wäre dann ein zusammengebrochener Staat wie Somalia. Es ist voraussehbar, dass in einem solchen failed state der „Islamische Staat“ und al-Qaeda eine führende Rolle spielen werden.

Die Amerikaner haben Jemen verlassen. Von Djibouti aus greifen sie Stellungen des IS und al-Qaeda mit Drohnen an. Der „Islamische Staat“ bietet in Jemen wenig Angriffsziele, weil er nicht oder noch nicht über feste Territorien verfügt. Er beschränkt sich zurzeit auf Selbstmordanschläge. Vielleicht spekuliert der IS damit, dass die USA den IS-Rivalen al-Qaeda schwächen oder zerschlagen, um dann das al-Qaeda-Erbe antreten zu können.

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