Rückbau – langsam, aber sicher

Isolda Agazzi's picture

Rückbau – langsam, aber sicher

Von Isolda Agazzi, 23.06.2020

Der Ruf ist unüberhörbar geworden: Die in Billiglohnländer ausgelagerte Produktion soll zurückgebracht werden. So zwingend ein Paradigmenwechsel ist, so sorgfältig ist er anzugehen. Sonst bezahlen einmal mehr die Entwicklungsländer die Rechnung.

Innerhalb weniger Monate hat ein erstmals in China aufgetauchtes Virus die Welt in die Knie gezwungen. Treffend als Virus der Globalisierung bezeichnet, hat es sich wie ein Lauffeuer in alle Ecken der Welt verbreitet. Einige argumentieren sogar, dass gewisse Länder nicht nur wegen ihres guten Krisenmanagements vergleichsweise glimpflich davongekommen seien, sondern weil sie schlecht in globale Wertschöpfungsketten integriert seien; andere, wie Italien, hätten genau darum einen sehr hohen Preis bezahlt, weil sie stark globalisiert und wirtschaftlich eng mit China verbunden seien.

Unbestritten ist, dass der grosse Lockdown, den rund die Hälfte der Menschheit vollzogen hat, unkalkulierbare Folgen für die Weltwirtschaft haben wird, vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise nach 1929. Es ist davon auszugehen, dass die aktuelle Krise enorme negative Folgen für die Entwicklungs- und Schwellenländer haben wird.

Um ein Beispiel zu nennen: Der tunesische Wirtschaftswissenschaftler Sami Saya, der sich auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) stützt, sagt voraus, dass Tunesien die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Unabhängigkeit 1956 erleben werde. In diesem sehr offenen Land ist der Tourismus einer der am stärksten betroffenen Sektoren. Bleibt der Luftraum auch nach der Lockerung des Ausnahmezustands noch länger geschlossen, so ist die Tourismussaison 2020 ernsthaft gefährdet, weiss auch der Präsident des tunesischen Hotelverbandes (FTH), Khaled Fakhfakh. Was das bedeutet, lässt sich an folgenden Zahlen ermessen: In Tunesien macht der Tourismus je nach Einschätzung zwischen 8 und 14 Prozent des Nationaleinkommens aus, fast jeder zehnte Arbeitsplatz hängt davon ab und die Ferienindustrie sichert 400’000 Familien den Lebensunterhalt.

Auf weniger volatile Sektoren setzen 

In Europa, auf der anderen Seite des Mittelmeers, finden immer mehr Menschen, die Covidkrise sei eine beispiellose Chance für den Klimaschutz, angefangen damit, dass sie keinen Fuss mehr in ein Flugzeug setzen und die Ferien nicht nur dieses Jahr in Zugsreise-Distanz verbringen wollen. So lobenswert diese Absicht gerade auch im Kontext des Paradigmenwechsels der Uno-Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung ist, sie birgt auch die Gefahr, dass die Wirtschaft der von Touristen und Toristinnen abhängigen Länder des Südens weiter in Schieflage gerät. Der Einwand liegt auf der Hand: Diese Länder seien eben schlecht beraten worden, hätten ein nicht nachhaltiges Entwicklungsmodell gewählt und auf einen volatilen Sektor par excellence gesetzt, der unter jedem Anschlag oder dem wachsenden ökologischen Bewusstsein in Europa leide.

Die tunesische Regierung hat dies lange vor der aktuellen Krise erkannt. Die FIPA (Foreign Investment Promotion Agency) lädt ausländische Investoren ein, in Sektoren zu investieren, die sie für vielversprechend hält und die eine hohe Wertschöpfung aufweisen: Mechanik, Elektrizität und Elektronik, Dienstleistungen (wie Call-Center), Kunststoffverarbeitung, Automobilkomponenten und Luftfahrt, aber auch traditionelle, arbeitsintensivere Sektoren wie die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Lebensmittelverarbeitung, die Leder- und Schuhindustrie. Der Tourismus figuriert nicht auf dieser Liste; ihn zu ersetzen, wird jedoch Zeit brauchen.

Das Problem ist, dass die Abhängigkeit von ausländischen Investitionen in der Exportindustrie weder aus ökologischer noch aus wirtschaftlicher Sicht nachhaltig ist, da sie empfindlich auf durch externe Faktoren verursachte Krisen reagiert. Nach 2008 wurden Entwicklungs- und Schwellenländer speziell stark durch die Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen. Besonders betroffen waren jene Länder, die – oft unter dem Druck der Weltbank und des IWF – ein exportorientiertes Wirtschaftsmodell verfolgten und stark von ausländischen Direktinvestitionen abhängig geworden waren.

Arbeitslose Textilarbeiterinnen

Sicher, mit einem Zurückfahren der Globalisierung und der Verlagerung der Produktion zurück nach Europa und dessen Nachbarländern hätte der Textil- und Bekleidungssektor im Maghreb ein noch grösseres Potenzial als heute. Aber die Branche ist anfällig, weil sie stark von der internationalen Nachfrage abhängt. Während bei uns viele das Einfrieren unserer konsumgetriebenen Wirtschaft sogar begrüsst haben und die plötzliche Entschleunigung schätzten, führte die Schliessung von Warenhäusern und Modeboutiquen bei uns postwendend zur Schliessung von Textilfabriken und zur Entlassung von Millionen von Arbeitnehmerinnen in den Produktionsländern in Südostasien, meist ohne jegliche soziale Absicherung.

Jetzt, wo die Produktion wieder hochgefahren wird, sind die Fabriken von miserablen Löhnen, die zwischen 150 und 200 US-Dollar pro Monat liegen – was meist nicht einmal zur Hälfte der Deckung der Grundbedürfnisse reicht –, zu noch tieferen Löhnen übergegangen. Die britische Risikoberatungsfirma Verisk Maplecroft wurde in der NZZ am Sonntag dahingehend zitiert, dass die etwas besseren Bedingungen, die sich die Textilarbeiterinnen in der Region in den letzten Jahren erkämpft haben, wieder zunichte gemacht werden dürften.

In Bangladesch, einem Land, das für seinen Kampf gegen die Armut und die Klimakrise viel Lob erhalten hat, kommen 80 Prozent der Devisen aus der Textilindustrie. Auch dieser Regierung kann man vorwerfen, dass sie sich für ein exportorientiertes Entwicklungsmodell und für die Komplizenschaft mit Konzernen und deren Zulieferern entschieden habe, die nicht bereit sind, für Jeans und ein Paar Turnschuhe etwas mehr zu bezahlen, was zu einem Wettlauf nach unten auf dem Rücken der arbeitenden Frauen führt.

Das Coronavirus hat die extreme Abhängigkeit vieler Länder von China gezeigt: 80 Prozent der Wirkstoffe der in Europa verkauften Medikamente werden im Reich der Mitte hergestellt – ein Anteil, der für die Schweiz 27 Prozent beträgt. Die plötzliche Unterbrechung von Lieferketten und/oder die drohende Verlagerung bestimmter Produktionstätigkeiten sollte die Regierungen der Entwicklungsländer dazu veranlassen, sich einem Wirtschaftsmodell zuzuwenden, das sich auf die Stärkung der lokalen Wirtschaft und des Binnenmarktes konzentriert.

Doch das ist leichter gesagt als getan; und vor allem lässt sich eine solche Umstellung nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Nicht zuletzt erfordert ein «interner» Markt auch eine entsprechend robuste Binnennachfrage, und das wiederum heisst, es braucht eine Einkommensumverteilung zugunsten der Masse der benachteiligten Menschen, die sich derzeit oft weder ausländische noch einheimische Produkte leisten können.

Aviatik am Boden, der Ölpreis sinkt

Ein weiterer Wirtschaftszweig, dessen Grounding nicht wenige begrüssten, war die Luftfahrt. Da fast alle Flugzeuge am Boden, aber auch Autos und Lastwagen wochenlang in ihren Garagen stehen geblieben sind, ist die Nachfrage nach Erdöl auf ein Allzeittief gefallen, der Preis für ein Barrel zeitweise sogar negativ geworden. Sicher, für das Klima sind das gute Nachrichten. Das Problem ist jedoch, dass viele Entwicklungsländer stark oder gar vollständig vom Export fossiler Brennstoffe abhängig sind: Südsudan, Nigeria, Angola, Ekuador, Irak und Algerien, um nur einige Beispiele zu nennen, haben ihre Wirtschaft nicht diversifiziert oder haben nichts anderes zu verkaufen. In Algerien entfallen fast alle Exporte und drei Viertel der Staatseinnahmen auf Öl und Gas. Jahrzehntelang versäumte es die kleptokratische Führungsriege in Algier, andere Sektoren als zusätzliche Einkommensquellen zu entwickeln.

So gesehen kann das benachbarte Tunesien von Glück reden, dass es fast gänzlich ohne Rohstoffe auskommen muss. Immerhin, unter dem Druck der Strasse ist Algerien aufgewacht und hat beschlossen, seine Energieversorgung zu diversifizieren und die Ölrente zur Industrialisierung des Landes zu nutzen. Die Regierung steht kurz vor der Unterzeichnung eines Abkommens mit Deutschland über die Beteiligung an Desertec, einem gigantischen Solarstromprojekt in den Wüsten Nordafrikas, das 2003 unter der Ägide des Club of Rome lanciert wurde, aber ins Stocken geraten ist. Die neue algerische Regierung, die 2020 an die Macht gekommen ist, hat das Projekt wiederbelebt.

Die Covidkrise hat, noch viel schneller und abrupter als die Klimakrise, die Verwundbarkeit unserer globalisierten Welt aufgezeigt. Eine Anpassung ist notwendig, eine Neuorientierung drängt sich auf. Aber der Übergang zu einer Neuorganisation der Weltwirtschaft muss schrittweise und demokratisch gestaltet werden. Andernfalls droht die Heilung für die Entwicklungsländer schlimmere Konsequenzen zu haben als die Krankheit.

Der Artikel erschien zuerst bei Alliance Sud.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren