Roger Guth

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Roger Guth

Von Gastkommentar, 10.02.2012

Der folgende Text von Roger Guth, der in Israel lebt, ist eine Reaktion auf den Gastbeitrag von Kurt-Theodor Oehler, (Israel gefährdet den Weltfrieden) - ein Beitrag, der zahlreiche Reaktionen ausgelöst hat.

Roger Guth war Vizepräsident des Schweizerischen Zionistenverbandes, Präsident der 1897 gegründeten Zionistischen Vereinigung Basel und ehemaliges Mitglied der Kommission für Abwehr und Aufklärung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

Von Roger Guth

Henri Dunant, der in Genf geborene Gründer des Roten Kreuzes, gehörte 1855 auch zu den Gründern der YMCA. Aber er war es auch, der 1866 eine Wiederbesiedlung "ihres alten Heimatlandes Palästina" durch die Juden vorschlug. Dunant befreundete sich mit dem 1860 in Budapest geborenen Journalisten Theodor Herzl und nahm am 1.Zionistenkongress in Basel 1897 teil.

Herzls 1896 erschienene Broschüre "Der Judenstaat" begann mit den Worten: "Der Gedanke den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates. Die Welt widerhallt vom Geschrei gegen Juden, und das weckt den eingeschlummerten Gedanken auf." Das fühlte eben auch Henri Dunant.

" Warum immer die Juden ?" hiess 1933 der Titel einer Broschüre des Redaktors Kundert von der Appenzeller Zeitung. Seine Antwort leitete er dann mit den Worten ein :" Es ist eine tragische Ironie, dass sich das Schicksal des Sündenbockes, das einst die alten Juden ersannen, seit der Zertrümmerung des Judenstaates 70 n. Chr. immer und immer wieder am jüdischen Volk selbst vollzog. ",

Darauf schrieb er wegen dem Mittelalter: " Die Kirche jedoch liess nicht locker, sie predigte immer schärfer gegen die Juden und provozierte so die ersten Pogrome ". - Den Geschichtsbücher ist doch zu entnehmen, dass die zur Zeit der Römer aus Palästina vertriebenen Juden vorwiegend nach Europa flüchteten. Jedoch sie informieren uns auch etwa über die 1391 in Spanien ausgebrochenen Juden-Verfolgungen, die zu Zwangstaufen und Tod führten. Mit den Juden wurden auf den Scheiterhaufen die Thorarollen verbrannt, die biblischen Grundlagen für die Gesetze des Christentums und überhaupt der westlichen Zivilisation.

Nun, wie wirkten sich die Provokationen der Kirche in der Schweiz aus? Im Bericht der Eidgen. Kommission gegen Rassismus von 1998 über " Antisemitismus in der Schweiz" kann man lesen: "Wie anderswo im Europa des Mittelalters brachen auf Schweizer Gebiet in Zeiten des Umbruchs Verfolgungswellen über Jüdinnen und Juden herein. 1348/49 wurden die jüdischen Einwohner in Zofingen, Bern, Zürich und Basel beschuldigt, die Brunnen vergiftet und die Pest verbreitet zu haben. Sie wurden gefoltert und nach erpressten Geständnissen verbrannt. Im Laufe des 14./15. Jahrhunderts wurden die Juden aus beinahe allen schweizerischen Städten vertrieben. - nach Aufhebung des Zinsverbotes für die Christen waren sie dort als Geldleiher entbehrlich geworden."

Tumulte gegen Juden ereigneten sich auch 1848 im grenznahen elsässischen Dürmenach. Recht vieles mehr könnte hier beigefügt weden, bis zu den blutigen Pogromen in Russland, so u.a. ab 1821 in Odessa, Rostow und Kischinev und über 700 anderen Orten, das alles organisiert von den sog. "Schwarzen Hundert", mit geschätzten 100' 000 Todesopfern und noch mehr Verletzten. Und auch damals wurden Thorarollen verbrannt, wie auch in der hier stellvertretend genannten Kristallnacht vom 9.November 1938, als Deutschlands Synagogen zerstört wurden.

Wegen der Neuzeit schrieb dann Kundert ca.1934: " Der Hauptbelastungszeuge des Antisemitismus gegen die Juden ist eine infame, satanische Fälschung. Dieser Belastungszeuge ist die Uebersetzung eines russischen Pamphlets, genannt die "Geheimnisse der Weisen von Zion"....Mit Juden und Judentum hatte sie überhaupt nichts zu tun....1868 in Brüssel unter dem Titel - Dialogue aux Enfers entre Macchiavel et Montesquieu - erschienen und gegen Napoleon III. gerichtet." Bekanntlich wurde diese Schrift 1935 auch vom Gericht in Bern als Fälschung beurteilt.

1894 erlebte Theodor Herzl als Journalist den Prozess und die theatralische Degradierung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus. Nicht nur die Verurteilung eines später als unschuldig Erklärten zu lebenslanger Zwangsarbeit auf Cayenne, der sog. Teufelsinsel, sondern auch der allseits sichtbare Antisemitismus, waren für Herzl widerliche, wegleitende Erlebnisse. Er folgerte dass eine politische Lösung anzustreben sei, um dem jüdischen Volk überhaupt eine Zukunft zu sichern. So entstand 1895 sein wegweisendes Buch „Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“, ein sehr wohl durchdachtes, recht detailliertes Konzept enthaltend.

Am 29.August.1897 konnte Herzl in Basel den ersten Zionisten-Kongress eröffnen, wo er zu dessen Präsidenten und demjenigen der neu gegründeten Zionistischen Welt-Organisation ZWO gewählt wurde. Erhebliche Hilfe für die Vorbereitung leistete der spätere Schweizer Parlamentarier David Farbstein, begünstigt von der Basler Kantons-Regierung und dem damaligen Basler Rabbiner Arthur Cohn. 196 Delegierte fanden sich zusammen, manche die später Erhebliches zum Aufbau des Staates Israel beitrugen. Recht vielfältig und beeindruckend war deren Herkunft. Sie kamen nicht nur aus Russland, Polen, Deutschland,der Schweiz und Ländern wie Algerien und Rumänien, sondern u.a. auch aus Städten wie Prag, Jerusalem, London und New York.

“Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ verkündete das dort angenommene „Basler Programm“. In sein Tagebuch aber schrieb Herzl im September 1897: „Fasse ich den Basler Congress in ein Wort zusammen - das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es Jeder einsehen.“

Was aber geschah in diesen rund 50 Jahren seit 1897 ?

1901 wurde auf dem 5. Zionistenkongress in Basel der Jüdische Nationalfonds JNF gegründet, mit dem Zweck durch Spenden den Boden Palästinas in jüdischen Gemeinbesitz zu überführen, zur Ansiedelung mittelloser jüdischer Menschen den Boden zu entwickeln, namentlich durch Aufforstung, Bewässerung und Entsumpfung. So pflanzte dann der JNF bis 1947 fast 5 Millionen Bäume, bis 1968 waren es 95 Millionen und bis 1991 deren 190 Millionen. Land erworben wurde bis 1947 fast 900‘000 Dunam, aber bis 1991 2,6 Millionen Dunam, wobei 1 Dunam = 1000 m2.

Die wenigen zugänglichen Statistiken stellen anderseits die Bevölkerung wie folgt dar: Jerusalem zählte 1870 total 22‘000 Einwohner, davon waren 11‘000 Juden´+, 6500 Moslems + 4500 Christen. 1860 erfolgte übrigens der Bau des ersten jüdischen Wohnviertels ausserhalb der Stadtmauern. Palästina hatte 1922 total 752‘048 Einwohner, davon 83‘790 Juden + 589‘177 Moslems + 7‘617 Drusen + 71‘464 Christen. 1997 zählte man aber für Israel, die Westbank und Gaza 8'444'178 Einwohner.

Bilder zeigen dass eine der jetzt verkehrsreichsten Strassen Jerusalems, die King George-Strasse, 1910 eher einem Feldweg glich und das Zentrum der heute verkehrsreichen Stadt Petach Tikwah einer ungepflasterten Dorfstrasse. Der Grundstein für den Bau von Tel Aviv aber wurde 1909 auf einem völlig leeren Gebiet von Sanddünen gelegt. 1931 wohnten dort bereits 46‘000 Einwohner und 1947 schon 230‘000. Die heutigen 400‘000 Einwohner und die Tel Aviv anstossenden Vororte können von Wirtschaft und Kultur profitieren, mit einem prächtigen, lockeren Universitäts-Kampus, zahlreichen Bühnen für Schauspiel, Opern, Symphonie-Orchester und Museen. Die von deutschen Architekten geschaffenen Häuser im berühmten Bauhaus-Stil faszinieren noch heute, blumenreiche Vorgärten erfreuen das Auge und manches mehr ist sichtbar, das zu einer Weltstadt am Meeresrand gehört.

1904 bis 1914 brachte 35‘000 Einwanderer, vor allem aus Russland. Durch sie entstand 1909 die erste Kollektiv-Siedlungen, der Kibbuz Degania. Die Zeitspanne 1919-23 brachte weitere 35‘000 Juden, meistens Pioniere, die halfen die Landwirtschaft auszubauen. Dabei entstand 1921 der erste genossenschaftliche Moschav Nahalal. Bis 1927 folgten dann erneut 67‘000 Einwanderer.

In der Zeit von 1929 bis 1939 wanderten aus Nazi-Deutschland, aus Ost- und Mitteleuropa mehr als eine viertel Million ein, viele mit guter Berufsausbildung und -Erfahrung. Palästina wurde aber so eine besonders wichtige Zuflucht für die Opfer der Judenverfolgungen. Doch 1936-39 kam es auch zu Unruhen der Araber, begleitet von Terror und ander Obstruktion, mit dem Ziel die jüdische Einwanderung zu unterbinden.

1917 fand die Osmanen-Herrschaft über Palästina durch den Sieg der Briten ein Ende. Lord Rothschild erhielt die Balfour-Deklaration der Regierung Gross-Britanniens. Diese versprach die grössten Anstrengungen für „die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk“.1920 begannen arabische antijüdische Aufstände, in späteren Jahren, gefolgt von Massakern an Juden in Hebron, Safed und Motza.

Seither wurden Organisationen im In- und Ausland geschaffen, mit dem Ziel Spenden zu sammeln und für Aufbau-Arbeiten zu verwenden, nicht zu letzt auch für das Errichten von Kindergärten, Schulen, Universitäten, Kulturgebäuden und Parks.1921 wurde u.a. der Keren Hajesod gegründet, als wesentliches Instrument der Finanzierung des Aufbaus und als Ergänzung des JNF, der für die Erschliessung des Bodens zuständig blieb.

1922 übertrug der Völkerbund Gross-Britannien das Palästina-Mandat „um die jüdische Einwanderung im Land zu fördern“, einem dünn besiedelten Gebiet, das damals inkl. Westbank nur 752‘048 Einwohner hatte, davon 11.14% Juden.

1924 wird als Geburtsjahr der Industrie betrachtet. Die Gründung der Rutenberg Elektrizitäts-Gesellschft ermöglichte manchem Einwanderer aus Ost-Europa, namentlich aus Polen, seine Initiative und Energie mit den dort erworbenen Kenntnisse über industrielle Fertigung und Handel zu kombinieren. Bald wurden Produktionsmaschinen importiert und deren Produkte im In- und Ausland verkauft. Damals zählte man in der Industrie rund 2500 Beschäftigte, im Jahre 1943 aber bereits 45‘049.

1937 veröffentlichte die Peeel-Kommission der britische Regierung ihren empfohlenen Teilungsplan.

1939-48 verfügte die Mandatsbehörde eine wesentliche Einschränkung der Einwanderung, eingeschüchtert vom arabischen Terror. Die fürchterliche Katastrophe für die Juden in Europa führten aber zur illegalen Einwanderung, verbunden mit manchen tragischen Ereignissen, wie etwa die Verweigerung der Lande-Erlaubnis für Schiffe, wie für die Exodus oder das mit 800 Personen gesunkene Boot Struma. Aber immerhin gab es in dieser Zeit 120‘000 Einwanderer und der Aufbau und Ausbau des Landes gingen weiter. Statistisch belegt sind 1947 total 1‘933‘673 Einwohner Palästinas, inkl. der Westbank und Gaza, auf einer Fläche von 28‘431 qkm bzw. 2/3 der Fläche der Niederlande oder der Schweiz. Davon sind 614‘239 Juden + 1‘157‘423 Moslems +146‘162 Christen + 15‘849 Drusen. Im Jahre 1949 zählte man bereits 211 Kibuzzim für 63‘518 Einwohner, sowie 236 andere Arten von landwirtschaftlichen Siedlungen mit 94‘516 Einwohnern.

1947 entstand die UNO-Resolution 181, die mit den Worten schloss :“ Unabhängige arabische und jüdische Staaten und die besondere internationale Verwaltung der Stadt Jerusalem.....sollen in Palästina zwei Monante nach der Evakuierung der Streitmächte der Mandatarmacht gebildet werden, in jedem Fall aber nicht später als am 1.Oktober 1948.“ Aber der Realisierung stand die arabische Opposition entgegen, auch den später folgenden Varianten von Teilungsvorschlägen.
Am 14.Mai 1948 ging das britische Mandat zu Ende und die Gründung des Staates Israel wurde mit der Unabhängigkeits -Erklärung vollzogen. Ihrem Schlusse ist zu entnehmen:

„Wir strecken allen Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und auf gute Nachbarschaft entgegen und appellieren an sie, mit dem in seinem Land selbständig gewordenen jüdischen Volke in gegenseitiger Hilfe zusammen zu arbeiten. Der Staat Israel ist bereit seinen Anteil an den gemeinsamen Anstrengungen beizutragen den ganzen Vorderen Orient zu entwickeln.“

Aber diese friedliche, gemeinsame Zusammenarbeit für das allseitige Wohlergehen entfiel. Die Folge war leider ein zur Vernichtung gedachter sofortiger Angriff auf Israel von 5 arabischen Staaten und während 64 Jahren periodisch folgende Aufrufe sowie entsprechende Angriffs-Kriege und blutige Terror- und Propaganda-Feldzüge, mit dem Ziel der völligen Vernichtung Israels. So gibt es eben bis zum heutigen Tag nicht einmal eine gültige, definitive Grenze zwischen dem Westjordanland und Israel sondern nur eine Waffenstillstandslinie.

Aber eine Waffenstillstandsgrenze ist eine Linie, welche lediglich die Positionen der kriegführenden Truppen am Tage der Einstellung der kriegerischen Aktionen festhält. sie nimmt damit keinerlei Rücksicht auf topographische, wirtschaftliche oder andere Bedürfnisse, auch nicht diejenigen der direkt angrenzenden Anwohner. Endgültige Landesgrenzen waren daher von jeher Gegenstand von Anpassungen im Rahmen von dem Waffenstillstand folgenden Vereinbarungen.

Aber das sture Verhalten derjenigen, die für die Araber verhandeln und damit auch Kompromisse eingehen sollten, begleitet von Vernichtungsdrohungen aus Iran und Gaza, stimmen nicht gerade optimistisch. Ganz Besonders wenn man auch noch an die Folgen denkt, des von Israel bedingungslos beendigten und auch von Siedlungen mit ihren jüdischen Bewohnern vollständig geräumten Gaza und die traurige Gegenleistung dafür: nämlich den Abschuss von über 13'000 Raketen und Granaten auf zivile Ziele in Israel.

1949 wurde Israel 59. Mitglied der UNO und damit als Staat anerkannt. Das erste Landes-Parlament wurde gewählt. Bis zum heutigen Tage herrscht weitgehende Freude nicht nur über das Gedeihen der Felder und Wälder, sondern auch wegen dem erheblichen Verdienst der Kibbuzim und anderer am Auf- und Ausbau des Landes Israel Beteiligter, wegen dem segensreichen Wirken der bereits frühzeitig geschaffenen Schulen Universitäten, gemeinnütziger Organisationen und manchem mehr, das eine erfreuliche Aufbau-Tätigkeit in einem vorher weitgehend brach liegenden Land erlaubte.

Roger Guth 8. Februar 2012.

Sehr geehrter Herr Gut, Ich habe grossen Respekt vor den Errungenschaften und der grossen Entwicklungsarbeit, die in Israel geleistet wurden. Und ich denke, dass sich Israel damit ein genuines Recht erarbeitet hat, in einem eigenen Staat, und ebenso mit seinen Nachbarn, in Frieden zu leben. Ich verstehe aber nicht, warum Israel mit den Palästinensern, die in der Westbank leben, keine konstruktive Verständigung sucht. Ich meine, dass unter gewissen für beide Seiten wohl schmerzlichen Bedingungen eine Friedensordnung noch heute möglich wäre. Diese Bereitschaft zum Frieden traue ich aber gerade Banjamin Netanyahu nicht zu. Ich habe vor einigen Jahren seine Wahlkampfreden gehört. Ich war entsetzt und dachte: "Das sind Hasstiraden! Das ist ja nicht möglich! Dieser Mann ist irre, er ist wahnsinnig!" Ich tröstete mich aber damit, indem ich mir sagte, dass dieser Mann sowieso nie Ministerpräsident werden wird. Jetzt ist er Ministerpräsident! Und er verhält sich genau so, wie er es damals propagiert hatte: Er will keine Zweistaatenlösung und keinen Frieden! Er sagt es nur nicht so direkt wie damals. Ich denke, dass ich deshalb gut verstehe, wie er denkt und welche Absichten er verfolgt. Er macht sich daran, die Westbank weiter zu besiedeln, um damit unumstössliche Tatsachen zu schaffen. Ich möchte Sie deshalb, sehr geehrter Herr Gut, auffordern, offen darzulegen, wie Sie die israelische Besiedlung der Westbank rechtfertigen wollen. Kurt Theodor Oehler

Sehr geehrter Herr Oehler, der deutsche Bundes-Präsident Weizsäcker sagte 1985 u.a.: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschliesst, wird blind für die Zukunft. Wer sich der Unmenschlichkeiten nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren." Die Unmenschlichkeiten gegenüber Juden, die Balfourdeklaration von 1917 und die Uno-Resolutionen 181+242+338 sind für Ihren Kommentar nicht erwähnenswert, hingegen der von Ihnen ausgesuchte Sündenbock Natanyahu. Ich gehöre keiner Partei an und namentlich nicht dem Likud des Netanyahu, Trotzdem: Als zweifellos ganz besonders begabter und erfahrener Redner und nach meiner Erinnerung ist es völlig undenkbar, dass er jemals so kontraproduktiv gesprochen hat, wie es Ihre "einige Jahre" zurück liegende Analyse schildert. So wie es permanent Mode bei den "Kritikern" Israels ist, vertauschen auch Sie mehrmals Aktion mit Reaktion. Allerdings könnten Sie damals gehört haben, wie Netanyahu 1996 verärgert reagierte, als Folge tödlichen Terrors durch eine Reihe von Selbstmord-Anschlägen, jene vom 3.+4.März mit 32 israelischen Todesopfern. Aber "sollten wir Ihnen Blumen schicken?", fragte einst General Ytzhak Rabin nach einer deplatzierten Bemerkung. Ihre Erfindung Netayahu wolle keinen Frieden und so zu implizieren er allein sei für die miserable Situation schuldig, geht nun gar zu weit. Als 1948 mit der Unabhängigkeitserklärung "die Hand zum Frieden und auf gute Nachbarschaft" entgegen gestreckt wurde, überfielen 5 Nachbarstaaten Israel zur Vernichtung. Netanyahu den Sie für das Scheitern der Friedens-Verhandlungen verurteilen, war damals noch gar nicht geboren. Weil die Hand zum Frieden nicht ergriffen, aber die Vernichtung Israels propagiert wurde, fand 1956 der Sinai-Feldzug statt und dann 1967 der Sechstage-Krieg. Es gab bis dahin also keinen Frieden, aber logischerweise in der von Jordanien besetzten Westbank auch keine neuen "Siedlungen". Zu diesen rechnen aber die zuständigen Reklametechniker auch natürliche Erweiterungen der wachsenden Stadt Jerusalem. Aber sollte man diese besser sterilisieren, weil während 73 Jahren Friedens-Verhandlungen sabotiert wurden durch Kriege, vergiftende Falschmeldungen, Aufrufe zur Vernichtung Israels und Tricks ? Propaganda-Profis haben es verstanden auch das Neben-Problem der Siedlungen in der Westbank und um Jerusalem als Sündenbock zu missbrauchen. Sie verlangen also dass diese schon in biblischen Zeiten von Juden bewohnte Gegend judenrein werde, obschon in Israel bald 25 % Araber wohnen und natürlich dort verbleiben sollen. Netanjahu ist nicht der Diktator, sondern der Ministerpräsident Israels. Israel ist eine Demokratie und es ist somit zulässig Parteien von ganz links bis ganz rechts zu haben. Dass darunter auch Menschen sind, die glauben gut zu tun in Gebieten mit biblischer Vergangenheit zu wohnen und nach eigenem Gutdünken zu handeln, wenn man schon nicht verhandeln kann, muss doch nachvollziehbar sein. Ueberlegen Sie sich bitte auch wie riesig die Hindernisse für gescheite Verhandlungen sind, solange sich Kurden, Alawiten, Schiiten und Suniten und noch andere Araber bekämpfen und somit die Araber unter sich nicht einmal einig sind. Ich sage Ihnen aber abschliessend: Ich habe manchen der Unterzeichner der Unabhängigkeits-Erklärung Israels persönlich gesprochen und kann Ihnen daher klar und deutlich bestätigen: Deren schriftliche Erklärung in Frieden und aufbauend mit den arabischen Nachbarn leben zu wollen, unterschrieben sie aus ehrlicher, innerster, nie erlahmter Ueberzeugung, die für Ihren ganzen Lebensweg galt.

(Damit beendet J21 diesen Briefwechsel)

Kommentare

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Sehr geehrter Herr Gut, Ich habe grossen Respekt vor den Errungenschaften und der grossen Entwicklungsarbeit, die in Israel geleistet wurden. Und ich denke, dass sich Israel damit ein genuines Recht erarbeitet hat, in einem eigenen Staat, und ebenso mit seinen Nachbarn, in Frieden zu leben. Ich verstehe aber nicht, warum Israel mit den Palästinensern, die in der Westbank leben, keine konstruktive Verständigung sucht. Ich meine, dass unter gewissen für beide Seiten wohl schmerzlichen Bedingungen eine Friedensordnung noch heute möglich wäre. Diese Bereitschaft zum Frieden traue ich aber gerade Banjamin Netanyahu nicht zu. Ich habe vor einigen Jahren seine Wahlkampfreden gehört. Ich war entsetzt und dachte: "Das sind Hasstiraden! Das ist ja nicht möglich! Dieser Mann ist irre, er ist wahnsinnig!" Ich tröstete mich aber damit, indem ich mir sagte, dass dieser Mann sowieso nie Ministerpräsident werden wird. Jetzt ist er Ministerpräsident! Und er verhält sich genau so, wie er es damals propagiert hatte: Er will keine Zweistaatenlösung und keinen Frieden! Er sagt es nur nicht so direkt wie damals. Ich denke, dass ich deshalb gut verstehe, wie er denkt und welche Absichten er verfolgt. Er macht sich daran, die Westbank weiter zu besiedeln, um damit unumstössliche Tatsachen zu schaffen. Ich möchte Sie deshalb, sehr geehrter Herr Gut, auffordern, offen darzulegen, wie Sie die israelische Besiedlung der Westbank rechtfertigen wollen.
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