Ressource Loyalität

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Ressource Loyalität

Von Urs Meier, 14.09.2017

Wenn Unternehmen sich für ihre Mitarbeitenden einsetzen, geschieht auch das Umgekehrte. Andernfalls nicht, wie Air Berlin gerade zeigt.

Zweihundert Air-Berlin-Piloten haben sich diese Woche „spontan“ krank gemeldet und über hundert Flüge ausfallen lassen. Die aufsehenerregende Aktion – es war faktisch ein illegaler Streik – hat mit drohenden Massenentlassungen zu tun. Luftfahrt ist ein turbulenter Wirtschaftszweig. Wer hier arbeitet, rechnet mit geringer Jobsicherheit, stellt sich auf häufige Wechsel ein und ist rasch bereit, im Arbeitgeber den Widersacher zu sehen.

Ähnlich geht es in vielen Grossunternehmen zu. Entscheidungen über Jobs und ganze Unternehmenseinheiten folgen oft keiner betriebs- sondern einer finanzwirtschaftlichen Logik. Kapitalgesellschaften schlachten gesunde Unternehmen aus, schrauben Gewinnziele hoch, drücken mit Betriebsverlagerungen und Fusionen die Kosten – immer mit dem Ziel der kurzfristigen Abschöpfung möglichst hoher Gewinne auf dem investierten Kapital.

Kapitalgewinne sind notwendig; ohne sie können weder Innovationen finanziert noch neue Wirtschaftstätigkeiten aufgebaut werden. Trotzdem ist es eine ungute Entwicklung, wenn betriebliche Entscheidungen zunehmend einseitig von Finanzinteressen diktiert sind.

Die Tendenz zum finanzgetriebenen Wirtschaften führt zur Auflösung der Bande zwischen Unternehmen und Angestellten – und zwar auf beiden Seiten. In der Konsequenz betrachten Managements die Mitarbeitenden als „Human Resources“, die man bedenkenlos auslagern oder abstossen kann. Umgekehrt sehen Mitarbeitende ihren Betrieb als anonyme Instanz, mit der man möglichst wenig zu tun haben will.

Die in solcher Beziehungslosigkeit gefährdete, ja vielfach schon gänzlich aufgelöste gegenseitige Loyalität gibt es jedoch in der Wirtschaft nach wie vor. Sie wird augenscheinlich am ehesten – aber nicht nur – gelebt in KMU. Viele dieser Unternehmen hatten in schwierigen Phasen ihre Mitarbeitenden (eventuell mittels Kurzarbeits-Entschädigungen) behalten und standen dafür bei wirtschaftlicher Erholung sofort mit voller Kraft am Start.

Derart loyale Arbeitgeber werden mit der Loyalität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter belohnt. Angestellte, die sich in solcher Weise geschätzt wissen, stellen sich auf längeres Verbleiben im Unternehmen ein, halten sich aus eigenem Antrieb fachlich fit, verfügen über betriebswichtiges Spezialwissen, sorgen für Konstanz in Qualität und Kundenbindung, sind selten krank und dafür wenn nötig bereit zu Sonderanstrengungen.

Fehlt diese gegenseitige Loyalität, so kommt es zu Vorfällen wie der massenhaften Krankmeldung bei Air Berlin, die das taumelnde Unternehmen vollends an den Abgrund bugsiert hat.

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Kommentare

Genau so ist es, auch in der Schweiz. Einst jahrzehntelange gelebte gegenseitige Loyalität, nicht vertraglich festgehalten aber nachweislich ausgeübt, ist dank der kurzfristigen Denk-und Handlungsweise beider Seiten, USAmerikanisch infiziert, nun auch in Corporate Switzerland angekommen. Siehe Personal-Rotationsgeschwindigkeit in börsenkotierten SMI -Firmen, mit mehrheitlich aussereuropäischen Eignern. In asiatischen Firmen ist die Loyalität noch mehrheitlich intakt, mit ein Grund, warum diese Firmen keine Eintagsfliegen a la Yahoo! sind.

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