Reporter und Ästhet

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Reporter und Ästhet

Von Stephan Wehowsky, 06.12.2015

Mit seinen Bildern erlangte der Schweizer Fotograf René Burri internationalen Ruhm. Jetzt ist ein Doppelband erschienen, der ihm nach seinem Tod das verdiente Denkmal setzt.

Im Oktober vor einem Jahr verstarb René Burri im Alter von 81 Jahren. Bereits zu Lebzeiten war er so etwas wie eine Legende, denn er wirkte nicht nur durch seine Bilder, sondern auch durch seine Persönlichkeit.

Stilgefühl

Schon eines seiner ersten Fotos machte ihn bekannt. Es handelt sich dabei um eine Aufnahme von Winston Churchill bei seinem Besuch in Zürich im Jahre 1946. Da war Burri gerade 13 Jahre alt. Im Grunde hatte Burri die Aufnahmen nur gemacht, um einmal zu schauen, wie das so ist mit dem Fotografieren. Sofort aber schlug ihn dieses Medium in den Bann, und es wurde ihm schnell klar, dass hierin sein Beruf liegen würde.

Dafür brachte Burri ein ausgeprägtes stilistisches Empfinden mit. Schon als ganz junger Mensch war er als begabter Zeichner und Maler aufgefallen und hätte auch in dieser Richtung weitergehen können. Aber das Medium der Fotografie bot ihm eine Möglichkeit, der Enge der Schweiz, wie er immer wieder sagte, zu entfliehen.

Stoff unendlicher Anekdoten

Schon früh stiess er zu der Fotografenagentur Magnum, arbeitete für die damals weltweit führenden Zeitschriften und nutze jede Gelegenheit, die Welt zu bereisen. Es gibt etwas, das René Burri von den meisten seiner damaligen Kollegen unterschied: Ganz unbefangen arbeitete er auch mit der Farbfotografie. Und er scheute sich nicht, seine Farbbilder Zeitschriften wie der Bunten und anderen eher aufs Massenpublikum zielenden Titel anzubieten.

\"René Burri, Buenos Aires, Argentinien, 1960 © Fondation René Burri/Magnum Photos. Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich
"René Burri, Buenos Aires, Argentinien, 1960 © Fondation René Burri/Magnum Photos. Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich

Das berühmteste Bild aus der gesamten Zeit seines Wirkens ist das von Che Guevara mit der Zigarre. Es wurde zu einer Art Ikone. Aber selbstverständlich hat auch Fidel Gastro fotografiert, wie er überhaupt die Nähe von Berühmtheiten suchte, seien es nun Politiker oder Künstler. Wie ihm das jeweils gelang, ist Stoff unendlicher Anekdoten, und René Burri liebte es, zu erzählen. Das war nicht der Eitelkeit geschuldet, sondern so war er eben: Ein Mensch, offen für andere Menschen, voller Bezüge, Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Flucht aus der Enge

Das ist es, was seine Bilder ausstrahlen. Sie sind lebendig und packend, aber sein Griff ins volle Menschenleben war stets von einem stark ausgeprägten ästhetischen Stilempfinden geleitet. Dazu kam die handwerkliche Perfektion.

Ein gutes Jahr nach seinem Tod ist jetzt ist jetzt ein Doppelband mit einer Auswahl aus den Werken René Burris in den Verlagen Diogenes und Steidl erschienen. Der eine Band enthält eine Auswahl seiner Schwarzweissbilder, der andere ist der Farbfotografie gewidmet. Treffend ist der Titel: „Mouvement“. Im Vorwort des Bandes zur Farbfotografie schreibt der Kurator und Publizist Hans-Michael Koetzle, Burri habe von sich gesagt: „Die Kamera, so glaubte ich, sei meine Chance, mich aus den Schweizer Bergen heraus zu beobachten.“

René Burri, Brasilia, Brasilien 1977 © Fondation René Burri/Magnum Photos. Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich\"
René Burri, Brasilia, Brasilien 1977 © Fondation René Burri/Magnum Photos. Mit freundlicher Genehmigung Diogenes Verlag AG, Zürich"

Das klingt sehr despektierlich gegenüber der Schweiz, und man ist gut beraten, diese Auskunft gegen den Strich zu bürsten. René Burri hat in Zürich ab 1950 an der Kunstgewerbeschule unter der Leitung von Hans Finsler sehr viel gelernt und profitiert, die Zeitschrift DU bot ihm ein hervorragendes Podium, und der Kreis seiner Kollegen, bestehend aus berühmten Schweizer Fotografen wie Hans Scheidegger oder Ernst Haas war ein inspirierendes Umfeld. So ausgerüstet konnte er sich gut in der Welt bewegen. Man darf nicht vergessen, dass auch andere Schweizer Fotografen wie Werner Bischof und Emil Schulthess in der ganzen Welt herumreisten und dabei ebenso von dem zehrten, was ihnen die „ enge“ Schweiz an Lebensenergie und Mut mitgegeben hat.

Die vorliegenden beiden Bände bieten eine Auswahl aus dem gewaltigen Werk von René Burri. Sie zeigen viele Seiten von ihm, vom Schnappschuss bis zum akribisch durchkomponierten Bild. Hier der zupackende Reportagefotograf, dort der feinsinnige Ästhet. Immer scheint seine seine unmittelbare Geistesgegenwart auf, und bei manchen Bildern verblüfft die Präzision, mit der er zum Beispiel Bewegungsunschärfen eingesetzt hat.

Das Vermächtnis

Beide Bände sind eine Art Vermächtnis. Dem ersten Band mit den Schwarzweissbildern haben die Herausgeber eines der letzten Worte dieses grossen Fotografen vorangestellt:

»Alles, was im Leben passiert, ist Bewegung.
Bewegung hat so viele Richtungen.
Mit einer Kamera kann man das Leben für einen Moment anhalten.
Ich habe die Kamera als Waffe benutzt.
Als Verteidigung gegen die Zeit.«

René Burri, Mouvement, Diogenes / Steidl 2015

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