Rechtschreibung im Niedergang?

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Rechtschreibung im Niedergang?

Von Reinhard Meier, 07.12.2018

Stimmt es, dass Kinder beim Schreiben immer mehr Fehler machen? Hinter dieser Behauptung steht oft ein eher künstlicher Methodenstreit.

Kulturpessimisten haben natürlich – wie immer schon – viele Gründe für ihre Weltsicht. Einer davon lautet, die heutigen Schüler machten viel mehr orthographische Fehler beim Schreiben der deutschen Sprache als früher. Wissenschaftlich eindeutig erwiesen ist diese Behauptung für die deutschsprachige Schweiz noch nicht, wie unlängst in einem Artikel der «NZZ am Sonntag» nachzulesen war. In Deutschland dagegen hat laut der gleichen Quelle ein Professor der Uni Siegen eine Langzeituntersuchung zu dem Thema angestellt. Ergebnis: Im Jahre 1972 machten Viertklässler im Ruhrgebiet bei frei geschriebenen Texten über einen Kurzfilm 7 Fehler pro hundert Wörter. Im Jahre 2012 stieg die Fehlerzahl auf 17.

Müssen Viertklässer fehlerlos schreiben?

Auf den ersten Blick scheint das ziemlich niederschmetternd. Aber bei etwas tieferer Auseinandersetzung mit dem Thema drängen sich Fragen auf: Ist dieser Befund wirklich relevant? Ist es so wichtig, dass deutschsprachige Viertklässler möglichst fehlerlos schreiben? Wie sähe das Ergebnis aus, wenn ein solcher Test unter Sechstklässlern oder in noch höheren Klassen durchgeführt würde?

Dazu eine kleine persönliche Erfahrung. Unsere drei Kinder haben in der Primarschule alle eine Rudolf-Steiner-Schule besucht, die ausserhalb der Schweiz Waldorf-Schulen heissen. Dort wird in den unteren Klassen wenig Wert auf Rechtschreibung gelegt. Entsprechend buntscheckig oder abenteuerlich sahen teilweise die Texte aus, die wir in jener Phase zu lesen bekamen. In der späteren Schul- und Studienkarriere hat sich dieses Defizit an frühem Orthographie-Drill, soviel ich mich erinnere, problemlos ausgebügelt.

Umstrittenes «Lernen nach Gehör»

Hinter den Klagen über den angeblichen Niedergang der Rechtschreibekultur steht auch ein Methodenstreit, bei dem von einigen Bildungsexperten und gewissen Gruppen besorgter Eltern mit beachtlichem Furor gefochten wird. Es geht um das sogenannte «Lernen nach Gehör», das der verstorbene Reformpädagoge Jürgen Reichen propagiert hat. Gemäss dieser Methode sollen die Schüler in den unteren Klassen vornehmlich so schreiben, wie sie die Sprache über das Ohr wahrnehmen – also ungefähr so, wie das die Steiner-Schulen seit Jahrzehnten praktizieren.

Diese Methode ist in den deutschsprachigen Volksschulen höchst umstritten. Doch oft handelt es sich bei solchen Auseinandersetzungen um abstrakte Prinzipienreitereien, denn die reine Lehre von Reichens «Lernen nach Gehör» werde von kaum einem Lehrer in Deutschland angewandt, heisst es dazu in einer längeren Untersuchung in der Wochenzeitung «Die Zeit».

Auf den Lehrer kommt es an

Dort steht auch der Kernsatz: «Guter Unterricht hängt wesentlich vom Lehrer ab, nicht von der Methode», da seien sich die Wissenschafter inzwischen einig. Praktisch heisst das, dass ein guter Lehrer durch seine Persönlichkeit und sein Einfühlungsvermögen die Schüler zu motivieren versteht, dass er deren Stärken und Schwächen erkennt und den Unterricht flexibel darauf ausrichtet, zwischen diesen einen pragmatischen Ausgleich zu finden.

«Korrektes Schreiben entwickelt sich aus Feedback», sagt ein anderer Bildungsexperte im erwähnten «Zeit»-Artikel. Das bedeutet, Korrekturen sind nötig, aber der Orthographie soll nicht auf jeder Schulstufe der gleiche Stellenwert beigemessen werden. Wer bei der Sprachkompetenz nur auf die Orthographie als Qualitätskriterium starrt, übersieht oder verdrängt möglicherweise andere Aspekte, die sich offenbar verbessert haben. So erfährt man in der oben zitierten Langzeitstudie über Viertklässler in Deutschland, dass diese 2012 zwar mehr Rechtschreibefehler machten als Gleichaltrige zehn Jahre zuvor, die heutigen Schüler aber über einen grösseren Wortschatz verfügten und ihre Texte kreativer seien.

Kommt hinzu, dass die Schüler von heute über Fertigkeiten verfügen, über die ihre Grossväter möglicherweise nur bescheidene oder gar keine Kenntnisse haben – zum Beispiel in Sachen Textherstellung auf dem Laptop oder dem Smartphone. Diese Geräte verfügen in der Regel über eine Rechtschreibekontrolle oder gar über ein Programm zur Autokorrektur. Das bringt zwar die Orthographie-Mängel beim Schulaufsatz noch nicht zum Verschwinden. Aber mit einiger Sicherheit wird das bei späteren Bewerbungsschreiben und Geschäftsbriefen der Fall sein, sofern solche Mängel dann immer noch vorhanden sein sollten.

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Was mir auffällt sind die vielen Rechtschreibe- und Fallfehler in der Minutenpresse. Hier korreliert die Fehlerhäufigkeit mit der Oberflächlichkeit des Inhalts.

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