Polemik um einen Sterbenden

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Polemik um einen Sterbenden

Von Heiner Hug, Rom - 24.07.2018

Sergio Marchionne, der frühere Fiat-Chef, liegt im Zürcher Universitätsspital. Die radikale Linke zeigt wenig Empathie.

Marchionnes Zustand sei „irreversibel“, erklärte John Elkann, der Präsident des Fiat-Chrysler-Konzerns (Fca). „Sergio hat uns gerettet, aber er kehrt nicht zurück.“

Elkann verfügt über Informationen, die die Öffentlichkeit noch nicht hat. Darum ist es müssig, über die Ursache seines Zustandes zu spekulieren, wie dies Zeitungen tun. Das Zürcher Universitätsspital hält sich, auf Bitte der Angehörigen, mit einer Information zurück.

Der Todeskampf von Marchionne ist zurzeit das Thema Nummer eins in den italienischen Medien. Keine Zeitung, die nicht mehrere Berichte dazu publiziert. Nicht von ungefähr. Der 1952 geborene Italo-Kanadier gehört zu den fähigsten Managern, die das Belpaese je hatte – und zu den umstrittensten.

Enge Verbindungen zur Schweiz

„Er war der Beste“, sagt Fiat-Präsident Elkann. Marchionne ist eng mit der Schweiz verbunden. Er besitzt in Blonay im Kanton Waadt eine Villa. Er war unter anderem CEO von Alusuisse und ab 2002 CEO der „Société Générale de Surveillance“ in Genf. 2003 stieg er bei Fiat ein, zunächst als Mitglied des Aufsichtsrates und dann ab 2004 als CEO. Seit 2009 war er CEO von Chrysler LLC. Anschliessend fusionierten Fiat und Chrysler zur Fiat Chrysler Automobiles (Fca) mit Sitz in den Niederlanden. Von  2007 bis 2010 war Marchionne als nebenamtlicher Vizepräsident auch Verwaltungsrat der UBS.

Seine Zeit bei Fiat war ein aufreibender Kampf gegen den radikalen Flügel der italienischen Gewerkschaften. Als Marchionne Fiat übernahm, stand das Turiner Traditionshaus am Abgrund. Marchionne ist es gelungen, durch harte Sanierungsmassnahmen das Unternehmen zu retten. Er brachte neue Modelle auf den Markt, baute die ausufernde Bürokratie ab und verschlankte die Produktionsprozesse. Zudem verpasste er Fiat eine internationale Struktur. Der Konzern ist nach niederländischem Recht organisiert. Aus steuerlichen Gründen befindet sich der Sitz in London. Die Aktien werden an der New Yorker und der Mailänder Börse gehandelt.

Die radikalen Gewerkschafter zeigten sich uneinsichtig, unflexibel und zogen in den Kampf gegen den Sanierer. In den Jahren 2002 und 2003 stand Fiat vor dem Ende; das Klima im Unternehmen war „bruttissimo“, zitiert die Zeitung „Repubblica“ den 52-jährigen Arbeiter Alessandro Rubino. „Alle dachten, dass wir am Ende sind und Fiat vor dem Konkurs steht.“

Ultimatum

Marchionne stellte die Gewerkschaften vor die Wahl: Entweder ihr gebt nach, seid zu Konzessionen bereit, oder Fiat wird es in Italien nicht mehr geben. Und: Entweder ihr arbeitet mit mir so, wie man heute in modernen international tätigen Unternehmen arbeitet, oder wir ziehen ins Ausland. Wenn ihr nicht merkt, dass sich die Zeiten geändert haben, habt ihr keine Zukunft. 

Ein grosser Teil der Gewerkschafter sah das anders und gab nicht nach – und Fiat gibt es nicht mehr in Italien. Die Fiat-Autos werden bald nur noch im Ausland produziert. Der Fiat-Konzern konzentriert sich in Italien jetzt auf den Bau seiner Schwestermarken Jeep, Alfa Romeo und Maserati.

Sturm der Entrüstung

Während Marchionne im Sterben liegt, polemisiert die linke italienische Linke auch heute gegen ihn. Enrico Rossi, der Präsident der italienischen Region Toscana, löste mit einem Tweet einen Sturm der Entrüstung aus.

„Die Zeitungen übertreiben die Führungsfähigkeiten und die Innovationskraft von Marchionne“, schrieb er. „Bei allem Respekt für die Person, darf man nicht vergessen, dass er in der Schweiz wohnte, um Steuern zu sparen.“ Enrico Rossi gehört der linken Splitterpartei „Liberi e Uguali“ (LeU) an, die sich vom sozialdemokratischen „Partito Democratico“ abgespalten hatte – mit wenig Erfolg: LeU kommt heute auf 2 bis 3 Prozent der Stimmen. Enrico Rossi hat wesentlich dazu beigetragen, dass Italiens Linke in Brüchen liegt.

Doch nicht nur das Schweizer Steuerdomizil prangert er an. Ihn stört auch, dass Marchionne den Sitz von Fiat-Chrysler nach London verlegt hat.

„Geschmacklos“, „hässlich“, „niederträchtig“

Die Reaktionen liessen nicht auf sich warten. „Geschmacklos“, „hässlich“, „niederträchtig“, heisst es in Kommentaren. „Mir dreht sich der Magen um“, sagte Stefano Mugnai, Vizefraktionschef von „Forza Italia“.

Nicht genug: Die sehr linke italienische Zeitung „Il Manifesto“ freut sich sichtlich über das bevorstehende Ableben Marchionnes und fügt bei: „Er hat die Rechte der Arbeitnehmer beschnitten und hat Fiat ausser Landes gebracht.“

Doch viele Linke loben die Verdienste Marchionnes. Der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident Paolo Gentiloni spricht von seiner „aussergewöhnlichen Arbeit. Viele hätten ihn kritisiert, doch Marchionne habe mit Visionen und Mut ein grosses Unternehmen gerettet. „Man erinnere sich bitte an die Krise vor zwanzig Jahren“, sagt Gentiloni. Auch Matteo Renzi lobt ihn: „Er hat viele Arbeitsplätze erhalten.“

Visionärer Retter

Auch aus den Fiat-Fabriken kommen versöhnliche Töne. „Marchionne hat uns ernst genommen“, erklärt ein Arbeiter, „er war ein ruhiger Manager“. Er hat auch einen neuen Stil eingeführt: keine Krawatte, fast immer ein Pullover – und er hat alle geduzt. Berlusconi kommentierte: „Er war sicher die Nummer eins der italienischen Manager.“ Und er hat pro Tag fast 100 Zigaretten geraucht.

Marchionne wird als visionärer Retter von Fiat in die Geschichte eingehen. Und als einer, der den Mut hatte, die erfolgsverwöhnten, radikalen Gewerkschaften an die Leine zu nehmen. Doch die Botschaft ist noch nicht überall angekommen. Die sture Haltung vieler Gewerkschaften ist einer der Gründe dafür, dass Italien nicht vom Fleck kommt.

P.S.: Sergio Marchionne ist am Mittwoch, 25. Juli, in Zürich gestorben. 

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Kommentare

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Wie in vielen europäischen Ländern meinen die Linken, sie seien Eigner von Privatfirmen. Und diese Meinung wird von vielen Mainstreammedien unterstützt.
Gut gibt es Journal 21 , das dagegen hält.

Wie hat sich die italienische Autowelt verändert, seit wir auf der Autostrada del Sole mit Benzin-Coupons im Meer der Tsch...-Italiener-Rucksäcke, Lancias und schleichenden Kleintransporter mitschwmmend, die willkürlichen Fahr- und Überhol-Manöver der einheimischen Verkehsteilnehmer parierend, der Adria entgegen schwitzten. Vater war beim ersten Mal auf halber Strecke derart mit den Nerven fertig, dass er sich zur Beruhigung bei einer Raststätte ein Stündchen unter einem Baum hinlegen musste, während wir Buben versuchten, Iso Rivoltas, De Tomasos und Maseratis richtig zu identifizieren.
Und heute? Iso Rivolta, De Tomaso und hunderte andere grossartige italienische Fahrzeugbauer gibt es nicht mehr, und "Der Konzern ist nach niederländischem Recht organisiert. Aus steuerlichen Gründen befindet sich der Sitz in London. Die Aktien werden an der New Yorker und der Mailänder Börse gehandelt. ... Sitz von Fiat-Chrysler nach London verlegt... dass er in der Schweiz wohnte, um Steuern zu sparen...Die Fiat-Autos werden bald nur noch im Ausland produziert..." ist umgekehrt für einen Arbeiter der einstmals stolzen italienischen Fahrzeugindustrie als Folge der Globalisierung mit ihren ungeschützten Märkten und beliebigem Batch-Branding der Automobile aus asiatischen Billiglohnländern natürlich auch gar nicht einfach zu schlucken. Was lässt man ihnen denn noch zu tun? Chevrolet ist Daewoo ist Opel ist Groupe PSA ist Suzuki Magyar.
Und "pro Tag fast 100 Zigaretten" ist speziell für einen Top-Manager schon ganz übel und ein schlechtes Vorbild. Aber trotzdem hatte er das Rentenalter noch erreicht.

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