Pic-Pic – eine Genfer Auto-Ikone

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Pic-Pic – eine Genfer Auto-Ikone

Von André Pfenninger, 11.03.2014

Die robuste Jubilarin hat 1914 die Fabrik in Genf verlassen. Zwei Visionäre gaben den legendären Markennamen: Lucien Pictet (1864 – 1928) und Paul Piccard (1844 – 1929)

Der 84. Internationale Auto-Salon in Genf (bis Sonntag, 16. März) steht ganz im Zeichen des Zukunftsautos. Informatik und Elektronik prägen immer mehr und nachhaltig die automobile Mobilität. Unsichtbare Hände haben das Lenkrad mehr und mehr im Griff. Tausende von Automobilfans und Fachleute strömen aus der ganzen Schweiz und aus der ganzen Welt in die Calvin-Stadt.

Pic-Pic , Jahrgang 1914 , am Auto-Salon in Genf. Bild: André Pfenninger
Pic-Pic , Jahrgang 1914 , am Auto-Salon in Genf. Bild: André Pfenninger

In Holland als Ruine entdeckt

Im Eingangsbereich des Palexpo, des Genfer Ausstellungskomplexes, nur wenige Schritte entfernt von der Autowelt der Zukunft, steht etwas abseits, diskret und vornehm wie eine alte Dame der besseren Gesellschaft, eine 100jährige auf vier Rädern namens Pic-Pic !. Damals so neu, so revolutionär und so elegant wie die Autos in den Ausstellungshallen, und die morgen auf den Strassen für Aufmerksamkeit sorgen.

Das am Salon ausgestellte Exemplar aus dem Jahr 1914 hat eine bewegte Geschichte. Über Portugal gelangte das Auto von Genf nach Amerika, kehrte nach Europa zurück und wurde vor ein paar Jahren in Holland als verrostete Ruine entdeckt und von den Pictets erworben und in die Schweiz zurückgeholt, restauriert, aufpoliert und fahrfähig gemacht. Ausgerüstet mit einem vier Zylinder Motor. Und mit dem Nummernschild:GE 5796 versehen. Nach dem Salon wird Pic-Pic sein „Zuhause“ wieder finden: In der Eingangshalle der Privatbank Pictet in Genf. 

Heute sind noch acht Exemplare nachweisbar vorhanden. Drei Pic Pic stehen im Automuseum der Fondation Gianadda in Martigny/VS, ein Exemplar befindet sich im Verkehrshaus in Luzern und ein weiteres in der Cité de l’ Automobile in Mulhouse (Collection Schlumpf). Und zwei Autos sind im Besitze der Fondation des archives de la famille Pictet in Genf

Zwei berühmte Familien

Bertrand Piccard (*1958) steht stolz und strahlend neben dem Oldtimer Pic-Pic MIV. Er betrachtet das Fahrzeug ein wenig als Bestandteil der Familie. Schliesslich war ein Urahne, ein Onkel des Grossvaters, am Bau des Autos mitbeteiligt. In der Familiengeschichte der Piccards haben Pioniere und Visionäre stets für Aufsehen gesorgt. Auguste Piccard (1884 -1962) schaffte es mit dem Ballon in die Stratosphäre aufzusteigen, der Vater Jacques Piccard (1922 -2008) war ein Tiefseeforscher und baute das erste U-Boot für Touristen. Bertrand Piccard umkreiste per Ballon die Erde. Der Solarflugpionier bereitet für nächstes Jahr einen spektakulären  Nonstop-Flug um die Welt vor. Bereits mit  den Testflügen hat er für spannende Momente gesorgt.

 Pic-Pic passt also bestens zur Familie Piccard. Und ebenso zur Familie Pictet, die das zweite „Pic“ der historischen Genfer Automarke  beisteuerte. Piccard war in der Tat nicht der alleinige Vater und Namensgeber des Pic-Pic. Lucien Pictet (1864 -1928) hatte als erster die Idee und war der Industrielle, der den Weg  freimachte für die Automobilherstellung. Die beiden gründeten zusammen die Piccard, Pictet & Cie.

Anfangs stand noch der Bau von Turbinen für Wasserkraftwerke im Vordergrund. In den ersten Jahren des 20.Jahrhunderts begannen die beiden dann mit dem  Bau von Autos. Aus ihren Namen abgeleitet kreierten sie eine Marke, die an Modernität nicht zu wünschen übrig liess. Als Bankier haben die Pictets (die Bank wurde 1802 gegründet) übrigens wesentlich zur früheren Blüte der Genfer Industrie verholfen und vor allem den heute international angesehenen (und oft kritisierten) Finanzplatz massgebend aufgebaut und die Grundlage geschaffen für das Prestige und den Wohlstand der Stadt.

Die Nachkommen der Pic-Pic-Konstrukteure: Bertrand Piccard, Gisèle und Charles Pictet (von links) vor dem „Familienauto“.Bild: André Pfenninger
Die Nachkommen der Pic-Pic-Konstrukteure: Bertrand Piccard, Gisèle und Charles Pictet (von links) vor dem „Familienauto“.Bild: André Pfenninger

Bertrand Piccard sieht das Auto von morgen

Neben Piccard standen Gisèle und Charles Pictet ebenso stolz und strahlten neben ihrem Auto. Die drei blicken zurück und zugleich in die Zukunft und schlagen eine Brücke vom gestern über das heute zum morgen. „Schon damals  gab es Skeptiker, die nicht an die Zukunft des Autos und der neuen Technik glaubten“, stellte Piccard dieser Tage in Genf gegenüber Journal21 fest. „Die Erbauer und Erfinder neuer Autos und neuer umweltgerechten Technologien, haben es nicht besser als die Pioniere von gestern“, meint der Abenteurer des 21. Jahrhunderts. Für den Zukunftspionier Piccard  wird das Auto von morgen mit Solarenergie und elektrisch unterwegs „und zuhause aufladbar sein“.

Pic-Pic wurde rasch zum Begriff für technische Perfektion, Zuverlässigkeit und Qualität und nicht zuletzt für Eleganz. Das „Swiss made“ erlebte Höhepunkte. Pic-Pic war ein Erfolg. Zwischen 1906 und 1921 wurden im Werk in Genf über 3000 Fahrzeuge hergestellt. Allein im Jahre 1913 war die Genfer Ikone mit 332 Einheiten in der Schweiz das meistverkaufte Auto des Jahres. Landesweit bekannt wurde Pic Pic 1912 mit zwei speziell für den Staatsbesuch des deutschen Kaisers Willhelm II  gebauten eleganten, offenen  „Luxuslimousinen“. Auch international wurden Autofans auf das Schweizer Fahrzeug  aufmerksam, nicht zuletzt dank der Teilnahme 1914  am Grand Prix de l’Automobile de France.

Ende des Abenteuers

Das industrielle Abenteuer Pic-Pic fand jedoch nach wenigen Jahren ein klägliches Ende. Mit dem ersten Weltkrieg, der nachfolgenden Wirtschaftskrise und der beginnenden Industrialisierung geriet auch die Genfer Autofirma in Schwierigkeiten. Ein Rettungsversuch wurde gewagt mit der geplanten Produktion in Frankreich. Eine eigene Tochtergesellschaft für den Vertrieb blieb erfolglos. Kein einziges Auto wurde in der französischen Partnergesellschaft produziert. Und bald fuhr das letzte Auto aus dem Werkareal in Genf.

„Die  Automobilherstellung hatte in der Schweiz keine Chancen“, sagt Charles Pictet. Im Ausland wurden die Autos bald am Fliessband und  viel günstiger hergestellt als in der Schweiz. Auch von den übrigen schweizerischen Autos blieben ausser ein paar Oldtimern kaum sichtbare Spuren zurück.

Autoland Schweiz

Trotzdem ist die Schweiz heute das Autoland par excellence. Das geht unter anderem  aus dem unaufhaltsam wachsenden Fahrzeugbestand hervor. Letztes Jahr erreichte die Zahl der Personenwagen 4,32 Mio. Einheiten. Die Bedeutung des Autolandes Schweiz  kommt auch Jahr für Jahr am Genfer Salon ganz besonders zum Ausdruck. Praktisch alle Marken der Welt sind vertreten. Alles was in der weltweiten Autobranche Rang, Klang und Namen hat trifft sich zum unumgänglichen Rendez-vous am Genfersee. Der Genfer Automobilsalon zählt neben den Ausstellungen in Detroit, Tokyo, Paris und Frankfurt zu den massgebenden und besten Auto-Salons, der Welt wie soeben aus einer Studie hervorgeht.

Im Jahre 1905 fand übrigens in Genf der erste Auto-Salon der Schweiz statt. 59 Aussteller waren zugegen und 17 000 Besucher wurden registriert. Die Landesregierung hatte bereits einen Vertreter entsandt: der damalige Bundesrat Ludwig Forrer. Nach Unterbrüchen und Misserfolgen wurde 1923 wieder ein Salon organisiert und bereits 1924 fand der 1. Internationale Automobil-Salon statt.  Wachstum und Erfolg liessen sich von nun an nicht mehr bremsen. 1981 wurde das  heutige Ausstellungs- und Kongresszentrum Palexpo, in unmittelbarer Nähe des Flughafens Cointrin, eröffnet. Heute mit direktem Bahnanschluss erschlossen. Längst wurde die jährliche Besucherzahl von 700 000 überschritten. 

 

 

Kommentare

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Obschon dieser Artikel vier Jahre alt ist, muss ich hier bemängeln, dass wichtige Informationen auf der Strecke geblieben sind oder nur undeutlich wiedergegeben wurden:

Unter dem Namen Pic-Pic wurden nicht die ganzen Autos, sondern nur die Fahrgestelle mit Motor verkauft. Die Karosserie musste der Kunde selber von einem anderen Hersteller, dem Karossier beisteuern. Sie stammte oft von Gangloff in Bern. Diese Vorgehen war damals in Europa durchaus üblich und war in England noch nach dem Zweiten Weltkrieg bei Omnibussen üblich.

Lucien Pictet vermarktete die Fahrgestelle zuerst mit seiner eigenen Firma Société des Automobiles à Genève (SAG), Paul Piccard war nur für die Produktion zuständig, als 1910 die SAG Konkurs ging, wurde Herstellung und Vermarktung durch die Ateliers Piccard-Pictet & Cie. übernommen – so hiess die Firma damals.

Die produzierten Fahrgestelle waren nicht etwa eine Eigenentwicklung, sondern waren ein Design von Marc Birkigt, der Chefkonstrukteur von Hispano-Suiza. Die Produktion in der Schweiz erfolgte unter seiner Lizenz.

und "never change a winning team" jubiliert die Industrie seit 1886 und dem Benz Patent-Motorwagen. Das selbe, unveränderte Prinzip im teuersten Massenwegwerfprodukt der Menschheit; ein fossiler Brennstoff verbrennender Explosionsmotor auf Rädern mit Lenkvorrichtung. Und das nächste Auto für 10 Jahre
Ammortisation verbraucht bestimmt 0,5 Liter weniger auf 100 Km als sein Vorgänger. Toller Fortschritt.

Ja damals, damals besass unsere Familie einen Alvis von Graber (ein herrlicher Wagen) und damit fuhren wir manchmal in die Deutschschweiz. Rüber mit der Fähre nach Meersburg und zum Herrengedeck für Erwachsenen spielte das Jochen Brauer Sextett, einige Male auch in`s Hazyland in Basel…schön und lustig war`s damals!...cathari

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