Pathetisch zelebrierte Malerei

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Pathetisch zelebrierte Malerei

Von Niklaus Oberholzer, 01.07.2021

Der Westschweizer Nicolas Party (*1980) wird als Star gehandelt, was immer damit gemeint sein mag. Seine Installation in Lugano ist perfekte Oberflächenpolitur – trotz Böcklin’scher Ruinenromantik.

Seine bunten schönen Pastellbilder – Landschaften, Porträts, Stillleben – könnte er einfach an die Museumswand hängen. Er kann sie aber auch mit magistraler Geste zelebrieren wie grosses Theater. Nicolas Party, erfolgreich in Brüssel, Hannover, Münster, Washington oder Dallas und bis nach China, wählt schon seit einigen Jahren den zweiten Weg. So auch im MASI (Museo d’Arte della Svizzera Italiana) in Lugano. Dessen Direktor Tobia Bezzola lud den in New York lebenden Waadtländer zu seiner ersten Museumsausstellung in der Schweiz ein.

Tempel zur Feier der Malerei

Der grösste Ausstellungsraum des Hauses befindet sich im zweiten Untergeschoss. Acht Pfeiler gliedern den Saal von respektabler Grösse und Höhe. Sie bilden einen Raster, wie man das von Kirchen- oder Tempelbauten kennt. Nicola Party nutzt ihn für eine Inszenierung, die seinen Malereien einen architektonischen Rahmen von geradezu sakraler Qualität gibt. Er baute dazu Wände ein, die fünf kreuzförmig angelegte Räume ausscheiden und die man durch rundbogig abgeschlossene Durchgänge betritt. Die Böden – Parkett- und Marmor-Imitate – verbreiten eine Salon-Atmosphäre. Den Zugang zu diesem Raumkomplex flankieren Schutzgeistern gleich zwei riesige Kopf-Skulpturen mit leuchtend-grellen farbigen Gesichtern, starrem Blick, und straff gekämmtem Haar. 

Foto: Niklaus Oberholzer
Foto: Niklaus Oberholzer

Betritt man die Raum-Enfilade, so fällt unser Blick ganz am Ende auf eine hochformatige, präzis auf Fernsicht hin präsentierte Malerei. Es ist ein Rückenakt auf tiefrotem Grund. Ein Gesicht ziert diesen Rücken. Die drei Räume in der Hauptrichtung des Ensembles sind den drei wichtigsten Themen der Malerei gewidmet: Landschaft, Porträt, Stillleben. Den mittleren Raum mit den Porträts begleiten beidseitig kleinere mit Giebeldächern versehene Räume – hell der linke, dunkel der rechte – mit spezifischen Aspekten der Landschaftsthemen, mit Wäldern und Höhlen. Der ganze Ausstellungssaal ist dunkelviolett ausgemalt, die eingezogenen Wände sind teils in lichtem Blau, teils in Rot gehalten. Die Seitenräume liess Nicolas Party marmorierend ausmalen, Wände, Boden und Decke inbegriffen. 

Foto: MASI Lugano
Foto: MASI Lugano

Das ist ein geradezu klassisches Architektur- und Ausstellungskonzept und ein Ort des pathetischen Zelebrierens der Malerei. Seit einigen Jahren verwendet Party nicht mehr Ölfarbe, sondern Pastellkreide, die er opulent aufträgt. Er beherrscht diese Technik bis zur Perfektion und ist streng bedacht Oberflächensinnlichkeit, auf die Wirkung von Licht und Schatten, auf Relief, auf Tiefe – und vor allem auf intensive Farbkontraste hier und ausgleichend wirkende Farbharmonien dort. Alles in allem pflegt er eine Buntheit, die sich nachhaltig im Kopf der Besucherinnen und Besucher festsetzt. Ein Könner ist Party auch in der häufig einfachen Komposition seiner Bilder, die von Symmetrien, Pyramiden, klaren Raumstrukturen und klassisch anmutenden Proportionen leben. 

Porträts mit starrem Blick

Die Porträts wirken unpersönlich und erstarrt. Der Blick der Menschen ist leer und in eine unbestimmte Ferne gerichtet. In den durchwegs menschenleeren Landschaften scheint Party einen Anflug von Romantik zu suchen, zumal er oft eine auf- oder untergehende Sonne einbezieht und teils fast lieblich-heitere Farben wählt. Die Stillleben sind üppig, fruchtig, quellend, von beinahe erotischer Qualität. 

Manche dieser scharf konturierten grossformatigen Pastelle lassen an Werke der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre denken, an Werke von Georg Schrimpf zum Beispiel (Cathérine Hug liess ihn denn auch im vergangenen Jahr als zeitgenössische Stimme in der von ihr betreuten Ausstellung „Schall und Rauch“ im Zürcher Kunsthaus über die Kunst dieser Zeitspanne zu Wort kommen). Manches erinnert ausgeprägt an Italienisches aus den 1980er Jahren – vor allem an Salvo (1947–2015) und seine an Volkskunst-Anklängen reichen Bilder. Wieder anderes lässt an den Schweizer Thomas Huber denken, von dessen komplexem Reflexionsniveau Party allerdings weit entfernt ist, oder an Alex Katz mit seinen flächenhaft-schablonenartigen Gestaltungen.

Foto: Niklaus Oberholzer
Foto: Niklaus Oberholzer

Nicolas Party präsentiert sich in der Ausstellung als höchst versiert im Schaffen eines durchgestylten architektonischen Rahmens und als geschickt im Umgang mit einer schlichten und zugleich eingängigen visuellen Sprache, die sich auch mancher in Werbung und Populärkultur bewährter Elemente bedient. Von Brüchen lässt sich diese Malerei kaum stören. Zu sehen ist eine weder belastete noch belastende, sondern auf hohem Niveau unterhaltende Kunst. Sie scheint wie geschaffen für den merkantilen Erfolg und liegt durchaus in einem heute verbreiteten und von genau überlegtem Marketing begleiteten Trend zu dekorativer Glätte. 

Böcklins Ruinenromantik

Doch das ist nicht alles, denn da ist der Titel der Ausstellung: „Rovine“ – deutsch „Ruinen“ oder „Zerfall“. Das scheint schlecht zu den so gepflegten Landschaften oder Stillleben zu passen. Allerdings passt „Rovine“ zum Geschehen in den vier dunkelviolett ausgemalten Raumteilen, die Partys Raumkonzept in den vier Ecken des grossen Saales ausspart. Hier stehen wir je einem riesigen, ebenfalls mit Pastellkreide grau in grau direkt auf die Wand gemalten Bild gegenüber. Nicolas Party bezieht sich auf vier Werke Arnold Böcklins, auf „Ruine am Meer“, „Die Kapelle“, „Ruine einer Villa am Meer“ und „Mondscheinlandschaft mit Ruine“ und schwelgt in dramatischer Ruinenromantik und ebenso dramatischen Lichteffekten. In jede dieser Wand-Pastellzeichnungen fügt er ein golden und marmorn gerahmtes Bild, das, abstrahierend, einen blassrosa und von Fliegen besetzten und von Hautfalten durchzogenen, also dem Ruin preisgegebenen nackten Körper zeigt. Die Bildtitel lauten jeweils „Creases“, was „Falten“ oder „Runzeln“ bedeutet. 

Foto: Niklaus Oberholzer
Foto: Niklaus Oberholzer

Dem Saaltext können die Besucherinnen und Besucher entnehmen, dass sich Nicolas Party in diesen Bildern auf das 1569 entstandene Gemälde des Manieristen Agnolo Bronzino zum Thema des Laurentius-Martyriums in San Lorenzo in Florenz bezieht. Das Gemälde zeigt, in Anlehnung an Michelangelos 1541 vollendetes Jüngstes Gericht in der Sixtina, ein Gewirr nackter Körper. Einzelne davon variiert Party in seinen Bildern. 

Geglätteter Widerspruch

Da mag sich Widerspruch gegen all die Schönheit in den fünf Haupträumen der Ausstellung melden. Die gefühlsbetonten symbolistischen Ruinenbilder Böcklins, die Party in düsteren Grautönen mit Pathos paraphrasiert, verweisen auf Vergänglichkeit. Endzeitliches klingt auch in Bronzinos Bild an – und ebenso im Umstand, dass sich die Wandmalereien von Nicolas Party nicht in die Kanäle des Kunsthandels einspeisen lassen, sondern, da sie ja entfernt werden müssen, auf Zerstörung angelegt sind. 

Ob sich da ein leiser selbstironischer Zug in Partys Schaffen ausmachen lässt? Ob dieser Zug gar den bunt-gefälligen Landschaften und Stillleben nicht ganz fehlt? Allerdings hat Nicolas Party auch die vier Räume mit den Böcklin-Paraphrasen bis zur Perfektion durchgestylt – bis hin zu den Rahmen der Aktbilder: Der Salon zelebriert die glatte Oberfläche. Man muss sich als Besucherin oder Besucher schon anstrengen, dass kritisches Nachhaken nicht abperlt an dieser Glätte. 

MASI Lugano. Nicolas Party: „Rovine“, bis 9. Januar 2022

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