No We Can’t

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No We Can’t

Von Ignaz Staub, 12.10.2020

Prognosen, so heisst es, sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Das gilt auch für Amerikas Präsidentenkür.

Am 3. November wird in den USA gewählt. Nicht nur der Präsident, sondern auch «down the line»: Zur Wahl stehen ein Drittel des Senats, das gesamte Abgeordnetenhaus, die Parlamente der 50 Bundesstaaten sowie die Volksvertretungen auf lokaler Ebene. Abgestimmt wird ferner über lokale Referenden, die gelegentlich nicht minder interessieren als die Präsidentenwahl. Im Fokus der Berichterstattung steht jedoch eindeutig das Rennen um den Einzug ins Weisse Haus, das dieses Jahr unter besonderen Umständen stattfindet. Es grassiert eine Pandemie, es wüten Proteste und es beutelt eine Rezession das Land.

Die Wahl 2020 gilt als Schicksalswahl, als Entscheidung zwischen unterschiedlichen Entwürfen Amerikas. Zwischen einem überwiegend weissen Amerika, das sich abschottet und aus internationalen Verpflichtungen verabschiedet, und einem multikulturellen Amerika, das nach Ausgleich und mehr sozialer Gerechtigkeit strebt. Zwischen einem Amerika, in dem Gewinnen nicht alles, sondern das Einzige ist, und einem Amerika, in welchem wenige Superreiche über viele Mittellose bestimmen. Zwischen Staaten, die nicht in zwei unversöhnliche Lager gespalten sind, und einer vereinigten Nation, zu deren Grundrechten «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück» gehören, wie sie die amerikanische Verfassung verspricht.

Rund drei Wochen vor dem Wahltermin ist der Ausgang der Entscheidung noch offen, auch wenn in Washington, selbst unter Republikanern, eine Niederlage Donald Trumps als zunehmend wahrscheinlich angesehen wird. Trotzdem bleiben etliche Fragen offen. Kommt es noch zu einer «October surprise», einem unerwarteten Ereignis oder einer überraschenden Nachricht, die im letzten Moment den Wählerwillen in die eine oder die andere Richtung lenkt? Zwischenzeitlich haben einzelne Stimmen befürchtet, Präsident Donald Trump könnte zum Beispiel mit einem Angriff auf den Iran versuchen, die Nation hinter sich zu scharen.

Wie zuverlässig sind die Umfragen, laut denen Herausforderer Joe Biden nicht nur landesweit, sondern auch in Wahl entscheidenden Gliedstaaten im Schnitt um neun Prozentpunkte vorne liegt? Oder wie recht haben jene Kreise, die argumentieren, die Befragungen würden die «silent vote» ausser Acht lassen, jenes Segment der Bevölkerung, das sich zwar nicht öffentlich für den Präsidenten ausspricht, in der Abgeschlossenheit des Wahllokals ihn aber wiederwählt?

Unvergessen der Umstand, dass Hillary Clinton 2016 gemäss den meisten Umfragen die Wahl hätte gewinnen sollen. Die frühere First Lady vereinigte zwar landesweit 2,87 Millionen Stimmen mehr auf sich, verlor aber im Electoral College, das die Wahlergebnisse in den Einzelstaaten gewichtet, mit 227 zu 304 Stimmen. Auch 2020 ist ein ähnlicher Ausgang nicht auszuschliessen.

Ungeklärt ist im Weitern die Frage, was in den USA geschieht, falls Donald Trump den Wahlausgang nicht akzeptiert, den er prophylaktisch als von den Demokraten manipuliert erklärt, falls er nicht gewinnt.  Vor allem die Briefwahl ist dem Präsidenten ein Dorn im Auge und er hat sie bereits zum Voraus und ohne nähere Beweise als betrugsanfällig verurteilt. Dies, obwohl er es war, welcher der amerikanischen Post (USPS) einen Chef vorsetzte, der prompt versucht hat, die Briefwahl mit allerlei Massnahmen zu erschweren.

Wahrscheinlich auch, dass Donald Trump mit allen juristischen Mitteln versuchen wird, einen für ihn negativen Wahlausgang durch sämtliche Instanzen anzufechten, was im Lande zu grosser Unsicherheit, wenn nicht gar zu Unruhen führen könnte. Pessimisten schliessen nicht aus, dass es in Amerika zu einer Art Bürgerkrieg kommen könnte, falls sich bewaffnete rechtsextreme Milizen wie die Proud Boys entschlössen, für ihren abgewählten Präsidenten auf die Barrikaden zu gehen.  

Schwer abzuschätzen ist ferner ein Trend, wonach sich angesichts seines Versagens bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie etliche potente Geldgeber von Donald Trump abwenden sollen und sich darauf konzentrieren, im Falle eines Verlusts der Präsidentschaft nicht auch noch die republikanische Mehrheit im US-Senat zu verlieren. Dies in der Schlussphase des Wahlkampfs, die den Einsatz aller vorhandener Mittel erfordert, in erster Linie zur Finanzierung flächendeckender Fernsehwerbung.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt zudem der Gesundheitszustand des 74-jährigen Präsidenten und seines 77-jährigen Herausforderers. Donald Trump, mit Covid-19 infiziert und dem Vernehmen nach völlig genesen, will mit aller Wucht erneut in den Wahlkampf einsteigen und sich zumindest noch ein zweites Mal mit Joe Biden direkt am Bildschirm duellieren. Weder Vizepräsident Mike Pence noch seine Herausforderin Kamala Harris liessen sich vergangene Woche anlässlich ihrer Fernsehdebatte auf eine entsprechende Frage hin Genaueres entlocken.

Immerhin hat sich Donald Trump, im Weissen Haus vor einer amerikanischen Flagge posierend, am Wochenende auf Fox News vom medizinischen Experten des Senders ferndiagnostizieren lassen. Das wenig überraschende Ergebnis der Tele-Diagnose: Der geliebte Führer erfreut sich nach seinem Spitalaufenthalt erneut tadelloser Gesundheit. Er könne sich nicht für den Rest seines Lebens im Keller verstecken, sagte der Präsident dem untersuchenden Arzt in Anspielung auf Joe Biden, er habe ein Land zu regieren. Sagte derselbe Mann, der gleichentags Zeit gehabt hatte, zwei Stunden lang mit einem ihm wohlgesinnten Radiomoderator zu plaudern.

Nicht auszudenken am Ende, zu was für Streichen die Wahl 2020 einen politischen Spassvogel wie Dick Tuck (1924–2018) inspiriert hätte. Der Demokrat war ein Erzfeind Richard Nixons und soll einmal einen Zug aus einem Bahnhof gewinkt haben, während Nixon noch von einem Eisenbahnwagen herunter sprach. Bei anderer Gelegenheit liess Tuck bei einer Wahlveranstaltung Nixons in einem überwiegend weissen Quartier eine hochschwangere Schwarze aufmarschieren, die ein T-Shirt mit dem Wahlslogan des Präsidentschaftskandidaten trug: «Nixon’s the One!»

Am bekanntesten aber ist Dick Tuck für eine Aussage, die er 1966 nach seiner Niederlage im Kampf um einen Sitz im Senat des Staates Kalifornien tätigte und die beherzigen dürfte, wer immer am 3. November in Amerika die Wahl verliert: «The people have spoken, the bastards.» 

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