Nicht vorhersehbar!

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Nicht vorhersehbar!

Von Christoph Zollinger, 22.10.2015

Wir sollten uns weniger nach Expertenvorhersagen richten. Gedanklich nicht den ausgetretenen Pfaden zu folgen, ist spannender und lohnender.

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist keine Nachlese zum Wahlsonntag vom 18. Oktober 2015! Hier geht es um langfristige Trends, Zukunftsperspektiven, um die Unzuverlässigkeit von Extrapolationen.

Prognosen, Szenariobeschriebe, Trendanalysen, alle haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie mögen vieles in Betracht ziehen, doch letztlich sind die wirklichen, alle überraschenden Ereignisse, die prägenden Entwicklungsbrüche … nicht vorhersehbar. Werden wir dann eines Tages durch solche Ereignisse oder Entwicklungen überrumpelt, sagen die verantwortlichen Prognostiker, Lobbyisten, Dogmatiker und Ideologen: „das war nicht vorhersehbar!“ So einfach ist das. 

Vermeintliche "Perspektiven 2030"

Ein Beispiel, das für viele andere gelten kann: 2014 erarbeitete der Perspektivstab der Bundesverwaltung, wie alle vier Jahre, im Auftrag des Bundesrats eine Gesamtschau der wichtigsten Zukunftsfragen für die Bundespolitik (2015 – 2019). Darin sind Chancen und Gefahren für das Jahr 2030 zusammengetragen, mitgewirkt haben hochkarätige Spezialisten; die sogenannte Fokusgruppe besteht aus 76 internen und 71 externen Fachkräften.

Die Autoren schreiben einleitend und ehrlich: „wie die Schweiz sich in den nächsten 10–15 Jahren entwickeln wird, weiss niemand. Mit einer Kombination aus Szenariotechnik und Trendanalyse lassen sich jedoch mögliche zukünftige Entwicklungen skizzieren. Die unterschiedlichen Kombinationen der im vorliegenden Bericht gewählten Szenarioachsen «wirtschaftliche Vernetzung der Schweiz» und «globale Technologisierung» ergeben vier mögliche Szenarien für das Jahr 2030. Die Szenarien Überholspur, Stockender Verkehr, Steiniger Weg und Seidenstrasse zeichnen vier verschiedene Bilder der Welt und der Situation der Schweiz im Jahr 2030 in der politischen, wirtschaftlichen, sozio-kulturellen, technologischen, ökologischen und rechtlichen Dimension“.

Fallende Rohstoffpreise und Flüchtlingsströme nicht erkannt

Bei der Lektüre des Berichts neun Monate nach Publikation fällt auf, dass zwei der wichtigsten Beeinflussungsfaktoren verkannt oder nicht erkannt worden waren: einerseits die sinkenden Rohstoffpreise, speziell für Energieträger und deren Auswirkung auf Weltkonjunktur und Teuerung, andererseits die gigantischen Flüchtlingsströme aus Afrika/Naher Osten in Richtung Europa. Letztere sind inzwischen zu einem der wichtigsten Probleme für den EU-Raum und die Schweiz überhaupt geworden.

Obiges Beispiel zeigt exemplarisch die Schwierigkeiten und Unsicherheiten auf, mit denen Prognosen generell behaftet sind. Nichts gegen diese Arbeiten – doch wir müssen bescheiden erkennen, dass solche akribischen Untersuchungen eben nur die voraussehbaren Möglichkeiten umfassen. Doch die Wirklichkeit ist anders: chaotisch, überraschend, unberechenbar. In aller Deutlichkeit hat dies schon Nassim Taleb in seinem Buch „Der Schwarze Schwan“ aufgezeigt.

Daten sammeln, Trends und Extrapolationen berechnen – alles basiert auf der Vergangenheit. Somit können eben auch sorgfältig erstellt Szenarien von den Ereignissen der Gegenwart ausradiert und zu Makulatur werden. Das kennen wir auch aus der Ökonomie: hier gingen (und gehen immer noch) Prognostiker im Allgemeinen davon aus, dass sich die Menschen in Zukunft rational verhalten und daher vorhersehbar handeln würden.   

Expertenmeinungen – positive und negative Kategorien

Um es nochmals mit Taleb zu sagen, der seit jeher die Grenzen des eigenen Wissens in Frage stellt. Bei Expertenmeinungen – welchen man trauen soll und welchen besser nicht – unterscheidet er zwei Kategorien. Positiv empfinde er z.B. Gutachter für Böden und Gebäude, von Astronomen, Testpiloten, Ärzten. Negativ dagegen stuft er Börsenmakler, klinische Psychologen, Psychiater oder Richter als eher unzuverlässig ein.

Aufgrund persönlicher Beschäftigung kann er obige Negativliste verlängern mit Ökonomen, Finanzprognostikern, Finanzberatern, Betriebswirtschaftsprofessoren oder Politologen. Nassim Taleb nahm nie ein Blatt vor den Mund.

Unbrauchbare Onlineumfragen

Aus „repräsentativen“ Umfragen, vor allem solchen von Zeitungen bei ihren Leserinnen und Lesern, lassen sich eigentlich keine repräsentativen Aussagen ableiten. Trotzdem begegnen wir auf Schritt und Tritt solchen Publikationen, die unsere Meinung beeinflussen können. Auch Erhebungen der Meinungsforschungsinstitute auf ihren Onlinepanels – wer sich beteiligt, erhält ein Geschenk – werden vom Publikum oft viel zu unkritisch wahrgenommen.

Andreas Diekmann, Professor für Soziologie an der ETH Zürich, gibt zu bedenken, dass bei der Auswahl der Teilnehmenden keine Rede sein kann von Repräsentativität. Auf die Frage im „Tages Anzeiger“, ob sich Verzerrungen in Umfragen nicht mit Korrekturfaktoren ausgleichen liessen, antwortet Diekmann: „Das ist oft reine Hexenküche. Manchmal sind die Umfragen dadurch schlechter als vorher“. Auch der GFS-Abstimmungsbarometer, um ein weiteres Beispiel zu nennen, lag oft völlig daneben. Die Intransparenz bei solchen Umfragen (fehlende Response-Quote) ist denn auch einer der Hauptkritikpunkte des Spezialisten für Forschungsmethoden. Diese Erkenntnis ist bemerkenswert.  

Längerfristige Konjunkturforschung – ein Scherbenhaufen

Anlässlich ihres 75 Jahre-Jubiläums im September 2013 publizierte die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) eine interessante Beilage in der NZZ. Sehr offen und lehrreich wurde der Zustand der damaligen Konjunkturforschung kritisch analysiert, denn die Finanzkrise hatte ja einmal mehr die Grenzen und Unzulänglichkeiten von Konjunkturprognosen vor Augen geführt. Carsten-Patrick Meier meinte damals, „die Konjunkturforschung steht vor einem Scherbenhaufen“.

Wurden noch 1970 die damals gebräuchlichen Modelle der Konjunkturforschung als ungeeignet bezeichnet, da ihnen eine ausschliesslich rückwärtsschauende Erwartungshaltung zugrunde liege, folgten darauf weniger empirische, als auf einzelwirtschaftlich optimierte Modelle. „Deren Akteure bilden dabei rationale Erwartungen“, meinten deren Verfechter - genau diese Annahme hat sich als unzutreffend erwiesen. Meier hält fest, dass dies „die Konjunkturforschung auf einen Irrweg gewiesen hat“. Er ist der Meinung, dass selbst unter Konjunkturforschern keine Gewissheit über das richtige Modell bestünde und deshalb sei deren Prämisse, dieses Modell könne stets zur Berechnung der Zukunft genutzt werden, völlig realitätsfern.

Bekanntes Beispiel: Investoren an den Aktienbörsen zeigen Herdenverhalten und dieses kann eigentlich wohl nicht als rational bezeichnet werden. Doch auch andere, überraschende Einflussfaktoren können Prognosen von einem Tag auf den andern alt aussehen lassen: Der Einfluss der Schweizerischen Nationalbank, das Abstimmungsresultat zur Zuwanderung, das Anschwellen der Emigrationsströme aus Afrika und dem Nahen Osten.   

Megatrends und deren Folgen

Zukunftsrelevante Überlegungen sind natürlich wichtig. Denn über die grossen Megatrends herrschen keine Zweifel. Globalisierung, Transparenzforderungen, BIG DATA, Urbanisierung, länger Leben – das sind die Treiber des Wandels. Was sie im Einzelnen auslösen werden, ist allerdings weniger gesichert.

Grundsätzlich lohnt es sich wohl, dorthin zu schauen, wo die entscheidenden Innovationen herkommen und was sie dort bereits für Folgen haben. Das Neue kommt dann weniger überraschend, ja, es kann zu eigentlichen wirtschaftlichen Erfolgsmodellen avancieren, wenn man durch frühzeitiges Reagieren der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus ist. Umgekehrt ist das Verharren am Bestehenden, die rückwärtige Orientierung an früher erfolgreichen Erfolgsmodellen, wenig zielführend.

Woher wissen wir, was wir zu wissen meinen?

Wenn wir uns dabei ertappen, nach einem Wahlbarometer oder einer Börsenprognose mit Überzeugung richtig entscheiden zu können, ist also erst recht Vorsicht geboten. Expertenwissen ist - relativ. Wenn sich Experten überzeugt zeigen, sollten wir kritisch bleiben, eigenständig überlegen. Gedanklich nicht ausgetretenen Pfaden zu folgen, kann spannender und lohnender sein.

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Ich frage mich schon lange: Wann endlich begreifen auch die Journalisten, dass Umfragen, welche nicht hieb- und stichfest repräsentativ sind, nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt werden (oder den Strom, den das Internet dazu braucht?). Würfeln ergäbe wohl noch die wahrhaftigeren Resultate!

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