„Neruda ist unser Wasser, er ist überall“

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„Neruda ist unser Wasser, er ist überall“

Von Michael Lang, 23.02.2017

Der Chilene Pablo Larraín („Jackie“) würdigt seinen Landsmann, den wortgewaltigen Poeten und kommunistischen Politiker Pablo Neruda, in einem verblüffenden Spielfilm mit anarchisch schalkhaftem Esprit.

Der kolumbianische Autor Gabriel García Márquez hat ihn den grössten Poeten des 20. Jahrhunderts genannt: Pablo Neruda (1904–1973), chilenischer Literatur-Nobelpreisträger 1971, kommunistischer Politiker, Volksheld. Nun wird ihm in einem Spielfilm Reverenz erwiesen. Realisiert hat ihn der hochtalentierte Pablo Larraín (40), dessen erstes englischsprachiges Werk „Jackie“ momentan ebenfalls in den Kino zu sehen ist.

Im Fluss der Zeit

Der Regisseur nähert sich der komplexen, facettenreichen Persönlichkeit Nerudas nicht mit den Mitteln des gängigen Bio-Picture-Genres. Weil er weiss, dass die verkürzte Darstellung einer historischen Figur fast zwangsläufig ins Hagiographische mündet, die Geschichtsschreibung kaum befruchtet und höchstens den Interpreten der Titelrollen Darstellerpreise einbringt.

Doch darauf spekuliert Pablo Larraín nicht, obwohl sein Neruda-Interpret Luis Gnecco grandios auftrumpft. Ihm geht es um mehr als eine One-Man-Show. Er zeigt den Mann im Fluss seiner bewegten Zeit.

Adoleszent in der Pinochet-Diktatur

Larraín, der zurzeit interessanteste Filmemacher Chiles, stammt aus einer politisch aktiven Familie. Vater und Mutter gehörten der Unión Demócrata Independiente (UDI) an und übten hohe Staatsämter aus. Sohn Pablo wuchs mit seinem Bruder Juan de Dios (er produzierte „Neruda“) in der letzten Phase der Ära des Diktators Augusto Pinochet auf, die 1990 nach einer demokratischen Volksabstimmung beendet war.

Louis Gnecco als Pablo Neruda
Louis Gnecco als Pablo Neruda

Die beiden Brüder wurden ideologisch von der antikommunistischen, antifaschistischen Haltung Pablo Nerudas geprägt, der 1973 unter nie geklärten Umständen starb – nur wenige Tage nach dem blutigen Putsch der Pinochet-Clique gegen den sozialistischen Präsidenten und Hoffnungsträger Salvador Allende.

Für Pablo Larraín war klar, dass eine cineastische Hommage an Neruda etwas Originäres sein musste. Er sagt: „Wenn wir verstehen wollen, wer wir sind, müssen wir Neruda lesen. Er ist unser Wasser, er ist überall. Das hat uns auf die Idee gebracht, das zu zeigen, was passiert, wenn man vom ‘Neruda-Wasser’ getrunken hat.”

Dichtung und Wahrheit

Ein schönes, ein bewegtes und bewegendes Bild. Es inspirierte und animierte den einstigen Fotografen und Werbefachmann zu einem Konzept, das mit einiger Verwegenheit Dichtung und Wahrheit raffiniert verquickt, als politisch wie literarisch unterfütterten Kriminalfilm präsentiert.

Die Handlung beginnt 1948, als der Kalte Krieg mit seinen rigorosen Ost-West-Fronten auch Chile erreicht. Pablo Neruda, gewählter Senator und Mitglied der kommunistischen Partei, bezichtigt in mehreren Brandreden seinen Kampfgefährten – den amtierenden Präsidenten Gabriel González Videla (Alfredo Castro) – des Verrats an der gemeinsamen Sache; er wirft dem Genossen vor, ideologisch immer mehr nach rechts abzudriften.

Gael Garcia Bernal als Óscar Peluchonneau
Gael Garcia Bernal als Óscar Peluchonneau

Ein bemerkenswerter Akt von Zivilcourage – mit fatalen Folgen. Neruda wird seines Amtes enthoben, verliert damit die politische Immunität. Der drohenden Verhaftung entzieht er sich zusammen mit seiner Gefährtin, der Künstlerin Delia del Carril (Mercedes Morán), und taucht ab. Jetzt beginnt ein dramatisches Katz-und-Maus-Spiel mit den Polizeibehörden, bis Neruda 1949 nach Argentinien ins Exil geht.

Der Dichter und sein Kommissar

Dass sich Pablo Larraín erneut mit der neueren Historie seiner Heimat befasst, erstaunt keineswegs. Mit seiner Trilogie „Tony Manero“, „Post Mortem“ und „No!“ setzte er sich seit 2008 auf originäre Weise mit den Geschehnissen zu Zeiten des unseligen Pinochet-Regimes auseinander und erregte zunehmend international Aufsehen; mit „No!“ wurde 2013 erstmals überhaupt ein Film aus Chile für den Oscar nominiert.

In „Neruda“ blendet er zurück in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen sich Chiles politische Leidensgeschichte anbahnt. Die erwähnte obrigkeitliche Kampagne gegen Neruda nimmt Larraín zum Anlass, das gesellschaftspolitisch aufgeheizte, vergiftete Klima metaphorisch als Männer-Duell abzuhandeln. Es messen sich dabei der prominente Gejagte Pablo Neruda und ein gewisser Óscar Peluchonneau – hinreissend gespielt vom mexikanischen Star Gael García Bernal –, ein junger, ehrgeizige Kommissar. Wegen seiner niederen Herkunft gilt er als Loser, und sein Selbstwertgefühl ist arg lädiert.

Wie Melvilles Kapitän Ahab

Der stets elegant gekleidete, an Literatur interessierte Ermittler wittert im Auftrag, den Staatsfeind festzusetzen, die einmalige Chance, endlich einen grossen beruflichen Coup zu landen. Von so obsessivem Rachedurst getrieben und sich überschätzend wie der Walfänger Ahab in Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ hetzt er ohne Rücksicht auf Verluste seinen Gegner, der sich ihm umso mehr entzieht, je näher er ihm zu kommen meint.

Peluchonneau ist eine weitgehend fiktive Figur, Pablo Neruda natürlich nicht. Auch weil der chilenische Schauspielstar Luis Gnecco den Titelhelden mit bravourösem Enthusiasmus inkarniert (bis zur körperlichen Korpulenz), erkennt man den Hedonisten, Frauenhelden, Spieler, den lebensprallen Bohemien, der sich in der Halbwelt aalt, durchaus mit einem Hang zur glorifizierenden Selbstdarstellung. Eigentlich wirkt dieser Kerl gar nicht wie ein verlässlicher Advokat des einfachen, zunehmend gebeutelten Volkes.

Charisma, Zivilcourage, Wortgewalt

Klar, dass ihn die Obrigkeit wo es nur geht, als verluderten „Champagner-Sozialisten“ diffamieren will. Mit geringem Erfolg. Neruda wird von unendlich vielen Chilenen verehrt und – noch wichtiger – protegiert. Denn gegen sein charismatisches Wesen, seinen politischen Instinkt, seinen Mut zum Widerstand gegen Staatswillkür wie Ungerechtigkeit und gegen das weltweit ausstrahlende Renommee seiner eleganten Wortgewalt ist kein Propaganda-Kraut gewachsen. Auch während seiner Flucht-Odyssee entstehen Teile des Grosswerks „Canto General“ (1950). Es steht „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“, wie es in der Begründung zur Vergabe des Literatur-Nobelpreises 1971 an Neruda formuliert ist.

Geschichte von unten

„Neruda“ ist kein staubtrockenes politisches Manifest, sondern der gelungene Versuch, über den Menschen Neruda (durchaus ein Ritter mit Fehl und Tadel) „Geschichte von unten“ abzubilden. Etwa mit Szenen wie dieser: Nachdem Neruda in einem Etablissement gesehen worden ist, verhört die Geheimpolizei einen dort beschäftigten Travestie-Chansonnier, um Informationen zu erhalten. Dem Entertainer ist aber kaum mehr abzuringen als die Aussage, Neruda habe ihm den ganzen Abend zugehört, ihn ernstgenommen. „Von Mann zu Mann, von Künstler zu Künstler. Aber das werden sie nie verstehen.“

Als Zuschauer entwickelt man bald Empathie für beide Hauptfiguren in der zwar unspektakulären, aber emotional fiebrigen Verfolgungsjagd mit grotesken Schattierungen und Pointen. Interessant, dass der Antagonist Peluchonneau weitgehend die zentrale Rolle spielt. Er dirigiert eine Armada von Geheimdienstlern und Spitzeln, kann aber dem schlauen Kontrahenten nie das Wasser reichen. Neruda reizt Peluchonneau wie ein Matador den wunden Stier, führt ihn listig an sich heran, um ihn ins Leere stolpern zu lassen. Dass er dem Agenten (der ihn insgeheim bewundert) an seinen verwaisten Verstecken schmuddelige Kriminal-Groschenromane zurücklässt wie Visitenkarten, ist so demütigend wie eine schallende Ohrfeige.

Thriller, Roadmovie, Western

Stilistisch hat Larraíns Opus mal Suspense wie ein Hitchcock-Thriller, dann den Drive eines Roadmovies, dann Züge eines Melodrams. „Neruda“ erinnert übrigens an zwei ebenfalls unkonventionell gebaute neuere Filme, die sich ebenso mit schillernden, mysteriösen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts befassen. Einmal an Paolo Sorrentinos „Il Divo“ (2008), eine düstere Satire über den diabolischen italienischen Politstrategen Giulio Andreotti (1919–2013), der jahrzehntelang vor und mehr noch hinter den Kulissen seine Fäden zog. Dann an „I’m Not There“ (2007) von Todd Haynes, eine musikalische, verblüffende Episodencollage zur Biografie des genuinsten Songwriters der Gegenwart, Bob Dylan, der von männlichen wie weiblichen, weissen wie farbigen Darstellern verkörpert wird.

„Old soldiers never die; they just fade away“

Derartige Kreativwürfe gelingen nur, wenn ihren Schöpfern die Objekte der Begierde herznah sind. So wie es Neruda Pablo Larraín ist. Sein Film quillt fast schon über vor Ideen, gibt dem Zuschauer einige Rätsel auf mit seiner wundertütenhaften Verspieltheit bis zum Finale im winterlichen Anden-Gebirge. Nun wähnt man sich in einem Western, wird Zeuge eines packenden Showdowns von shakespearianischem Tragödienformat. Wenn einem da der vielzitierte Satz aus einem britischen Militärsong aus dem Ersten Weltkrieg in den Sinn kommt, muss das kein Zufall sein: „Old soldiers never die; they just fade away“ – sie entschwinden. aber einige sind dennoch da. Für immer.

Pablo Larraíns filmische Reverenz an einen politisch handelnden, grossen Geist der Weltliteratur wird die Kenner der Materie erfreuen und das weitere Publikum neugierig machen auf mehr von und über ihn: „Neruda“ ist starkes Gefühlskino und mit seinem anarchischen Esprit erst noch ein intellektuelles Plaisier.

„Neruda“ läuft aktuell in den Deutschschweizer Kinos.

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